LENOS
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LENOS POCKET 169
www.lenos.ch
Willkommen in Kairo
Geschichten aus Ägypten
Aus dem Arabischen
von Evelyn Agbaria, Kristina Bergmann,
Leila Chammaa, Hartmut Fähndrich,
Regina Karachouli, Doris Kilias
Lenos Verlag
LENOS POCKET 169
Erste Auflage 2014
Copyright © 2014 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto: Keystone
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 769 8
Inhalt
Chalid al-Chamissi: Unterwegs im Taxi 7
Alaa al-Aswani: Hier wird nicht gefummelt 19
Salwa Bakr: Eine Frau auf dem Gras 31
Ghada Abdelaal: Eine Mistgesellschaft 39
Alaa al-Aswani: Ein abgetragenes Kleid und ein Kopftuch 51
Sonallah Ibrahim: Die strahlendste arabische Persönlickeit 61
Gamal al-Ghitani:
Weicher als Seide, sanfter als Moschusduft 73
Sabri Mussa: Der Goldbarren 85
Jussuf Idris: Der Stuhlträger 97
Chalid al-Chamissi: Tag der Erleuchtung 105
Alaa al-Aswani: Die schöne Frau eines Häftlings 117
Jussuf Idris: Der Abschaum der Menschheit 131
Sabri Mussa: Der Apfel an meinem Trauerbaum 139
Salwa Bakr: Engel ohne Flügel 153
Tajjib Salich: Ihre Augen wie die Farbe Kairos 163
Ibrahim Aslan: Der Spatz am Ende der Schnur 173
Die Autorinnen und Autoren 183
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Chalid al-Chamissi
Unterwegs im Taxi
»Wenn ich Ihnen erzähle, was mir passiert ist, werden Sie
mir nicht glauben«, sagte der Fahrer. »Seit über zwanzig
Jahren fahre ich Taxi und habe eine Menge gesehen. Aber
was ich gerade erlebt habe, übertrifft alles, was mir je un-
tergekommen ist.«
»Erzählen Sie schon«, sagte ich.
»In Schubra hat mich eine Frau mit einem Nikab ange-
halten, die nach Muhandissîn wollte. Sie hatte eine grosse
Tasche dabei und setzte sich nach hinten. Kaum waren wir
auf der Brücke des 6. Oktober
*
, bemerkte ich, wie sie erst
nach rechts und nach links schaute und dann den Nikab
ablegte. Ich sah sie im Rückspiegel, denn unter dem gros-
sen Spiegel habe ich noch einen kleinen angebracht, damit
ich sehen kann, was hinten passiert. Schliesslich muss man
auf der Hut sein. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Jeden-
falls trug sie plötzlich nur ein einfaches Kopftuch. Ich war
überrascht, sagte aber nichts. Dann nahm sie das Kopftuch
ab. Sie hatte Lockenwickler, die nahm sie raus und tat sie
in ihre Tasche. Dann begann sie sich die Haare zu bürs-
ten.
Als sie bemerkte, dass ich sie durch den Rückspiegel be-
obachtete, schrie sie auf: ›Schauen Sie nach vorn!Ich fragte:
* Eine 20,5 Kilometer lange Hochstrasse.
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Aber was machen Sie denn da?Sie brüllte: Das geht Sie
nichts an. Fahren Sie, und seien Sie still!
Ehrlich gesagt wollte ich schon anhalten und sie raus-
werfen. Doch ich sagte mir, dass mich das tatsächlich nichts
angeht. Und zudem: Mal sehen, was sie noch alles ablegt.
Als Nächstes zog sie ihren Rock aus. Toll, dachte ich, da
hab ich ja ne Gratisvorstellung! Als ich wieder hinschaute,
trug sie einen Minirock und eine schwarze Strumpfhose. Sie
faltete den langen Rock und packte ihn in die Tasche. Dann
knöpfte sie ihre Bluse auf. Ich starrte in den Spiegel, und
als das Auto vor mir plötzlich bremste, wäre ich fast hin-
ten reingefahren. Sie schrie mich an wie eine Irre: ›Du alter
Knacker, schäm dich! Guck nach vorne und fahr!
Sie zog eine hübsche enganliegende Bluse an, und ich
hielt meine Klappe. Die andere Bluse legte sie in die Tasche.
Dann nahm sie ihr Schminkzeug heraus, malte sich die Lip-
pen an, legte Rouge auf und tuschte sich die Wimpern.
Kurz und gut, als ich von der Brücke herunter nach
Dukki fuhr, war sie eine völlig andere Frau. Kaum zu glau-
ben, dass sie dieselbe Person war, die verschleiert in Schubra
bei mir eingestiegen war.
Zum Schluss streifte sie ihre einfachen Schlappen ab und
zog High Heels an. Ich sagte: Junge Frau, jeder von uns hat
ja so seine Eigenarten, aber erzählen Sie mir doch bitte, was
mit Ihnen los ist.
Ich steige in der Muhi-al-Dîn-Abu-al-Is-Strasse aus.‹ Ich
blieb still und wiederholte meine Frage nicht. Doch dann
fing sie an zu erzählen: Ich arbeite als Kellnerin in einem
Restaurant. Das ist ein anständiger Job. Ich bin eine anstän-
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dige Frau und gehe einer ehrlichen Arbeit nach. Während
der Arbeit muss ich gut aussehen. Aber in meinem Vier-
tel kann ich nur mit dem Nikab das Haus verlassen. Eine
Freundin hat mir einen gefakten Arbeitsvertrag mit einem
