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Lenos Verlag
Mahi Binebine
Die Engel von Sidi Moumen
Roman aus Marokko
Aus dem Fransischen
von Regula Renschler
Die Übersetzerin
Regula Renschler, geboren 1935 in Zürich. Studium der Romanistik
und der modernen Geschichte in Zürich. Tätigkeit als Auslandredakto-
rin bei verschiedenen Tageszeitungen, während zehn Jahren als Sekre-
tärin der Erklärung von Bern und ab 1985 als Redaktorin bei Schwei-
zer Radio DRS. Übersetzte u.a. Weder arm noch ohnmächtig von Axelle
Kabou, Deutschlands Himmel von Yvette Z’Graggen sowie Die Erfahrung
der Welt und Blätter von unterwegs von Nicolas Bouvier.
Titel der französischen Originalausgabe:
Les Étoiles de Sidi Moumen
Copyright © 2010 by Flammarion, Paris
Erste Auflage 2011
Copyright © der deutschen Übersetzung
2011 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagbild: Mahi Binebine
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 415 4
Für Claude Durand
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Ein Spaziergänger nnte an unserem Quartier entlang-
gehen, ohne seiner Existenz gewahr zu werden. Eine
hohe Stampflehmmauer trennt es vom Boulevard, wo der
ununter brochene Verkehrsuss einen Höllenlärm macht. In
dieser Mauer gab es schmale Öffnungen, Schiessscharten
gleich, durch die man die andere Welt beobachten konnte.
Als ich ein Kind war, bestand unser Lieblingssport darin,
Becher voller Urin auf die wohlhabenden Bürger zu schüt-
ten und uns dabei mucksmäuschenstill zu verhalten, wäh-
rend jene uchend und schimpfend zum Himmel hochsa-
hen. Mein Bruder Hâmid war unser Chef. Er verfehlte nur
selten sein Opfer. Reglos sahen wir seinem Treiben zu und
platzten dann schier vor Lachen, nachdem die goldgelbe
Brühe ihr Ziel erreicht hatte. Wir frohlockten und rollten
uns im Staub wie junge Hunde. Eines Tages wurde ich am
Kopf von einem Stein getroffen, den ein wütendes Opfer
nach mir geschleudert hatte. Seither bin ich nicht mehr
ganz richtig im Kopf. Wenigstens denken das alle um mich
herum, und mir hat man es, seit ich klein bin, immer wie-
der versichert. Ich habe mich schliesslich damit abgefunden
und mit der Zeit gemerkt, dass die Sache auch ihr Gutes hat.
Wegen dieses Handicaps wurden mir mlich alle meine
Streiche mehr oder weniger verziehen. Dennoch bin ich
nicht dümmer als andere. Beim Fussball bin ich der beste
Torhüter unseres Bidonvilles, das ist unbestritten. Mein Idol
hiess Jaschin. Der behmte Jaschin. Ich habe ihn nie spie-
len gesehen, aber es kursieren unendlich viele Geschichten
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über ihn Die einen behaupten, er hätte einen von einer
Krupp-Kanone abgeschossenen Ball abwehren können. An-
dere, dass sein rper den Gesetzen der Schwerkraft nicht
unterlag. Man munkelte sogar, sein vorzeitiger Tod sei auf
ein Komplott internationaler Spieler zurückzuführen, die er
durch sein nnen blossgestellt hatte. Wie dem auch sei,
ich wollte Jaschin sein und kein anderer. Ich habe sogar sei-
nen Namen angenommen. Jamma gefiel das gar nicht, aber
da ich auf den Namen nicht mehr reagierte, dem zu Eh-
ren vor unserer Hütte ein Lamm geschlachtet worden war,
fand sie sich schliesslich damit ab. Lediglich mein Vater,
der schon immer alt und eigensinnig gewesen war, beharrte
auf dem archaisch klingenden Namen Mûh. Mit einem sol-
chen Namen bringt man es nicht weit. Übrigens habe ich
mich nicht lange auf Erden aufgehalten, da dort nicht viel
