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UNKORRIGIERTE
LESEPROBE
Das Buch erscheint am 31. August 2019
Julie Otsuka
Als der Kaiser ein Gott war
Roman
Aus dem Amerikanischen
von Irma Wehrli
Lenos Verlag
In ihrem aufwühlenden Roman erzählt Julie Otsuka die Geschichte einer ja-
panischstämmigen amerikanischen Familie, die 1942 in ein Internierungslager
mitten im Wüstenhochland von Utah verbracht wird: die wachsende antijapani-
sche Stimmung unter den zuvor so freundlichen Nachbarn, die Demütigungen
der Internierung, die prekären Verhältnisse im Barackenlager hinter Stachel-
draht in einer staubigen Salzsteppe, Angst und Einsamkeit. Schnörkellos und
präzise beschreibt sie jene beschämenden Ereignisse der US-amerikanischen
Geschichte, und greift zugleich eine universelle Thematik auf: rassistische Vor-
urteile und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, heute so aktuell wie vor
75 Jahren.
Die Übersetzerin
Irma Wehrli, geboren 1954 in Liestal. Studium der Anglistik, Germanistik und
Romanistik. Schwerpunkt ihrer Übersetzungstätigkeit sind englische und ame-
rikanische Autoren des 19. Jahrhunderts und der klassischen Moderne (Hardy,
Wilde, Kipling, Mansfield, Hawthorne, Whitman, Cather, Wolfe u.a.). Für ihre
Übertragung des Romans Of Time and the River von Thomas Wolfe wurde ihr
2011 das Zuger Übersetzerstipendium zugesprochen, 2017 wurde ihr die Ehren-
doktorrde der Universität Basel für ihr Gesamtwerk als Kulturvermittlerin
verliehen.
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
When the Emperor Was Divine
Erstmals 2002 bei Alfred A. Knopf, Random House, Inc., New York, erschienen
Copyright © 2002 by Julie Otsuka, Inc.
Copyright © der deutschen Übersetzung
2019 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: Valentino Sani / Arcangel Images
Printed in Germany
Dieses Buch ist meinen Eltern
und dem Andenken an Toyoko H. Nozaka gewidmet.
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EVAKUIERUNGSBEFEHL NR. 19
Die Bekanntmachung war über Nacht aufgetaucht. An
Plakatwänden und Bäumen und an den Banklehnen der
Bushaltestellen. Sie hing bei Woolworth im Schaufenster.
Sie hing beim Eingang zur YMCA. Sie war an die Tür
des Amtsgerichts geheftet und auf Augenhöhe an jeden
Telefonmast an der University Avenue genagelt. Die Frau
wollte ein Buch in die Bibliothek zurückbringen, als sie
die Bekanntmachung in einem Postamtfenster sah. Es war
ein sonniger Frühlingstag des Jahrs 1942 in Berkeley, und
weil sie eine neue Brille hatte, konnte sie seit Wochen zum
ersten Mal alles deutlich erkennen. Sie musste nicht mehr
blinzeln, blinzelte jedoch aus Gewohnheit trotzdem. Sie las
die Bekanntmachung von oben bis unten durch, zog immer
noch blinzelnd einen Kugelschreiber hervor und las die Be
-
kanntmachung von oben bis unten noch einmal. Die Schrift
war klein und dunkel, manches davon winzig. Sie kritzelte
einige Worte auf die Rückseite einer Bankquittung, machte
auf dem Absatz kehrt und ging nach Hause, um zu packen.
Als die Bibliothek neun Tage später das Buch zurück
-
verlangte, war sie noch immer nicht mit Packen fertig. Die
Kinder waren gerade zur Schule gegangen, und im gan
-
zen Haus standen Kisten und Koffer herum. Sie schob den
Briefumschlag in den nächstbesten Koffer und trat durch
dier.
