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Lenos Verlag
Habib Selmi
Meine Zeit mit Marie-Claire
Roman
Aus dem Arabischen
von Regina Karachouli
Arabische Literatur im Lenos Verlag
Herausgegeben von Hartmut Fähndrich
Die Übersetzerin
Regina Karachouli, geboren 1941 in Zwickau. Studium der Arabistik
und Kulturwissenschaften in Leipzig. Promotion über Dramatik und
Theater in Syrien. Von 1975 bis 2002 Lehr- und Forschungstätigkeit am
Orientalischen Institut der Universität Leipzig. Übersetzerin zahlreicher
literarischer Werke aus dem Arabischen (u.a. von Sahar Khalifa, Alia
Mamduch, Hanna Mina, Sabri Mussa, Alifa Rifaat, Tajjib Salich und
Nihad Siris).
Die Übersetzung aus dem Arabischen wurde aus Mitteln der Schweizer
Kulturstiftung Pro Helvetia unterstützt durch litprom Gesellschaft
zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.
Titel der arabischen Originalausgabe:
Rawâ’ih
.
Marie-Claire
Copyright © 2008 by Habib Selmi
Erste Auflage 2010
Copyright © der deutschen Übersetzung
2010 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto: Keystone / Renaud Visage
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 407 9
Meine Zeit mit Marie-Claire
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»Hast du dich gewaschen?«
Damals begnügte ich mich mit einem leichten Kopfni-
cken, das wohl niemand ausser ihr wahrgenommen hätte.
Jedes Mal, wenn ich den Stuhl zurückzog, um mich ihr ge-
genüber an den Fhstückstisch zu setzen, stellte sie mir
diese Frage in einem Ton, der sich nicht verändert hatte, seit
sie bei mir wohnte.
Danach sprachen wir nichts mehr. Hingegeben widme-
ten wir uns dem Fhstück, als zelebrierten wir ein altes,
so oft geübtes Ritual, dass es uns mit all seinen Details in
Fleisch und Blut übergegangen war. Immer die gleichen Be-
wegungen Die ganze Zeit, während wir assen, blickten
wir uns kaum einmal an. Doch ich war sicher, dass Marie-
Claires rundes, sommersprossiges Gesicht glücklich aussah,
denn das gemeinsame Frühstück nach der Morgentoilette
gehörte zu den Dingen, die sie am meisten liebte.
Bevor sie bei mir einzog, war Marie-Claire, sobald sie
die Augen aufschlug, in ihre Küche geeilt. Hastig schlang
sie irgendetwas hinunter, rauchte ein, zwei Zigaretten und
trank dazu ihren Kaffee. Erst hinterher ging sie ins Bad,
um sich frisch zu machen. All das hatte sie mir eines Ta-
ges gestanden, als wir schon enger und fester miteinander
befreundet waren. Ich war erschüttert, und das zeigte ich
auch. Aber nach und nach gelang es mir, ihr diese schlechte
Angewohnheit auszutreiben. Essen das sei doch etwas
Heiliges, erklärte ich ihr. Oder wie meine Mutter immer
sagte: »Speise ist Gottesgab.« Und deshalb müsse man sau-
ber sein, um sie zu sich zu nehmen. Es dauerte gar nicht
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lange, und Marie-Claire war mehr als ich darauf bedacht,
sich vor jeder Mahlzeit zu waschen.
Jetzt sehe ich sie wieder vor mir, wie sie sich über ihre ge-
toastete Brotschnitte beugt. Sie streicht eine dünne Schicht
Butter darauf, dann eine dickere mit Konfire aus Kir-
schen, Aprikosen, Bärentrauben oder Erdbeeren. Sie tunkt
die Scheibe in den heissen Milchkaffee und hrt sie an ihre
Lippen, die ich nie aufrte zu begehren, seit ich sie das
erste Mal sah – und bis sie mich verliess.
War sie fertig mit Essen, fuhr sie mit den Fingerspit-
zen langsam über diese feuchten, vom Schlaf ein wenig
geschwollenen Lippen. »Wie schön, dass du mit mir früh-
stückst!«, sagte sie mit sichtlicher Freude. Sie zündete sich
die erste Zigarette an und begann zu rauchen. »Ach, weisst
du, es gibt doch nichts Besseres als ein gutes Fhstück«,
setzte sie hinzu.
Ich nickte gerade ich, der in einem kleinen Bedui-
nendorf geboren wurde, wo die Leute kein Wort über das
Essen verloren, ausgenommen sie sagten, es sei eine Got-
tesgabe. Ich, der während meiner Kindheit nichts kannte,
was die Bezeichnung »Frühstück« verdient hätte. Wenn
ich morgens überhaupt etwas zu essen bekam, so war es ein
steinharter Kanten Gersten- oder Weizenbrot, den ich erst
lange einweichen musste, bevor ich ihn zerkauen konnte,
ohne mir meine spät gewachsenen Zähne daran auszubre-
chen. Ich tauchte ihn in Wasser ein oder in ein Restchen
Schakschûkasauce, das vom Abendessen übrig war, sogar
in altes Couscous, das schon ranzig schmeckte, obwohl es
die Nacht über im Freien gestanden hatte, oder in einen
Schwapp Buttermilch, der vom Vortag im Schüttelschlauch
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geblieben war. Gelegentlich stibitzte ich auch ein paar Fei-
gen oder Aprikosen.
Marie-Claire blies den Rauch aus, wobei sie sich mit dem
ganzen Oberrper zum geöffneten Fenster drehte. Fürsorg-
lich achtete sie darauf, den Qualm von mir fernzuhalten,
denn sie wusste, dass ich ihn morgens gar nicht vertrug.
