LENOS
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Lenos Verlag
Kaouther Adimi
Dezemberkids
Roman
Aus dem Französischen übersetzt
und mit einem Nachwort versehen
von Regina Keil-Sagawe
Die Übersetzerin
Regina Keil-Sagawe, geboren 1957 in Bochum, arbeitete nach ihrem
Studium der Romanistik und der Germanistik als Universitätsdozen-
tin und Kulturjournalistin. Seit rund dreissig Jahren übersetzt sie ma-
ghrebinische Belletristik, u. a. von Mahi Binebine, Boualem Sansal,
Yasmina Khadra, Azouz Begag, Leïla Marouane, Albert Memmi, Driss
Chraïbi, Cécile Oumhani und Youssouf Amine Elalamy; Lyrik u. a.
von Habib Tengour und Mohammed Dib. Als Mitglied der Weltlese-
bühne e. V. organisiert und moderiert Regina Keil-Sagawe Überset-
zungslesungen und leitet Workshops zu literarischen Übersetzungen.
Sie lebt in Heidelberg.
Die Übersetzung aus dem Französischen wurde vom SüdKulturFonds
in Zusammenarbeit mit Litprom e. V. Literaturen der Welt unter-
stützt.
Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des franzö-
sischen Aussenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der
französischen Botschaft in Berlin.
Der Lenos Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Struk-
turbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Titel der französischen Originalausgabe:
Les petits de Décembre
Copyright © 2019 by Editions du Seuil
Erste Auflage 2020
Copyright © der deutschen Übersetzung
2020 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: Hibiki Nakata / Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 000 4
Für Koteb, eines von den Kids.
Der Junge suchte.
Nach einem Weg, kaum angedeutet.
Tastend kam er voran.
Da verlor sich der Pfad.
Im Regen ertränkt.
Und der Regen, er fiel.
Mohammed Dib,
L’Enfant-jazz
PLAN DER CITÉ DU 11-DÉCEMBRE-1960
IN DELY BRAHIM, ALGIER
Haus
Mohamed
Haus
Scherif
Wasser-
turm
Haus
Dschamil
Haus
Mahdi
Haus
Ines
Bolzplatz
Zufahrt zur Cité du
11-Déc
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Algier im Februar. Sturmböen, Nieselregen, sinkende
Temperaturen. Die Stadt ertrinkt, ertränkt ihre Einwoh-
ner gleich mit. Überall Schlamm, man hat Mühe zu lau-
fen. Zögert, ob man überhaupt aus dem Haus gehen soll,
nie ist man warm genug angezogen. In den Bussen ist es
eisig, die Klassentüren knallen im Luftzug, weil die Fens-
terscheiben zerbrochen sind, und die auf den Terrassen
ausgespannten Laken sind wasserdurchtränkt.
Der Himmel verhangen, mit Wolken grau und schwer
vom Regen, der schon bald so manche Stadt im Land
überfluten wird. In den Bäumen ein Knacken und Knar-
ren, das die Passanten in Angst versetzt. Die Vögel ver-
stummt. Patschnass kehren die Kinder von der Schule
zurück, mit schlammverschmiertem Schuhwerk.
Im Stadtzentrum kommen die Autos nur mühsam
voran. Die Polizisten haben durchsichtige Regenmäntel
über ihre blauen Uniformen gestreift. Sie versuchen, den
Verkehr in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken. Aber
sind sie wirklich zu etwas nutze? Sind sie hilfreicher als
eine gewöhnliche Ampel? An der Antwort ist nichts zu
deuteln, hundert Prozent der Algerier glauben, dass die
Polizei das heillose Verkehrschaos in der Weissen Stadt
eher verursacht denn behebt. Das wissen auch die Poli-
zisten, deshalb sind sie ständig leicht gereizt. Zur Ver-
Haus
Mohamed
Haus
Scherif
Wasser-
turm
Haus
Dschamil
Haus
Mahdi
Haus
Ines
Bolzplatz
Zufahrt zur Cité du
11-Déc
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kehrsregelung versetzt zu werden gilt als Strafe, als De-
mütigung. Der unbedeutendste Vorgesetzte kann seinen
Untergebenen beim geringsten Verdruss dazu verdon-
nern, sich wochenlang an einem Kreisel die Beine in den
Bauch zu stehen, mitten im Winter oder im Hochsom-
mer bei drückender Hitze.
Auf Höhe der Schlucht der Wilden Frau hat sich eine
riesige Schlange gebildet. Die Autofahrer sind nervös. Es
wird geflucht, was das Zeug hält. Man kommt nur milli-
meterweise voran. Auf dem Rücksitz halten die Kinder
durch die beschlagenen Scheiben hindurch Ausschau nach
dieser berühmten Wilden Frau, die sie so fasziniert. Im
19. Jahrhundert soll sie hier mit ihren zwei Kindern ge-
lebt haben, die sie nach dem Tod ihres Mannes alleine auf-
zog. Eines Tages, als besonders schönes Wetter war, brach
die kleine Familie zum Picknick in das Wäldchen am
Oued Kniss auf. Die Kinder trieben sich gar zu gern dort
