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Lenos Verlag
Florianne Koechlin
PflanzenPalaver
Belauschte Geheimnisse der botanischen Welt
Sonderausgabe 2013
Copyright © 2008 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 441 3
Florianne Koechlin, geboren 1948, studierte Biologie und Che-
mie. Sie wurde bekannt als Gentechnikkritikerin und Autorin.
Sie ist Stiftungsrätin der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und
der Swissaid, Geschäftsführerin des Blauen-Instituts und war
Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für die Bio-
technologie im Ausserhumanbereich EKAH. Sie lebt in Mün-
chenstein bei Basel. Im Lenos Verlag erschienen ausserdem ihre
beiden Bücher Zellgeflüster und, in Zusammenarbeit mit Denise
Battaglia, Mozart und die List der Hirse. Natur neu denken.
www.blauen-institut.ch.
Inhalt
Vorwort 7
Im Feld
Ein Garten Eden in garstiger Höhe 13
Das Heilpflanzenparadies von Kerala 29
Im Labor
Die Limabohne und ihre Bodyguards 41
Von Duftvokabeln und Zeichen 53
Pflanzen brauchen keine Nerven 59
Die Erinnerung der Ackerschmalwand 71
Die Esoterikfalle 79
Ein anderes Wissen
Das wiedergewonnene Gespür 95
Malen im Reich der Blumen 109
Die Philosophie
Shiva und die heilige Lotosblume 121
Wie den Panzen die Seele abhanden kam 137
Mehr als die Summe ihrer Gene 151
Pflanzen neu entdecken –
Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen 165
Anmerkungen 175
Literatur 243
7
Vorwort
Pflanzen, Tiere und Menschen haben die gleichen
Wurzeln: die fast drei Milliarden Jahre dauernde
Evolution als einzellige Lebewesen. Nur so ist ver-
ständlich, dass Pflanzen uns auf der Zellebene viel
ähnlicher sind, als wir je geahnt hatten. Sie kommu-
nizieren miteinander via Duftstoffe, lernen aus Er-
fahrungen und können sich erinnern. Sie haben ein
Immunsystem. Ihre Wurzeln können zwischen Selbst
und Nicht-Selbst unterscheiden.
Mich hat diese phantastische Welt der Pflanzen
in den Bann gezogen. Ich habe mich deshalb auf die
Reise gemacht zu denjenigen, die ihrem Geheimnis
etwas näherzukommen versuchen.
Ich traf einen österreichischen Bauern, der in
über 1300 Metern Höhe Kiwis zum Reifen bringt
und einen hochproduktiven essbaren Paradiesgarten
betreibt, ohne ein Gramm Agrochemie und Kunst-
dünger. In Südindien besuchte ich Kleinbauern und
-bäuerinnen, die in ihren vielfältigsten Homegardens
beeindruckende Hektarerträge erwirtschaften. Mir
hat imponiert, wie diese Praktiker geschickt genaues
Beobachten, kreatives Experimentieren und ckgriff
auf altes Wissen kombinieren.
In einer völlig anderen Welt leben die Forschenden
in den Universitätslabors, die nach den Normen des
anerkannten Wissenschaftsbetriebes Pflanzenhormone
analysieren und mit Blattfressrobotern Versuchsreihen
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durchführen, um die frappanten Sprachfähigkeiten
der Pflanzen zu ergründen. Von der Limabohne ken-
nen sie inzwischen über hundert Duftstoffvokabeln.
Ich besuchte Forscher, die bei Pflanzen nervenähnli-
che Strukturen orten, und eine Wissenschaftlerin, die
mobile Panzen-Gene untersucht. Pflanzen, sagte sie,
nnten Stresserfahrungen an ihre Nachkommen ver-
erben. Seit dem Erscheinen meines Buches Zellgeüster
ist unglaublich viel Neues entdeckt worden. Pflanzen
sind keine Automaten, die ihr Verhalten nach einge-
bautem Programm abspulen.
Die nüchterne Forscherprosa über elektrische Po-
tentiale, Pilzkolonien in Wurzelstöcken und stressbe-
dingte genetische Veränderungen klingt wie ein mo-
derner Widerhall mancher Denkmodelle, die indische
Philosophen seit Jahrtausenden entwickelt haben.
Welche Rolle spielten dabei die Pflanzen? Ein ehe-
maliger Dozent in indischer Philo sophie zeigte mir
Texte auf verwitterten, tabakbraunen Palmblätterma-
nuskripten, die zwar viele Hundert Jahre alt sind, aber
hochaktuell tönen. Später erkundigte ich mich, wie es
der Pflanze in unserer abendländischen Kultur- und
Philosophiegeschichte ergangen ist. Die Unterschiede
nnten grösser nicht sein!
Und nicht zuletzt war ich bei den intuitiv Wis-
senden, bei Leuten also, die sich auf Pflanzen ein-
lassen, deren Energien aufnehmen oder bewegte
Bilder sehen. So wollen sie die Vitalität von Pflan-
