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Lenos Verlag
Amjad Nasser
Wohin kein Regen fällt
Roman
Aus dem Arabischen
von Regina Karachouli
Mit einem Nachwort von Elias Khoury
Die Übersetzerin
Regina Karachouli, geboren 1941 in Zwickau. Studium der Arabistik
und der Kulturwissenschaften in Leipzig. Promotion über Dramatik
und Theater in Syrien. Von 1975 bis 2002 Lehr- und Forschungstätig
-
keit am Orientalischen Institut der Universität Leipzig. Übersetzerin
zahlreicher literarischer Werke aus dem Arabischen (u. a. von Mamdouh
Azzam, Iman Humaidan, Sahar Khalifa, Alia Mamduch, Hanna Mina,
Sabri Mussa, Tajjib Salich, Habib Selmi, Nihad Siris und Baha Taher).
Zur Erleichterung der Aussprache arabischer Namen wurden in der
Übersetzung betonte lange Silben mit einem Zirkumflex (
^
) versehen.
Die Übersetzung aus dem Arabischen wurde vom SüdKulturFonds in
Zusammenarbeit mit Litprom e. V. – Literaturen der Welt unterstützt.
Der Lenos Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Struktur
-
beitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Titel der arabischen Originalausgabe:
H
.
aithu lâ tasqut
.
u al-amt
.
âr
Copyright © 2010 by Yahia Awad
Erste Auflage 2020
Copyright © der deutschen Übersetzung
2020 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 001 1
MIX
Papier
FSC
®
C083411
®
I
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NUN KEHRST DU ZURÜCK. Lange warst du auf der Flucht,
vor dir und deinem Namen, vor den Folgen deines Han
-
delns. Viel Zeit ist verstrichen seit deinem Weggang, der
ohnehin nur für einige an dir Interessierte von Bedeutung
gewesen war. Und auch diese wenigen werden, wie üb
-
lich, immer rarer. Du bist nicht gewiss, was noch blieb
vom lodernden Feuer, das in den Tagen der Jugend und
Hoffnung tief in deinem Innern brannte. Zahllose Schuhe
haben deine Füsse seither beim Schlendern auf Bürgerstei
-
gen zerschlissen, beim Wandern auf staubigen Pfaden und
gepflasterten Strassen. Wie viele Schritte werden sie noch
zurücklegen müssen? Wie viel Aufruhr wird dein Herz
-
muskel noch verkraften können? Was vermag dich noch
zu erregen? Verspricht nicht der Duft von Kaffee wei
-
terhin helle Morgen, auch wenn sie nie kamen? Werden
deine Augen, von denen das eine in diese und das andere
in die entgegengesetzte Richtung schaut, endlich an ei
-
nem einzigen Punkt zusammenfinden? Wie kannst du
noch glauben, du hättest einen »hübschen Silberblick«
diese nette Flunkerei, eines fernen Tages dir aufgetischt
von zwei Lippen wie Weinbeeren, die du als Erster kosten
durftest? Deine Augen sind wie du. Wie du selbst müssen
sie zu einem einheitlichen Blick gezwungen werden. Fast
möchtest du dich fragen: Wer ist Verlierer, wer Gewin
-
ner auf diesem spiralförmigen oder kreisrunden Weg, der
dich zurückführt zum Ausgangspunkt? Diese Frage lässt
dir keine Ruhe. Und eine andere überfällt dich, eine Frage,
der du sonst nie Gelegenheit gabst, sich ebenso in deinem
Kopf zu verdichten: Hast du den Weg verfehlt? In einer
Situation wie der deinen sind solche Grübeleien schwer
-
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lich zu vermeiden, obwohl du in deinem langen Exil ge-
lernt hast, unliebsame Fragen zu unterdrücken oder ihnen
durch Aufschub und Verharmlosung auszuweichen. Aber
von heute an wird es kein Aufschieben mehr geben, kein
Verharmlosen. Mochte früher die Zeit dahinschleichen,
über die Erde, durch deinen Körper, es hatte dich nicht ge
-
kümmert. Jetzt ist ihr Schlurfen unüberhörbar geworden.
