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Lenos Verlag
Nihad Siris
Ali Hassans Intrige
Roman aus Syrien
Aus dem Arabischen
von Regina Karachouli
Arabische Literatur im Lenos Verlag
Herausgegeben von Hartmut Fähndrich
Die Übersetzerin
Regina Karachouli, geboren 1941 in Zwickau. Studium der Arabistik
und Kulturwissenschaften in Leipzig. Promotion über Dramatik und
Theater in Syrien. Von 1975 bis 2002 Lehr- und Forschungstätigkeit am
Orientalischen Institut der Universität Leipzig. Seit den siebziger Jahren
Übersetzerin litera rischer Werke aus dem Arabischen.
Die Übersetzung aus dem Arabischen wurde unterstützt durch die
Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Latein-
amerika e.V. in Zusammenarbeit mit der Schweizer Kulturstiftung Pro
Helvetia.
Titel der arabischen Originalausgabe:
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Copyright © 2004 by Nihad Siris
Copyright © der deutschen Übersetzung
2008 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto
: Keystone / Sylvain Grandadam
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 398 0
Ali Hassans Intrige
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Es war sehr heiss. Das Laken unter mir war llig durch-
nässt. Ich spürte die Feuchtigkeit, noch bevor ich die Augen
aufschlug. Das Atmen el mir schwer in der drückenden
Hitze, und der Schweiss lief in Rinnsalen meinen Nacken
hinunter. Träge hob ich die Hand und wischte über die
Stelle zwischen Nase und Oberlippe, wo sich wie immer
die feinen Tröpfchen sammelten. Dann drehte ich mich auf
die linke Seite und schaute nach der Wanduhr über dem
Fenster. Gleissend helles Sonnenlicht blendete mich, aber
ich konnte die Zeiger erkennen. Acht Uhr dreissig. Dabei
dröhnte der Lärm auf der Strasse, als wäre es schon Mittag.
Seufzend zog ich mein feuchtes Unterhemd aus. Seufzen
bedeutet, dass ich gereizt bin. Ich ärgerte mich über mich
selbst. Ich hätte mir eben doch einen Ventilator besorgen
sollen. Wie oft hatte ich meine Mutter um Geld angepumpt!
Aber statt dafür einen Ventilator zu kaufen, hatte ich es für
Tabak und Essen ausgegeben. Ich beschloss, einfach liegen-
zubleiben. Nachdem ich mir eine Kanne Wasser über Kopf
und Oberkörper gegossen hatte, hlte ich mich erfrischt.
Dieses Verfahren habe ich von Lama gelernt. Sie tränkt auch
manchmal ein Handtuch mit Wasser und legt es auf mei-
nen nackten Körper. Nach einer kleinen Weile fasst sie das
Tuch von beiden Seiten mit Daumen und Zeigefinger und
zieht es über meine Brust und den Bauch bis hinunter zu
den Füssen. Ich geniesse die belebende Kühle, bevor sich das
nasse Handtuch wieder erwärmt. Meine Lebensgeister erwa-
chen, und Lama geht sofort darauf ein. Oder ich stelle mich
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dumm, als wüsste ich nicht ganz genau, was sie mit diesem
Handtuchspiel bezweckt. Dann schäkert sie mit mir, bis ich
sie doch umarme …
Es war also halb neun. Von draussen drangen chaotische
Geräusche zu mir herein. Unzählige Stimmen erhoben ein
tumultartiges Geschrei, während ein Einpeitscher enthusia-
stische Verse ins Megaphon brüllte, die allerdings nicht zu
verstehen waren. Kurz darauf brach er ab, um einige Anwei-
sungen durchzugeben. Auch diese Sätze verloren sich, weil
im selben Moment Kampflieder aus einem Lautsprecher
dröhnten. Zwischendurch schrien Kinderstimmen unauf-
rlich das eine Wort: »… hoch … hoch …«
Warum hatte ich immer noch keinen Vorhang am Fen-
ster, der meine Augen vor dem grellen Tageslicht schützte?
Warum begnügte ich mich mit einem Stück weissem Pa-
pier, das ich an die Scheibe geklebt hatte? Meine Mutter
hatte mir mehrmals angeboten, eine Gardine zu nähen, ich
brauchte nur das Fenster auszumessen. Ich versprach, mir
ein Meterband zu borgen. Doch wer besass schon so ein Ge-
rät mit Sprungfeder, das die Schiene nach getaner Arbeit
zurückschnipsen lässt? Ich kenne niemanden. Meine Mutter
schlug vor, das Fenster einfach mit einer langen Schnur zu
messen. Aber nicht einmal das habe ich fertiggebracht.
Eines Tages werde ich den cherschrank vors Fenster
schieben, dann habe ich Ruhe vor beidem: dem Radau und
dem Licht.
Lamas Wohnung ist zwar heisser als meine, denn sie hat
nur ein einziges Fenster, und das geht nach Süden, doch da-
r ist ihr Bett breiter und bequemer. Das Bad befindet sich
neben der Küche, am Ende ihres kleinen Apartments, das
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aus zwei Räumen besteht. Das Wohnzimmer ist eigentlich
ein grösserer Durchgangsraum. Auf der einen Seite gelangt
man direkt ins Schlafzimmer mit dem Fenster und auf der
anderen in die Küche und ins Bad.
Meine Wohnung besteht aus drei einzelnen Zimmern,
eins dient zum Schlafen, das zweite zum Arbeiten, und im