herum. Sie wussten, sie durften sich nicht in die Nähe der
hochgefährlichen Schlucht begeben, aber es waren keine
sehr artigen Kinder, sie tobten gern und balgten herum.
Die Mutter, erschöpft, hielt kurz im Schatten eines Baums
Siesta. Als sie aufwachte, waren die Kinder weg!
Nachbarn, Freunde, Gendarmen suchten die ganze
Gegend ab. Bei Einbruch der Nacht unterbrach man die
Suche. Die Mutter weigerte sich, nach Hause zu gehen,
schrie sich weiter die Seele nach ihren lieben Kleinen aus
dem Leib. Und verlor den Verstand. Niemand vermochte
sie je dazu zu bewegen, den Wald zu verlassen.
Man erzählt sich, dass man sie an manchen Abenden
noch immer sehen kann, am Rande der Schlucht. Wer
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sie erblickt hat, der schwört, dass sie in Lumpen gehüllt
durchs Ruisseau-Viertel irrt. Man muss auf der Hut sein,
darf sich ihr nur auf Zehenspitzen nähern, denn sobald
sie einen entdeckt oder das leiseste Geräusch vernimmt,
flüchtet sie hinter dichtes Gestrüpp.
Die Regentropfen, die um die Wette über die Wagen-
scheiben rinnen, trüben die Sicht; selbst mit weit aufge-
rissenen Augen gelingt es den Kindern nicht, dort die
Silhouette der Wilden Frau zu entdecken. Die Strassen
sind ein einziger Albtraum. Das Gehupe hallt in der all-
gemeinen Gleichgültigkeit wider. Die Fahrzeuge kom-
men nur mühsam voran, und die Fahrer, die entnervt
sind, angespannt und erschöpft, fahren am Ende über
Bürgersteige und Rettungswege.
Ab und zu macht ein Polizist von seiner Trillerpfeife
Gebrauch und rudert heftig mit den Armen, »Los! Los!
Weiterfahren!«, oder er winkt, wenn er gerade schlecht
drauf ist, ihm die Nase eines Fahrers oder Beifahrers nicht
passt, den armen Kerl mit knapper Geste an den Strassen-
rand, was dann noch weitere Staus zur Folge hat. Dann
hebt ein langer Handel an zwischen Fahrer und Polizist,
der nicht selten im Entzug des Führerscheins mündet.
Wenn der arme Teufel einen in der Familie hat, der bei
der Polizei, der Gendarmerie, der Armee oder auch nur
im Rathaus arbeitet, darf er hoffen, ihn schnell zurückzu-
bekommen. Andernfalls wird sein Leben zur Hölle, denn
in Algier ohne Auto voranzukommen ist kaum möglich.
In diesem Februar 2016 hofft man im ganzen Land,
es möge keine verheerenden Überschwemmungen, keine
Toten geben. Hofft, dass die Ernte nicht in den Fluten
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versinkt. Der Regen ist ein Segen Gottes, der Gedanke
ist niemandem fremd, und ein jeder stimmt dem zu, aber
im Lauf der Tage erweist sich dieser Segen als zunehmend
lästig, zäh und beschwerlich.
In manchen Regionen hat der Regen ganze Dörfer
überschwemmt. Die Strassen sind mit Ästen, Schrott,
Blech und Abfall übersät. Die Busse, die sonst die entle-
genen Weiler mit der nächsten Stadt verbinden, müssen
für unbestimmte Zeit den Betrieb einstellen, was die Er-
wachsenen um ihre Arbeit, die Kinder um ihren Schul-
besuch bringt. Aus dem Landesinneren hat das Fernsehen
Bilder von Fahrzeugen übertragen, die von reissenden
Schlammfluten fortgeschwemmt wurden. Die Leute jam-
mern, dass der Staat keine Unterstützung schickt und wie
so wenig Regen das ganze Land lähmen kann, aber kein
Mensch wagt es, allzu lautstark den Regen zu kritisieren.
Er ist das Werk Gottes.
Doch ein wenig Angst hat man schon. Man hat das
Hochwasser des Jahres 2001 nicht vergessen, das das Bab-
el-Oued-Viertel zerstört, fast tausend Todesopfer gefor-
dert und Millionen von Dinar verschlungen hatte. Man-
cher Körper wurde nie wiedergefunden, und die Kinder
von damals, heute junge Erwachsene, hoffen noch immer,
selbst nach so vielen Jahren, auf die Rückkehr von Vater
oder Mutter.
Anstelle von Gräbern Hunderte von Geschichten.
In der Cité du 11-Décembre in Dely Brahim legen
mehrere Männer grosse auseinandergeklappte Pappkar-
tons vor ihren Häusern aus, um einen halbwegs trockenen
Zugang zu haben. Am Vortag war Adila, eine im ganzen
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Viertel bekannte Mudschahida, also eine ehemalige Un-
abhängigkeitskämpferin, im Schlamm ausgerutscht, und
nun tut sie keinen Schritt mehr ohne ihren Gehstock. Das
Rathaus weigert sich trotz der zahlreichen Bürgerpro-
teste, die kleinen Strassen, die zu den Häusern führen, zu
asphaltieren. In ordentlichem Zustand, weil regelmässig
