LENOS
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Bull Mountains, Montana. Der vierundzwanzigjährige Wendell
Newman hat vor kurzem seine Mutter verloren, sein Vater Verl ist
seit Jahren verschwunden, nachdem er einen Wildhüter erschossen
hatte. Eines Tages taucht unerwartet der siebenjährige Rowdy bei
ihm auf. Als einziger Verwandter soll Wendell den traumatisierten
Jungen in Obhut nehmen. Auch die Lehrerin Gillian und deren
Tochter Maddy kümmern sich um Rowdy. Wendell ahnt nicht, dass
sie die Familie des Mordopfers sind.
In der Jagdsaison spitzen sich die Ereignisse zu. Wendell und Rowdy
werden in die gewalttätigen Auseinandersetzungen um Land und die
unpopulären Naturschutzgesetze verwickelt. Die verdrängten dunk-
len Geheimnisse zwischen den Familien kommen ans Licht.
Joe Wilkins’ Roman steht in der Tradition grosser Wildwestepen.
In der überwältigenden Weite der einsamen Landschaft ndet ein
verzweifelter Existenzkampf unter verfeindeten Familien statt, deren
Gewalttaten kaum geahndet werden.
Joe Wilkins wurde 1978 auf einer Ranch nördlich der Bull Moun-
tains in Montana geboren, wo er auch aufwuchs. Er studierte Inge-
nieurwesen und kreatives Schreiben. Bisher veröentlichte er zwei
Romane und vier Gedichtbände, ausserdem Essays und Erzählun-
gen in zahlreichen Zeitschriften. Sein Roman Fall Back Down When
I Die wurde 2020 mit dem High Plains Book Award ausgezeich-
net und ist inzwischen ins Französische, Italienische und Spanische
übersetzt worden. Wilkins lebt mit seiner Familie in Oregon, wo er
das Kreativprogramm der Lineld-Universität leitet. joewilkins.org.
Lenos Verlag
Joe Wilkins
Der Stein fällt, wenn ich sterbe
Roman
Aus dem Amerikanischen
von Irma Wehrli
Die Übersetzerin
Irma Wehrli, geboren 1954 in Liestal. Studium der Anglistik, Ger-
manistik und Romanistik. Schwerpunkt ihrer Übersetzungstätigkeit
sind englische und amerikanische Autoren des 19. Jahrhunderts
und der klassischen Moderne (Hardy, Wilde, Kipling, Manseld,
Hawthorne, Whitman, Cather, Wolfe u. a.). Für ihre Übertragung
des Romans Of Time and the River von omas Wolfe wurde ihr
2011 das Zuger Übersetzer-Stipendium zugesprochen, 2017 wurde
ihr die Ehrendoktorwürde der Universität Basel für ihr Gesamtwerk
als Kulturvermittlerin verliehen. Für den Lenos Verlag übersetzte sie
Werke von Julie Otsuka und Leila Aboulela.
Die Übersetzerin und der Verlag danken der Schweizer Kulturstif-
tung Pro Helvetia für die Unterstützung.
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Fall Back Down When I Die
Copyright © 2019 by Joe Wilkins
This edition published by arrangement with Little, Brown and
Company, New York, NY, USA. All rights reserved
Erste Auflage 2023
Copyright © der deutschen Übersetzung
2023 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: Galyna Andrushko / Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 029 5
www.lenos.ch
Für Alexis und Mike
und für alle,
die an entlegenen Orten
bessere Wege suchen
Obwohl es viele Orte, die im Roman genannt werden, wirklich gibt,
hat der Autor auch manche Ortsnamen erfunden und die Merkmale
anderer Orte verfremdet (zum Beispiel was die Geschichte, ihre ge-
naue Lage, die Bevölkerung, das Geschäftsleben oder die Schulen
betrit). Auch bezüglich der Geographie des Ostens Montanas hat
er sich einige Freiheiten genommen. Zum Beispiel hiess es zwar oft,
dass Wölfe aus dem Yellowstone nach Nordosten bis in die Bull
Mountains hinaufgewandert seien, doch dies wurde nie nachgewie-
sen und ist angesichts der Entfernung auch unwahrscheinlich. Hier
hat der Autor die Distanz ignoriert und das Gerücht für bare Münze
genommen. Abschliessend sei festgehalten, dass der Autor für viele
seiner Figuren zwar Namen in abgewandelter Form verwendet hat,
die ihm seit seiner Jugend vertraut sind, jedoch sind die Romangu-
ren alle erfunden, und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist
rein zufällig.
