LENOS
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Évelyne Ducat verschwindet eines Tages spurlos, und das Städtchen
im französischen Zentralmassiv rätselt. Es kursieren Gerüchte und
Beobachtungen. Doch nicht alles wird der Polizei preisgegeben, denn
hier in der abgeschiedenen Bergwelt hüten die Menschen ihre Geheim-
nisse. Die Sozialarbeiterin Alice hat ein Geheimnis mit ihrem Klien-
ten Joseph, dem einsamen Schafzüchter. Und der verhält sich nach dem
Verschwinden der Frau merkwürdig. Und in welcher Beziehung stand
die Verschwundene zu der jungen Maribé, die eines Tages im Städt-
chen auftauchte und alle Blicke auf sich zog? Mit jedem Kapitel erhält
eine andere Person das Wort, und ein neues Geheimnis, ein neuer Ver-
dacht taucht auf, bis sich das Puzzle um Évelyne Ducats Verschwinden
zusammenfügt.
Colin Niels preisgekrönter Roman noir ist mehr als ein raffiniert kon-
struierter Krimi: Er gibt ebenso fesselnd Einblick in prekäre soziale
Milieus und erzählt von der verzweifelten Suche nach Liebe.
Colin Niel, geboren 1976 in Clamart, ist eine der grossen Stimmen des
französischen Roman noir. Nach einem Studium der Evolutionsbiolo-
gie und Ökologie arbeitete er zunächst als Agrar- und Forstingenieur
im Bereich Biodiversität, u. a. mehrere Jahre in Französisch-Guayana.
Mit einer vierteiligen guayanischen Serie, die vielfach ausgezeichnet
wurde, gelang ihm der Durchbruch als Autor. 2017 erhielt er für Seules
les bêtes u. a. den Prix Landerneau Polar und den Prix Polar en séries.
Der Roman wurde von Dominik Moll fürs Kino verfilmt. Heute lebt
Colin Niel als Schriftsteller in Marseille.
Colin Niel
Nur die Tiere
Roman
Aus dem Französischen
von Anne Thomas
Lenos Verlag
Die Übersetzerin
Anne Thomas wurde 1988 in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz geboren
und wuchs in Flensburg auf, nachdem sie 1989 mit ihrer Familie aus
der DDR geflohen war. Seit 2013 ist sie als freiberufliche literarische
Übersetzerin tätig (u. a. Éric Plamondon, Gabriel Katz, Anna Bou-
langer, Marie Desplechin). Sie lebt und arbeitet in Paris, London und
Berlin. Anne Thomas organisiert und leitet Übersetzungsworkshops
in Schulen in Deutschland und Frankreich und ist als Dolmetscherin
bei literarischen und kulturellen Veranstaltungen tätig.
Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des franzö-
sischen Aussenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der
französischen Botschaft in Berlin.
Titel der französischen Originalausgabe:
Seules les bêtes
Copyright © 2017 by Éditions du Rouergue
Erste Auflage 2021
Copyright © der deutschen Übersetzung
2021 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: pio3/shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 009 7
www.lenos.ch
Für Charlotte,
Minigazelle am Fusse der Welt.
In mir, wenn auch noch verborgen.
Alice
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Die Leute wollen immer einen Anfang. Sie bilden sich
ein, wenn eine Geschichte irgendwo anfängt, muss sie
auch ein Ende haben. Dann ist das Unwetter vorbei, sie
können in ihren Alltag zurück, noch mal davongekom-
men. Ist ja auch verständlich. Und irgendwie beruhi-
gend. So was braucht man auch, denn das, was in dem
Jahr passiert ist, hat so manchen verunsichert. Unten im
Tal, auf den Wochenmärkten und an den Trödelständen,
erzählen sie sich heute noch davon. Die Hälfte ist übri-
gens gesponnen, jeder hat was dazuerfunden, über Mo-
nate zurechtgebastelt. Würd ich auch so machen: Da hat
man wenigstens was zu erzählen, jeder will irgendwas
zu erzählen haben, sonst existiert man ja nicht. Das ist
menschlich. So. Für die Leute ist der Anfang jedenfalls
immer die Meldung im Fernsehen.
Der 19. Januar.
Der Tag, an dem Évelyne Ducat verschwunden ist.