Alles ist endlos, und doch bleibt nichts, wie es ist.
Eine Lehre, die deine Hand begriffen hat, bis in die Kno
-
chen, bis in die Nerven hinein, die Hand, die längst nicht
mehr wie eine Bronzefaust durch die Luft fährt, die sich
ratlos, mit hervortretenden Adern auf den Tisch nieder
-
senkt. Deine Hand, die fortan alles neu bewerten muss:
Dimensionen und Volumen, Schwere und Leichtigkeit.
Hast du nicht bemerkt, wie unsicher sie wird, wenn sie
Leute begrüsst, Richtungen anzeigt oder Dinge berührt?
Vielleicht war es dir bisher nicht aufgefallen, denn im Ge
-
töse von Fleisch und Blut überhört man die Schläge jenes
mysteriösen, perfiden Meissels, bis sich die Steine der Zita
-
delle bereits von innen her zu lockern beginnen. Aber nun
kommt das Dröhnen deines Meissels schon direkt aus der
Lunge und lässt sich nicht immer mit der blossen Hand
oder einem Taschentuch dämpfen.
Wo sollst du beginnen mit deiner langen Geschichte,
vielmehr deinen Geschichten, die ineinander verschachtelt
sind wie Räume eines alten arabischen Hauses? Du weisst
es nicht genau. Zeiten und Geschehnisse, Gesichter und
Stimmen vermischen sich in deiner Erinnerung. Bei der
Behörde für Nationale Sicherheit hatten dich die Offiziere
zu einem Ablaufprotokoll der Ereignisse und Tatbestände
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genötigt. Möglicherweise sind sie in chronologischer Hin-
sicht jetzt besser geordnet. Du freilich kannst nichts anfan-
gen mit all den Aufzeichnungen, die in einer speziell dir
vorbehaltenen Schublade in jenem fünfzackigen sternför
-
migen Steingebäude vor sich hin schlummern. Abgesehen
davon, dass es in diesen kalten bürokratischen Berichten
gar nicht wirklich um dich geht, um deine innere Welt,
deine Motive, die Sedimentschichten deines Selbst. In der
-
lei Auflistungen finden sich weder Monologe noch Wach-
oder Albträume, weder Echos noch subtile Verflechtun
-
gen, da ist nichts weiter als Gleichförmigkeit, Pedanterie
und das lineare Abspulen von Vorfällen und Namen. Wo
blieben die leichtfüssigen Schritte deiner Mutter, wenn sie
nachts, zwischen den am Boden ausgebreiteten Matratzen
umherhuschend, diesen Sohn oder jene Tochter zudeckte,
die Fenster verschloss oder öffnete und frühmorgens vor al
-
len anderen aufwachte, um ihre Lieben mit dem Duft von
Kaffee und frischem Brot zu wecken? Wo wäre die lange,
hagere Gestalt deines Vaters vermerkt, seine lässig im
Mundwinkel hängende Zigarette? Seine Tinten, Schreib
-
federn und Kalligraphien, mit denen er das Labyrinth der
Schöpfung erkundete? Sein gemächliches Tappen, mit
dem er die zwölf Stufen in seinen unterirdischen Tempel
hinabstieg? Wo steht etwas über das Lärmen deiner Brü
-
der und die Sanftheit deiner Schwestern? Wo erscheint das
geflügelte Schattenbild deiner Grossmutter? Oder dein
Grossvater, wenn er stracks aufgerichtet dasass wie der
Buchstabe Alif, Grossvater, dessen Hand keine Sprich
-
wörter und Weisheiten mehr kalligraphiert hatte, seit sich
Dunkelheit in seinen Augen einnistete? Was ist mit all
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den Gesichtern, deren Züge, du weisst nicht, wieso, sich
für immer deinem Gedächtnis eingeprägt haben, und je
-
nen anderen, deren Feinheiten ausgelöscht sind und die
dich dennoch mit ihren gespenstischen Prozessionen über
den Bildschirm deiner Erinnerung schlaflos machen? Wo
sind sie, die Düfte, rätselhafte Aromaspeicher deiner ge
-
heimen Schätze an Bildern und Empfindungen? Wo blie-
ben sie, die Bürgersteige, die Kälte, das Leben, wenn es
nur noch glücklicher Zufall war, der niedrige Himmel,
grau wie eine Wand aus Asche, die überlangen, durch
-
wachten Nächte, der Husten, die hartnäckigen Hoffnun-
gen, die tänzelnden Lichter der Heimkehr? Nichts davon
steht in diesen Berichten, die vor lauter Trockenheit knis
-
tern. Denn all das sind Dinge, die sie nicht interessieren.
