LENOS
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LP 209
www.lenos.ch
Lina Bögli
Immer vorwärts
Die Reise nach Japan, Korea und China
1910 1913
Herausgegeben von Beat Hugi
Mit einer Biographie von Elisa Strub
und einem Nachwort von Hans Kaspar Schiesser
Lenos Verlag
Erstmals 1915 im Verlag Huber & Co., Frauenfeld, erschienen.
Der Verlag dankt dem Zentrum Lina Bögli im Kornhaus Herzogen-
buchsee (www.lina-boegli.ch) und dem Verein Pro Amiet-Hesse-Weg
(www.amiet-hesse-weg.ch) für die Unterstützung und Kooperation bei
der Erstellung dieser Neuausgabe.
Der Lenos Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Struk-
turbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
LP 209
Durchgesehene und erweiterte Neuausgabe
Erste Auflage 2019
Copyright © 2019 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagabbildungen: Lina Bögli, 1895; A General Map of the World,
or Terraqueous Globe (), by Samuel Dunn. London: Laurie & Whittle,
12
th
May 1794; Sprachlehrerin Lina Bögli, umrahmt von Schülerinnen
in Japan
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 809 1
Inhalt
1910
I. Friedrichshafen am Bodensee, 6. September 9
II. Im transsibirischen Zug zwischen Omsk und Irkutsk,
19. September 12
III. Im transsibirischen Zug zwischen Irkutsk und Wladiwostok,
24. September 17
IV. Hotel Zuruga, Zuruga, 26. September 20
V. Tokio, 2. Oktober 23
VI. Tokio, 5. Oktober 29
VII. Tokio, 16. Oktober 33
VIII. Tokio, 28. Oktober 38
IX. Nikko, 2. November 44
X. Tokio, 4. November 49
XI. Tokio, 16. November 54
XII. Tokio, 20. November 57
XIII. Tokio, 25. November 61
XIV. Tokio, 4. Dezember 63
XV. Tokio, 12. Dezember 67
XVI. Tokio, 26. Dezember 70
1911
XVII. Tokio, 8. Januar 74
XVIII. Tokio, 20. Januar 79
XIX. Tokio, 7. Februar 82
XX. Tokio, 21. Februar 86
XXI. Tokio, 3. rz 91
XXII. Tokio, 29. rz 94
XXIII. Tokio, 9. April 99
XXIV. Tokio, 21. April 102
XXV. Tokio, 5. Mai 106
XXVI. Tokio, 11. Mai 111
XXVII. Tokio, 24. Mai 114
XXVIII. Tokio, 1. Juni 118
XXIX. Tokio, 22. Juni 121
XXX. Tokio, 7. Juli 124
XXXI. Kamakura, 27. Juli 127
XXXII. Morioka, 31. Juli 131
XXXIII. Morioka, 8. August 137
XXXIV. Tomioka, 19. August 141
XXXV. Hakonedorf, 25. August 144
XXXVI. Sumiyoshi, 6. September 147
XXXVII. Tokio, 9. Oktober 153
XXXVIII. Tokio, 15. Oktober 156
XXXIX. Tokio, 17. Oktober 160
XL. Tokio, 3. November 163
XLI. Tokio, 12. November 166
XLII. Tokio, 28. November 171
XLIII. Tokio, 3. Dezember 175
XLIV. Tokio, Weihnachten 178
1912
XLV. Tokio, 1. Januar 182
XLVI. Tokio, 20. Januar 185
XLVII. Tokio, 5. Februar 188
XLVIII. Tokio, 26. Februar 192
XLIX. Tokio, 22. März 195
L. Tokio, 4. April 197
LI. Tokio, 13. April 200
LII. Tokio, 28. April 203
LIII. Tokio, 13. Mai 209
LIV. Tokio, 25. Juni 212
LV. Kyoto, 17. Juli 216
LVI. Nara, 22. Juli 220
LVII. Sumiyoshi, 30. Juli 222
LVIII. Sumiyoshi, 15. August 225
LIX. Fusan, 6. September 228