Ich hab es am nächsten Morgen erfahren. Der Winter
war nun wirklich da, Schnee bedeckte meinen Berg wie ein
viel zu weisses Leintuch, und Wind fegte unablässig über
die Hänge. Nachts heulte er um den Hof. An dem Morgen
fuhr ich sehr vorsichtig, weil die Strassen ja trotz Schnee-
ketten gefährlich waren, bei vollaufgedrehter Heizung,
damit meine beschlagene Windschutzscheibe frei wurde.
Ich schlich die Serpentinen zwischen den an den Hängen
aufgetürmten Granitblöcken hinunter; als Kind hatte ich
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mir vorgestellt, dass sie bei einem gewaltigen Gewitter
vom Himmel gefallen waren. In Gedanken war ich beim
Vortag, deshalb achtete ich nicht auf die dunkelblauen Au-
tos an der Landstrasse, genauso wenig wie auf die Polizis-
ten, die mit Karten und Handys mit schlechtem Empfang
hantierten. Normalerweise hätte ich herausfinden wollen,
was los ist, wäre neugierig gewesen und hätte mir gesagt
Ist nicht dein Bier. Aber diesmal bin ich einfach weiter-
gefahren, in den Ort, und hab beim Marktplatz geparkt.
War nicht viel los, oben an der Fussgängerzone drei,
vier Stände von Bauern, die sich irgendwie warm hielten.
Ich traf ein paar alte Bekannte, Männer, die ich schon von
klein auf kannte und nun älter werden sah; wir sagten
uns kurz hallo, weil wir schliesslich wussten, wo wir her-
kamen, obwohl wir kaum noch was gemeinsam hatten.
Dort, in der Kälte des Marktes, wurde mir klar, dass es
kein normaler Tag war. Die Händler, die sich über Lamm-
koteletts und Maronenkonfitüre fröstelnd die Hände rie-
ben, die in Parkas eingemummelten Kunden, alle hatten
nur ein Thema. Die Gespräche stiegen als eisige Dampf-
wölkchen auf. Und natürlich war auch Éliane da, den Ein-
kaufskorb voll Gemüse am Arm. Sie überfiel mich gleich,
Sieht nicht gut aus, die finden sie doch nie. Dann kapierte
sie, dass ich nicht wusste, wovon sie redete, und starrte
mich an, als käm ich geradewegs aus dem Winterschlaf.
Also klärte sie mich auf, bei einer Tasse Kaffee im ein-
zigen Bistro der Stadt, das zu dieser Jahreszeit aufhatte.
Wir waren die Einzigen.
»Eine Frau wird vermisst. Die Polizei sucht nach ihr.
Hast du gestern Abend keine Nachrichten geguckt?«
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Nein, ich hatte nicht ferngesehen. Michel schon, die
Lokalnachrichten und das Wetter. Klar, wie alle Vieh-
züchter der Gegend fragte er sich, was das Schicksal in
den nächsten Tagen wohl bereithielt für ihn und die
Tiere. Aber ich war so mit mir selbst beschäftigt gewe-
sen, ich hatte gar nicht hingehört, was die erzählten.
»Sagt dir Évelyne Ducat was?«
»Ducat … Die sind doch von hier, oder?«
»Ja. Und nicht gerade irgendwer
Die Vermisste war die Frau von einem hohen Tier, ei-
ner von hier, mit achtzehn ging er nach Paris, und als er
im Ausland ein Vermögen gemacht hatte, kam er zurück
ins Tal. Der ist halt reich, hatte ich in dem Moment ge-
dacht, deshalb reden alle davon. Wenn einer meiner Bau-
ern, die kurz vor dem Bankrott standen, verschwunden
wäre, hätte das doch kaum Aufsehen erregt. Damit sollte
man mir lieber gar nicht erst kommen, das konnte sonst
Stunden dauern. So.
Der Geschäftsmann hatte seine Frau zuletzt in der ge-
meinsamen Villa gesehen, als sie nachmittags allein zum
Wandern aufbrach. Eine kurze Tour, wie so oft, um dem
Winter auf dem Plateau oder drüben am Berg zu trot-
zen, wo genau, hatte sie nicht gesagt. Und seitdem nichts
mehr. Man hatte ihr Auto am Ortseingang gefunden, es
stand einfach am Strassenrand.
Ein hübsches Gesprächsthema im eisigen Januar, wo
alle auf das Frühjahr warteten. Jeder hatte eine Theorie.
Ganz oben auf der Liste stand der Worst Case, und der
schwemmte alte Erinnerungen nach oben.