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Draußen schien warm die Sonne, und Palmwedel schlu-
gen an der Seite träge gegen das Haus. Sie streifte sich ihre
weißen Seidenhandschuhe über und wandte sich an der
Ashby Avenue nach Osten. Sie überquerte die California
Street und kaufte in der Rumford-Apotheke einige Stan
-
gen Lux-Seife und eine große Dose Gesichtscreme. Sie ging
am Secondhandshop und am mit Brettern vernagelten Le
-
bensmittelladen vorbei, ohne unterwegs einer Bekannten
zu begegnen. Am Zeitungskiosk an der Ecke zur Grove
Street kaufte sie eine Berkeley Gazette. Rasch überflog sie die
Schlagzeilen: Die Burma Road war abgeschnitten, und eine
der Dionne-Fünflinge – Yvonne – litt immer noch an den
Folgen einer Operation am Ohr. Ab Dienstag würde der
Zucker rationiert. Sie faltete die Zeitung und gab acht, dass
die Druckerschwärze nicht auf ihre Handschuhe abfärbte.
Vor Lundy’s Eisenwarenhandlung blieb sie stehen und
begutachtete die Schaufeln für den „patriotischen Garten
in der Auslage. Es waren robuste Schaufeln mit solidem
Metallgriff, und sie überlegte sich flüchtig, eine zu kaufen
– der Preis stimmte, und sie ließ sich ungern ein gutes Ge
-
schäft entgehen. Aber dann fiel ihr ein, dass sie zu Hause
im Schuppen schon eine Schaufel hatte – ja sogar zwei. Sie
brauchte nicht noch eine dritte. Sie strich ihr Kleid glatt
und betrat das Gescft.
„Schöne Brille, sagte Joe Lundy, kaum war sie herein
-
spaziert.
„Finden Sie?“, fragte sie. „Ich bin sie noch nicht ge
-
wohnt.“ Sie nahm einen Hammer und packte ihn fest am
Griff. „Haben Sie keinen größeren?, fragte sie. Joe Lundy
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antwortete, der Hammer in ihrer Hand sei der größte, den
er habe. Sie legte den Hammer auf das Gestell zurück.
Was macht Ihr Dach?“, fragte er sie.
„Ich glaube, die Schindeln faulen allmählich. Es leckt
wieder.
„Es ist ein nasses Jahr gewesen.
Die Frau nickte. „Aber wir hatten auch ein paar schöne
Tage.“
Sie ging an den Jalousien und Verdunkelungsrollos vor
-
bei in den hinteren Teil des Ladens. Dort nahm sie zwei
Rollen Klebeband und einen Knäuel Schnur und brachte
sie zur Kasse. „Jedes Mal wenn es regnet, muss ich den Ei
-
mer unterstellen, sagte sie. Sie legte zwei Vierteldollar auf
die Theke.
„Ein Eimer ist nie falsch“, sagte Joe Lundy. Er schob die
Vierteldollar wieder über die Theke zu ihr zurück, jedoch
ohne sie anzusehen. „Sie können später bezahlen, sagte er
und begann die Kasse an der Seite mit einem Lappen blank
zu reiben. Da war ein dunkler Fleck, der einfach nicht weg
-
gehen wollte.
„Ich kann Sie jetzt bezahlen, sagte die Frau.
„Ist schon gut, sagte Joe Lundy. Er griff in seine Hemd
-
tasche und gab ihr zwei in Goldfolie eingewickelte Kara-
mellen. „Für die Kinder, sagte er. Sie steckte die Kara-
mellen in ihre Handtasche, ließ aber das Geld liegen. Sie
dankte ihm für die Bonbons und verließ das Geschäft.
„Hübsches rotes Kleid“, rief er ihr nach.
Sie drehte sich um und warf ihm über den Brillenrand
einen kurzen Blick zu: „Danke, sagte sie. „Danke, Joe.
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Dann fiel die Tür hinter ihr zu, sie stand allein auf dem
Gehsteig und erkannte, dass sie in all den Jahren, da sie nun
schon bei Joe Lundy einkaufte, ihn noch nie mit seinem
Vornamen Joe angesprochen hatte. Es klang seltsam und
fast falsch in ihren Ohren. Und doch hatte sie es gesagt:
laut. Sie wünschte, sie hätte es früher getan.