gewartet, sind nur die Strassen zu den Anwesen der Ge-
neräle.
Die Cité du 11-Décembre gibt es seit 1987. Anfangs
umfasste sie 111 Parzellen, auf denen zum Teil schon die
Häuser der einstigen Kolonialherren standen. Man kann
sie leicht unterscheiden: Sie haben nur eine Etage, die
modernen Bauten dagegen zwei oder drei.
Sämtliche Grundstücke wurden an Angehörige der
Armee verkauft, ohne dass man die Siedlung deshalb je
als »Militärsiedlung« bezeichnet hätte. Zu den erwähn-
ten 111 Parzellen kamen später 74 weitere hinzu. In der
Mitte dieses Ensembles, gegenüber dem Haus von Adila,
liegt ein rund anderthalb Hektar grosses Terrain, unter
dem bis zum Jahr 2010 die Gasleitungen verliefen.
Welche Pläne hatten der Stadtplaner, der Architekt
oder der damals zuständige Funktionär wohl für die-
ses grosse Terrain gehabt? Vermutlich wollten sie dort
Bäume pflanzen, ein paar Spielplätze anlegen, dazu Sitz-
bänke und hier und da eine Bahn fürs Pétanque-Spiel
der Rentner. Nichts von all dem geschah, man überliess
es sich selbst. Ebenso wenig wurden die kleinen Stras-
sen asphaltiert, die zu den rund hundert Häusern führen.
Die Stadt weigerte sich zu zahlen, mit der Begründung,
das Verteidigungsministerium habe die Siedlung ja in
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Auftrag gegeben, und dieses machte sich nie die Mühe,
auf die Anfragen einiger Soldaten zu antworten, die, an
Disziplin und Respekt vor der Institution gewöhnt, stets
sehr höfliche Schreiben verfassten, in wenig eindringli-
chem und schon gar nicht drohendem Ton.
Und so blieb das Terrain über Jahre hinweg einfach
Brachland. Hin und wieder liessen sich dort ein paar
streunende Hunde sehen. Doch nie sah man kleine Mäd-
chen beim Seilspringen oder Gummitwisten, nirgendwo
Schaukeln, nirgends Ruheständler, die gemächlich ihre
Pétanque-Kugeln schoben. Nichts als ein dreckiges, an
Regentagen verschlammtes, den Rest des Jahres über
staubtrockenes Gelände voll Geröll und Felsgestein, dazu
loses Gestrüpp, das im Winde trieb, der winters mächtig
wehen konnte, und ein paar herrenlose Mülltonnen.
Eines Tages, vor vielleicht zwanzig Jahren, machte sich
eine Gruppe von Kids daran, das Gelände zu säubern,
Tore zu improvisieren, Grenzen abzustecken und sich ei-
nen Bolzplatz einzurichten. Und seit nunmehr (vielleicht
nicht ganz) zwanzig Jahren wird der Platz von den Kin-
dern und Jugendlichen der Siedlung, aber auch denen aus
dem Viertel und der näheren Umgebung zum Kicken ge-
nutzt, in Zigtausenden von Matchs mittlerweile. Oh, ein
Fussballplatz, wie er im Buche steht, ist es nicht. Den
grünen Rasen, die exakten Linien, die Netze im Tor, all
das kann man vergessen. Auf den ersten Blick sieht er wie
ein Stück Brachland aus. Aber nur auf den ersten Blick.
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Am 2. Februar 2016 preschen zwei vielleicht zehnjährige
Jungs, Dschamil und Mahdi, im strömenden Regen über
die grosse Brache in der Cité du 11-Décembre-1960. Sie
spielen sich den Ball zu und versuchen, nicht auszurut-
schen. Einer der beiden steckt in einem grossen Juven-
tus-T-Shirt, der andere hat ein Trikot der algerischen
Nationalmannschaft über seinen dicken, grässlich krat-
zenden Rollkragenpulli gestreift, in den seine Mutter ihn
gezwängt hat. Sie nähern sich dem hinteren Rand des
Feldes, wo die elfjährige Ines in einem riesigen weissen
T-Shirt mit dem Logo der algerischen Armee in einem
Tor aus Brettern und Backsteinen steht. Ein altes weisses
Bettlaken wurde gespannt, um die Bälle zu halten. Von
ferne, sich im Winde blähend, sieht es aus wie ein grosses
Gespenst.
Ines hört, wie Dschamil und Mahdi sich etwas zurufen,
aber sie ist zu weit weg, um das Geringste zu verstehen,
und das Rauschen des Windes verzerrt ohnehin jeden
Ton.
Die drei Kids sind glücklich über den Dauerregen, der
seit letzter Woche anhält. Ihm ist es zu verdanken, dass
die Jugendlichen das Feld geräumt haben, das sie norma-
lerweise mit ihren Grossturnieren tagelang in Beschlag
nehmen. Für den Moment hat der Regen sie verjagt.
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Sie sitzen zu Hause, im Warmen, vor ihrem Computer.
Ines, Dschamil und Mahdi fürchten weder Regen noch
Schlamm.
Wenn sie spielen, stellen sie sich vor, sie seien auf ei-
nem echten Fussballplatz mit grüner Rasenfläche und
Toren, wie man sie im Fernsehen sieht. Die Erwachse-
