LENOS
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LP 225
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Asmaa al-Atawna
Keine Luft zum Atmen
Mein Weg in die Freiheit
Aus dem Arabischen und mit einem Nachwort
von Joël László
Lenos Verlag
LP 225
Copyright © Asmaa al-Atawna, 2019. Soura mafqouda was first
published in Arabic by Dar al Saqi, Beirut, Lebanon
Published by arrangement with The Italian Literary Agency
and RAYA The agency for Arabic literature
Erste Auflage 2021
Copyright © 2021 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: z. V. g.
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 825 1
Der Übersetzer
Joël László, geboren 1982 in Zürich. Studium der Nahostwissenschaf-
ten und der Geschichte. Er lebt als freier Autor und Übersetzer in
Basel. Längere Aufenthalte in Kairo sowie wissenschaftliche Publika-
tionen zu neuerer türkischer und ägyptischer Geschichte. Seine Thea-
terstücke und Hörspiele wurden mehrfach ausgezeichnet.
Zur Erleichterung der Aussprache arabischer Namen wurden in der
Übersetzung betonte lange Silben mit einem Zirkumflex (
^
) versehen.
Übersetzer und Verlag danken der Schweizer Kulturstiftung Pro Hel-
vetia für die Unterstützung.
Für Gaza
Erster Teil
Geh weg
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I
Ich bewegte den Körper des Mannes, der dalag wie ein
Stein, nach links und nach rechts, um sicher zu sein, dass
er noch am Leben war. Da er sich nicht rührte, legte ich
mein Ohr an seine Brust und versuchte den Herzschlag
zu hören. Ich blickte mich um. Vielleicht fand sich trotz
der späten Stunde noch ein anderer Passant. Aber da war
nichts. Nur die tödliche Stille und der Schlafende. Das
einzige Geräusch kam vom Wasserstrahl, der aus dem
Maul eines steinernen Löwen in einen runden Spring-
brunnen fiel, mitten auf der Place Saint-Étienne in Tou-
louse gegenüber der Kirche. Mir kam die Idee, sein Ge-
sicht mit kaltem Wasser zu bespritzen. Ich füllte gerade
meine Hand, als er schwerfällig zu husten begann und ich
endlich sicher sein konnte, dass er noch lebte und atmete.
Ich zog ihn zum Beckenrand und lehnte seinen Rücken
an, damit es einfacher war, ihm Wasser zu bringen. Er
roch nach Erbrochenem. Dazu mischte sich bei jeder Be-
wegung ein Gestank nach Urin. Beim Husten wehte ei-
nen seine Alkoholfahne an. Sein Gestank erinnerte mich
an die Kadaver der Ratten, die Abu Rijâla bei uns im
Schwarzen Viertel erlegt hatte. Das Erbrochene bedeckte
seinen Mantel und die fingerlosen Wollhandschuhe.
Ich wusch meine Hände im kalten Brunnenwasser und
schaute auf die Uhr. Es war vier Uhr morgens. Ich warf
ihm einen letzten prüfenden Blick zu, dann sah ich zum
steinernen Löwen, der dem Gesicht dieses fremden Man-
nes irgendwie glich, und auf den Wasserstrahl, der sei-
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nem aufgesperrten Maul entströmte. Ich stellte mir vor,
dass es ebenfalls Erbrochenes wäre.
Damit ich nicht zu spät kam, ging ich rasch weiter
zum Sitz der Präfektur. Es war ein Verwaltungsgebäude.
Ich sah Nathalie sofort. Den Rücken an ein kleines Auto
gelehnt, wartete sie auf mich. Sie streckte mir einen Be-
cher heissen Kaffee entgegen, den ich vorsichtig mit den
Fingern umfasste, um mich nicht zu verbrennen. Ich be-
deckte meine nassen Haare mit der Kapuze meines Man-
tels.