zen erfassen. Mit einer Malerin unterhielt ich mich
über die Frage, ob nicht auch die Kunst ganz an-
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dere Zugänge zum wundersamen Wesen der Pflanze
eröffnen kann.
Das wirklich Faszinierende an meiner Reise zu
diesen unterschiedlichen Gruppen von Menschen war
die immer stärker werdende Erkenntnis, dass hier ein
neues, sehr viel komplexeres Bild der Pflanzenwelt aus
den verschiedensten Richtungen zusammenwächst.
Nach dieser Reise stieg in mir die Frage auf, warum
denn Pflanzen in unserer Gesellschaft so anders be-
wertet werden als Tiere. Zumindest »höher Tiere
sind keine Sachen mehr. Sie haben gewisse Rechte. Es
gibt Vorschriften über artgerechte Tierhaltung.
Die Frage bleibt, ob nicht auch Pflanzen mehr Re-
spekt verdienen und ob nicht auch sie Rechte haben
sollten.
Am Schluss des Buches, ab Seite 175, finden Sie An-
merkungen. Diese sind für all jene, die sich für zu-
sätzliche Informationen, theoretische Ausführungen
oder weitere Beispiele interessieren. Die Anmerkun-
gen sind jeweils mit der Seitenzahl der dazu passen-
den Stelle im Haupttext versehen.
Im Feld
13
Sepp und Veronika Holzer, Keusching (Salzburg)
Ein Garten Eden in garstiger Höhe
Im österreichischen Tauerngebirge, wo die jährliche
Durchschnittstemperatur gerade einmal vier Grad
Celsius beträgt, sollen Orangen, Maiherzkirschen
und exotische Orchideen wachsen? Unmöglich! Und
doch sah ich es mit eigenen Augen auf dem Krame-
terhof von Sepp und Veronika Holzer. Ich nahm an
einer ihrer Hofhrungen teil und war begeistert.
Das war im September 2006.
Der Krameterhof liegt einhundert Kilometer süd-
östlich von Salzburg auf 1100 bis 1500 Metern Höhe.
Gleich hinter dem schweren schmiedeeisernen Tor
beginnt eine andere Welt. Draussen, vor dem Tor,
eine karge, steile Berglandschaft mit Weiden und Ge-
büsch. Drinnen wächst ein undurchdringliches Dik-
kicht. Ich bleibe erst einmal stehen, überwältigt von
all dem drängenden Wachsen und Spriessen um mich
herum. Mit der Zeit entdecke ich im dichten Gehölz
einen Mirabellenbaum, seine Früchte sind gelb, süss
und saftig. Dann einen Apfel-, einen Birnen- und ei-
nen Pflaumenbaum. Alles wächst wild durcheinander,
zusammen mit vielen anderen Bäumen und Büschen.
Das Ganze ist ein essbarer Dschungel.
Inzwischen haben sich am Treffpunkt rund dreis-
sig Leute für die Hofführung versammelt und warten
auf Sepp Holzer. Dieser erweist sich als stämmiger
14
Bauer mit angegrautem Vollbart und einem Schlapp-
hut. Als erstes zeigt er uns oben am Hang einen klei-
nen Orangenbaum voller reifer Früchte, die in der
Sonne orange leuchten. Es stimmt also, hier wachsen
Orangen! »Natürlich ist das Spielerei, Experimentier-
freude. Ich habe hier oben keine Orangenplantage.
Doch da wachsen massenhaft Gurken, Zucchini,
Kürbisse und natürlich viel Obst. Wir haben Tau-
sende von Obstbäumen«, sagt Sepp Holzer.
Er erklärt auch gleich, warum der Orangenbaum
so gut gedeiht: »In dieser Mulde am Hang ist es
windgeschützt und folglich wärmer. Dorthin lege ich
grosse Steine. Die speichern die Wärme das ist der
Kachelofeneffekt. Die Steine schwitzen, unter ihnen
bildet sich Kondenswasser. Die feuchten Orte sind
ideal r Regenwürmer, die den Pflanzen Nährstoffe
zur Verfügung stellen. In diese ›Sonnenfallen‹ setze
ich besonders wärmebedürftige Pflanzen, wie eben
einen Orangen- oder einen Kiwibaum.« Er fügt an,
dass auf dem Krameterhof nf verschiedene Kiwi-
sorten wachsen. Der Biobauer aus Österreich ist in-
zwischen weitherum bekannt r seine ausgeklügelte
Bewirtschaftungsart.
Als Sepp Holzer den nfzig Hektar grossen Hof
1962 von seinem Vater übernahm, begann er als er-
stes mit einer radikalen Umgestaltung der Steilhänge.
Mit Baggern liess er das Gelände terrassieren und
grosse Mulden r Teiche ausgraben. Heute staffeln
sich die breiten Terrassen den Hang hinauf, über eine
hendifferenz von 400 Metern bis auf 1500 Me-
15
ter. Zwischen Wäldchen und Hügelbeeten sind über
siebzig Teiche und Tümpel. Mit ihnen könne er den
Kachelofeneffekt nochmals unterstützen, erklärt der
Biobauer: In den windgeschützten Mulden der Terras-
sen lege er Teiche und Tümpel an. Hinten und vorn
plaziere er grosse Steine. »Die Sonne scheint ins Was-