Die tourmente.
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Ja, manche sagten, die tourmente habe Évelyne Ducat
erwischt, wie einst. Tourmente, so wird der Wintersturm
genannt, der manchmal über die Gipfel tobt. Ein Sturm,
der Unwetter und heftigen Schneefall mit sich bringt,
hinter jedem Felsbrocken Verwehungen anhäuft und den
sicheren Tod bedeutet, schlimmer als Wundbrand, wie es
früher hiess. In den vierziger Jahren waren zwei Lehrerin-
nen auf diese Weise ums Leben gekommen, ich kenne die
Geschichte, seit ich klein bin. Die beiden jungen Frauen
waren zu Fuss in die nur zwei Kilometer von ihrem Dorf
entfernte Schule aufgebrochen und hatten sich im Schnee-
sturm verirrt. Man hatte sie aneinandergeschmiegt unter
einem eisbedeckten Baum gefunden, erfroren. Unsere
Grossväter hatten Glockentürme in den Dörfern gebaut,
es wurde geläutet, um Verirrte zu leiten, wenn der Winter
mit aller Härte zuschlug. Heute war das nur noch Folk-
lore, ein Relikt aus jener Zeit, als alles ein bisschen schwe-
rer war. Die tourmente brachte heutzutage keinen mehr um.
Aber Éliane liess sich weiterhin jedes Jahr Angst einjagen.
Und das war jetzt natürlich ein gefundenes Fressen.
»Oder, was denkst du?«, holte sie mich aus meinen
Gedanken.
Ich musterte sie, in ihrer Daunenjacke mit ihren rosi-
gen Wangen, die sie jünger wirken liessen, als sie war. Sie
wollte meine Meinung hören, wie immer. Aber diesmal
gab ich keine Antwort.
»Du bist ja sehr gesprächig heute. Stimmt was nicht?«
»Nein, alles gut.«
Ich log natürlich. Wenn ich ehrlich war, hatte ich nur
die Hälfte von dem mitbekommen, was sie mir da gerade
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in dem überheizten Café erzählt hatte. Sie rieb sich an der
Meldung auf, die tagelang die Schlagzeilen beherrschen
sollte, fragte sich, ob es wohl in den landesweiten Nach-
richten käme. Aber es half nichts, ich konnte einfach kein
Interesse aufbringen. Hätte ich mal machen sollen. Wenn
ich früher begriffen hätte, wie sehr die Geschichte auch
mich betraf, hätte ich vielleicht verhindern können, was
sich da anbahnte. Aber ich war ganz woanders, irrte auf
gewisse Weise selbst durch den Schneesturm. Also liess
ich Éliane fertigerzählen, stellte der Form halber ein paar
Fragen, dann ging ich und fror mir in der Kälte draussen
wieder einen ab.
Ich hatte an dem Tag keine Hausbesuche, ging einkau-
fen und erledigte zwei, drei Sachen in der Stadt, nichts,
wo ich allzu viel nachdenken musste. Und abends fuhr
ich zurück auf die verschneiten Höhen meiner Berge.
Hinauf zu den massiven Granithäusern, dem in den Fel-
sen gehauenen Brunnen; dem Dorf, in dem ich aufge-
wachsen war, wahrscheinlich würde ich bis zu meinem
Tod hier leben. Ich parkte am Hang, der graue Nebelfluss
schlängelte sich durchs Tal und verschlang jedes noch so
kleine Dorf. Zu Hause stellte ich seufzend alles ab, wenig
später kochte ich in der Stille meiner Küche Kartoffeln
und zwei Würste.
Michel kam kurz darauf, als das Abendessen fertig war.
Ich stand mit dem Rücken zu ihm, hörte, wie er seinen
Overall im Flur auszog und zum Duschen ins Bad tapste.
Wortlos. Dann setzte er sich mit nassen Haaren an den
grossen Holztisch, der den Raum teilte, von Fenster zu
Fenster. Unter seinem Pullover guckte das T-Shirt der
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Jungen Landwirte hervor, das zog er immer an nach har-
ten Tagen. Er schnitt ein Stück von der Wurst ab, kaute
eine Weile. Und erst dann sagte er: »Na?«
»Ja«, antwortete ich, als wäre es ein ganz normaler Tag
gewesen.
Ich redete, weil ich das am besten kann, erzählte, wo
ich gewesen war, wen ich getroffen, was ich eingekauft
hatte. Michel hob die Augenbrauen, das hiess Aha. Einen