dritten empfange ich meine Freunde, wenn sie mich mal
besuchen. Alle Zimmer haben Fenster, und die Küche führt
sogar auf einen kleinen Balkon. Meine Wohnung ist hell
und luftig, trotzdem leide ich unter der Hitze und schwitze
mehr als genug. Schon beim Aufwachen bin ich immer
klatschnass. Mit dem ersten Tageslicht uten Strassenlärm
und Lautsprechergebrüll herein, denn unser Gebäude liegt
an einer Kreuzung mit einigen Moscheen, einem staatlichen
Betrieb und einer Schule. Jedesmal, wenn ich mich bei mei-
ner Mutter über die Hitze und den Radau beklage, entgeg-
net sie, meine Wohnung liege eben in einem Viertel, »das
r sich spricht«. Ich weiss nicht, was diese Kombination
von »Viertel« und »Sprechen« heissen soll. Vielleicht meint
sie, hier sei ein beliebtes und begehrtes Wohngebiet oder ein
Schnittpunkt wichtiger Strassen. Doch in Wahrheit spricht
unser Viertel nicht, es brüllt. Unaufrlich tobt ein fürch-
terlicher Lärm, der mir in den Ohren dröhnt und an meinen
Nerven zerrt.
Lamas Apartment ist viel ruhiger, man nnte es fast
als still bezeichnen. Die Schritte der anderen Hausbewohner
sind kaum zu hören. In ihrer Strasse fahren keine Autos, die
Moscheen liegen weit entfernt, und die Mieter haben keine
Kinder. Bei Lama quietscht nicht einmal das Bett. Was für
eine Wohltat Bei mir müsste ich alle Fenster schliessen,
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um den Lärm wenigstens etwas zu dämpfen. Aber dafür
würde ich im Glutofen des Sommers schmoren.
Ich nschte, Lama wäre hier. Ich würde sie bitten, mit
den Fingerspitzen sachte ein nasses Handtuch über meinen
nackten rper zu ziehen. Doch sie war nicht hier, son-
dern daheim in ihrem eigenen Backofen. Wenn ich bei ihr
übernachte, wundert sie sich, wie schnell ich ins Schwitzen
komme. Von Zeit zu Zeit verschwindet sie im Bad und stellt
sich unter die Dusche. Ohne sich abzutrocknen, kommt sie
zurück und schmiegt sich an mich, um mich zu verführen.
Sie schmollt, weil ich über die Hitze jammere und zu gar
nichts Lust habe, auch nicht zum Kuscheln, und weil ich
bereits im Morgengrauen meine Sachen anziehe und mich
trolle …
Fünf Minuten vor neun, Zeit zum Aufstehen. Ich rap-
pelte mich hoch. In diesem Augenblick schien das Geschrei
draussen ohne ersichtlichen Grund abzuflauen. Ich glaube,
im Liegen ist der Mensch besonders lärmempfindlich. Des-
halb habe ich mir angewöhnt, das Bett gleich nach dem
Aufwachen zu verlassen. Wenn ich erst einmal stehe, bin ich
von meiner häuslichen Umgebung abgelenkt. Ich musterte
das Chaos und meine achtlos hingeworfene Kleidung am
Boden, auf dem Bett, über dem Stuhl. Nach einem kur-
zen Blick in den Spiegel des Kleiderschranks trottete ich
ins Bad. Vorsorglich zog ich die Tür hinter mir zu, denn
nun stieg der Lärmpegel wieder an. Das Bad ist der ruhigste
Raum in meiner Wohnung, man kommt sich vor wie in ei-
ner geschlossenen Truhe. Jedesmal, wenn der Tumult seinen
Höhepunkt erreicht, flüchte ich dorthin. In Lamas Apart-
ment sehne ich mich danach, jemanden atmen zu hören. In
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meiner Wohnung vernehme ich nicht einmal die eigenen
Atemzüge.
Im Bad liess ich wie immer Revue passieren, was ich
am Vortag gemacht hatte. Schon seit einer Weile fühle ich
mich deprimiert, ich schäme mich vor mir selbst, weil ich
überhaupt nichts vollbringe. Der gestrige Tag ist genauso
wie der vorgestrige und der davor und wieder davor, wie
jeder Tag seit Monaten. Ich arbeite nichts mehr. Ich schreibe
nicht, lese nicht, ja ich denke nicht mehr. Die Arbeitsfreude
ist mir seit langem abhanden gekommen. Auch heute sank
meine Laune im Bad auf den Tiefpunkt, denn gestern hatte
ich wieder bloss herumgelungert. Früher war ich gerade-
zu arbeitswütig gewesen, und sei es nur, um mir für den
nächsten Morgen ein Erfolgsgehl zu sichern. Arbeitslust
schafft Erfolgserlebnisse. Lust produziert Lust produziert er-
neut Lust und so fort. Eine Kettenreaktion, in Gang gesetzt
durch Arbeit. Allerdings habe ich keine Ahnung, woher ich
dafür den Brennstoff nehmen soll. Irgendwo, irgendwann
habe ich alles aufgebraucht. Ich weiss nicht, wie ich auftan-
ken nnte. Es gibt für mich keine Möglichkeit. Handeln
gehört der Vergangenheit an, die Gegenwart versinkt in ei-
nem Zustand von Schwermut oder Verdrossenheit, sobald
ich morgens das Bad betrete. Ginge es nach mir, würde ich
einfach weiterschlafen und mir diese tägliche Rechenschafts-
sitzung ersparen. Aber der Krach von draussen zwingt mich
jedesmal, wach zu bleiben.
»Lärm« kommt von »rmen« Ich kenne in unserer
Sprache kein anderes Wort, das so abstossend wäre. »Getöse«
nnte vielleicht eine Alternative sein. Ich schreibe es hin,
als suchte ich nach einer Bezeichnung, die den Tatbestand