LX. Sontag-Hotel, Seoul, 8. September 233
LXI. Seoul, 11. September 237
LXII. Mukden, 12. September 242
LXIII. Shanhaikwan, 14. September 247
LXIV. Peking, 15. September 250
LXV. Peking, 16. September 255
LXVI. Peking, 17. September 258
LXVII. Tientsin, 18. September 262
LXVIII. Tsingtau, 21. September 265
LXIX. Shanghai, 28. September 268
LXX. Nanking, 15. Oktober 273
LXXI. Nanking, 26. Oktober 276
LXXII. Nanking, 3. November 281
LXXIII. Nanking, 17. November 285
LXXIV. Nanking, 2. Dezember 288
LXXV. An Bord des Dampfers «Kiang Yu» im Yangtse Kiang,
22. Dezember 292
1913
LXXVI. Hankau, 1. Januar 298
LXXVII. Nanking, 7. Januar 301
LXXVIII. Nanking, 15. Januar 304
LXXIX. Nanking, 26. Januar 307
LXXX. Nanking, 6. Februar 310
LXXXI. Nanking, 27. Februar 313
LXXXII. Nanking, 7. rz 318
LXXXIII. Nanking, 23. rz 321
LXXXIV. Nanking, 8. April 324
LXXXV. Yangchau, 23. April 328
LXXXVI. Yangchau, 27. April 332
LXXXVII. Nanking, 17. Mai 337
LXXXVIII. An Bord des «Kamo Maru» vor Shanghai, 30. Mai 341
LXXXIX. An Bord des «Kamo Mar vor Hongkong, 3. Juni 348
XC. Singapur, 10. Juni 352
XCI. An Bord des «Kamo Mar vor Colombo, 20. Juni 357
XCII. An Bord des «Kamo Maru» im Mittelmeer, 4. Juli 361
XCIII. Herzogenbuchsee, 12. Juli 367
XCIV. Friedrichshafen am Bodensee, 7. September 370
Fotos 373
Elisa Strub: Lina gli (1858–1941). Ein reiches Frauenleben 385
Hans Kaspar Schiesser: Von guten und von bösen Mädchen 433
Dank des Herausgebers 441
9
I.
Friedrichshafen am Bodensee, 6. September 1910
An all meine lieben Freunde!
Seit dem Erscheinen meines Buches Vorwärts
*
habe ich
unzählige Anfragen erhalten, ob nicht eine Fortsetzung fol
-
gen werde. Viele meiner Leser baten mich sogar, mein Le-
ben nach der Weltreise auch in Vorwärtsform zu erzählen.
All diese Fragen habe ich bisher immer mit einem Nein be
-
antworten müssen, erstens weil ich, eine vielgeplagte Lehre-
rin, keine Zeit zum Schriftstellern hatte, zweitens weil ich
keinen Stoff zur Bearbeitung hatte. Das Leben einer Insti
-
tutslehrerin ist so einförmig, dass ich darüber absolut nichts
Neues zu sagen sste. Wohl habe ich während der drei
Jahre meines Aufenthaltes am schönen Bodensee ein epo
-
chemachendes Ereignis mit durchlebt, die ersten Aufflüge
der Zeppelinluftschiffe; aber dieses zu beschreiben, dazu
waren würdigere Federn da als die meine.
Heute aber wage ich mich wieder aus meinem Schnek
-
kenhäuschen heraus; denn ich habe mich ganz ptzlich
wie das so meine Art ist entschlossen, eine Reise nach
dem Orient zu machen.
Vor ungefähr vierzehn Tagen, als ich eines Abends müde
und abgespannt über einer Karte von Asien sass, um – mich
auf meine nächste Geschichtsstunde vorbereitend die
Kriegszüge Alexanders von Mazedonien in Kleinasien und
Indien zu verfolgen, kam es mir auf einmal zum Bewusst
-
* Zuletzt 2006 unter dem Titel Talofa. In zehn Jahren um die Welt im
Lenos Verlag erschienen. (d. Hrsg.)
