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Lenos Verlag
Andrea Gerster
Schandbriefe
Roman
Copyright © 2010 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto: Keystone / Shannon Fagan
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 411 6
Die Autorin und der Verlag danken der Kulturstiftung des Kantons
Thurgau, der Kulturförderung Kanton St. Gallen und dem Migros-
Kulturprozent für die finanzielle Unterstützung bei der Realisierung
dieses Buches.
Schandbriefe
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Aik fuhr mit den Händen in das weiche Fell, er schloss die
Augen, tastete die Stirn entlang und rieb rechts und links
die dünnen Ohrlappen zart zwischen den Fingern. Wie
Kaschmir hlte es sich an. Der Hund liess es geschehen.
Als er ihm mit den Händen über die Augen strich, spürte
er, dass der Hund blinzelte. Dann fuhr er über die Schnauze,
berührte die empfindlichen, drahtigen Haare, die feuchte
Nase. Der Hund bewegte sich nicht, und wenn er eine
Katze gewesen wäre, hätte er vielleicht sogar geschnurrt.
Aik konnte sich nicht vorstellen, dass der Hund einmal
nicht mehr wäre.
*
Jemand schiebt Briefe unter meiner Wohnungsr durch.
Oder sst sie im Hauseingang in den Kinderwagen fallen.
Oder schickt sie mit der Post. Schlampen sind schlechte
Mütter. Immer dieser Satz. Ausgeschnitten, aufgeklebt
oder krakelig mit Rotstift geschrieben. Seit ich mit mei-
nem Kind aus dem Spital zurück bin, seit Wochen schon.
Schlampen sind schlechte Mütter. Schlampe, Schlampe.
Mir fällt niemand ein, der zu so etwas fähig wäre. Viel-
leicht liegt es an mir, andere Mütter erhalten bestimmt
keine solchen Briefe, vielleicht sehe ich einfach nicht aus wie
eine Mutter.
Mir ist nicht wohl dabei, mir vorzustellen, dass ein
Mensch, der schlecht über mich denkt, eben noch vor mei-
ner Tür stand, mit dem Briefumschlag in der Hand, den
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ich jetzt mit der Pinzette halte. Der könnte ja krank sein,
dieser Mensch, und ich und mein Kind nnten uns sonst
was holen.
*
Kein Anschluss unter dieser Nummer.
Eine hohe und laute Stimme, wo Aik eine sanfte und
eher fragende erwartet hatte, in jedem Fall aber die seiner
Mutter und nicht die einer Fremden. Mutter mochte keine
Stimmen, ohne die dazugehörenden Gesichter zu sehen. Das
wusste er. Dass sie aber tatsächlich ihren Festnetzanschluss
aufgeben würde, hatte er nicht erwartet. Sie tat selten das,
was man von ihr erwartete. Auch das wusste er. Zart und
nicht ganz von dieser Welt war sie, eine Elfe, irgendwie. Zu
Mutter fiel ihm aber auch Kindheit ein und zu Kindheit
Kleinräumigkeit. Ihre Liebe galt ihm, ihrem Kind, und
niemandem sonst. Fast zu viel für einen allein.
Dieses »Kein Anschluss unter dieser Nummer« passt zu
Mutter, sagte er.
Beinahe rtlich strich er mit den Fingerspitzen über den
Hörer und legte ihn dann behutsam auf die Ablage zurück.
Du redest, als ob sie nicht ganz dicht wäre, sagte Rena
nahe hinter ihm.
Ob sie sich ein Handy zugelegt hat?, fragte Aik, drehte
sich zu ihr und zog sie an sich.
Deine Mutter ist okay, etwas eigen, aber ich mag sie. Ob
sie mich auch mag?
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Rena schürzte die Oberlippe. Ihm gefiel, wenn sie das
tat. Das hatte er ihr aber noch nie gesagt.
Bei der nächsten Gelegenheit hole ich das nach, sagte er.
Was holst du nach?
Ich weiss nicht, ob sie dich mag, sie nimmt dich ja nicht
einmal wahr, üsterte Aik und schmiegte seine Wange an
ihr Ohr.
Was sagst du?, fragte Rena und lachte ein Lachen, das
keine Antwort erwartete, und so lachte er auch.
»Kein Anschluss unter dieser Nummer« klingt, als ob
Mutter nicht mehr existieren würde, und ich kann sie nicht
einmal anrufen und fragen, was los ist.
Er liess die Worte in ihr Haar fallen.
Eine Option wäre, sie zu besuchen, meinte Rena und
machte sich frei. Oder ihr ein Handy zu schenken.