Sie fuhr sich mit ihrem Taschentuch über die Stirn. Die
Sonne schien hell, und sie mochte nicht öffentlich schwit
-
zen. Sie nahm ihre Brille ab und wechselte auf die schattige
Straßenseite. Bei der Ecke der Shattuck Road nahm sie die
Straßenbahn in die Stadt. In der Kittredge Street stieg sie
aus, ging ins Warenhaus J.F. Hink und fragte den Verkäu
-
fer dort nach Rucksacktaschen, aber sie hatten keine, die
seien ausverkauft. Die letzte habe er erst vor einer halben
Stunde verkauft. Er verwies sie an J.C. Penney, aber auch
dort waren alle Rucksacktaschen verkauft. In der ganzen
Stadt waren Rucksacktaschen ausverkauft.
***
Als die Frau nach Hause kam, zog sie ihr rotes Kleid
aus und streifte sich ein verwaschenes blaues über – ihr
Hauskleid. Sie steckte ihr Haar zu einem Knoten auf und
schlüpfte in ein Paar alte, bequeme Schuhe. Sie musste jetzt
fertig packen. Sie rollte den Orientteppich im Wohnzimmer
auf. Sie hängte die Spiegel ab. Sie nahm die Vorhänge und
Rollos ab. Sie trug den winzigen Bonsaibaum in den Hof
hinaus und stellte ihn unter der Dachrinne ins Gras, wo
er weder zu viel Schatten noch zu viel Sonne abbekommen
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würde, sondern beides genau im richtigen Maß. Sie brachte
das Kurbelgrammofon und die Uhr mit Big Ben-Schlag in
den Keller hinunter.
Im Zimmer des Jungen droben nahm sie die große Welt
-
kriegskarte ab und legte sie sorgsam in ihre Falten. Sie
wickelte die Briefmarkensammlung ein und die bemalte
Holzfigur eines Indianers mit langem Federschmuck, die er
am Jahrmarkt von Sacramento gewonnen hatte. Sie zog die
Joe Palooka-Comics unter seinem Bett hervor. Sie leerte die
Schubladen. Einige seiner Kleider – die noch benötigten –
ließ sie liegen, damit er sie später einpacken konnte. Seinen
Baseballhandschuh legte sie auf sein Kopfkissen. Dann ver
-
staute sie seine übrigen Sachen in Schachteln und trug sie
auf die Glasveranda.
Die Tür zum Mädchenzimmer war zu, und über dem
Türgriff hing ein Zettel, der am Vortag noch nicht dagewe
-
sen war. BITTE NICHT STÖREN stand darauf. Die Frau
machte die Tür nicht auf. Sie ging die Treppe hinunter und
nahm die Bilder von den Wänden. Es waren bloß drei: das
Porträt der Prinzessin Elizabeth, das im Esszimmer hing,
das Jesusbild im Foyer und ein gerahmter Druck von Mil
-
lets Ährenleserinnen in der Küche. Sie legte Jesus und die
kleine Prinzessin zusammen in eine Kiste, Gesicht nach un
-
ten. Sie achtete darauf, dass Jesus zuoberst war. Dann nahm
sie die Ährenleserinnen aus dem Rahmen und warf einen
letzten Blick auf das Bild. Sie fragte sich, warum sie es so
lange in der Küche hängen gelassen hatte. Es störte sie, wie
diese Bäuerinnen ewig über das endlose Weizenfeld gebeugt
waren. „Schaut auf, wollte sie zu ihnen sagen. „Schaut auf,
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schaut doch auf!“ Die Ährenleserinnen mussten weg, be-
schloss sie. Sie stellte das Bild zum Müll draußen.