10
sein, wie wenig ich von diesem grossen asiatischen Konti-
nent gesehen hatte. Sogleich wurde dann narlich auch der
Wunsch in mir reif, das Versäumte nachzuholen, und mit
dem Bleistift, den ich gespitzt hatte, um die Alexander
-
schlachten zu notieren, zog ich eine Rundreiselinie durch
und um Asien: Berlin–Moskau–Sibirien–Wladiwostok
Japan und von da über China und Indien nach Europa zu
-
rück. Ja, dieser Plan schien mir der Ausführung wert. Was
wohl eine Reise nach Japan kosten würde? war die chste
meiner Gedankenfragen. Neben mir auf dem Tisch lagen
alle tigen Schreibmaterialien; es war daher keine An
-
strengung, eine Postkarte zu nehmen, einige Zeilen darauf
zu werfen und sie an das Reisebureau von Thomas Cook in
Berlin zu adressieren. Wenn der ganze Spass nicht mehr als
2000 Mark kostet so viel könnte ich nämlich leicht üs
-
sigmachen , so wird gereist! In Japan werde ich mir dann
die Mittel zur Rückreise durch Unterrichten verdienen, wie
ich dies auf meiner Reise um die Welt getan hatte.
Die erste Antwort Cooks war ziemlich entmutigend;
denn er schickte mir nur die Preise der ersten Klasse,
wonach das Billet von Berlin bis Tokio allein über 1000
Mark kosten würde, ohne Schlafwagenplatz und ohne Ver
-
köstigung, was auch noch eine schöne Summe ausmachen
würde. Mir muss aber von den 2000 Mark, die ich auf diese
Reise verwenden kann, noch so viel übrigbleiben, dass ich
davon leben kann, bis ich eine Stelle oder Stunden gefunden
habe. Ich schrieb daraufhin an eine gute Freundin in Mün
-
chen, die Gattin des japanischen Konsuls dort, welche viel
mit Japanern verkehrt und daher vielleicht wissen wird, wie
solche Sterbliche reisen, die sich nicht den Luxuszug leisten
11
nnen. Sie schrieb mir dann auch sogleich, dass es eine
zweite Klasse gebe auf den transsibirischen Zügen, dass die
-
selbe von 500 bis 600 Mark koste, wozu noch etwa 200
Mark r einen Schlafwagenplatz und die Mahlzeiten im
Speisewagen zu rechnen wären. Wer aber besonders spar
-
sam reisen wolle, nne sich mit einer Teemaschine und
einem Proviantkorb versehen und ganz gut durchkommen,
ohne die teuren Mahlzeiten im Speisewagen. Auf die Selbst
-
verköstigung auf einer zweiwöchentlichen Eisenbahnreise
verzichte ich aber, solang ich nicht absolut dazu gezwun
-
gen bin. Ich schrieb nun wieder an Cook und gab ihm zu
verstehen, dass ich eine bescheidene Reisende sei, die sich
mit der zweiten Klasse begnüge, wenn es eine solche gebe.
Seine Antwort bestätigte alles, was mir meine Freundin ge
-
schrieben hatte, und so bestellte ich mit umgehender Post
mein Billet für den ersten Zug, der nach dem Achten dieses
Monats von Berlin abfährt. Es gibt mlich wöchentlich
nur einen Zug der transsibirischen Schlafwagengesellschaft,
und wir haben erst am Achten Schulschluss. Mein Bil
-
let ist schon da; es lautet für den Zlften Berlin ab. Da
ich aber auf dem Weg dorthin noch einige Besuche machen
möchte, reise ich schon morgen. Von elf bis zwölf habe ich
meine letzte Stunde zu geben, und um drei Uhr geht es
nach dem Fernen Osten! Diesmal verspreche ich mir aber
nicht, die Reise auf zehn Jahre auszudehnen, sondern hoffe
den Kreislauf um Asien in nicht mehr als drei Jahren zu
vollenden. gen meine guten Geister, die mich auf meiner
Weltreise so treulich beschützt haben, mich auch auf mei
-
ner Orientreise begleiten!