Manchmal gähnte sie ausgiebig, so dass ich die feine Gold-
schicht auf einem ihrer Backenzähne deutlich erkennen
konnte. Hatte sie zu Ende geraucht, reckte und streckte sie
ihre Arme, legte dann die gefalteten Hände auf ihren Hin-
terkopf und gewährte mir einen Blick in ihre Achselhöhlen.
Seit jener Zeit bin ich scharf auf weibliche Achselhöhlen.
Allmählich war mir aufgegangen, dass diese sanften, unge-
niert entblössten Mulden zu den aufregendsten Stellen eines
Frauenkörpers gehören – besonders wenn sie enthaart sind.
Sobald ich meine Nase hineinschob und ihren Duft einat-
mete, erfasste mich eine wohlige Geborgenheit, als wäre ich
wieder ein kleiner Junge, der sich zwischen die Brüste seiner
grossen Schwester schmiegt.
Als ich Marie-Claire das erste Mal davon erzählte, hob
sie erstaunt die Augenbrauen. Dann lachte sie. »Du bist
doch wirklich ein Schwein Was findest du denn so toll
an meinen Achselhöhlen? Die Haare oder den Schweissge-
ruch?« Trotzdem hat sie die ganze Zeit, die wir miteinander
verbrachten, niemals vergessen, dass ich nach dieser Stelle
ihres Körpers verrückt war. Wollte sie mir zeigen, dass sie
mich liebte, wollte sie mich verführen oder mir sagen, dass
ich ihr gerade aus irgendeinem Grund gefiel, brauchte sie
nur ihre Arme zu heben. Oder sie packte einfach meinen
Kopf und schob ihn in eine ihrer Achselhöhlen.
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Nach dem Essen und dem Rauchen blieb Marie-Claire
gern noch ein bisschen auf ihrem Platz sitzen. In den ersten
Jahren habe ich versucht, es genauso wie sie zu machen. Ich
wusste, dass sie in diesen Augenblicken, da ich neben ihr
sass, ein ähnliches Behagen fühlte wie bei unserem gemein-
samen Fhstück. Marie-Claire schaute nach dem Himmel.
Das tat sie beinahe jeden Morgen. »Gar kein scnes Wet-
ter«, meinte sie, wenn die Sonne sich hinter den Wolken
verkroch. Manchmal konnte ich meinen Mund nicht halten
und wandte ein, Regen, Wolken und Wind seien doch auch
etwas Schönes … »Na, du bist aber komisch!«, ereiferte sie
sich. »Immer musst du anders sein als die anderen! Wieso
findest du das Wetter schön, wenn der Himmel trüb ist?«
Da sagte ich nichts mehr. Eine Weile starrte ich auf die Löf-
fel und Messer. Dann schob ich die Brotkrümel auf dem
Tisch zusammen und goss die Kaffeereste aus den Tassen
zurück in die Kanne.
Wenn Marie-Claire den Kopf ein wenig neigte und in
tiefes Schweigen versank, was hin und wieder bei ihr vor-
kam, nutzte ich die Gelegenheit, sie heimlich zu betrachten.
Zunächst schielte ich auf ihre Brüste, die mir im Vergleich
zu anderen, deren Anblick mir vergönnt gewesen war, im-
mer recht klein erschienen, beäugte darauf ihre Schultern
und Arme, ihren Hals, der in Länge und Schlankheit, wie
ich später herausfand, dem ihrer Maman ähnelte, und ihre
zarten, feingliedrigen Hände. Schliesslich blieb mein Blick
an ihrem runden, sommersprossigen Gesicht hängen. Wie
oft versuche ich, mir ihr Bild zurückzurufen oder den Ein-
druck zu beleben, den sie auf mich machte, als ich sie zum
ersten Mal sah.
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Ich liebte Marie-Claires Gesicht. Nicht nur wegen der
Lippen, die ich stets von neuem begehrte, oder seiner hüb-
schen ge wegen, sondern weil es rund und weiblich war,
und vor allem so tröstlich. Es besass Ausstrahlung eine
eigenmliche Mischung aus Vertrautheit und Ungesm,
Ruhe und Klugheit. Zuweilen hatte ich das Gefühl, ins Ge-
sicht eines kleinen Mädchens zu blicken statt in das einer
Frau, die schon über dreissig war. Ich liebte es auch wegen
seiner Sommersprossen, die ihm etwas Apartes verliehen
und zusammen mit dem feinen, fast schulterlangen blonden
Haar seinen besonderen Reiz ausmachten.
Sobald sie merkte, dass ich sie beobachtete, streckte sie
mir prompt die Zunge heraus. Sie spitzte die Lippen, reckte
den Hals und hielt mir ihr Gesicht direkt vor die Nase.
Oder sie lehnte sich zurück und sah mich schmachtend an,
nachdem sie mit grosser theatralischer Geste, als posierte sie
vor einer Kamera, ihr Haar gerafft hatte … Dabei kicherte
sie, oder sie lachte hellauf. Manchmal sprang sie mit einem
Satz auf mich los, bedeckte meine Augen mit beiden Hän-
den oder umklammerte meinen Hals, als wollte sie mich er-
würgen. Oder sie packte mich bei den Schultern und schüt-
telte mich so lange, bis ich zugab, ein »krankhafter Voyeur«
zu sein. Ich musste ihr hoch und heilig versprechen, auf der
Stelle mit dieser »Unsitte« aufzuhören und sie nie wieder
»mit Stielaugen anzuglupschen« – vor allem nicht kurz
nach dem Frühstück. Nach dieser Rede fuchtelte sie dro-
hend mit der Hand in der Luft herum, schüttelte spöttisch
den Kopf oder warf mir einen möglichst kalten und stren-
gen Blick zu, was ihr offensichtlich Mühe bereitete. Wenn
sie dann noch etwas sagte, so erkundigte sie sich etwa, ob