Nathalie war eine kleingewachsene Frau Anfang vierzig
mit kurzem schwarzem Haar. Die Zeit hatte ihre Spu-
ren hinterlassen, und die umfangreichen Dossiers hatten
sie ihrer Sehschärfe beraubt. Sie trug eine Brille mit di-
cken Gläsern, so wie sie unser Nachbar al-Bilbaisi, der
Besitzer des einzigen Ladens im Schwarzen Viertel, ge-
tragen hatte. Seit ich sie kannte, hatte ich sie noch nie
mit Make-up gesehen. Nie trug sie ein Kleid oder einen
Rock. Ich führte das auf die Ernsthaftigkeit ihrer Arbeit
zurück. Als Anwältin setzte sie sich vor Gericht für die
Fälle von Migranten und Flüchtlingen ein. Die Richter,
dachte ich mir, würden sie nicht ernst nehmen, wenn sie
die Flüchtlinge im Rock oder in einem bunten Kleid ver-
teidigte. Aus eigener Erfahrung weiss ich genau, dass de-
zente Farben, die meine weiblichen Reize möglichst ver-
decken, helfen, wenn ich ernst genommen werden will.
Wie soll ich glaubhaft vermitteln, dass ich dem Tod ent-
flohen bin und keinen Cent in der Tasche habe, wenn ich
mit Rouge auf den Lippen und in einem figurbetonten
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Kleidchen angetanzt komme? Nathalies Stimme holte
mich zurück vor die rote Schiebetür, über der schwarze
Überwachungskameras angebracht waren, die die Bewe-
gungen unserer Körper auch im Dunkeln registrierten.
Als der Andrang langsam zunahm, stellten wir uns di-
rekt vor die Tür. Ich versuchte, weiterhin das kalte Metall
der Tür zu berühren, nachdem ich zuvor meine Wange
dagegengepresst hatte, um ja unter den Ersten in der
Schlange zu sein. Nathalie verschwand irgendwo zwi-
schen den Körpern, die trotz des Schiebens und Drängens
einen zusammenhängenden Block bildeten. Ich musste
an Sardinen denken, die abends nebeneinander zur Mee-
resoberfläche schwimmen, um sich am Plankton satt zu
essen. Die Schiebetür öffnete sich um neun Uhr. Sobald
das Quietschen ertönte, traten wir uns gegenseitig auf die
Füsse und kämpften darum, an den Anfang der Schlange
zu gelangen, bevor das Fensterchen mit Tickets für den
Einlass wieder zumachte.
Wir betraten das moderne Gebäude, wo uns ein aus-
ladender runder Schreibtisch empfing, hinter dem die
beleibte Beamtin beinahe verschwand. Was wir von ihr
noch sahen, waren hauptsächlich ihre extrem langen roten
Fingernägel. Sie meinte, wir sollten uns in die Schlange
für Gesuche neuer Flüchtlinge stellen. Diszipliniert reih-
ten wir uns ein zwischen zwei imaginären Linien, die zu
übertreten wir alle tunlichst vermieden, damit wir von
der Frau von der Security nicht angebrüllt wurden, die
uns auflauerte wie damals unsere Lehrerin Sainab, als ich
ein kleines Kind in der Dalâl-al-Mughrabi-Schule für
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Flüchtlinge gewesen war. Hier hatten wir alle verschie-
dene Nationalitäten und Hautfarben. Worin wir uns gli-
chen, war allein der Grund, der uns hergeführt hatte: der
einfache Wunsch, am Leben zu bleiben.
Nathalie atmete ungeduldig aus. Sie wirkte nervös
und angespannt. So leise, dass sich ihre Stimme den Sen-
soren der Überwachungskameras möglichst entzog, sagte
sie mir auf Englisch, dass sie sich schäme für die beleidi-
gende Behandlung, die wir jeden Morgen über uns erge-
hen lassen müssten. Sie und ihre Anwaltskolleginnen bei
Amnesty International, fuhr sie fort, hätten einen offizi-
ellen Antrag an die Präfektur gestellt, damit im Warte-
bereich wenigstens Sitzgelegenheiten für Schwangere,
ältere Menschen und Kinder eingerichtet würden. Ich
hörte zu und betete insgeheim, dass die Beamten nichts
mitbekamen. Nicht dass man am Schluss aus Rache mei-
nen Antrag ablehnte und mich ins Schwarze Viertel zu-
rückschickte. Am liebsten hätte ich Nathalie versichert,
dass ich mich weder beleidigt noch geringgeschätzt
fühlte. Der Umstand, dass ich heute um drei Uhr in der
Früh aufgestanden und hierhergekommen war, um darauf
zu warten, dass die metallene Schiebetür aufging, liess
sich in keiner Weise mit den Beleidigungen vergleichen,
die ich vonseiten der israelischen Besatzungsarmee hatte
erdulden müssen, als ich die von ihnen kontrollierten
Grenzen passierte. Und all dies liess sich nicht im Ge-
ringsten vergleichen mit den persönlichen Beleidigungen
und Demütigungen, denen sich mein Vater Fasaa, meine
Familie und die Leute aus dem Schwarzen Viertel in Gaza
ständig ausgesetzt sehen. Ich hoffte, Nathalie würde we-
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nigstens einen Moment lang still sein, damit der Morgen
gut über die Bühne ging und ich den zuständigen Beam-
ten treffen konnte, der mir das Papier aushändigte, das
mich davor bewahrte, auf Feld eins zurückzufallen was
meinen sicheren Tod bedeutet hätte. Und auch wenn es
kein körperlicher wäre, so wäre es doch ein seelischer Tod,
mit Absicht herbeigeführt von den Männern und Frauen,
die in meinem Viertel wohnten.