Wenn ich irgendwo heimisch bin,
so bin ich es hier.
Wallace Stegner, Wolf Willow
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Verl
Tag zwei
Nicht hier draussen in dieser ganzen Gegend. Nicht
mal mit euren Quads und Funk und alldem. Nicht mal
dann. Ich sag euch ihr werdet mich nicht nden. Nicht
hier draussen in dieser ganzen Gegend. Ich kann lau-
fen und mich verstecken und laufen und selbst wenn
es einen kurzen Moment gäbe für einen Rückenschuss
auf sechshundert Yard so gehören diese Berge doch mir
ihr gottverdammten verdammten Feiglinge ich sag euch
diese Bull Mountains hier sind mein auf gottverdammt
immer und ewig.
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Wendell
Als der SUV des Nachbarsmädchens die Strasse hinun-
ter verschwand, sah Wendell zu, wie der von den Reifen
hochgewirbelte Staub aufglomm und durch Gold und
Ocker in allen Schattierungen rieselte, und hoch droben
am Abendhimmel ein Perlblau. Erntelicht, Spätaugust-
licht – spärlich, schräg einfallend und körnig. In seinem
Rücken die schon blau angelaufenen, dunklen Berge.
Wendell ging zu seinem Trailer zurück, und die Flie-
gengittertür schlug hinter ihm zu. Er betrachtete den
Jungen, der da auf dem Boden des Wohnzimmers sass
und in ein Ringheft kritzelte, mit so dunklen und har-
ten Strichen, dass sie fast silbrig glänzten. Unvermittelt
klappte der Junge sein Notizheft zu und klemmte sei-
nen Bleistift in die ringförmigen Bügel. Er sah Wendell
direkt an, und seine dunklen Augen waren das Grösste
an ihm.
»Du bist bestimmt hungrig«, sagte Wendell. »Ma-
chen wir uns was zu essen.«
In den vergangenen Erntewochen war er nicht oft zu
Hause gewesen, und obwohl er Rindereintopf oder ein
Chili vorzog, fand er im Schrank nur ein paar Dosen
Nudelsuppe mit Huhn. Wendell sah ein, dass er regel-
mässiger einkaufen musste, nun, da der Junge hier war.
»Sieht so aus, als ob wir die Wahl zwischen Huhn
und Hühnchen hätten, Kumpel.«
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Wendell nahm eine Dose vom Regal, setzte den Ö-
ner an und gab die feste Masse in Schüsseln, dann stellte
er diese in die Mikrowelle und drückte die Knöpfe. Das
Licht war kaputt, aber er hörte das Surren und wusste,
dass das Gerät aufheizte. Der Junge stand wartend da
und kratzte sich an der Wange, dann setzte er sich an
das runde Tischchen in der Trailerküche und baumelte
mit den dünnen Beinen. Sieben Jahre alt und klatsch-
nass vielleicht fünfzig Pfund.
Die Sozialarbeiterin aus Billings, eine ungepegte
Frau mit Hängebacken, hatte den Jungen gestern hier-
hergebracht. Sie hätten ihn ein paar Tage im Kranken-
haus gehabt, sagte sie, nur zur Sicherheit, und hatten
ihn in ein Wohnheim bringen wollen, aber dann fan-
den sie heraus, dass es südlich von Delphia einen Onkel
gebe. Es habe eine Weile gedauert, ihn ausndig zu ma-
chen, aber da seien sie nun, sagte sie, trat beiseite und
winkte dem Jungen. Das war also sein Nee, dieser ma-
gere Kleine mit einer Plastiktüte voller Kleider und ei-
nem Ringheft. Wendell war eben von stundenlanger Ar-
beit auf dem Mähdrescher nach Hause gekommen. Er
hielt seine Hände hoch und erklärte, er sei kein Onkel,
sondern ein Cousin des Jungen. Lacy, die Mutter des
Jungen, habe bei Wendell und seiner Mom Maureen
gelebt, weil ihr Vater als Fischer nach Alaska gegangen
und ihre Mutter, Maureens Schwester, schon Jahre zu-
vor bei einem Autounfall gestorben sei. Als keine Briefe
von ihrem Vater mehr eintrafen, hatte Lacy einfach ei-
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nen Vorhang durch das Zimmer gehängt, das sie mit
Wendell teilte, und war während fast der ganzen High-
schoolzeit bei ihnen geblieben. Ja, Lacy sei wie eine äl-
tere Schwester für ihn gewesen – nur ein Jahr trennte
sie –, aber eigentlich sei sie nur eine Cousine. Dies wolle
er festgehalten haben.
Die Frau nahm es zur Kenntnis, musterte die Key-
stone-Light-Dosen, die auf dem Küchentresen herum-