nen, die mit ihren Pappkartons zugange sind und ihnen
lächelnd zuschauen, sind ihnen egal. Manche feuern sie
an, noch schneller zu laufen, mit leicht spöttischem Un-
terton. Den Kindern macht das nichts aus, denn sie sind
von einer rasenden Menge umringt, die ihre Vornamen
skandiert: »Mah-di! Mah-di! Dscha-mil! Dscha-mil!
I-nes! I-nes!« Mit dem Ball am Fuss saust Mahdi los, quer
durchs halbe Stadion, ihm wachsen Flügel. Er spielt den
Ball Dschamil zu, der ihn aufnimmt und das Tor anvi-
siert. Jeden Augenblick kann er hinknallen, immer glit-
schiger wird der Schlamm, doch er hält die Balance und
stösst einen kleinen Schrei der Genugtuung aus, als er es
bis kurz vors Tor geschafft hat.
Der Wind legt zu, die Kinder sind klatschnass, doch
komplett ins Spiel vertieft.
Dschamil stoppt jäh, zwei Meter vor Ines, die mit
vorgebeugtem Oberkörper dasteht und die Arme weit
auseinanderreisst. Er zögert. Ines, den Pony mit der
Haarspange nach hinten geklemmt, zieht die Brauen
hoch. Der Regen prasselt. Mahdi brüllt: »Los, mach ’nen
Treffer!« Dschamil versucht, alles auszublenden, das Ge-
räusch der Regentropfen, das Schmatzen seiner Sneakers
im Schlamm, die anfeuernden Zurufe seines Freundes, das
hochkonzentrierte, gerötete Gesicht von Ines, er schliesst
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die Augen, macht sie wieder auf und … schiesst. Auf den
Rängen springen die imaginären Zuschauer mit angehal-
tenem Atem von ihren Sitzen. Mahdi stösst einen gewal-
tigen Schrei aus. Ines schnellt vor und bekommt den Ball
im Flug zu fassen, bevor sie auf die Knie fällt. Sie springt
wieder auf, dreht sich einmal um sich selbst und macht
das Victoryzeichen. Ein strahlendes Lächeln erhellt ihr
braunes Gesicht.
»Oh, verdammt!«, flucht Dschamil.
Auf den imaginären Rängen jubelt die rasende Menge:
»I-nes! I-nes! I-nes!« Kameraschwenk, Nahaufnahme von
Ines, die den Ball an die Brust presst.
Es ist 18 Uhr, und endlich hört es auf zu regnen. Es ist
schon dunkel.
Die Kinder gehen zu Ines nach Hause. Dazu müssen
sie nur das Gelände verlassen und die kleine Strasse über-
queren. Sie öffnen das schmiedeeiserne Gartentor, und
schon stehen sie vor Jasmin und Adila, Ines’ Mutter und
Grossmutter, die regensicher unter einem Vordach vor der
Haustür, einer ganz massiven Holztür, sitzen. Jasmin mit
der Kippe, Adila mit einer Tasse Tee in der Hand, beide
in wattierten Morgenmänteln. Die drei Kids säubern ihre
verschmierten Sneakers auf dem Hof, während die bei-
den Frauen sie gutgelaunt fragen, wie das Spiel gelaufen
ist. Ines erzählt, wie es ihr gelungen ist, den Torschuss
zu verhindern. »Ich war mir so sicher, dass Dschamil in
die rechte Ecke zielen würde, ich weiss nicht, warum, ich
hatte halt so ein Gefühl und hab mich schon ein biss-
chen zur Seite gebeugt, und dann merkte ich im letzten
Moment, dass er nach links linste, und konnte im selben
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Augenblick, in dem er schoss, loshechten und den Ball
abfangen. Die beiden waren ganz grün vor Wut!«
»Waren wir gar nicht!«, protestieren Dschamil und
Mahdi im Chor. Die Frauen lachen und klatschen Ines
Beifall. Adila niest, ein Zeichen, dass sie dringend ins
Haus zurückmuss. Jasmin drückt ihre Zigarette im Ton-
topf vor der Haustür aus und folgt ihrer Mutter nach
drinnen.
Und jetzt ist es Mahdi, der sich über seinen Freund
amüsiert: »Dschamil, du hast vielleicht ein Gesicht ge-
macht, als du gesehen hast, dass Ines den Ball gehalten
hat.«
»Stimmt doch gar nicht! Und ausserdem hab ich nur
mit halber Kraft geschossen.«
»Von wegen«, ruft Ines. »Klar wolltest du den Ball
ins Tor kriegen, dein Gesicht war krebsrot, ausserdem
hast du kurz davor die Augen geschlossen, was sollte das
denn? Hast du gebetet?«
»Jetzt halt aber mal die Luft an!«
Im Wohnzimmer schaltet Adila den Fernseher ein, um
wie jeden Abend die Nachrichten von Canal Algérie zu
sehen. Die Sprecherin, eine grosse Blondine mit knall-
roten Lippen, redet von der baldigen Fertigstellung ei-
ner neuen Sozialsiedlung am Stadtrand. Mit strahlendem
Lächeln verkündet sie, dass bald Tausende von Familien
topmoderne Wohnungen bekommen werden.
Adila wettert: »Und kein Wort davon, wie schwierig
das wird, ohne Auto oder gescheiten Nahverkehr zur Ar-
beit zu kommen? Das ganze Land habt ihr euch einver-
leibt, ihr Ganoven, und jetzt teilt ihr Brosamen aus!«

