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LENOS POCKET 113
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Ghassan Kanafani
Männer in der Sonne
Roman aus Palästina
Aus dem Arabischen
von Hartmut Fähndrich
Lenos Verlag
LENOS POCKET 113
Erste Auflage 2008
Copyright © der deutschen Übersetzung
1985 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Foto: Markus Kirchgessner
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 713 1
Arabische Literatur im Lenos Verlag
Herausgegeben von Hartmut Fähndrich
Titel der arabischen Originalausgabe:
Ri âl f î sˇ-sˇ ams
Copyright © 1972 by Anni Kanafani,
The Ghassan Kanafani Cultural Foundation, Beirut
Männer in der Sonne
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Abu Kais
Abu Kais lag da, die Brust auf die taufeuchte Erde gepresst,
die unter ihm zu pulsieren begann: die Schläge eines müden
Herzens, die zitternd jedes einzelne Sandkorn durchdran-
gen, dann durch die Zellen seines Herzens zogen. Immer
wenn er sich auf die Erde warf, spürte er jenes feine Zittern;
es war, als bahnte sich das Herz der Erde mit Gewalt einen
Weg aus den tiefsten Tiefen der Hölle ans Licht.
Als er das einmal seinem Nachbarn erzählte, dem Bau-
ern, mit dem er sich dort den Boden geteilt hatte, den er vor
zehn Jahren verlassen musste, meinte dieser spöttisch: »Das
ist das Klopfen deines eigenen Herzens, das du immer dann
spürst, wenn du die Brust auf die Erde drückst.«
Was für ein richtes Geschwätz. Woher kommt denn
dann der Geruch? Dieser Geruch, der ihm um den Kopf
wogte und ihm betäubend in die Adern drang. Immer wenn
er so hingeworfen auf die Erde ihren Duft einsog, kam es
ihm vor, als spürte er den Hauch, der dem Haar seiner Frau
entströmte, wenn sie, mit frischem kaltem Wasser gewa-
schen, aus dem Bad kam. Es war derselbe Duft, der Duft
einer Frau, die, mit kaltem Wasser gewaschen, ihm ihr Haar
über das Gesicht breitete. Es war dasselbe Beben, als hielte
man ein Vögelchen in weichen Händen.
Die Feuchtigkeit der Erde, dachte er, hrt sicher vom
gestrigen Regen her. Doch nein, gestern hatte es gar nicht
geregnet. Der Himmel kann jetzt nur noch Hitze und
Staub herabsenden. Hast du vergessen, wo du bist? Hast du
das vergessen?
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Abu Kais drehte sich um. Er legte die Hände unter
den Kopf und betrachtete den Himmel. Er war gleissend
hell. Ein schwarzer Vogel kreiste dort oben, allein, ziellos.
Er wusste nicht, warum ihn plötzlich ein bitteres Gefühl
des Fremdseins überkam. Einen Augenblick fürchtete er, in
Tränen auszubrechen. Nein, gestern hat es nicht geregnet.
Wir haben jetzt August, hast du das vergessen? Jenen endlos
scheinenden Weg in die Weite, hast du den vergessen? Der
Vogel kreiste noch immer allein wie ein schwarzer Punkt in
dieser endlosen Hitze. Wir haben August. Warum ist dann
die Erde so feucht? Es ist der Schatt al-Arab. Siehst du ihn
nicht vor dir, so weit dein Blick reicht?
»Die beiden grossen Ströme Euphrat und Tigris bilden
nach ihrem Zusammenfluss einen einzigen Strom, den
Schatt al-Arab. Dieser erstreckt sich von etwas oberhalb
Basras bis …«
Herr Salîm, der hagere, weisshaarige alte Lehrer, wie-
derholte dies mit seiner Fistelstimme wohl zehnmal einem
kleinen Jungen, der neben der schwarzen Tafel stand, als
Abu Kais an der Dorfschule vorbeiging. Er stieg auf einen
Stein und blickte verstohlen durch das Fenster. Herr Salîm
stand vor dem Schüler und schrie, mit seinem dünnen Stock
herumfuchtelnd, so laut er konnte: »Die beiden grossen
Ströme Euphrat und Tigris bilden nach ihrem Zusammen-
uss …«
Der Junge zitterte angstvoll, während eine Unruhe durch
die Klasse ging. Abu Kais streckte die Hand aus und tippte
einem Kind auf den Kopf. Der Junge schaute zu ihm em-
por.
»Was ist denn hier los?« fragte Abu Kais durchs Fenster.
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»Ein Dummkopf«, flüsterte der Junge feixend.
Abu Kais stieg von dem Stein herab und ging weiter.
Herr Salîms Stimme folgte ihm. »Die beiden grossen Ströme
Euphrat und Tigris bilden nach ihrem Zusammenuss …«
Am selben Abend sah er Herrn Salîm beim Dorfschulzen
sitzen, eine Wasserpfeife schmauchend.