Shortlist Arabischer Booker-Preis (2009)

Habib Selmi
Meine Zeit mit Marie-Claire

Roman

Aus dem Arabischen von Regina Karachouli


Lenos Pocket 163
Paperback
ISBN 978-3-85787-763-6
Seiten 246
Erschienen Januar 2013
€ 12.50 / Fr. 18.00

Habib Selmi erzählt die Liebesgeschichte zwischen einem Tunesier und einer Französin. In einem Café lernen sie sich kennen, der sensible Machfûdh, der schon seit Jahren allein in Paris lebt, und die temperamentvolle Marie-Claire. Schon bald zieht sie bei ihm ein und stellt fortan mit ihrem Tatendrang sein Leben auf den Kopf. Machfûdh geniesst die Beziehung, nimmt sich aber möglichst zurück, um ja nichts falsch zu machen, und tut bis zur Selbstverleugnung alles, um seine Geliebte nicht zu verlieren. Doch Marie-Claires Lebenslust, überhaupt ihr Anderssein, empfindet er zunehmend als Provokation. Immer mehr Unausgesprochenes staut sich zwischen ihnen an, und schliesslich findet keine echte Kommunikation mehr statt.

Anhand alltäglicher Kleinigkeiten schildert Habib Selmi verblüffend ehrlich die komplexe Beziehung zwischen Mann und Frau aus unterschiedlichen Kulturkreisen und widerlegt mit der Figur des feinfühligen, unaufdringlichen Machfûdh das westliche Klischee vom dominanten arabischen Mann.

Pressestimmen

Habib Selmi schildert mit leisem Humor, wie sich eine aufgeweckte Französin und ein wortkarger Tunesier allmählich entlieben.
— Die Presse am Sonntag