Im Wohnzimmer räumte sie alle Bücher von den Rega
-
len, bis auf Audubons Birds of America. In der Küche räumte
sie die Schränke aus. Ein paar Sachen, die sie am Abend
noch brauchen würde, stellte sie beiseite. Alles Übrige – das
Porzellan, die Kristallgläser, die Essstäbchen aus Elfenbein,
die ihr die Mutter vor fünfzehn Jahren aus Kagoshima zur
Hochzeit geschickt hatte – verstaute sie in Kisten. Sie ver
-
schloss sie mit dem Klebeband, das sie in Lundys Eisenwa-
renhandlung gekauft hatte, und trug sie eine um die andere
die Treppe hoch auf die Veranda. Als sie fertig war, ver
-
schloss sie die Tür mit zwei Vorhängeschlössern, setzte sich
mit über die Knie hochgezogenem Kleid auf den Treppen
-
absatz und zündete sich eine Zigarette an. Morgen würden
sie und die Kinder weggehen. Sie wusste nicht, wohin sie
gehen würden oder wie lange, und auch nicht, wer unter
-
dessen in ihrem Haus wohnen würde. Sie wusste nur, dass
sie morgen gehen mussten.
Es gab Dinge, die sie mitnehmen konnten: Bett- und
Tischwäsche, Gabeln, Löffel, Teller, Schüsseln, Tassen,
Kleider. So hatte sie es auf der Rückseite der Bankquittung
notiert. Haustiere waren nicht erlaubt. Das hatte in der Be
-
kanntmachung gestanden.
Es war Ende April in der vierten Woche des fünften
Kriegsmonats, und die Frau, die nicht immer alle Regeln
befolgte, befolgte die Regeln. Sie gab die Katze den Greers
nebenan. Sie fing das Huhn ein, das sich im letzten Herbst
in den Hof verirrt hatte, und brach ihm unter einem Besen
-
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stiel das Genick. Sie rupfte es und legte den Rumpf in einen
Topf kaltes Wasser im Spülbecken.
Schon frühnachmittags war ihr Taschentuch durchnässt.
Sie atmete schwer, und es juckte sie in der Nase vom Staub.
Der Rücken tat ihr weh. Sie schlüpfte aus den Schuhen
und massierte sich die entzündeten Fussballen, dann ging
sie in die Küche und drehte das Radio an. Enrico Caruso
sang wieder La donna è mobile. Seine Stimme war voll und
schmelzend. Sie öffnete den Kühlschrank und nahm einen
Teller Reiskugeln heraus, die mit Salzpflaumen gefüllt wa
-
ren. Sie aß sie langsam und hörte dabei dem Tenor zu. Die
Pflaumen waren dunkel und sauer. Genau so schmeckten
sie ihr.
Als die Arie vorüber war, stellte sie das Radio ab und
legte zwei Reiskugeln in eine blaue Schüssel. Sie schlug ein
Ei über der Schüssel auf und gab etwas Lachs dazu, den
sie am Vorabend gekocht hatte. Sie trug die Schüssel zur
hinteren Veranda und stellte sie auf die Stufen. Ihr Rücken
schmerzte, aber sie richtete sich auf und klatschte dreimal
in die Hände.
Ein weißes Hündchen kam aus den Bäumen herbeige
-
humpelt.
„Iss auf, Weißer Hund“, sagte sie. Weißer Hund war alt
und schwach, aber er fraß manierlich, und sein Kopf hüpfte
über der Schüssel auf und ab. Die Frau setzte sich neben ihn
und schaute zu. Als die Schüssel leer war, blickte er zu ihr
auf. Eins seiner Augen war trübe. Sie kraulte ihn am Bauch,
und sein Schwanz schlug gegen die Holzstufen.
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„Braver Hund“, sagte sie.
Sie stand auf, ging über den Hof und Weißer Hund folgte
ihr. Die Narzissen im Garten waren weiß vom Mehltau,
und die Iris begann zu welken. Überall wucherte Unkraut.
Die Frau hatte den Rasen seit Monaten nicht mehr gemäht.