Ich kam an die Reihe. Zwischen Nathalie, der Anwäl-
tin, die sich freiwillig dafür einsetzte, dass ich einen po-
sitiven Bescheid erhielt, und dem zuständigen Beamten
entspann sich ein ausführliches Gespräch. Die zwei un-
terhielten sich auf Französisch, und ich verstand nichts
bis auf das Wort Palestine, das sie ähnlich aussprachen wie
auf Englisch und das dem arabischen Filistîn entspricht.
Er reichte ihr ein Formular, auf das er oben mein Passbild
geklebt hatte. Ich sehe noch vor mir, wie er den Stem-
pel vom Kissen nimmt, bevor er das Bild abstempelte,
und noch immer höre ich, wie er ihn aufs Papier drückt.
Nathalie gab mir das Formular. Sie erklärte mir, dass es
darauf drei Kästchen gebe, die ich am Ende jedes Mo-
nats abstempeln lassen müsse. Das würde so gehen vom
Ablauf der ersten Frist bis zum Zeitpunkt der endgülti-
gen Entscheidung darüber, ob ich einen Aufenthaltstitel
erhielte, der mich offiziell berechtige, auf französischem
Boden zu bleiben.
Die ersten drei Monate vergingen. Es folgten drei wei-
tere, wobei ich wieder um drei Uhr aufstand, damit ich
um vier vor der eisernen Schiebetür stand und mir mei-
nen Weg durch die sich drängelnden Körper zum Beam-
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ten, der den Stempel ins Kästchen setzte, bahnen konnte.
Von meiner Ankunft im Jahr 2001 bis 2003 verblieb ich
in diesem Status. Dann erhielt ich endlich eine richtige,
erneuerbare Aufenthaltsgenehmigung für zwei Jahre. Im
Anschluss würde ich die Chance auf einen Ausweis mit
zehnjähriger Gültigkeit haben.
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II
Im Sommer 2001 bin ich nach Madrid gekommen. Bei
der Flucht aus dem Gefängnis, in dem ich lebte, half mir
mein Spanischlehrer José. Ich lernte ihn über meine Stelle
bei der spanischen Nachrichtenagentur in Gaza kennen.
Er hatte zuvor auf archäologischen Grabungen gearbeitet.
Nach Palästina war er gekommen, um mit seiner israe-
lischen Freundin zusammenzuleben, die bei Grabungen
in Jerusalem beschäftigt war. In den besetzten Gebieten
hatten sie an Orten gearbeitet, wohin mir selbst die Reise
verwehrt war. Nachdem er sich von seiner jüdischen
Freundin getrennt hatte, begann er als Spanischlehrer zu
arbeiten und kam, anstatt nach Spanien zurückzukehren,
nach Gaza, wo man in den neunziger Jahren eben erst die
al-Azhar-Universität eröffnet hatte. Es gab eine Zeit, wo
ich mir ausmalte, dass er nur deshalb hierhergekommen
war und sich von seiner israelischen Freundin getrennt
hatte, damit er mich retten konnte. Nachdem das fran-
zösische Kulturinstitut mein Visum für Frankreich ab-
gelehnt hatte, überwand ich meine Enttäuschung, ging
stattdessen auf José zu und fragte ihn, ob er mir dabei
helfe, anstelle des französischen ein spanisches Visum
zu erhalten. Ich ärgerte mich über eine Freundin an der
Universität, weil ich spürte, dass sie sich ebenfalls an
José heranschmiss. Ich beobachtete alles sehr genau und
dachte lange darüber nach. Als ich bemerkte, dass José
sich in mich verliebte, kam mir ein Gedanke, mit dem
ich mein schlechtes Gewissen beruhigen konnte. Ich re-
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dete mir ein, dass es notwendig war, an ihm Rache zu
nehmen. Er musste dafür bestraft werden, dass er Dinge
ausgegraben hatte, die ihn nicht das Geringste angingen,
zudem unter Mithilfe einer jüdischen Diebin, deren einzi-
ges Ziel es war, palästinensische Antiquitäten zu stehlen,
um damit die Zimmer ihrer europäischen Zweitwohnung
zu schmücken, in die sie sich immer dann flüchtete, wenn
sie unzufrieden war oder sich vor einer Verschlechterung
der Sicherheitslage fürchtete. Bald schon verwandelten
sich meine Gewissensbisse, dass er sich ausgerechnet
in ein armes Mädchen wie mich verliebt hatte, in Wut.