Die nutzlos wurden, nachdem die Buchführung erledigt
und die Ernte abgewogen war. Du wiederum hattest auf
gewisse Fragen, die dir die Ermittler stellten, entweder
gar nicht oder ausweichend geantwortet. Diese Themen
beschäftigen dich nicht mehr. Deine Reaktion war kühl,
als ginge es um eine andere Person. Doch wie auch im
-
mer, das war die Version, die sie haben wollten, um ihre
Akten zu komplettieren und die Lücken in ihren Dossiers
zu schliessen; deine detailreiche und zugleich verworrene
Darstellung war ihnen gleichgültig.
Also beginn hier, obwohl es vielleicht nicht der pas
-
sende Auftakt sein mag, aber jede Geschichte braucht ir-
gendeinen Anfang.
Eines Tages wurde die Grau-Rote Stadt von einer Seuche
heimgesucht; Schreckensbilder uralter Pestilenzen lebten
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wieder auf. Du erinnerst dich an das Entsetzen, das sich
über die Metropole legte. An zügellose Enthemmung. Den
Zusammenbruch von Recht und Ordnung. Eine gewaltige
Erschütterung, die alles erfasste. Denn die Epidemie war
beinahe ohne spürbare Vorzeichen gekommen. Manche
führten sie zurück auf die Heerscharen von Immigranten,
insbesondere solchen aus armen Ländern, auf ihre Einpfer
-
chung in Slums oder überfüllten Flüchtlingslagern. An-
dere meinten, die Krankheit habe bereits im Körper der
Stadt geschlummert und nur noch eines Auslösers bedurft,
um unter der Bevölkerung zu grassieren. Auch deine Frau,
die du auf der Sonneninsel kennengelernt hattest, wurde
vom schwarzen Flügel der Seuche gestreift. Und du selbst
hättest mehr als einmal fast dein Leben durch die Hand
von Banditen verloren. Aus dem Arbeiterviertel, wo du
wohntest, waren die meisten deiner Nachbarn verschwun
-
den. Du wusstest nicht, was mit ihnen passiert war. Ihre
Türen waren aus den Angeln gerissen. Etliche Häuser wur
-
den abgefackelt, etliche geplündert. Den eingewanderten
Gemischtwarenhändler, der dir stets Kredit gewährt hatte,
bis du »mal wieder bei Kasse« wärst und das in einer
Stadt, wo solche Praktiken eigentlich unbekannt sind –,
fandest du vor seinem ausgeraubten Laden liegend, den
Mund weit aufgesperrt, wie zu einem Schrei. Viele wur
-
den hingerafft von dieser Epidemie, die ohne klare Ursa-
che in der letzten Stadt deiner langen Reise ausgebrochen
war. Unter ihnen auch einige deiner Berufskollegen und
Stammtischfreunde in der Kneipe. Immer wieder siehst du
die Bilder vor dir. Die Opfer, niedergestreckt von der Seu
-
che, auf Strassen und in Quarantänestationen, an Bushalte-
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stellen und in U-Bahn-Schächten. Deine Frau, wie sie dich
hinter der Glasscheibe mit matten Augen anstarrt. Hus
-
ten, der die Lunge zerreisst. Ausgespienes Blut. Nahezu
urzeitliche Gefühlsausbrüche und Verhaltensweisen. Mas
-
ken, die ihre Träger wie Strassenräuber erscheinen lassen.
