LENOS
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Lenos Verlag
Kaouther Adimi
Steine in meiner Hand
Roman
Aus dem Fransischen
von Regina Keil-Sagawe
Die Übersetzerin
Regina Keil-Sagawe, geboren 1957 in Bochum, arbeitete nach ihrem
Studium der Romanistik und der Germanistik als Universitätsdozen-
tin und Kulturjournalistin. Seit rund dreissig Jahren übersetzt sie
maghrebinische Belletristik, u.a. von Boualem Sansal, Yasmina Kha-
dra, Azouz Begag, Leïla Marouane, Albert Memmi, Driss Chraibi und
Youssouf Amine Elalamy; Lyrik u.a. von Habib Tengour und Moham-
med Dib. Als Mitglied der Weltlesebühne e.V. organisiert und mo-
deriert Regina Keil-Sagawe Übersetzungslesungen und leitet Work-
shops zu literarischen Übersetzungen. Sie lebt in Heidelberg. www.
keil-sagawe.de.
Die Übersetzung aus dem Französischen wurde vom SüdKulturFonds
in Zusammenarbeit mit Litprom e.V. Literaturen der Welt unter-
stützt.
Der Lenos Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Struk-
turbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Titel der französischen Originalausgabe:
Des pierres dans ma poche
Copyright © 2016 by Editions du Seuil
Erste Auflage 2017
Copyright © der deutschen Übersetzung
2017 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Neeser & Müller, Basel
Umschlagfoto: Keystone / Photononstop / Frédéric Soreau
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 480 2
Für Nesrine
Seltsam, unglaubhaft; sie war nie so glücklich gewesen.
Nichts konnte langsam genug gehen; nichts zu lange
dauern. Nichts kam der Lust gleich, dachte sie, die Ses-
sel zurechtrückend, ein Buch ins Regal stossend, die
Triumphe der Jugend hinter sich gebracht zu haben,
sich im Prozess des Lebens verloren zu haben, es wie-
derzufinden, mit einem Schock des Entzückens, wenn
die Sonne aufging, wenn der Tag zur Neige ging.
Virginia Woolf, Mrs Dalloway
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AUS DEM POLIZEIBERICHT. Eine Dreissigjährige ist wegen
Mordes an ihrer Nachbarin verhaftet worden. Diese
habe sie verhnt, indem sie ihr erklärte, sie werde nie
im Leben einen Mann finden, der verrückt genug sei, sie
zu heiraten. Die Mörderin habe mehrfach auf die alte
Dame eingeschlagen und sie zuletzt mit ihrem Gürtel
erwürgt, weil sie noch ein wenig geatmet habe.
Ich hätte es genauso gemacht.
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Das allererste Mal.
Als ich das erste Mal, seit ich nach Paris gegangen
war, nach Algier zurückkam, war ich fünfundzwanzig
und konnte es kaum erwarten, meine Familie wieder-
zusehen.
Die Maschine war gerade auf dem Flughafen
Houari Boumédiène gelandet.
Ich lächelte den schnauzbärtigen Polizisten freund-
lich an, der mit grimmiger Miene meine Papiere
kontrollierte. Er hob den Kopf, musterte mich und
blaffte: »Haben Sie ein Problem?«
Naiv wie ich war, nickte ich und begann ihm zu
erzählen, wie nervenaufreibend die stundenlange Ver-
spätung meines Fluges mit der nationalen Fluggesell-
schaft für mich war, wie beängstigend die unerhörte
Zahl an Präsidentenporträts, die jeden einzelnen Rei-
senden zu überwachen schienen. Ganz zu schweigen
von dieser Handvoll Männer, die träge an den Wänden
lehnten, schlecht rasiert, mit gegeltem Haar und Kippe
im Gesicht, dreckigen Schuhen, schmutzigen Gedan-
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ken und dreisten Sprüchen auf den Lippen. Auch wenn
ich schneller ging, es änderte nichts ihre penetran-
ten Blicke deprimierten mich. Diese Männer: Vorspiel
zum Algerien des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Als Vergeltungsmassnahme setzte der Schnauz-
bärtige eine seiner Kolleginnen auf mich an, die ge-
schminkt war wie ein Transvestit, und bat sie, meine
Handtasche einer gründlichen Inspektion zu unter-
ziehen. Sie tastete mir honigsüss lächelnd und betont
langsam den Busen ab, die Schlampe, es tte ja ein
Journalist, ein Schriftsteller oder ein Menschenrechts-
aktivist dort untergekrochen sein können.
Ich war wieder daheim.
Eines Sonntagnachmittags in Paris hatte mich
ptzlich das Heimweh gepackt. Ein ckischer Im-
puls, der mich daran erinnerte, wie viele Monate ich
nun schon von zu Hause weg war.
Und selbst heute, nach all den Jahren, muss ich nur
irgendwo eine jener roten Ameisen sehen, wie sie damals
in rauen Scharen durch meine Kindheit wuselten, und
schon fängt mein Herz an, wie wild zu schlagen, und ich