Augenblick lang musterte ich sein stumpfes Gesicht, die
durchgehenden Brauen, von einer Schläfe zur anderen,
seine Augen, deren Farbe ich noch nie hatte benennen
können.
»Und bei dir? Wie war dein Tag?«
Er umklammerte das Messer mit der Faust, zuckte die
Schultern. »Sie kalben.«
Sie kalben, das war’s, mehr sagte er nicht. Nicht nötig,
er wusste, dass ich Bescheid wusste. Weil ich den Beruf
kannte, als wär ich selber Bäuerin, seit meiner Kindheit
gab das den Takt vor. Kalben, das hiess, er schlief kaum,
verbrachte die meiste Zeit im Stall und behielt die Kühe
im Auge, reinigte die Krippen, schüttete Heu auf. Ab
und zu fuhr er ins Tal, traf sich mit Kunden und regelte
technische Probleme. Es war eine harte Zeit für ihn. Da-
her, nein, er musste nicht viel mehr sagen, damit ich ver-
stand. Fürs Gespräch allerdings, für mich, für uns, wär
es nicht schlecht gewesen. Nach dem Essen wischte er
sich den Mund ab, legte die Serviette hin, stand auf und
stellte seinen Teller in die Spüle.
»Ich mach mal weiter«, sagte er leise. »Hab noch Pa-
pierkram.«
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Dann ging er hinaus und ins Büro, das er sich im Kel-
ler eingerichtet hatte, man musste aussen rumgehen.
Dort füllte er Formulare aus und erstellte am Computer
seine Bilanzen. Ich blieb sitzen, starrte die Wohnzimmer-
wand an, die gerahmten Fotos meiner Neffen am Strand,
ganz allein mit der Stille, die mir viel zu vertraut gewor-
den war.
Michel und ich sprachen nur noch über Organisato-
risches in Haus und Hof. Und ich muss zugeben, dass
mir das in letzter Zeit entgegenkam. Vor allem an dem
Abend. Weil ich in Gedanken war, ach, eigentlich wie
besessen, nennen wir es ruhig beim Namen. Nicht wegen
Évelyne Ducat und ihrem Verschwinden wie Éliane und
alle anderen aus dem Tal. Nein, seit dem Vortag dachte
ich nur an eins: an Joseph in seinem Haus drüben auf
dem Causse
*
.
Joseph, in den ich mich mit der Zeit verliebt hatte.
Joseph, der mich nicht mehr wollte.
Und ich dachte nicht mal im Traum daran, dass mein
Liebhaber in die Geschichte verwickelt sein könnte, die
sie im Fernsehen brachten.
Joseph hätte einfach ein ganz normales Mitglied der
Agrargenossenschaft sein können, einer von denen aus
meinem Sektor, die ich täglich besuchte. Das ist unser
Job, meiner, Élianes und der von drei anderen. Fünf So-
zialarbeiterinnen für viertausend Bauern, wir fahren die
Höfe der Gegend ab und treffen uns mit denen, die kaum
* Bezeichnung für die Kalkplateaus im französischen Zentralmassiv.
(alle Anmerkungen von der Übersetzerin)
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noch jemand besucht, sagen ihnen Nein, ihr seid nicht
alleine, ihr habt Rechte, es gibt finanzielle Unterstützung
für Haushaltshilfen oder jemanden, der sich wenigstens
mal eine Woche im August um die Herde kümmert. Nie-
mand kann sich vorstellen, was in diesen Betrieben los
ist, wohin sich sonst nur noch beruflich jemand verirrt.
Wir dagegen wissen mehr, als uns lieb ist. Erfolgreiche,
junge Landwirte, die sich niederlassen, Neuerungen ein-
führen, Arbeitsplätze schaffen und sich auch im Internet
präsentieren, die dem Beruf alle Ehre machen, ja, die gibt
es, an die denken wir manchmal, um uns Mut zu machen.
Aber sehen tun wir die nicht.
Was wir sehen, sind zerrüttete Familien, Beziehun-
gen, die in die Brüche gehen, weil Madame ein Kind
will, Monsieur dagegen einen neuen Stall; Männer, die
unter der schieren Last der Arbeit in Depressionen versin-
ken, Rentner, die verkümmern, wenn ihre bessere Hälfte
gestorben ist und die Söhne in die Stadt fliehen. Und
als mich vor zwei Jahren der Bürgermeister einer klei-
nen Gemeinde angerufen und mir die Lage von Joseph
Bonnefille, einem Schafzüchter vom Causse, geschildert