X-Zeichen, mit dicker schwarzer Farbe auf Wände ge
-
schmiert, um ein Haus zu markieren. Codierte Gespräche,
von denen du nichts verstehst, und beklemmende Stim
-
men, die sich anhören, als kämen sie aus den Eingeweiden,
nicht aus der Kehle.
Ein ums andere Mal kehrt diese Erinnerung zurück,
vielmehr dieser Albtraum: Du nimmst die Nebenstrassen,
um deine Frau auf einer Isolierstation in der City zu besu
-
chen, wo im Vergleich zu den ausser Kontrolle geratenen
Vororten immerhin noch eine gewisse Ordnung herrscht.
Von irgendwoher stürzen sich drei Maskierte auf dich. Du
trägst einen Beutel mit ein paar Lebensmitteln. Sie zücken
Messer, die mit ihren scharfen Klingen den spannungs-
geladenen Raum zwischen euch durchfunkeln. Sie befehlen
dir, den Beutel auf den Boden zu legen. Sie sagen, wenn
du deine Haut retten willst, sollst du ihn fallen lassen und
beiseitetreten. Du tust es. Was sie im Beutel finden, reicht
nicht aus, um ihren wilden Blick hinter den Larven zu be
-
sänftigen. Sie verlangen, dass du ihnen alles Geld aushän-
digst, das du bei dir hast. Du wirfst ihnen die Brieftasche
von weitem zu. Anscheinend ist nicht genug darin, dass
sie von dir ablassen. Sie bemerken den Ehering an deiner
linken Hand. Sie fordern dich auf, ihn abzuziehen. Es ist
schwer, ihn herunterzubekommen. Nicht nur weil sein
Verlust für dich schmerzlich wäre, sondern auch weil deine
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Hände plötzlich anschwellen. Angst treibt dein Blut an,
und sie quellen auf wie frische Bauernbrote. Du versuchst,
den Ring abzudrehen, aber es gelingt dir nicht. Einer der
Maskierten nähert sich vorsichtig. Er fuchtelt mit seinem
Messer. Die Bewegung der Klinge ist unmissverständlich.
Einer der beiden Banditen im Hintergrund hustet. Es hört
sich an, als platzte ihm die Lunge. Gleich würde er ausspu
-
cken müssen. Er speit Blut auf den Boden. Du ahnst et-
was von seinem Gesicht hinter der Larve. »Eure Hautfarbe
ist ja wie meine!«, sagst du in der Landessprache zu dem
Maskierten, der auf dich zukommt. Das war naiv, doch
du konntest nicht anders. »Schnauze!«, fährt er dich an.