halte hektisch nach einem Flugticket Ausschau, voller
Angst, ich nne einen Teil meiner Seele in dieser eu-
ropäischen Stadt verloren haben, in der ich inzwischen
lebe. Ich muss an das Grab meines Vaters denken, das
Lachen meiner Schwester, die Ängste meiner Mutter,
und schon greife ich zum Hörer und rufe an.
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»Ich komme nächste Woche nach Hause.«
»Für immer?«
»Aber nein … für ein paar Tage.«
»Und wann gedenkst du für immer zurückzukom-
men?«
»Ich weiss nicht … bald …«
Mit der nationalen Fluggesellschaft zu reisen, das
gibt schon einen Vorgeschmack. Das heftige Zuknal-
len der Gepäckfächer, der Schweissgeruch, die schrillen
Schreie der Kinder, die indiskreten Fragen der alten
Mütterchen, die Aggressivität der Stewardessen und
das Geleier der Koranverse, wenn der Flieger abhebt,
alles Details, die dafür sorgen, dass ich mich meinem
Zuhause schon ein bisschen näher hle. Ich kann es
kaum erwarten, wieder einen Fuss auf diesen Boden
zu setzen, wieder umhüllt zu werden vom blendenden
Licht.
Die erste ckkehr nach Algier also, nach sechs
Monaten in Paris. Die Angst, jemand anderes gewor-
den zu sein. Der Drang, Anzeichen einer möglichen
Veränderung zu unterdrücken.
Auch ein Polizist, der unter einem Nichtraucher-
schild eine rauchte, verlangte meine Papiere zu sehen.
Ich hielt ihm meinen algerischen Pass und meine fran-
zösische Aufenthaltserlaubnis hin. Er gab sie mir blick-
los, mit verächtlicher Miene zurück. Ich stammelte ein
dickes Dankeschön. Meine komplette Schulzeit hin-
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durch, vom fünften bis zum achtzehnten Lebensjahr,
hatte ich einmal pro Woche mit meinen Klassenkame-
raden im Schulhof die Nationalhymne gesungen. Mit
frisch gegelter, bis zum Kinn zugeknöpfter rosa
Bluse stand ich da, mit properem Gesicht, kurzge-
schnittenen Nägeln, die Hand auf dem Herzen, und
schaute zu, wie die algerische Flagge kühn bis zur
Mastspitze hochgezogen wurde. Roter Halbmond und
Stern auf grün-weissem Grund vor blauem Himmel.
Ich hatte Männer in Uniform gezeichnet, die tapfer
dem Feind trotzten. Ich hatte Preisgedichte auf unsere
ruhmreiche Armee und unsere mutigen Polizisten aus-
wendig gelernt. Sie waren tapfer, sie waren heldenhaft,
wir schuldeten ihnen ewigen Dank.
Gegenüber der Obrigkeit fühle ich mich verpflich-
tet, danke zu sagen.
Der Polizist geruhte nicht zu reagieren. Hier mag
man die, die drüben leben, nicht. Man siedelt uns zwi-
schen den Vaterlandsverrätern und den Anhängern der
Opposition an. Leute, die Probleme machen. Die keine
ehrlichen Absichten haben. Ich nehme das nicht per-
nlich. Früher war ich genauso. Vor ein paar Jahren,
als ich noch in Algier lebte, konnte ich diese Leute auch
nicht ausstehen, die ihr Land ohne jede Reue für ein
Leben drüben aufgaben und dann für ein paar Tage in
meiner Heimat einfielen, weil das berühmte Heimweh
sie eines Sonntagnachmittags jäh überfallen hatte. Sol-
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len sie doch krepieren, dachte ich damals. Soll sie doch
krepieren, wird der Polizist sich wohl sagen, während
er meinem Blick ausweicht. Ich habe ihn angelächelt,
um das Versprechen zu halten, das ich Amina, mei-
ner Freundin aus Kindertagen, gegeben hatte. Sie ist
der Ansicht, ein wenig Zuneigung würde unser Land
vom Klima der Gewalt befreien, wir müssten lernen
zusammenzuleben, trotz der Bosheit, trotz der Steine.
Und sie sind zahlreich, die Steine.
Während ich in der Schlange stand, um meine Pa-
piere ein x-tes Mal irgendeinem Gesetzesvertreter zu
zeigen, dachte ich an andere Polizisten, mit denen ich
zu tun gehabt hatte, als ich fünfzehn war. Drei rote
Pickel zieren zu der Zeit meine Stirn. Ich habe mein
Haar zum Zopf geflochten und rosa Glitternagellack
aufgetragen ohne Wissen meiner Mutter. Ich habe
eine Heidenangst beim Gedanken, sie könnte etwas
merken. Aber ich kann auf das Stillschweigen meiner
kleinen Schwester setzen: Die trägt selber heimlich
welchen auf, seit sie zehn ist. Drei schlaksige Jungs,
kaum älter als ich, verfolgen mich auf dem Weg zum
Collège, bombardieren mich mit sämtlichen schlüpf-
rigen Beleidigungen ihres Repertoires, ziehen mich
am Zopf, schubsen mich herum. Entnervt bitte ich ein
paar Polizisten um Hilfe. Sie lachen und befehlen uns
zu verschwinden. Noch ein paar Beleidigungen, und
meine Verfolger lassen mich in Ruhe, nachdem sie ein