Mein Interesse an der Israelin verlor sich, und ich kon-
zentrierte mich auf das, was mich weiterbringen würde.
Ich setzte ein listiges Lächeln auf, zog mein Kopftuch fest
und ging mit meiner Freundin in den ersten Stock des
Universitätsgebäudes.
Sie lachte lauthals los, als sie von meinen Plänen er-
fuhr, und machte sich lustig über mich und meine Träu-
mereien, diesem Gefängnis zu entfliehen, dessen Dach
der Himmel bildete. Sie lachte auch, als ich ihr mein Ge-
heimnis enthüllte und erzählte, wie mein Spanischlehrer
José sich in mich verliebt hatte. Dass er, seit er zum Islam
konvertiert war, eine junge Muslimin suche, die er heira-
ten könne, damit sie ihm beim Unterricht in der neuen
Religion helfe. In den Augen meiner Freundin waren das
alles bloss Phantasien, mit denen ich der tristen Realität
und dem Terror entkommen wollte, mit dem mein Vater
mich überzog; seinen Vorwürfen, dass ich immer zu spät
nach Hause käme; den ständigen Drohungen, mich um-
zubringen, nachdem mein schlechter Ruf sich im Vier-
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tel verbreitet und ihn dazu bewogen hatte, eine Auszeit
von der Arbeit zu nehmen, um mich endlich richtig zu
erziehen. Ich schämte mich dafür, geträumt zu haben.
Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Ich flehte
meine Freundin an, den anderen nichts zu erzählen, ich
wollte nicht, dass sie sich über mich lustig machten und
José am Schluss von der Sache Wind bekam. Sie meinte,
ich spönne doch und sei nichts als ein naives Huhn, das
von einem Märchenprinzen träume, der auf einem Pferd
dahergeritten komme und mich vor all den blauen Fle-
cken rette, die wegen Vaters Schlägen ständig mein Ge-
sicht und meinen Körper bedeckten.
Sie verabschiedete sich und ging in den Kurs für fran-
zösische Literatur, den eine belgische Lehrerin gab. Ich
blieb allein zurück und schaute vom obersten Balkon
hinab auf die Studentinnen, die durch das Tor hinein-
und hinausgingen. Ich war mir sicher, dass meine Freun-
din recht hatte. Ich lebte in einem grossen Gefängnis, zu
dem einzig die Soldaten der Besatzungsarmee die Schlüs-
sel in der Hand hielten. Sie allein entschieden, an wel-
chen Tagen das Gefängnis geöffnet oder geschlossen war,
wer einreisen und wer ausreisen durfte. Und sie waren es
auch, die in ständiger Begleitung von Polizeihunden die
Bewachung der wenigen Ausgänge verstärkten, über die
ich mich hätte hinausretten können.