Man hatte ihn von Jaffa in das Dorf geschickt, damit
er die Kinder unterrichtete. Schon lange Zeit seines Le-
bens hatte er als Lehrer gearbeitet; die Bezeichnung »Herr«
war untrennbar mit seinem Namen verbunden. An jenem
Abend beim Dorfschulzen fragte ihn jemand: »Du wirst
doch sicherlich am nächsten Freitag das Gebet leiten?«
»Nein, ich bin Lehrer, nicht Vorbeter«, antwortete Herr
Salîm schlicht und einfach.
»Und worin besteht der Unterschied?« wollte der Dorf-
schulze wissen. »Unser früherer Lehrer wirkte auch als Vor-
beter.«
»Er war Koranschullehrer, ich bin Grundschullehrer.«
Der Dorfschulze liess nicht locker. »Worin besteht der
Unterschied?«
Herr Salîm antwortete nicht, sondern liess seinen Blick
über die Gesichter gleiten, als suchte er Hilfe bei einem der
Anwesenden. Aber alle waren verunsichert, auch der Dorf-
schulze.
Nach einer langen Pause räusperte sich Herr Salîm und
sagte ruhig: »Also gut, ich weiss aber nicht, wie man be-
tet.«
»Was? Du weisst nicht, wie man betet?« riefen alle er-
staunt.
»Nein, ich weiss es nicht«, bestätigte er.
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Die Anwesenden sahen einander befremdet an. Schliess-
lich blieben die Blicke am Dorfschulzen haften. Dieser spür-
te, dass es an ihm war, etwas zu sagen. Er überlegte nicht
lang, sondern fragte geradeheraus: »Was kannst du dann?«
Herr Salîm schien eine solche Frage erwartet zu haben.
Er stand auf und antwortete, ohne zu zögern: »Vieles. Zum
Beispiel gut schiessen.« Er ging zur Tür, drehte sich zu-
rück, und als er sprach, bebten seine hageren Gesichtszüge:
»Wenn sie euch angreifen, weckt mich. Vielleicht kann ich
euch nützlich sein.«
Das also ist der Schatt al-Arab, von dem Herr Salîm vor
zehn Jahren gesprochen hatte. Und hier lag er nun, Tau-
sende von Kilometern und Tagen von seinem Dorf und von
Herrn Salîms Schule entfernt. Gott erbarme sich deiner,
Herr Salîm! Sicher warst du sein besonderer Günstling, liess
er dich doch in der Nacht sterben, bevor unser unglückliches
Dorf den Juden in die Hände fiel … Eine einzige Nacht,
o Gott! Gibt es eine grössere Gunst als diese? Gewiss, die
Männer hatten anderes zu tun, als dich zu begraben und dir
die letzte Ehre zu erweisen. Jedenfalls aber bist du dort ge-
blieben Dort bist du geblieben. Dir sind Erniedrigung,
Elend und Schande im Alter erspart geblieben. Gott erbar-
me sich deiner, Herr Salîm! Und wenn du nun noch lebtest,
in Armut versunken, genau wie ich? Hättest du auch das
getan, was ich jetzt tue? Hättest du auch alle deine Lebens-
jahre geschultert und wärst durch die Wüste nach Kuwait
geflohen, um dort dein Brot zu verdienen?
Abu Kais stützte sich auf die Ellbogen und starrte wieder
auf den grossen Strom, als hätte er ihn noch nie gesehen.
Das also ist der Schatt al-Arab.
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»Ein grosser Strom, auf dem mit Datteln und Stroh be-
ladene Schiffe dahinfahren wie Autos auf einer Strasse in
der Stadt.«
Das hatte ihm sein Sohn Kais rasch erklärt, als er ihn an
jenem Abend examinierend nach dem Schatt al-Arab fragte.
Kais hatte schnell und klar geantwortet und noch hinzuge-
fügt: »Ich habe dich heute durchs Fenster ins Klassenzim-
mer schauen sehen.«
Abu Kais hatte sich seiner Frau zugewandt, die lachte. Er
schämte sich ein wenig und sagte langsam: »Das habe ich
schon vorher gewusst …«
»Nein, hast du nicht; das hast du erst heute erfahren, als
du durchs Fenster geschaut hast.«
»Meinetwegen, was macht das schon aus, ob ichs wusste
oder nicht. Geht deshalb die Welt unter?«
Seine Frau blickte ihn von der Seite an und sagte: »Kais,
geh und spiel im anderen Zimmer.«
Als er die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, sagte sie zu
ihrem Mann: »Sprich nicht so vor dem Jungen. Er freut sich
darüber, dass er es weiss. Verdirb ihm nicht die Freude.«
Abu Kais trat zu ihr, legte ihr die Hand auf den Bauch
und flüsterte: »Wann ist es soweit?«
»In sieben Monaten.«
»Oh.«
»Diesmal soll es ein Mädchen werden.«
»Nein, ein Junge soll es sein, ein Junge!«
Doch sie schenkte einem Mädchen das Leben, das er
Husna nannte. Zwei Monate später starb es.
»Es war ein äusserst schwächliches Kind«, meinte der
Arzt achselzuckend.