Kaouther Adimi
Dezemberkids

Roman

Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe


Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-03925-000-4
Seiten 249
Erscheint 5. Oktober 2020
€ 22.00 / Fr. 28.00

Algerische Revolution gestern und heute: der neue Roman der preisgekrönten algerisch-französischen Jungautorin.

Eine Brache in der Cité du 11-Décembre, in der Banlieue von Algier. Die Kinder und Jugendlichen des Viertels haben sie sich erobert. Den Kopf voller Träume, spielen sie dort Fussball, auch wenn der Regen das Areal immer wieder in Schlamm verwandelt. Eines Tages tauchen zwei Generäle mit Bauplänen auf. Sie wollen dort ihre Villen errichten, das Grundstück gehört nun ihnen. Doch den Kindern gelingt es, die Männer fürs Erste zu vertreiben, und schon bald organisieren sie den Widerstand. Anders als ihre resignierten Eltern sind die jungen Menschen nicht willens, sich zu beugen. Die Spannung steigt. Wird der Machtapparat die rebellische Jugend doch noch in die Knie zwingen?

Anhand dieses Konflikts erkundet Kaouther Adimi die algerische Gesellschaft. Sie beleuchtet Korruption und Machtmissbrauch, die Geschichte des Landes, den Kampf gegen die Franzosen und die Islamisten und auch die Lebensrealität der Frauen in den letzten Jahrzehnten. Ein Buch, das Mut macht und Hoffnungen weckt und angesichts des Volksaufstands gegen Expräsident Bouteflika geradezu prophetisch erscheint.

–> litprom.de

Pressestimmen

Hinter den Dezemberkids steht die junge algerische Generation, die sich im Februar 2019 der fünften Amtszeit von Abdelaziz Bouteflika widersetzte.
— L’Express
Eine Hommage an den Mut der algerischen Jugend.
— France Culture