Ich musste an Vaters Füsse denken, die mich in den
Bauch und den Rücken traten. Seine Hände, die mich an
den Haaren den Boden entlangschleiften oder unter der
Decke hervorholten, damit sich das Spektakel möglichst
vor allen Leuten aus dem Schwarzen Viertel abspielte
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und jeder sich davon überzeugen konnte, dass er noch
immer alles im Griff hatte. Und damit alle anderen jun-
gen Frauen, denen es hätte in den Sinn kommen können,
ihren Intuitionen nachzugeben und sich aufzulehnen, sa-
hen, wie ich vor den Augen aller bestraft wurde. Er schlug
mich. Er spuckte mir ins Gesicht. Die Blicke von Umm
Rijâla, al-Bilbaisi und Akram Abu Ras hefteten sich auf
meinen geschundenen Körper. Diese ganze Wut, nur weil
ihm gesagt worden war, dass ich mich schlecht benom-
men und die Unverschämtheit gehabt hätte, enge Jeans
zu tragen und das Kopftuch abzulegen, was von mangeln-
dem Respekt zeuge. Ich tastete nach den Schwellungen
und blauen Flecken unter meinen Augen und ging auf
die Tür des Klassenzimmers zu, um die belgische Lehre-
rin französisch sprechen zu hören, eine Sprache, von der
ich nicht das Geringste verstand. Ich lauschte den Wor-
ten, und der Sprachfluss trug mich fort in eine andere,
schönere und weit entfernte Welt, wo man mit Umsicht
und Zuneigung miteinander redete; eine Romanwelt mit
einem Helden, der arm und ein Waisenkind war und ei-
nen Buckel hatte. Er lebte zwischen riesigen Glocken und
sprach zur Unterhaltung mit Tieren aus Stein. Ich dachte
an Vater und sah ihn vor mir, wie er zu mir hochschaute,
während ich selbst zwischen den Glocken hing und ihm
ins Gesicht lachte, weil es mir gelungen war, ihm zu ent-
kommen. Während ich noch zwischen den Glocken der
Notre-Dame und Vaters wütendem Gesicht hin- und
herpendelte, schloss der Wächter den Haupteingang der
Universität, und die Lehrerin klopfte mir auf die Schulter.
Ich fuhr zusammen. Sie lächelte und entschuldigte sich
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auf Englisch, dass sie mich erschreckt hatte. Sie meinte,
es sei doch sicher angenehmer, drinnen in der Wärme auf
einem Stuhl zu sitzen, anstatt weiterhin draussen vor der
Tür dem Unterricht zu lauschen. Ich schämte mich dafür,
überrascht worden zu sein. Die Augen auf den Boden ge-
richtet und den Blicken der anderen ausweichend, betrat
ich das Klassenzimmer.
Mit dieser Französischstunde wurde es unumkehrbar.
Ein grosser Eisklumpen bildete sich in mir. Oder bes-
ser: ein Regen sprühender Funken, der mein Verlangen
zu fliehen jäh auflodern liess. Ich musste mich retten vor
dem sicheren Tod, bevor Vater mich fasste und wie eine
Ratte irgendwo in diesem riesigen Gefängnis in einen
Mülleimer warf.
Ich sprach mit José über meine drängenden Flucht-
gedanken. Da er aus dem Westen kam, ein Muslim und
Ausländer war, der nach einer muslimischen Geliebten
Ausschau hielt, sagte ich mir, dass er bestimmt nicht so
extrem reagieren würde wie die anderen Menschen inner-
halb der Gefängnismauern. Und tatsächlich war er es, der
mir zu jenem Visum verhalf, das mein Leben vollkom-
men auf den Kopf stellte.
Ich bereitete mich gut auf die Sache vor. Vater kehrte
zurück an seinen Arbeitsort in der Überzeugung, mich
zur Vernunft gebracht zu haben. Ich würde nicht mehr
abweichen vom rechten Pfad, den sein Rohrstock mir
vorgezeichnet hatte. Kaum war er weg, floh ich mit José
nach Madrid. Es war der Sommer 2001.
Wir lebten in einer kleinen Wohnung mitten in ei-
nem hässlichen Hochhaus an einer Strasse, deren Namen
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ich vergessen habe. Der Grund dafür ist einfach: Ich bin
in einem Viertel aufgewachsen, in dem planlos unnum-
merierte Flüchtlingsunterkünfte entstanden waren. Die
Strassen waren aus Sand, die Gassen dreckig, und überall
stank es nach Urin. Bei starkem Regen floss das Abwas-
ser über. Ich hatte damals keine Ahnung, dass Strassen
Nummern und Gebäude Namen und Adressen haben
können, und nie zuvor hatte ich einen Briefumschlag zu
Gesicht bekommen. Bei uns im Viertel wurde mündlich
korrespondiert. Die Kinder trugen die Nachrichten zu
den Nachbarn, diese wiederum diskutierten unter sich
von Angesicht zu Angesicht weiter. Ich war wie geblen-
det von den ordentlichen Gehsteigen und den Pikto-
grammen, die von allen Passanten respektiert wurden,
wobei sie plötzlich anhielten und stillstanden, wenn das
Lichtsignal die entsprechende Farbe anzeigte.