Ghassan Kanafani
Männer in der Sonne

Roman aus Palästina

Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich, Nachwort von Hartmut Fähndrich


Lenos Pocket 113
Paperback
ISBN 978-3-85787-713-1
Seiten 95
Erschienen 3. März 2008
€ 11.80 / Fr. 16.00

Drei Palästinenser wollen sich von einem vierten in einem leeren Wassertank aus dem Irak nach Kuweit schmuggeln lassen – weit weg von der »Hölle« der Flüchtlingslager und der Armut ins »Paradies« des aufstrebenden Ölstaates. An der Grenze wird der Fahrer wider Erwarten aufgehalten. Der durch die sengende Sonne inzwischen zum Dampfkochtopf aufgeheizte Wassertank droht zum elenden Grab der drei Männer zu werden.

Als die Palästinenser 1948 aus ihrer Heimat vertrieben wurden, verliessen sie diese mit gebeugtem Haupt. Und so verharrten sie jahrelang, unfähig, das Geschehene zu bewältigen. Erst Mitte der sechziger Jahre begannen sie sich zu wehren, im Handeln ihr Selbstbewusstsein wiederherzustellen. Im Roman Männer in der Sonne schildert Ghassan Kanafani diese beiden Etappen palästinensischer Existenz: Lähmung und beginnende Selbstbesinnung; er beschreibt Palästinenser, die die Vertreibung ihres Volkes miterlebt haben und daran leiden.

Pressestimmen

Kanafani war ein meisterlicher Erzähler, der eine tiefe Zuneigung zu seinen Menschen – gewöhnlichen Helden des Alltags – auf hinreissende Art mit der Erkenntnis über die Schicksalhaftigkeit ihrer Entscheidungen zu verknüpfen verstand.
— die tageszeitung