Das tat jeweils ihr Mann. Ihren Mann hatte sie seit seiner
Verhaftung im letzten Dezember nicht wiedergesehen. Erst
war er mit dem Zug nach Fort Missoula, Montana, ge
-
schickt und dann nach Fort Sam Houston in Texas, verlegt
worden. Alle paar Tage durfte er ihr einen Brief schreiben.
Für gewöhnlich erzählte er vom Wetter. Das Wetter in Fort
Sam Houston war schön. Jeder Briefumschlag war auf der
Rückseite gestempelt: „Zensiert, Kriegsministerium oder
Zurückbehaltene Feindespost.
Die Frau setzte sich auf einen Stein unter dem Dattelpflau
-
menbaum. Weißer Hund lag zu ihren Füßen und drückte
die Augen zu. „Weißer Hund“, sagte sie, „schau mich an.
Weißer Hund hob den Kopf. Die Frau war seine Herrin, und
er tat alles, was sie von ihm wollte. Sie streifte sich ihre wei
-
ßen Seidenhandschuhe über und nahm eine Schnurkugel
hervor. „Schau mich einfach die ganze Zeit an, sagte sie. Sie
band Weißer Hund an den Baum. „Du bist ein braver Hund
gewesen, sagte sie. „Ein braver weißer Hund.
Irgendwo in der Ferne klingelte ein Telefon. Weißer
Hund bellte. „Still!, sagte sie. Weißer Hund verstummte.
„Mach jetzt Platz, sagte sie. Weißer Hund machte Platz
und blickte mit seinem guten Auge zu ihr auf. „Stell dich
tot, sagte sie. Weißer Hund drehte den Kopf zur Seite und
schloss die Augen. Seine Pfoten erschlafften. Die Frau nahm
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die große Schaufel, die am Baumstamm lehnte. Sie hob sie
mit beiden Händen hoch in die Luft und ließ das Schaufel
-
blatt auf seinen Kopf niedersausen. Weißer Hund zuckte
zweimal am ganzen Leib und stieß mit den Hinterbeinen
in die Luft, als ob er weglaufen wollte. Dann regte er sich
nicht mehr. Blut sickerte aus seinem Mundwinkel. Sie band
ihn vom Baum los und seufzte tief. Die Schaufel war die
richtige Wahl gewesen. Besser als ein Hammer, dachte sie.
Sie fing an, unter dem Baum ein Loch zu graben. Der
Boden war hart an der Oberfläche, aber darunter lehmig
und weich. Er gab mühelos nach. Wieder und wieder stieß
sie die Schaufel in die Erde, bis das Loch tief genug war. Sie
hob Weißer Hund auf und ließ ihn ins Loch fallen. Sein
rper war nicht schwer. Er schlug mit einem dumpfen
Poltern auf. Sie zog sich die Handschuhe aus und musterte
sie. Sie waren nicht mehr weiß. Sie warf sie ins Loch, nahm
die Schaufel wieder und schüttete das Loch zu. Die Sonne
brannte heiß, und ein wenig Schatten gab es nur unter den
Bäumen. Die Frau stand unter den Bäumen. Sie war ein
-
undvierzig und müde. Ihr Kleid war am Rücken schweiß-
nass. Sie strich sich das Haar aus den Augen und lehnte
sich gegen den Baum. Alles sah aus wie sonst, bloß dass
die Erde dort, wo das Loch gewesen war, ein wenig dunkler
war. Dunkler und feuchter. Sie zupfte ein Blatt von einem
niedrigen Ast und ging ins Haus zurück.
Als die Kinder von der Schule nach Hause kamen, er
-
innerte sie sie daran, dass sie am nächsten Morgen früh
aufbrechen würden. Morgen würden sie verreisen. Und sie
nnten bloß mitnehmen, was sie tragen konnten.