Coburger Rückert-Preis

Nihad Siris
Ali Hassans Intrige

Roman aus Syrien

Aus dem Arabischen von Regina Karachouli


Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-398-0
Seiten 176
Erschienen August 2008
€ 16.50 / Fr. 23.80

Der syrische Schriftsteller Nihad Siris schildert – mit ironischen Zwischentönen – eindrucksvoll die Zustände in einem totalitären Staat, in dem die Herrschenden ihre Politik mit Gewalt und einer perfekten Propagandamaschinerie durchsetzen und keinerlei Abweichung dulden.

Schon seit fünf Jahren ist Fathi Schîn, ein bekannter Schriftsteller, mit einem Schreib- und Publikationsverbot belegt. Er gilt als »Abweichler«, als »elender Verräter«, hatte er es doch abgelehnt, in seiner Fernsehsendung einen literarischen Wettbewerb über den Grossen Führer zu veranstalten, was ihn prompt seine Stelle kostete. Das Schreibverbot hätte ihn längst erstickt, gäbe es da nicht seine verwitwete Mutter, die ihn finanziell unterstützt, und vor allem seine Geliebte Lama, eine schöne, kluge und selbstbewusste Frau. Doch die Mächtigen wollen sich nicht mehr mit seinem Schweigen begnügen, sie fordern seine Mitarbeit. Ausgerechnet während der Feierlichkeiten zum zwanzigsten Jahrestag der Machtergreifung des Grossen Führers stellen sie ihm eine Falle.

Ausgezeichnet mit dem Coburger Rückert-Preis 2013

Pressestimmen

Der syrische Schriftsteller und Drehbuchautor Nihad Siris hat einen erstaunlich leichtfüssigen, wunderbar erhellenden Roman über die Methoden und Funktionsweisen einer Diktatur geschrieben, der die Schrecken des von ihm porträtierten totalitären Regimes elegant und in beispielhafter Universalität blosslegt. … Besonders die liebevoll porträtierte, weitgehend dem Idealbild des klassischen jugendlichen Helden entsprechende unbestechliche Hauptfigur des Fathi Schîn ist eine erfrischende literarische Entdeckung.
— Jüdische Zeitung
Nihad Siris beherrscht die Kunst, ein ernstes Thema, das Leben in einer Diktatur, in wunderbar leichtem Ton zu schildern, einen Witz zu entfalten, der das Buch geradezu unterhaltsam werden lässt. Die Diktatur wird unter seiner Feder zum Absurditätentheater, zum grossen Narrenspiel, dem sich die wenigsten entziehen können.
— Südwestrundfunk
Die gnadenlose, hervorragend orchestrierte Sicht auf ein brutales und verlogenes System, irgendwo in der arabischen Welt.
— Schweizer Radio DRS