hatte, war ich nicht besonders überrascht gewesen.
»Kein schlechter Kerl«, hatte er zu mir gesagt. »Aber
seit seine Mutter gestorben ist, geht’s ihm nicht gut, wis-
sen Sie. Dieses Jahr hat er kein Heu gemacht, und seine
Tiere laufen frei rum.«
Er hatte kein Heu gemacht, die Tiere liefen frei rum.
Die Anzeichen trogen nicht, das wusste ich genauso gut
wie der Bürgermeister. In solchen Situationen kam der
Hilferuf oft von aussen, von Kindern, Kommunalpoliti-
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kern, Nachbarn. Nie im Leben hätte Joseph sich von sich
aus gemeldet.
An einem trockenen, heissen Sommermorgen machte
ich mich daher auf den Weg zum Causse, ohne zu wis-
sen, dass hier etwas seinen Anfang nahm, was mein Leben
auf den Kopf stellen würde. Ich weiss noch genau, ich
fuhr durch die Stadt, zum oberen Ortseingang, und auf
den Serpentinen, die sich zum Steilhang emporschraub-
ten, schaltete ich in den zweiten Gang. Mir klebte schon
die Bluse am Rücken, ich kurbelte die Fenster runter,
damit ein bisschen Fahrtwind reinkam. Nach und nach
erhaschte ich Blicke auf die Täler zu meiner Rechten,
eingepfercht zwischen bewaldeten Hängen, auf denen der
Schatten der Bergkämme vorbeiflog. Als ich höher kam,
erahnte ich im Süden von ferne Dörfer, die sich an die
Hänge klammerten. Und auf der anderen Seite lagen die
sanfte Silhouette meiner Berge und ein paar ausgefranste
Wölkchen, die den Gipfel zu suchen schienen wie ein
Lamm das Mutterschaf.
In den Kurven schaltete ich runter, sobald es geradeaus
ging, beschleunigte ich. Und kam zu den grauen Fels-
wänden des Causse, die schrägen Strahlen der aufsteigen-
den Sonne blendeten mich. Mit einem Mal ging es nicht
mehr so steil, ich war auf dem Plateau, dieser riesigen,
ebenen Insel, die in den Sommerhimmel hineinragte, als
ob der gar nicht richtig dazugehörte. Über mir strichen
drei Geier durchs Blau, die riesigen Schwingen reglos im
Höhenwind. Ich nahm Strassen, die sich durch die Step-
pen schlängelten, um mich herum gelbliches Gras, blasse
Einfriedungen und Steinmäuerchen, die das Land in Par-
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zellen teilten. Unterwegs begegnete mir ein Schafzüchter
mit seiner Herde auf der Trift, ein aufgeregter Hund und
ein brauner Esel bildeten die Nachhut.
Am Dorfeingang stand ein massives Kreuz, aus dem
weissen Gestein des Plateaus gehauen, zur Erinnerung,
dass man sich hier auf katholischem Boden befand. Ich
fuhr an vier Häusern mit geschlossenen Fensterläden
vorbei, dann tauchte hinter ein paar Felsblöcken das
Bauernhaus auf. Typisch für die Gegend, aus Kalkstein,
schmiegte es sich zum Schutz vor eisigem Wind an einen
Hügel. Es war ganz still, geradezu unheimlich, ohne das
Auto dicht an der Hauswand hätte man denken können,
der Ort wäre verlassen.
Ich parkte im Hof, nahm meine Mappe und stieg die
Stufen zur Terrasse hoch. Ich klopfte. Keine Reaktion.
Ich klopfte noch mal. Da hörte ich endlich schlurfende
Schritte hinter der Holztür, ein Klicken, als der Schnap-
per aufsprang. Quietschend ging die Tür auf. Und durch
den Spalt erhaschte ich einen ersten Blick auf den lädier-
ten Mann, der einmal mein Liebhaber werden sollte, sah
die ausgebeulte Jeans, das bekleckerte graue Hemd, das
zerstrubbelte Haar. Aber vor allem sah ich das Jagdge-
wehr, das er mit beiden Händen quer vor sich hielt, als
wollte er mir den Zutritt verweigern. Netter Empfang,
dachte ich.
Trotzdem hatte ich keine Angst. Nein, wirklich, ich
hatte nie den Eindruck, er wäre gefährlich, vielleicht war
das auch der Fehler, wenn ich so drüber nachdenke. Aus-
serdem war ich natürlich solche Typen gewöhnt. Aber
vor allem fühlte ich mich sicher, weil ich über den Ge-