Weil der Lebensunterhalt teuer war, lebte José bei sei-
nen Eltern, so dass die Wohnung wirklich eng war. In
allen Ecken türmten sich Bücher, die überallhin weiter-
wucherten und an eine Kletterpflanze erinnerten, die bis
zum Balkon reichte, wo sie mit ihren Wurzeln Löcher in
die Höhle schlug. Dieser Lesehunger und der Drang, im-
mer mehr Bücher zu kaufen, hing wohl damit zusammen,
dass Josés Vater seit seiner Rückkehr aus Marokko als
Professor für Geschichte arbeitete.
Zusammen mit seinem Vater verliess José frühmor-
gens das Haus. Zurück blieben ich und María, Josés
Mutter, die bald darauf in den Supermarkt im Erdge-
schoss ging, um ihre Einkäufe zu erledigen. Ich sass da
mit den drei Katzen. Sobald Marías Schritte im Trep-
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penhaus sich wieder näherten, wurde das Miauen ohren-
betäubend. Wenn die Tür sich öffnete, rannten sie zu ihr
hin und strichen ihr um die dünnen braunen Strümpfe.
María sprach spanisch mit ihnen, so dass ich nichts ver-
stand. Sie leerte den Inhalt einer Büchse, auf der das Ge-
sicht einer Katze zu sehen war, in den Plastiknapf. Ich
begriff, dass es sich um Spezialnahrung handelte, und
dachte an die armen streunenden Katzen im Schwarzen
Viertel, denen die Kinder mit Steinen in der Hand hin-
terherrannten und die Umm Rijâla vergiftete, weil sie
ihr die Sardinen vom Teller neben der kleinen Gasflasche
stibitzten. Und ich dachte an die arme Katze, die un-
ser Nachbar al-Bilbaisi von der Mauer runtergeschmis-
sen hatte, weil sie auf die Laken seines Bettes gepinkelt
hatte. Sie hatte sich sämtliche Knochen gebrochen und
sich miauend in einen dunklen Winkel verzogen, um
alleine zu sterben.
Ich sass am kleinen roten Küchentisch, auf den María
eine weisse, mit farbigen Blumen verzierte Plastikschüs-
sel gestellt hatte, und schaute ihr zu, wie sie zum Früh-
stück eine Tortilla, Rührei oder Kartoffeln zubereitete
und daneben dünne Scheiben Manchego-Käse aufschnitt.
Sie belegte Scheiben gerösteten Brotes mit frischen To-
maten und Knoblauchzehen und beträufelte sie mit Oli-
venöl. Das Essen bereitete sie mit einer Geschicklichkeit
zu, die mich für diese Frau in ihren Fünfzigern mit dem
kurzen weissen Haar einnahm. Und obwohl wir uns we-
gen der Sprachbarriere nicht miteinander unterhalten
konnten, beobachtete ich mit Freude, wie sie sich mit
einer eleganten Handbewegung die Küchenschürze um-
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band. Ich lächelte, weil ich sah, wie vertieft sie in ihre
Arbeit war. Während sie das Essen zubereitete, sang sie,
und ab und zu hielt sie inne und versuchte meinen Na-
men auszusprechen: »Az … ma.«
»No, no«, verbesserte ich sie. »Asmaa … ss … ss!«
»Ahaaa! Asmaa.«
Sie schlug sich auf die Brust und hielt den Atem an.
Im Ausatmen erklärte sie mir, dass asma, soweit ich be-
griff, im Spanischen einen Anfall von Kurzatmigkeit be-
zeichnete!
Wenn José am Abend von der Arbeit zurückkam, be-
gleitete ich ihn zu seinen Freunden. Wir trafen uns an
einem Tisch voller Schalen und Häppchen, die man Tapas
nennt und die dem gleichen, was bei uns Mezze heisst.