Spital in Ataba besorgt. Meine Familie glaubt, ich würde
dort arbeiten. Als Kellnerin verdiene ich jedoch tausendmal
mehr. An einem einzigen Tag kriege ich so viel Trinkgeld,
wie ich in einem ganzen Monat in diesem lausigen Spital
verdienen würde. Meine Freundin kassiert von mir hundert
Pfund im Monat, damit sie den Mund lt. Die kümmert
sich eh nur um sich selbst. Normalerweise ziehe ich mich
immer bei ihr um. Aber heute ging das nicht, also musste
ich es im Taxi tun. Noch Fragen, Herr Staatsanwalt?
Meine Dame, ich bin kein Staatsanwalt, und wenn ich
einen sähe, würde es mir glatt die Sprache verschlagen. Ich
habe mich nur gewundert, dass Sie sich hier im Taxi umzie-
hen, und wollte wissen, warum.Dann bedankte ich mich,
dass sie mir ihre Geschichte erzählt hatte. Ganz im Ernst,
mein Herr, ist das nicht bizarr?«
»Vor diesem Tag zitterte ich vier Monate lang. Tag für Tag
sagte ich zu mir: Noch fünfzig Tage, noch fünfundvierzig
Tage … Es war wie ein Albtraum, der mich plagte, wie ein
Fluch, dem ich nicht entkommen konnte. Wissen Sie, der
Taxiführerschein muss alle drei Jahre erneuert werden. Was
man in diesen Tagen durchmacht, streicht man am besten
jedes Mal schnellstens aus seiner Erinnerung. Die drei Jahre
danach vergehen wie im Fluge, und schon geht das Ganze
von vorne los, und man ist völlig hilflos.
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Ich werde Ihnen, mein Herr, von der Tortur erzählen, die
ich ertragen musste. Bis wir in Schubra ankommen, ist die
Geschichte zu Ende, und so vertreiben wir uns die Zeit.
Ich fuhr also zum Verkehrsamt in Madînat al-Salâm. Ich
wohne in Dar al-Salâm. Beide Namen bedeuten Frieden,
aber um von mir zum Verkehrsamt zu kommen, muss ich
mit drei verschiedenen Buslinien fahren, das bedeutet drei-
mal Streit und dauert mindestens zwei Stunden. Im Ver-
kehrsamt erfuhr ich dann, welche Dokumente ich vorlegen
musste: ein polizeiliches Führungszeugnis mit Fingerabdrü-
cken und Foto, eine Bescheinigung der Sozialversicherung,
eine von der Gewerkschaft und ein Arztzeugnis.
Natürlich würde man vom Verkehrsamt zur Filiale Bas-
satîn der Sozialversicherung in Maâdi drei Stunden brau-
chen, denn das eine liegt ganz im Norden und die andere
ganz im den der Stadt. Vor Büroschluss hätte ich das
nicht mehr geschafft.
Also fuhr ich am nächsten Tag dorthin. Der Beamte,
der r die Bescheinigungen zuständig ist, sagte: Bezah-
len Sie erst, und kommen Sie dann wieder zu mir! Ich
ging zur Kasse, vor der eine unglaublich lange Schlange
stand. Ich bezahlte vierhundertvierundzwanzig Pfund für
die drei Jahre und ging zu dem Beamten zurück. Der
stellte mir eine Quittung aus und schickte mich nach
oben, um Unterschrift und Stempel zu holen. Dann sollte
ich wieder zu ihm kommen. Also ging ich die Treppe
hoch zu einer Frau und sagte zu ihr: Ich möchte gern
eine Unterschrift und einen Stempel.Doch sie sagte mir,
ich solle zu Frau Soundso gehen. Frau Soundso schickte
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mich zu Frau Sowieso. Ich machte eine ganze Runde, be-
vor eine Beamtin endlich unterschrieb und mir sagte, den
Stempel müsse ich mir aber im Büro der Direktorin im
anderen Flügel holen. Ich ging zur Direktorin, doch die
war gerade auf der Toilette. Ich wartete darauf, dass sie
zurückkam, aber umsonst. Ich überlegte, ob sie wohl ge-
rade entbunden wurde. Nach einer geschlagenen Stunde
kam sie dann doch zurück und stempelte die Papiere. Ich
ging wieder hinunter zum ersten Beamten, musste aber
eine halbe Stunde auf ihn warten. Er schaute sich die Un-
terlagen an und sagte: In Ordnung, Sie können gehen.
Hätte er mir das nicht vorher sagen können? Dann hätte
ich nicht noch auf ihn warten müssen. Immerhin war ich
wieder draussen.
Am selben Tag auch noch zur Gewerkschaft zu fahren
war natürlich nicht glich, denn die ist in Abduh Pascha
in Abbassîja. Von Maâdi nach Abbassîja ist es eine Welt-
reise.
Am nächsten Tag fuhr ich also zur Gewerkschaft nach
Abduh Pascha. ›Guten Morgen, guten Morgen. Ich gab
dem Funktionär meinen alten Mitgliedsausweis, und er
verlangte einhundertfünf Pfund von mir. Ich fragte ihn:
Warum einhundertfünf?‹ Er sagte: ›Es ist teurer geworden,
wussten Sie das nicht?Ich antwortete: Nein, das hat mir
keiner gesagt. Man verheimlicht mir solche Dinge, da ich
herzkrank bin.Er meinte: Wie dem auch sei, es steht al-
les dort am Schwarzen Brett. Schauen Sie selbst nach.Ich
sagte: In Ordnung, schaute mir den Anschlag an, rech-
nete die Beiträge nach und kam auf eine Summe von drei-