Rena und seine Mutter hatten sich in den vier Jahren, in
denen sie beide zusammen waren, höchstens zweimal gese-
hen. Noch nie war sie bei ihnen zu Besuch gewesen, obwohl
sie kaum eine halbe Stunde entfernt in einer prächtigen Alt-
bauwohnung mit Stuckdecke wohnte. Rena wunderte sich,
weshalb auch er, der sonst so Schnörkellose, wie sie sagte,
in diese Art Himmel vernarrt war. Aber sie wunderte sich
nicht, dass seine Mutter offensichtlich keinen Kontakt zu
ihr wünschte.
Findest du meine Mutter nicht seltsam? Wer weiss,
vielleicht ist sie gar nicht meine Mutter. So Vertauschge-
schichten sollen vorkommen. Andererseits hätte man ihr
kein fremdes Baby unterjubeln können, sie hätte es sofort
gerochen.
Du denkst zu viel, sagte Rena, geh und besuch sie.
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Wann war es eigentlich anders mit ihm und Mutter gewor-
den? Es musste die Sache mit dem Kinnbart gewesen sein.
Das war das Einzige, was Aik einel.
Mach das ab, sofort, hatte sie in ungewohnter Schärfe
gesagt, als er sich damals ein paar Haare am Kinn stehen-
liess. Natürlich rasierte er den erst im Ansatz keimenden
Bart nicht, und seine Mutter blickte ihm nicht mehr ins
Gesicht. Sprach sie mit ihm, fixierte sie irgendeinen Punkt
im Raum und redete zu diesem. Bald gab er nach, schnitt
den Bart ab, und alles war wieder gut. Zumindest r sie.
Dass seine Mutter eine so harte Seite hatte, beschäftigte ihn
jedoch nachhaltig und bis in seine Träume hinein. Nach
der Kinnbartgeschichte wurde er vermehrt mit dieser r
ihn neuen Eigenschaft seiner Mutter konfrontiert, denn ihre
Interpretationen forderten ihn zunehmend heraus. Sie hatte
eine eigene Art, zu betrachten und zu beurteilen, ob dies
nun Krankheitssymptome, Kochrezepte oder Religion be-
traf. Nicht falsch, einfach nur anders. Als Kind war er in
ihre Ansichten hineingeschlüpft und hatte sich darin wohl
gehlt. Wenn er diese aber nach aussen zu vertreten hatte,
war das eine andere Sache und nicht eben einfach, denn
die Erklärungen leuchteten ihm nur so lange ein, wie seine
Mutter ihm diese auseinandersetzte. Nachher erschien ihm
das alles nicht mehr logisch. Hätte sie sich auf ein bestimm-
tes Gebiet konzentriert, wäre bestimmt philosophisch
Brauchbares herausgekommen. Davon war er überzeugt. Sie
hätte ihre Theorien aufschreiben sollen, das wäre sinnvoll
gewesen. Schreiben war ihr schon immer leichtgefallen. Oft
hatte er sie schreibend angetroffen, von Hand in Schulhefte,
kürzere und längere Texte, die immer denselben Titel tru-
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gen: Gedankenstriche. Er war sich nicht sicher, ob er die
Texte hätte lesen dürfen. Er hatte seine Mutter nie danach
gefragt. Wahrscheinlich interessierten sie ihn damals gar
nicht. In ihrer Wohnung hatte sich Geschriebenes sowieso
gestapelt. Sie hatten inmitten von Büchertürmen gelebt.
Bei einem Erdbeben wären sie beide zuerst von den chern
erschlagen worden, und erst danach wäre ihnen die Decke
auf den Kopf gefallen.
Sein Handy meldete eine SMS. Nathan bat ihn, doch bitte
ein Sandwich mitzubringen, eines mit Gemüse, totes Fleisch
sei ja genug da. Aik löschte die Nachricht.
*
So schnell, und das beim ersten Kind, sagte die Hebamme
und machte ein Foto von uns. Ich war froh, dass sie zu-
frieden war, denn sie hatte schöne graue Augen, und gern
hätte ich ihr etwas von mir erzählt, aber sie fragte nichts,
und mir war, als sste sie bereits alles. Als ich später im
Bett zur Wöchnerinnenstation geschoben wurde, hielt ich
mein Kind im Arm und wunderte mich, dass niemand zu
rchten schien, das Bündel könnte mir herunterfallen, aber
dann fiel mir ein, dass die Leute hier nicht wussten, dass ich
noch nie ein Kind, ein so winziges jedenfalls nicht, im Arm
gehalten und mir auch nie jemand gesagt hatte, wie man
das am besten anstellt.
Nachdem uns die Hebamme im Zimmer geparkt hatte,