12
II.
Im transsibirischen Zug zwischen Omsk und Irkutsk,
19. September 1910
Wir sind mitten in Sibirien, in dem Sibirien, das ich mir,
seit ich denken kann, so grässlich dachte und das in Wirk
-
lichkeit gar nicht so schrecklich ist. Bis Omsk war zwar die
Gegend sehr monoton und eben; aber die Ebene hat auch
ihre Schönheiten. Wir hatten gestern einen Sonnenunter
-
gang, wie ich einen schönern noch nie gesehen. Das Wetter
war während der ganzen Fahrt von Moskau pchtig, und
alles geht so viel besser, als ich nach dem ungemütlichen
Anfang der Reise zu hoffen wagte. Eine ungemütlichere
Reise, als die von Berlin nach Moskau war, kann man sich
nämlich kaum denken. Dies ist die Zeit, in der die Rus
-
sen von ihrer Sommerfrische zurückkehren, und so war von
Berlin aus nicht nur jeder Platz besetzt, sondern auch die
Korridore waren voller Leute. In unserer Abteilung, die für
sechs Personen berechnet war, waren deren sieben, darun
-
ter zwei Kinder, die bekanntlich nachts mehr Platz einneh-
men als Erwachsene. Was da gewütet und geflucht wurde,
ist unbeschreiblich! Aber leider ging alles an die falsche
Adresse, nämlich an die armen Kondukteure, statt an die
Bahnverwaltung. Um zwei Uhr in der Nacht kam die eben
-
falls sehr unangenehme Unterbrechung der Zollrevision in
Alexandrowo. War das eine Komödie! Aber eine Ko
-
die, wo nicht gelacht wurde! Man denke sich einen gros-
sen, scheunenartigen Raum vollgestopft von Menschen, die
meist wahre Berge von Gepäck um sich herum aufgetürmt
13
hatten die Russen reisen nämlich mit unglaublich viel
Gepäck –, und ein halbes Dutzend Zollrevisoren, die durch
die Unmenge von Arbeit in einen Essighumor versetzt wur
-
den, den sie dann natürlich an uns Reisenden ausliessen.
Die Koffer, die man zu Hause mit so viel Sorgfalt gepackt
hatte, damit ja recht viel darin Platz habe, wurden so auf
-
gewühlt und teilweise ausgepackt, dass man nachher die
grösste Mühe hatte, seine Siebensachen wieder einzupacken,
besonders da man sich noch sehr beeilen musste, um nicht
mit Sack und Pack zurückgelassen zu werden. Sein Gross-
geck kann man mlich nur mit revisiertem Pass in der
Hand durchsehen lassen, und bis die Herren Beamten die
Hunderte von Pässen revisiert haben, ist es fast Zeit zum
Einsteigen. Warum nur diese langweilige Passgeschichte?
Nur der harmlose Reisende hat darunter zu leiden; denn der
schlaue Nihilist versteht es ganz gut, mit einem falschen
Pass durchzukommen. Es scheint ein sehr lukrativer Han
-
del mit falschen Pässen getrieben zu werden. Ich habe schon
von dreien meiner mitreisenden Herren gehört, dass ihnen
in Alexandrowo der Pass gestohlen worden sei. Der engli
-
sche Gesandte in Warschau, bei dem sich dann die Herren
neue Pässe holen mussten, habe gesagt, dass das sehr oft
vorkomme. Es sei in Alexandrowo eine ganze organisierte
Diebesbande tig, welche es besonders auf Pässe abgesehen
habe, die dann zu hohen Preisen, oft 500 Rubel und mehr,
an Nihilisten verkauft werden. Englische Pässe sollen be
-
sonders gesucht sein. Jedoch scheinen die Diebe vorsichtig
genug zu sein, nur solchen Engländern die Pässe zu stehlen,
die nicht ein typisches anglosächsisches Gesicht haben. Un
-
sere drei beraubten Mitreisenden sind alle dunkeläugig, mit
14
schwarzem Haar und matter Gesichtsfarbe, die in keinem
Land als Engländer auffallen würden.