ser und wird reflektiert. Die Steine speichern diese
Wärme. Dank Brennglaseffekt und Wärmereflexion
entsteht in dieser Mulde ein Kleinklima wie in einem
Backofen, und zudem habe ich Feuchtigkeit gestaut.«
Dort kämen besonders wärmebedürftige Pflanzen
hin.
Sepp und Veronika Holzer betreiben eine eigene
Art der Permakultur. Der Begriff heisst »perma-
nente Kultur«: In dieser Art der Bewirtschaftung soll
immer etwas wachsen, zu jeder Jahreszeit. Die Per-
makultur wurde vom Australier Bill Mollison ent-
wickelt, der dafür 1981 den Alternativen Nobelpreis
erhielt. Sie setzt in noch viel grösserem Ausmass auf
Vielfalt als der Biolandbau. Die natürlichen Wech-
selwirkungen zwischen Pflanzen, Tieren und der
physikalischen Umwelt auszunutzen ist ein weiteres
zentrales Merkmal dieser Landbewirtschaftung. Ein
Beispiel sind die »Sonnenfallen«, die Sepp Holzer uns
soeben demonstriert hat. »Permakultur beschreibt
weniger eine bestimmte Anbaumethode als vielmehr
eine Philosophie, wie landwirtschaftliche und soziale
Systeme nachhaltig aufgebaut werden sollen«, schreibt
der Wirtschaftswissenschaftler Stefan Rotter von der
Universität Wien, der den Krameterhof lange Zeit
16
wissenschaftlich untersucht hat. »Zentraler Punkt ist
das Lernen und Nachvollziehen natürlicher Vorgänge
in Ökosystemen.«
Wir beginnen die Exkursion. Sepp Holzer schrei-
tet zügig voran, und bald erreichen wir einen grösse-
ren Teich, vielleicht hundertzwanzig Meter lang und
vierzig Meter breit. Hier gebe es Schwarzbarsche, Re-
genbogen- und Bachforellen, Hechte, Welse, Karp-
fen, Schleien und Störe, erzählt der Biobauer »Ja,
die Störe gefallen mir halt besonders gut« –, sowie
natürlich Krebse und Muscheln. Der Teich ist an ei-
nem Ende flach, durchsetzt mit Baumstrünken und
grossen Steinen. Ein Schwarm Jungfische flitzt gerade
ins Holzdickicht. »Stell dir vor, du wärest da drin-
nen eine junge Forelle, da würdest du dich in diesen
geschützten Ecken wohl hlen«, sagt Sepp Holzer.
Diese Aufforderung werden wir während der Exkur-
sion immer wieder hören: Wir sollten uns in die Tiere,
in die Pflanzen hineindenken, richtig hineinfühlen
müssten wir uns, wenn wir herausfinden wollten, wie
sie am besten gedeihen.
Er zeigt auf einen träge dahinschwimmenden
Karpfen und fährt fort: »Im Teich gibt es reich-
strukturierte Flach-, Kraut- und Tiefzonen mit un-
terschiedlichen Temperaturen. Mit diesen verschie-
denen Biotopen kann ich Fried- und Raubfische in
einem Teich halten. Da hat jeder seinen Laichplatz.
Das Leben im Teich reguliert sich selber, ein wun-
derbar funktionierender Futterkreislauf, da muss ich
nichts dazu tun, kein Futter, keine Pflege, nichts.« Er
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erklärt, dass alle zweiundsiebzig Teiche durch Kanäle
miteinander verbunden seien und ein einziges grosses
zusammenhängendes Wassernetz bildeten. Mittels
Hochdruckturbinen produziere er mit diesem Was-
sersystem den Strom für den Betrieb.
Wir gehen weiter. Der Weg hrt steil den Hang
hinauf, durch offenes, steiniges Gelände. Sepp Hol-
zer wartet bei einem bewachsenen Steinhaufen und
schüttelt einige der grossen Pflanzen ein intensiver
Zitronengeruch erfüllt die Luft. Es ist Zitronenme-
lisse. Daneben spriessen Minze, Thymian, Salbei und
Majoran. »Auf diesem Steinhaufen ist kaum Erde«,
sagt Sepp Holzer, »nur Staub und Steine. Auf dem
kargsten, dem trockensten Platz wachsen die Pflan-
zen mit dem besten Samen.« In Fachbüchern stehe,
fährt er fort, dass man das beste Saatgut von den
grössten Pflanzen an den besten Standorten erhalte,
von Pflanzen also, die immer verhätschelt, gegossen
und gedüngt würden. Diese würden abhängig und
süchtig, und das sei falsch: »Ich möchte Saatgut von
Pflanzen, die auf kargstem Boden gerade noch Samen
hervorbringen; diese Körnchen sind die besten, da ist
Energie drin, die bauen auf.«
Er hrt sich mit seiner grossen Hand durch den
Bart und nimmt seine philosophischen Betrachtun-
gen wieder auf. »Experimentieren müsst ihr«, sagt der
Biobauer. »Oft denkt man sich: Nein, das geht nim-
mer, das geht kaputt. Man stutzt sich immer selber
die Flügel, aber so kann man das Fliegen nie lernen.
Doch ihr müsst neugierig sein, ihr müsst euch von der