»Halt bloss dein Maul!« Er schiebt die Messerspitze zwi
-
schen Ring und Finger und beginnt zu hebeln. Es tut höl-
lisch weh. Du siehst das Blut tropfen, aber du unterdrückst
deinen Schmerz. Der Ring rührt sich nicht, der Maskierte
wird ungeduldig, er ändert seinen Plan, offenbar will er dir
den Finger abschneiden. Da erscheint am Ende der Strasse
ein Polizeiauto und bewahrt dich vor der Amputation. Als
du die Isolierstation erreichst, verpassen sie dir eine Teta
-
nusspritze und verbinden die Wunde. Die stumpfen Au-
gen deiner Frau schauen dich hinter der Glasscheibe an,
hoffend, verzweifelt, vorwurfsvoll. Du begreifst nicht, wie
sich ihr Blick derart verändern kann, doch du wirst ihn nie
vergessen. Das Betreten der verglasten Station, in der Dut
-
zende Infizierte liegen, ist nicht gestattet. Du stehst hinter
der Scheibe. Du sprichst zu deiner Frau. Sie kann dich nicht
hören. Dir scheint, dass sie von deinen Lippen abliest, was
du ihr mitteilen möchtest, denn sie nickt langsam. Ab und
zu bekommt sie einen Hustenanfall. Du vernimmst nichts
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davon, nur an der Erschütterung ihres schmalen Körpers
erkennst du, wie massiv er ist. Dann dreht sie den Kopf
zur Seite. Du sagst ihr: Alles wird gut. Du bist nicht si
-
cher, dass es so ist. Aber in solchen Situationen muss man
das sagen. Wieder nickt sie schwach und lässt ihren matten
Blick über dich hinweggleiten, bis er bei deiner verbun
-
denen Hand stockt. Ach, das sei gar nichts, winkst du ab.
Bloss ein Kratzer! Es ist dunkel geworden. Schon vor dem
Auftreten der Seuche hatte die Nacht in der Grau-Roten
Stadt unliebsame Überraschungen bereitgehalten und
wie erst danach! Von jeher hattest du es vermieden, zu spä
-
ter Stunde draussen herumzulaufen. In der Nacht, wenn
die Leute in letzten Bussen und Zügen schliefen oder vor
sich hin brabbelten, nachts, wenn der Alkohol ihre finste
-
ren Geheimnisse an die Oberfläche spülte und ihre hinter
der ehrbaren Maskerade des Tages angestaute Wut gegen
andere losbrach, gegen Menschen, die sich nicht wehren
konnten oder in fremden, ihren Ohren barbarisch und un
-
verständlich anmutenden Sprachen redeten.
Die Mitarbeiter der Isolierstation, alle mit Gesichts
-
masken geschützt, erlaubten dir, auf dem Flur zu blei-
ben. Dort hielten sich schon einige Leute deinesgleichen
auf, die nicht wussten, wohin sie hätten gehen sollen. Am
Morgen hast du dich hinausgeschlichen. Der neugeborene
Tag eine graue Kuppel. Wie leergefegt das Stadtzen
-
trum, in dem es gewöhnlich rund um die Uhr von Passan-
ten wimmelte. Nur wenige Geschäfte, die geöffnet hatten,
vor ihren Türen wachsame Aufpasser. Geschlossen auch
die meisten Cafés, in denen sonst Jugendliche ihren Kaf
-
fee tranken, rauchten und unbeschwert fröhlich lärmten.
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In den Schaufenstern starre Puppen, die mit götzenhafter
Teilnahmslosigkeit Moden eines hypothetischen Som
-
mers präsentierten. Eine Luft, so drückend, dass man sie
mit Händen greifen konnte. Riesige Bäume, geduckt an
ihren Plätzen hockend wie mythische Kreaturen, die zum
Sprung ansetzten. Runde Gullys, Einstiege in die Unter
-
welt, die gusseisernen Deckel entfernt, üble Gerüche ver-
strömend. Soldaten mit bizarrer Ausrüstung, Wache hal-
tend vor sensiblen Regierungseinrichtungen. Schemen, die
stockend und vorsichtig von einem Trottoir zum anderen
huschten. Polizeiautos und Krankenwagen, die fast leeren
Strassen durchpflügend. Ihre quietschenden Reifen, über
-
laut an diesem stummen Morgen.