Prix Landerneau Polar

Colin Niel
Nur die Tiere

Roman

Aus dem Französischen von Anne Thomas


Softcover
ISBN 978-3-03925-009-7
Seiten 286
Erschienen 26. März 2021
€ 22.00 / Fr. 27.50

Ein atemberaubender Krimi.
— Libération

Évelyne Ducat verschwindet eines Tages spurlos, und das Städtchen im französischen Zentralmassiv rätselt. Es kursieren Gerüchte und Beobachtungen. Doch nicht alles wird der Polizei preisgegeben, denn hier in der abgeschiedenen Bergwelt hüten die Menschen ihre Geheimnisse. Die Sozialarbeiterin Alice hat ein Geheimnis mit ihrem Klienten Joseph, dem einsamen Schafzüchter. Und der verhält sich nach dem Verschwinden der Frau merkwürdig. Und in welcher Beziehung stand die Verschwundene zu der jungen Maribé, die eines Tages im Städtchen auftauchte und alle Blicke auf sich zog? Mit jedem Kapitel erhält eine andere Person das Wort, und ein neues Geheimnis, ein neuer Verdacht taucht auf, bis sich das Puzzle um Évelyne Ducats Verschwinden zusammenfügt.

Colin Niels preisgekrönter Roman noir ist mehr als ein raffiniert konstruierter Krimi: Er gibt ebenso fesselnd Einblick in prekäre soziale Milieus und erzählt von der verzweifelten Suche nach Liebe.

Die Romanverfilmung von Dominik Moll kommt demnächst ins Kino: Seules les bêtes (CH) / Die Verschwundene (D)

Pressestimmen

»Nur die Tiere« schlägt kunstvoll Haken, es gibt viele Verdächtige, jede neue Erzählung wirkt wie das Dementi der vorhergehenden.
— Christian Schröder, Der Tagesspiegel
Ein umwerfender, polyphoner Roman noir über die Einsamkeit im ländlichen Frankreich von heute.
— Le Soir
Ein grossartiger Thriller.
— Le Temps

Termine