Florianne Koechlin
PflanzenPalaver

Belauschte Geheimnisse der botanischen Welt

Lenos Pocket 185
Paperback
ISBN 978-3-85787-785-8
Seiten 237
Erschienen 4. Januar 2017
€ 16.00 / Fr. 21.50

Lange galten Pflanzen als eine Art natürliche Automaten mit eingebauten Programmen, die ihr Dasein bestimmen. Aber das ändert sich. Die Biologin Florianne Koechlin hat sich auf die Reise gemacht zu denen, die sich in die Geheimnisse von Pflanzen vertiefen: Bauern in Österreich und Indien, die dank einzigartiger Vielfalt üppige Erträge erwirtschaften; Forschende in Universitätslabors, die mit modernsten Methoden die Sprache der Pflanzen untersuchen und bei den Gewächsen sogar nervenähnliche Strukturen orten; intuitiv Wissende und Künstlerinnen, die sich Pflanzen auf ganz unterschiedliche Weise annähern und neue Zugänge finden.

Es gelingt Florianne Koechlin, aus diesen Mosaikstücken ein neues Bild der Pflanze zu entwerfen, das vielfältiger, spannender und aufschlussreicher ist als alles, was wir bisher über Pflanzen zu wissen glaubten.

Pressestimmen

Ein Buch über Denk- und Handlungsalternativen und eine spannende Auseinandersetzung mit der Beziehung Mensch–Pflanze.
— Julia Kospach, Berliner Zeitung
Die als Gentechkritikerin bekannt gewordene Biologin Koechlin berichtet fasziniert aus einer Art Paralleluniversum, das selbst von der wissenschaftlichen Forschung vernachlässigt wird.
— Petra Wessalowski, SonntagsZeitung