In deinen schlimmsten Albträumen wäre dir nie in den
Sinn gekommen, dass diese Stadt, deren enge Gehsteige
und unterirdische Tunnel Menschen aus allen Ecken der
Welt bevölkert hatten, in der sich junge Männer und
Frauen mit bisweilen schon peinlicher körperlicher Frei
-
zügigkeit umarmten, in der die fröhlichen oder traurigen
Weisen der Strassenmusikanten vor bombastischen Wa
-
renhäusern und Eingängen in die düstere Unterwelt er-
klangen dass dieses Babylon in Grau und Rot, gekrönt
mit dem Gold der Kolonialära, einmal von Grund auf ver
-
wüstet werden und eine Rückkehr zu vorzeitlichen Waffen
erleben könnte, zu vergessenen Symbolen und zu Emotio
-
nen, die der Mensch auf seiner langen Reise überwunden
geglaubt hatte.
Die trostlose Einsamkeit des grossen Platzes, von dem die
Strassen wie ein Labyrinth aus Pflastersteinen abzweigten,
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erinnerte dich an einen alten Film, der die gleiche men-
schenleere Gegend nach irgendeiner Katastrophe zeigte,
du weisst nicht mehr, nach was für einer, aber diese eine
Gestalt siehst du genau vor dir: den Helden des Films,
wie er durch die verlassenen Strassen rennt, über die Brü
-
cke mit den beiden steinernen Türmen, hinein in ein Ge-
bäude, aus einem anderen heraus, wie sich plötzlich eine
wilde Horde auf ihn stürzt und wie er doch entkommt.
Den ganzen Film hindurch ist er auf der Flucht. Bilder
wie eine frühe, schreckliche Prophezeiung, nur dass in
der Realität, im Unterschied zum Film, ab und zu noch
Menschen herumliefen. Einige trugen Larven und Hand
-
schuhe. Sie verhüllten alles, was auf Hautfarbe, Gesichts-
züge oder Identität verweisen konnte. Vermummung ge-
gen den Ansturm von Angst und Gefahr. War das hier so
etwas Ähnliches wie damals, in der Stadt der Belagerung
und des Krieges? Nein. Oder vielleicht doch. Du weisst
es nicht. Die Albträume haben sich mit der Wirklichkeit
vermengt. Dein Urteilsvermögen ist geschwächt. Du bist
dir keiner Sache mehr gewiss. Zeiten sind verschmolzen,
Ereignisse und Gesichter durcheinandergeraten.

Amjad Nasser
Wohin kein Regen fällt

Roman

Aus dem Arabischen von Regina Karachouli
Mit einem Nachwort von Elias Khoury


E-Book
ISBN 978-3-85787-982-1
Seiten ca. 307
Erschienen 10. August 2020
€ 18.99

Ein unwiderstehlicher Roman.
— The Guardian

Adham wurde als junger Mann aus Hâmija ins Exil gezwungen, weil er an einem fehlgeschlagenen Attentat auf einen Militärherrscher teilgenommen hatte. Nach rund zwanzig Jahren im Westen kehrt er zurück in die Heimat. Er begegnet seiner Familie, Jugendfreunden, ehemaligen Kameraden und seiner ersten Liebe, vor allem aber setzt er sich mit seinem früheren Selbst auseinander, dem Menschen, den er zurückgelassen hat.
Eine faszinierende Geschichte über politisches Engagement, Heimat, die Not des Exils und die Schwierigkeit der Rückkehr. Zeitlos und poetisch.

Pressestimmen

Dieser unwiderstehliche Roman verändert seine Gestalt in einem fort, vom akademischen zu einem lyrischen Sound, von der Romanze zum Slapstick.
— The Guardian
Beeindruckend ist vor allem seine Sprachgewalt: Sein Roman ist zum grössten Teil ein innerer Monolog, der allerdings so lebendig geschrieben ist, dass er ab den ersten Zeilen in den Bann zieht. Nassers Sprache hat eine ungemeine Bandbreite: mal überaus poetisch, dann wieder voll leiser Ironie, mal drastisch, dann wieder humorvoll. Das stellt die Übersetzerin vor eine grosse Aufgabe. Doch Regina Karachouli hat diese mit Bravour gemeistert. Diesen Roman sollte man gelesen haben.
— Günter Bielemeier, Buchprofile