Andrea Gerster
Schandbriefe

Roman

Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-411-6
Seiten 150
Erschienen September 2010
€ 17.50 / Fr. 26.50

Aik ist Einzelkind, seine Mutter lebt mit ihm allein. Die sehr junge, eigenwillige Frau hat sich ihr Leben trotz schwieriger Umstände eingerichtet. Der Vater des Kindes ist kein Thema, sie verschweigt seinen Namen. Ihre wichtigsten Bezugspunkte sind das Kind, das sie fürsorglich und liebevoll betreut, und die Palme Toni. Kontakte vermeidet sie, um neugierigen Fragen und scheinbar gutgemeinten Ratschlägen zu entgehen, die sich immer wieder als versteckte Vorurteile und als Misstrauen ihr als alleinerziehender Mutter gegenüber entpuppen. Doch sie wird nicht in Ruhe gelassen. Regelmässig erhält sie anonyme Briefe mit groben Beleidigungen, manchmal Drohungen. Auch ein Umzug in die Stadt kann die Briefe nicht stoppen. Erst nach Aiks schwerem Unfall im Alter von zehn hört dieser Terror schlagartig auf.

Aiks Leben als Mann ist von der Suche nach seiner Herkunft geprägt. Seine Mutter schweigt immer noch beharrlich. Doch plötzlich steht Aik unter Druck: Seine schwangere Freundin verlangt ultimativ von ihm, dass er seinen Vater ausfindig macht. Erst dann könne ein harmonisches Familienleben mit ihr und dem gemeinsamen Kind gelingen.

In ihrem zweiten Roman erzählt Andrea Gerster eine nichtalltägliche, berührende Familiengeschichte. In zwei Erzählsträngen – aus der Sicht der Mutter sowie des erwachsenen Sohnes – entsteht das sensible Geflecht einer Mutter-Sohn-Beziehung unter besonderen Lebensumständen.

Pressestimmen

Es entfaltet sich eine zauberhafte Geschichte, deren Emotionalität mit ironischen Gesprächen und kauzigen Figuren in der Balance gehalten wird.
— Neue Zürcher Zeitung
Andrea Gerster erzählt zwei intensive, berührende Geschichten, die ohne einander nicht sein könnten.
— Schweizer Radio DRS
Poetisch und sorgsam erzählt.
— St. Galler Tagblatt
Gekonnt verwebt die Autorin die Geschichten von Mutter und Sohn. Ein sensibles Geflecht von Lebensentwürfen, von Familiengeschichten und von der Suche eines jeden Einzelnen nach seiner Herkunft und dem Aufgehobensein in unserer Gesellschaft.
— Saiten
Andrea Gerster beschreibt behutsam und feinfühlig eine Mutter-Sohn-Beziehung. Sprachlich sehr ästhetisch, dabei ganz unspektakulär und dennoch fesselnd geschrieben, ist der Roman zugleich die Geschichte zweier Menschen, die unbeirrt ihren Weg gehen.
— ekz.bibliotheksservice