standen, und fragte dann nach seiner Mutter. Er sah
ihr an, dass sie hote, sie müsse den Jungen nicht in
einem Trailer in den Bull Mountains draussen zurück-
lassen bei einem Mann, der selber noch fast ein Junge
war. Aber Wendell schüttelte den Kopf und erzählte
der Sozialarbeiterin, seine Mutter sei vor rund einem
Jahr gestorben. Die Frau starrte auf seine Arbeitsstiefel,
sein ärmelloses T-Shirt voller Fettecken und Spreu,
das dunkle Erdbraun seiner sonnenverbrannten Arme
und von Gesicht und Nacken und die scharfe weisse
Trennlinie von der Baseballkappe, die er tief in die
Stirn gezogen trug. Wendell kam es so vor, als ob sie
ihn stunden- und tagelang mustere, eine gründliche
und strenge Inspektion, die zu all den übrigen Prüfun-
gen hinzukam. Er hatte es sich nicht ausgesucht, sich
um einen Jungen zu kümmern, so viel stand fest, trotz-
dem lag Wendell daran, dass diese Frau aus Billings ihn
wahrnahm, gut von ihm dachte und fand, er könnte
allenfalls tun, was getan werden musste. Darum fühlte
er sich seltsam erleichtert, als sie schliesslich seufzend
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sagte, es tue ihr leid, das von seiner Mutter zu hören,
sich dann aber beeilte, eine Aktenmappe aus ihrer Ta-
sche zu ziehen und ihm zu erönen, dass der Junge
»entwicklungsgestört« und »in verschiedener Hinsicht
herausgefordert« sei und, was der Hammer war, dass
er kein Wort gesagt habe, seit sie ihn gefunden hatten.
Nach ihrer Erkenntnis sei der Junge über eine Woche
lang allein in jener Wohnung im Süden von Billings
eingesperrt gewesen.
Die Mikrowelle surrte. Der Junge führte beide Hände
an sein Gesicht und begann mit den Fingern auf die ge-
spannte Wangenhaut zu klopfen, was wie ein dumpfes
Trommeln klang. Er war irgendwie schief, dieser Junge,
die Schultern nach rechts gebogen, der Hals lang und
dünn und nach links gestreckt, die Ohren zart und so
breit wie Schmetterlingsügel.
Der Junge trommelte auf seine Wangen, starrte auf
den Tisch und zitterte. Trommelte pausenlos.
»Ich auch, Kumpel. Ich habe auch Hunger
Als die Mikrowelle piepste, önete Wendell die Tür,
packte die Schüsseln und verbrannte sich die Finger. Er
uchte, warf einen Blick auf den Jungen – der immer
noch trommelte – und entschuldigte sich. Dann knüllte
er ein paar Papiertücher zusammen und trug die Schüs-
seln auf diese Weise zum Tisch.
Wendell holte zwei Löel, füllte zwei Wassergläser,
trat einen Schritt zurück und musterte den Tisch.
»Sieht nicht gerade nach viel aus.«
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Er wühlte noch mal in seinen Schränken, fand eine
Packung Salzcracker und legte ein Stück Margarine aus
dem Kühlschrank dazu. Dann setzte er sich und rückte
seinen Stuhl an den Tisch. Lächelte in sich hinein über
seinen guten Einfall.
»Buttercracker, Kumpel. Damit kriegst du was auf
die Rippen.«
Der Junge starrte ihn und dann die Cracker an. Wen-
dell nahm einen, gab einen dicken Klacks Margarine
darauf und reichte ihn dem Jungen.
Bevor seine Mutter diesen Gesundheitstick bekam,
hatte es zu fast jeder Mahlzeit Buttercracker gegeben.
Sie assen Fleisch, Buttercracker, Kartoeln in irgendei-
ner Form, Mixed Pickles und zur Nachspeise Prsiche
oder Birnen in Sirup. Das war in jener traurigen, guten
Zeit, als sie beide allein waren – nachdem sein Alter ver-
schwunden war und vor Lacy.
Der Junge schob sich den Cracker in den Mund, zer-
malmte ihn kurz und gri nach einem zweiten. Wendell
grinste ihm zu.
Eine Weile lang assen sie. Schabende Löel und leise
knackende Cracker. Als er fertig war, sass der Junge
einfach so da und starrte auf seine Schüssel. Wendell
önete eine zweite Dose, gab die Hälfte davon in die
Schüssel des Jungen, machte sie warm und stellte sie vor
ihn hin. Der Junge ass auch diesmal auf und verzehrte
überdies einen zweiten Teller voll Buttercracker. Dann
lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, die Augen nicht