Shortlist Prix de la littérature arabe (2016)

Kaouther Adimi
Steine in meiner Hand

Roman

Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe


Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-480-2
Seiten 180
Erschienen September 2017
€ 19.90 / Fr. 26.00

Der Balanceakt einer jungen Frau, die ihre Identität zwischen unterschiedlichen Kulturen und Lebensentwürfen sucht.

Aufgewachsen in Algier, baut sich die junge Erzählerin in Paris ein eigenständiges Leben auf. Als anlässlich der Hochzeit ihrer Schwester ein Besuch in der Heimat bevorsteht, wird sie von ihrer Vergangenheit, den Erwartungen der Familie und ihren eigenen Ängsten und Fragen an die Zukunft eingeholt. Klug und bisweilen schwankend zwischen Nostalgie und frechem Witz durchleuchtet sie ihre traditionelle Erziehung ebenso wie ihre Freuden und Leiden in der europäischen Grossstadt. Vor allem aber macht ihr das halbfreiwillige Singledasein als Dreissigjährige zu schaffen.

In ihrem zweiten Roman beobachtet Kaouther Adimi den Balanceakt einer jungen Frau, die ihre Identität zwischen unterschiedlichen Kulturen und Lebensentwürfen sucht. Wunderbar selbstironisch und humorvoll umkreist sie diese grossen Fragen des Lebens und lässt dabei tief in die Befindlichkeit einer ganzen Generation blicken.

Pressestimmen

Adimi schreibt mit leichter Hand, bissig, witzig und poetisch.
— Angela Schader, Neue Zürcher Zeitung
Adimi bringt mich mit ihrem selbstironischen Blick nicht nur zum Grübeln und Aufheulen, sondern auch zum Lachen.
— Annette König, Schweizer Radio SRF
Dieser Roman ist zuallererst eine heftige, furiose Identitätssuche … Er spürt den ambivalenten Gefühlen der Protagonistin nach – mit präzis gesetzten Beobachtungen und in einer lakonischen Sprache, die sich zwischen Spott, Ironie und Verzweiflung bewegt.
— Susanne Schanda, NZZ am Sonntag
Adimi erzählt ebenso eindringlich wie erfrischend von einer jungen Frau, die zwischen den Lebenswelten diesseits und jenseits des Mittelmeers um ihre Eigenständigkeit ringt.
— Peter Burri, Basler Zeitung
Mit einer Prise Humor, manchmal etwas Nostalgie, dann wieder direkt und ungeschönt beleuchtet die mehrfach ausgezeichnete Autorin den Balanceakt einer jungen Frau zwischen zwei Welten.
— Brigitte Schweiz
Eine neue, herausfordernde, freche Stimme … Ein hinterhältiges, oft humorvolles Buch.
— Hansjörg Schneider, Basler Zeitung
Eine beschwingte und sehr französische Grossstadtlektüre, mit wunderbaren algerischen Einsprengseln, die leise nachhallen.
— Kerstin Dittert, Femundo
Feinsinnig beschreibt die Autorin das Hin- und Hergerissensein einer jungen Frau zwischen Algier und Paris.
— Raphaëlle Leyris, Le Monde
Adimi bringt frischen Wind, den Wind der Freiheit. Das tut unglaublich gut.
— Mohammed Aïssaoui, Le Figaro
Zwischen Wut und Heimweh erzählt der zweite Roman der jungen Autorin vom Exil, von zerbrochenen Träumen und dem Preis der Freiheit.
— Sophie Joubert, L’Humanité

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