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„Das weiß ich schon, sagte das Mädchen. Sie trug ein wei-
ßes Baumwollkleid mit winzigen blauen Ankern, und ihr
Haar war nach hinten gekämmt und in zwei straffe schwarze
Zöpfe geflochten. Sie warf ihre Bücher auf das Sofa und er
-
zählte der Frau, ihr Lehrer, Mr. Rutherford, habe eine ganze
Stunde lang von Primzahlen und Koniferen gesprochen.
Weißt du, was eine Konifere ist?, fragte das Mädchen.
Die Frau musste ihr Unwissen eingestehen. „Sag es mir,
antwortete sie, aber das Mädchen schüttelte den Kopf.
„Ich erzähl es dir später, sagte das Mädchen. Sie war zehn
Jahre alt und wusste, was ihr gefiel: Jungs und schwarze
Lakritze und Dorothy Lamour. Ihr Lieblingslied im Radio
war Don’t Fence Me In. Sie liebte ihren Ara-Papagei heiß.
Sie ging zum Bücherregal und nahm die Birds of America
herunter. Sie balancierte das Buch auf dem Kopf, hielt den
Rücken gerade und ging langsam die Treppe hoch in ihr
Zimmer.
Einige Sekunden später rumste es laut, und das Buch
kam die Treppe heruntergepoltert. Der Junge blickte zu
seiner Mutter auf. Er war sieben, und ein kleiner schwarzer
Filzhut saß ihm schräg auf dem Kopf. „Sie muss noch ge
-
rader stehen, sagte er leise. Er ging zum Treppenfuß und
starrte auf das Buch. Es war aufgeschlagen gelandet, und
dort war das Bild eines kleinen braunen Vogels zu sehen:
ein Sumpfzaunkönig.
„Du musst noch gerader stehen, rief er.
„Es ist nicht das, kam die Antwort des Mädchens, „es
ist mein Kopf.
Was ist mit deinem Kopf?“, rief der Junge.

Asian American Literary Award

Julie Otsuka
Als der Kaiser ein Gott war

Roman

Aus dem Amerikanischen von Irma Wehrli


Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-499-4
Seiten 189
Erscheint 1. September 2019
€ 22.00 / Fr. 29.00

Ein sonniger Frühlingstag im Jahr 1942, Berkeley, Kalifornien. Am Postamt liest die Mutter den Evakuierungsbefehl, geht nach Hause und beginnt die wichtigsten Habseligkeiten der Familie zusammenzupacken. Wie Zehntausende weitere japanischstämmige Amerikaner in den Westküstenstaaten betrachtet man sie als Sicherheitsrisiko, seit die USA mit Japan im Krieg stehen. Schnörkellos, präzise und aufwühlend erzählt Julie Otsuka in ihrem Roman von der wachsenden antijapanischen Stimmung unter den bislang so freundlichen Nachbarn, der Deportation in ein Internierungslager im Wüstenhochland von Utah, den prekären Verhältnissen in den Baracken hinter Stacheldraht, von Angst und Einsamkeit – und schliesslich von der Rückkehr der Familie, für die nichts mehr so sein wird wie zuvor.
Indem die Autorin ein beschämendes Kapitel US-amerikanischer Geschichte ausleuchtet, greift sie zugleich eine universelle Thematik auf: rassistische Vorurteile und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, heute so aktuell wie vor 75 Jahren.

Julie Otsukas Debütroman wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Nach Wovon wir träumten (mareverlag) ist er der zweite Roman der amerikanischen Erfolgsautorin, der auf Deutsch erscheint.

Zu diesem Roman stellt Penguin Random House für Lehrkräfte einen ausführlichen Teacher's Guide in englischer Sprache zum Download bereit: randomhouse.com.

Pressestimmen

Ein Juwel von einem Buch.
— USA Today
Ein wundervoll nuanciertes Werk, das nachhallt.
— New York Times
Kraftvoller als jede andere Geschichte, die ich über jene Zeit gelesen habe.
— The Los Angeles Times Book Review
Herzzerreissend und erfrischend unsentimental.
— Publishers Weekly
Absolut brillant.
— Elle Magazine