High Plains Book Award

Joe Wilkins
Der Stein fällt, wenn ich sterbe

Roman

Aus dem Amerikanischen von Irma Wehrli


E-Book
ISBN 978-3-03925-707-2
Seiten ca. 373
Erschienen 5. September 2023
€ 18.99

Ein packender Western noir

Bull Mountains, Montana. Zwei Familien sind unheilvoll miteinander verbunden. Der vierundzwanzigjährige Wendell Newman hat vor kurzem seine Mutter verloren, sein Vater Verl ist seit Jahren verschwunden, nachdem er in ohnmächtiger Wut auf den verhassten Staat einen Wildhüter erschossen hatte. Eines Tages taucht unerwartet der siebenjährige Rowdy bei ihm auf. Als einziger Verwandter soll Wendell den traumatisierten Jungen in Obhut nehmen. Auch die Lehrerin Gillian und deren Tochter Maddy kümmern sich um Rowdy. Wendell ahnt nicht, dass sie die Familie des Mordopfers sind.
In der Jagdsaison spitzen sich die Ereignisse zu. Wendell und Rowdy werden in die gewalttätigen Auseinandersetzungen um Land und die unpopulären Naturschutzgesetze verwickelt. Die unüberwindbaren Widersprüche zwischen staatlichen Vorschriften und den traditionellen Besitzansprüchen der Einheimischen führen zu tödlichen Missverständnissen und Selbstjustiz. Die verdrängten dunklen Geheimnisse zwischen den Familien kommen ans Licht.

Joe Wilkins’ Roman steht in der Tradition grosser Wildwestepen. In der überwältigenden Weite der einsamen Landschaft findet ein verzweifelter Existenzkampf unter verfeindeten Familien statt, deren Gewalttaten kaum geahndet werden.

Pressestimmen

Wie er die verschiedenen Stimmen in seinem Roman kunstvoll zusammenführt, damit leistet Joe Wilkins eine kulturelle Übersetzungsarbeit, die selbst widerstrebende Positionen verständlich macht, ohne sie dabei zu verwässern, die geistige Reviere absteckt, aber die Zäune durchlässig hält.
— Katrin Doerksen, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Joe Wilkins gräbt langsam, bedächtig die Abgründe seiner Protagonisten aus und legt neben Gewalt und Alkohol ihre Sehnsüchte, Enttäuschungen, Schmerz und Scham frei, unbeholfene Liebe, die keine Sprache findet.
— Maria Leitner, Buchkultur
Eine direkte und schonungslose Darstellung der Art und Weise, wie Menschen, Land, Politik und Mythen zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts miteinander verwoben sind.
— Split Rock Review
Grossartig, fesselnd … In Wilkins’ poetischer Prosa erscheint das Land selbst wie ein lebendiger Charakter, schön und bedrohlich zugleich.
— High Country News
Wilkins liefert eine an Shakespeare erinnernde Mischung aus Drama und tödlicher Gefahr in einer wunderbar klaren Sprache.
— The Oregonian
Joe Wilkins entfaltet aus poetisch überhöhten Figurenperspektiven ein Drama um Schuld, Sühne und Selbstfindung. … Ein Westernepos, in dem die Grenze zwischen Himmel und Erde verwischt.
— BÜCHERmagazin
Western? Krimi? Unwichtige Definitionsfrage zu einem besonderen Roman. Ein grandioses Werk in bewegender Sprache!
— Hammett Krimibuchhandlung
Ein Roman, in den man hineinfällt, ein literarischer Thriller, ein Western, ein Epos … Naturewriting gepaart mit gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung. Hillbillys gegen Naturschützer, Farmer gegen den Staat, rotes gegen blaues Amerika. … Aber Joe Wilkins klagt nicht an, sondern transportiert das Thema mit viel Empathie und Verständnis für die Menschen.
— Literaturblog Sabine Ibing
Actionliebende Leser*innen kommen voll auf ihre Kosten. Die emotionale Botschaft ist stark und von shakespearescher Dramatik.
— Lust auf Literatur
Joe Wilkins beschreibt langsam, zärtlich und doch voller Wut das harte Leben in den ländlichen USA. Vor grandiosen Naturkulissen … entspannt er sein Panorama von verlorenen Menschen … Ein moderner, poetischer Western, der einen mitreisst, bis hin zu seinem bitteren Ende. Ein grosses Buch.
— Friedrich Röhrer-Ertl, Buchprofile/medienprofile