Diverse
Willkommen in Kairo

Geschichten aus Ägypten

Aus dem Arabischen von Evelyn Agbaria; Kristina Bergmann; Leila Chammaa; Hartmut Fähndrich; Regina Karachouli; Doris Kilias


Lenos Pocket 169
Paperback
ISBN 978-3-85787-769-8
Seiten 186
Erschienen Januar 2014
€ 12.00 / Fr. 16.00

'Willkommen in Kairo' ist eine einzigartige Einladung, das Land am Nil aus der Sicht ägyptischer Erfolgsautorinnen und -autoren zu entdecken. Die Texte, sorgfältig ausgewählt aus der Reihe zeitgenössischer arabischer Literatur im Lenos Verlag, bestechen durch ihre erzählerische Brillanz und ihre authentische Perspektive auf die ägyptische Gesellschaft. Sie handeln vom Alltag, benennen kompromisslos Tabus, führen soziale Ungerechtigkeiten vor Augen oder stellen mit Selbstironie und Witz kulturelle Normen in Frage. So wettert ein Taxifahrer über die Torturen bei der Führerscheinerneuerung - ein kafkaesker Albtraum voller kostspieliger Amtsbesuche. Eine arme Mutter weiss sich gegen den Hunger zu helfen, indem sie mit einem Geheimpolizisten eine Abmachung trifft. Lustvoll zu lesen ist auch von den Sehnsüchten und Sorgen junger Frauen auf Männersuche und vom geheimen Nachtleben der Schwulen in einer Bar der Kairoer Innenstadt. Die Anthologie versammelt herausragende literarische Zeugnisse, die die ägyptische Gesellschaft unter die Lupe nehmen und zugleich Abbild ihres kulturellen Reichtums sind.