Wenn ich gehofft hatte, dass in Warschau das Gedränge
im Zug etwas nachlassen würde, hatte ich mich sehr geirrt;
es schien alles nach Moskau reisen zu wollen, und zwar zwei
-
ter Klasse, obwohl die in Russland viel zu wünschen übrig-
lässt. Die Nacht, die auf den unerquicklichen Tag folgte,
war fast nicht zum Aushalten! Tagsüber hatte man auch
nicht viel Schönes zu sehen; denn die Strecke Warschau–
Moskau zeichnet sich nur durch ihre Traurigkeit aus. Alles
ist eben, so weit das Auge reicht, und meist eine baumlose
Ebene mit hie und da einem Dörfchen aus lauter Lehmhüt
-
ten bestehend, das sich von der grauen Ebene kaum abhebt
und von einer gewissen Entfernung mehr einer Maulwurfs-
als einer Menschenansiedlung ähnlich sieht. Über diesen
elenden menschlichen Wohnungen ragt gewöhnlich eine
Kirche mit protzenhaft vergoldeter Kuppel. Dieser Abstand
zwischen Elend und Pracht ist kein wohltuender Anblick!
Von Moskau habe ich wenig gesehen; nur eine mehr
-
stündige Fiakerfahrt durch die Stadt machte ich, wobei ich
denselben traurigen Eindruck erhielt, den schon das Land
auf mich gemacht hat: zuviel Reichtum auf der einen Seite,
zuviel Armut auf der andern; hier prachtvolle Kirchen und
Paläste und dicht daneben elende Hütten, schmutzige Stras
-
sen und unendlich armselig aussehende Menschen! Hätte
ich den Kreml in einer würdigeren Umgebung gesehen, so
würden mich seine Pracht und Schönheit entzückt haben;
aber so stimmte er mich nur traurig.
Um 11 Uhr abends am 14. September bestieg ich mit
bangem Herzen einen Schlafwagen zweiter Klasse des trans
-
15
sibirischen Zuges; denn ich hielt es fast für unglich, noch
zehn oder elf solche Nächte durchzuleben wie die zwei zwi
-
schen Berlin und Moskau. Gcklicherweise wurde ich an-
genehm enttäuscht; die Abteilungen sind geräumig und von
einer tadellosen Sauberkeit. Die grössern Abteilungen sind
r je vier Personen berechnet, die kleinern für zwei. Der
Zug ist bis auf den letzten Platz besetzt, und zwei Russin
-
nen aus der Krim, die sich eingebildet hatten, man könne
da, wie bei andern gen, immer noch einen Platz bekom
-
men, wurden trotz ihrer Bitten und Tränen zurückgelassen.
Wir sind in unserer Abteilung vier Personen, die vier ver
-
schiedene Nationalitäten vertreten; da ist eine Engländerin,
die als Missionarin nach Japan geht; eine junge Schwedin,
die nach China geht, um sich dort mit einem Landsmann zu
verheiraten; eine Spanierin aus Manila, die nach einer Euro
-
patour in ihre Heimat zurückkehrt, und ich, eine Schwei-
zerin aus dem Bernbiet, die der Ungewiss heit in Japan
entgegengeht. Am meisten habe ich mich der Engländerin
angeschlossen, mit welcher ich gleich ein Kompaniegescft
geschlossen habe. Wir brauen uns den Nachmittagstee ge
-
meinschaftlich im Kupee. Einen Tag kaufe ich das Wasser
zehn Kopeken für einen Teekessel voll , und am andern
Tag tut sie es. Glücklicherweise habe ich mich in Berlin mit
einer Teemaschine und einem vollen Proviantkorb versehen,
der mir jetzt gut zustatten kommt; das Teebrauen und Ku
-
chenessen in angenehmer Gesellschaft vertreibt die Zeit und
erspart uns manchen Pfennig; denn die Mahlzeiten im Spei
-
sewagen sind natürlich nicht billig. Frühstück, bestehend
aus Tee oder Kaffee, Brot und Butter, eine Mark zwanzig
Pfennig, Gabelfrühstück drei Mark zwanzig und Diner vier
16
Mark. Extras sind horrend teuer, sogar das Obst. Ein Apfel
oder eine Birne kostet eine Mark!