Alle sprachen laut durcheinander, und es herrschte eine
angeregte Stimmung. Da ich kein Wort verstand, nutzte
ich die Gelegenheit, um von den verschiedenen Dingen
zu kosten. Ich staunte, wie nahe sich unsere Kulturen in
Bezug auf das Essen stehen. Es gab Oliven in allen Far-
ben, Falafeln und gegrillte Tomaten. Was ich am liebsten
mochte, waren die Sardellen, gesalzene und in Olivenöl
eingelegte Fischchen. Ich liess die anderen reden und la-
chen und spielte mit einem kleinen Mädchen, das ange-
schnallt in einem Kinderwagen sass, den die Mutter ab
und zu bewegte, wenn das Kind sein Spielzeug wieder
auf den Boden geworfen und zu heulen begonnen hatte.
Ich schaute das Mädchen an und dachte mir, dass wir uns
gar nicht so unähnlich waren. Beide verstanden wir nicht
so richtig, was uns passierte, nur dass sie weinte und ich
mich damit ablenkte, dass ich ass.
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Auf dem Heimweg erzählte mir José, dass er gern
Imam in einer Moschee werden wolle. Er war einer ma-
rokkanischen Sufi-Bewegung beigetreten, und vor kur-
zem war eine ziemlich grosse Gruppe Konvertiten hinzu-
gekommen. Sein Wunsch, als Erwachsener noch Muslim
zu werden, verwunderte mich im Grunde genommen viel
weniger als die absurde Tatsache, dass er mit einer Israelin
in meinem Land herumgegraben hatte. Dennoch beunru-
higte mich die Nachricht, war ich doch genau vor dem
geflüchtet, was er nun freiwillig auf sich nehmen wollte.
Ich erklärte ihm, dass ich ihn zu diesem Schritt nicht er-
mutigen könne, da ich selbst zu stark unter Heuchlern
mit frommen Bärten gelitten hätte. Vor allem unter mei-
nem Lehrer für den Hadith, die Prophetenüberlieferung.
Ständig hatte er alle terrorisiert, weil einem Mädchen das
Kopftuch verrutscht und etwas Haar sichtbar geworden
war. Der Islam im Ausland, dachte ich, würde aber dank
einer emanzipierteren Geisteshaltung bestimmt freundli-
cher sein als der Islam bei uns.
Ich diskutierte nicht weiter mit ihm. Sollte er machen,
was er für gut befand. Schliesslich war ich kein gutes Bei-
spiel für eine traditionelle Muslimin. Ich war hierherge-
kommen, um mich von Lasten zu befreien, die ich nicht
selbst gewählt, aber die man mir seit meiner Kindheit
aufgebürdet hatte. Mir blieb nichts anderes übrig, als
Spanisch zu lernen, sagte ich mir, um Josés Eltern und
seine Freunde richtig kennenzulernen. Es war der ein-
zige Weg, die Barriere zu überwinden, die mich von den
anderen trennte. Als ich den Bescheid erhielt, dass ich
am Sprachinstitut angenommen worden sei und bereits

Asmaa al-Atawna
Keine Luft zum Atmen

Mein Weg in die Freiheit

Aus dem Arabischen von Joël László


LP 225
Paperback
ISBN 978-3-85787-825-1
Seiten 172
Erschienen 17. August 2021
€ 16.00 / Fr. 19.80

Wahrheitsgetreu geschrieben, mutig und ohne Angst vor Konfrontation.
— Maha Hassan, Autorin

Asmaa ist die Tochter einer Beduinenfamilie, die seit Jahrzehnten im Flüchtlingslager in Gaza lebt. Das selbstbewusste, rebellische und bisweilen zornige Mädchen sucht stets Schlupflöcher, um der konservativen Gesellschaftsordnung zu entkommen und im Geheimen ein wenig frei zu sein. Als Achtzehnjährige beschliesst sie, dieses patriarchalische und politische Gefängnis zu verlassen, und gelangt mit der Hilfe ihres Spanischlehrers nach Barcelona. Doch bald muss sie wieder ausbrechen, um nicht erneut in die Abhängigkeit von einem Mann zu geraten. Ihre Reise endet in Frankreich, wo sie sich langsam ein neues, eigenständiges Leben aufbaut.

Asmaa al-Atawna entzieht sich bewusst den Stereotypen des Nahostkonflikts, der den Hintergrund ihrer Geschichte bildet. Vielmehr erzählt sie in dieser mutigen Autofiktion mit erfrischender Vitalität, mit Humor und ohne Pathos von ihrem persönlichen Kampf für die Freiheit.