Samstag früh, den 17. kamen wir in Tscheljabinsk,
welches Asien von Europa trennt, an. Die einzige schöne
Strecke auf unserer ganzen Reise war zwischen Onfa und
Tscheljabinsk durch den Ural; leider fuhren wir aber den
grössten Teil bei Nacht. Die Gegend diesseits des Ural ist
den russischen Gegenden sehr ähnlich; wieder alles nur
Ebene mit baumlosen Dörfern; aber diese Dörfer sehen be
-
deutend besser aus als in Russland.
Sonntags in der Früh sind wir in Omsk angekommen.
Ich erwachte gerade noch zur Zeit, um diese grosse sibi
-
rische Stadt, die 94 000 Einwohner haben soll, durchs
Wagenfenster anzusehen, sah aber nichts Besonderes: eine
ungeheure Ebene, niedrige Holzhäuser und mächtige drei
-
kupplige Kirchen, die aber weniger goldstrotzend sind als
in Russland. Am 19. abends kamen wir nach Kriwosch-
tschokowo am Ob, wieder eine Holzstadt; aber der Ob ist
ein chtiger Strom, schon hier breiter als der Rhein und
die Donau zusammen. Nach dem Ob nimmt die Land
-
schaft einen ganz andern Charakter an; die Steppe hört auf;
nicht selten kommt man an einem gel vorbei, und vor
unseren Blicken erstrecken sich grosse Birkenwälder, welche
in ihrer jetzigen Herbstfärbung ganz wunderschön ausse
-
hen. Von Krasnojarsk aus, wo wir gestern abend ankamen,
sieht man in der Ferne die Kette des Altaigebirges; hier ist
die Landschaft oft fast grossartig. Morgen früh hoffen wir
in Irkutsk, am Baikalsee, anzukommen. Dort hört dann das
eigentliche Sibirien auf, und die Mandschurei fängt an. Für
mich fängt eigentlich erst morgen Asien an. Wir müssen
17
in Irkutsk umsteigen, und dieser Zug, der r mich immer
noch ein Stück Europa repräsentiert, fährt nach Moskau zu
-
rück; ihm vertraue ich meine Grüsse an die lieben Freunde
in der Heimat an.
III.
Im transsibirischen Zug zwischen Irkutsk und Wladiwostok,
24. September 1910
Irkutsk, wo wir am 21. ankamen, sieht euroischer aus als
irgendeine Stadt, die ich bisher auf der Reise durch Sibirien
gesehen habe; sie ist nicht nur ein grosses lzernes Dorf,
sondern man sieht wirklich ganz imposante Gebäude. Auch
soll Irkutsk die intellektuelle Metropolis von Sibirien sein;
ein Vorzug, den es den politischen Verbannten zu verdan
-
ken hat, welche hier wissenschaftliche Gesellschaften ge-
gründet haben. In Irkutsk mussten wir umsteigen, was wir
alle sehr ungern taten, weil wir uns einbildeten, dass mit
dem europäischen Zug auch europäischer Komfort auf
-
ren rde; doch wurden wir wieder angenehm enttäuscht;
denn die Abteilungen in diesem mandschurischen Zug sind
viel grösser und bequemer als im andern. Auffallend ist es
mir auch, dass alle Kondukteure ganz ordentlich Deutsch
sprechen, während die andern nur Russisch konnten. Statt
mich mehr in Asien zu hlen als vorher, habe ich im Ge
-
genteil mehr das Gefühl, als ob ich mich wieder Europa
nähere. Diese Illusion wird noch verstärkt, wenn ich zum
18
Wagenfenster hinaussehe. Die ganze Landschaft nimmt ei-
nen mehr europäischen Charakter an. Wir fahren dem im-
posanten Angarafluss entlang; in nicht allzu grosser Ferne
sieht man die Chamankaberge, von denen die höchsten
schon Schneehauben haben. Wären nicht die mongolischen
Menschentypen, die ich der Bahn entlang sehe, nnte ich
mich beinahe in der Heimat glauben.
Um 8 Uhr kamen wir am Baikalsee an. Hier fängt die
Natur an wahrhaft grossartig zu werden. Der Baikalsee, ei
-
ner der grössten Seen der Welt, ist ganz von Bergen um-
geben. Der Zug fährt stundenlang dem See entlang durch
nicht weniger als 54 Tunnels und Galerien, die mich nicht
selten an die Axenstrasse bei Luzern erinnerten; sonst aber
wird man mehr an die Riviera oder Italien erinnert. Der
See, der einem Meer ähnlich ist, da man das entgegen-
gesetzte Ufer nicht sieht, ist so wunderbar tiefblau, wie man
das Wasser selbst in Italien selten sieht. Statt mit Orangen-
und Olivenbäumen sind hier die Hügel und Berge mit Bir
-
kenwäldern bedeckt, welche in ihrer gegenwärtigen bunten
Herbstfärbung ungleich schöner aussehen als die graugrü
-
nen Olivenwälder der Riviera. Früher hatte man die ge
auf Schiffen über den See befördert, was nur zwei Stunden
dauerte; aber da das Verfahren zu teuer kam und überdies
oft durch Stürme unglich gemacht wurde, hat man die
Bahn um die Südspitze des Sees gebaut.
Am 22. gegen Mitternacht sind wir in Mandschuria an
-
gekommen, wo wir wieder unsere Pässe vorweisen und un-
ser Gepäck durchsehen lassen mussten. Wir sind nun auf
chinesischem Gebiet. Wieder ändert sich die Landschaft;
wir fahren durch die weite mandschurische Steppe, an

Lina Bögli
Immer vorwärts

Die Reise nach Japan, Korea und China 1910–1913

Herausgegeben von Beat Hugi
Mit der Biographie »Lina Bögli – Ein reiches Frauenleben« von Elisa Strub und einem Nachwort von Hans Kaspar Schiesser


LP 209
Paperback
ISBN 978-3-85787-809-1
Seiten 441
Erschienen 17. September 2019
€ 22.00 / Fr. 28.00

Ausgaben
Paperback (2019)
Sie kam aus einfachen Verhältnissen und wurde die erste grosse Reiseschriftstellerin der Schweiz.

Sie war die Tochter eines Kleinbauern aus dem Bernbiet und wurde die erste Reiseschriftstellerin der Schweiz: Lina Bögli, geboren 1858. Ihre zweite grosse Reise führte sie 1910–1913 nach Japan, Korea und China. Lina Bögli fuhr mit wenig Erspartem los und schlug sich in Tokio als Sprachlehrerin durch. Sie liess sich Sitten und Bräuche erklären, besuchte eine Parlamentssitzung, sah den japanischen Kaiser und folgte Einladungen zu Hoffesten und Militärparaden. China wiederum bereiste sie in einer turbulenten Zeit: Wenige Monate zuvor hatte der letzte Kaiser abgedankt, und die noch junge Republik war politisch instabil.
Lina Böglis Beschreibungen aus jenen vergangenen Tagen, eine kuriose Mischung aus Neugier, Mut und Witz, sind ein charmantes und wichtiges Dokument früher weiblicher Weltläufigkeit.

Pressestimmen

Ihre Reiseeindrücke zeugen von journalistischem Talent und scharfer Beobachtungsgabe.
— Der Bund