los war. Und ich möchte an dieser Stelle betonen: Ich bereue
es keineswegs, dass ich mit dem Leben Schluss gemacht
habe. Ich verspüre nicht das geringste Bedauern, wenn ich
auf die achtzehn Jahre Einerlei zurückblicke, die mir zu le-
ben vergönnt waren. In den Tagen unmittelbar nach mei-
nem Tod wäre es mir allerdings schwergefallen, die Galettes
mit ranziger Butter, die Honigkuchen oder den gewürzten
Kaffee meiner Mutter zurückzuweisen. Aber diese irdischen
Gelüste sind nach und nach verschwunden, und schliesslich
wurde sogar die Erinnerung daran in meiner neuen Befind-
lichkeit als Geistwesen ausgelöscht. Wenn es doch manch-
mal, in Augenblicken der Schwäche, vorkommt, dass ich
an Jamma denke, wie sie voller Zärtlichkeit meine Haare
nach Läusen absuchte, dann sage ich mir: He, Jaschin, dein
Kopf ist in tausend Stücke zerborsten. Wo sollen sich denn
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da Läuse einnisten, wenn du doch gar keine Haare mehr
hast? Nein, ich bin es zufrieden, dass ich das Wellblech,
die Kälte, die stinkenden Abwässer und den ganzen Mief
los bin, die meine Kindheit begleitet haben. Ich kann euch
den Ort, an dem ich mich jetzt befinde, nicht beschreiben,
denn ich weiss selbst nicht, wo ich bin. Ich kann nur sa-
gen, dass ich zu einem Wesen geworden bin, das ich eine
Bewusstheit nennen würde um es in der Sprache der da
unten auszudrücken –, das heisst das harmonische Ergeb-
nis einer Myriade glasklarer Gedanken. Nicht jener unaus-
gegorenen, armseligen, die meine kurze Existenz begleitet
haben, sondern Gedanken voller unendlicher, irisierender,
fast blendender Facetten.
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Lange vor der Demokratisierung der Parabolantennen
schmückten die Dächer unserer Cité einfallsreiche Kon-
struktionen aus Couscousschüsseln, die den Empfang aus-
ländischer Programme ermöglichten. Zwar waren die Bil-
der unscharf, sozusagen verschlüsselt, aber man erriet doch
schemenhafte Konturen, und der Ton stimmte ungefähr.
Wenn wir Fussball sehen wollten, stellten wir spanische
und portugiesische Sender ein, Pornographie lieferten die
deutschen (wobei sich dank der miserablen Qualität der
Bilder das Animalische in Erotik verwandelte), und die ara-
bischen Kanäle versorgten uns mit unserer täglichen Dosis
israelisch-palästinensischer Konflikt und den Missetaten des
räuberischen Westens. Da Farbfernsehen für die Mehrheit
der Untertanen Seiner Majestät unerreichbar blieb, klebten
wir farbige Plastikfolie auf den Bildschirm: drei horizontale
Streifen, der oberste tiefblau, um einen schönen Himmel
vorzutäuschen, der mittlere mattgelb und der unterste gras-
grün. Das Ergebnis war ein unscharfes Geflimmer unter
der mehrfarbigen, oft zerkratzten und schmutzigen Plastik-
folie. Und weil mein Vater schwerhörig war, drehten wir die
Lautstärke so weit hoch, dass wir stets gezwungen waren,
dasselbe Programm wie die Nachbarn zu verfolgen, damit
kein Durcheinander entstand. Dennoch versammelte sich
Gross und Klein jeden Abend um das magische Guckloch,
das uns schamlos das Affentheater der Welt offenbarte.
Hätte es in Casablanca ein Buch der Rekorde gege-
ben, Jamma wäre auf einem der vordersten Plätze gelan-
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det: vierzehn Schwangerschaften in vierzehn Jahren! Was
willst du mehr? Und davon elf mit Erfolg. Alles Knaben.
Wären die Zwillinge nicht im Alter von drei Jahren an ei-
ner Hirnhautentndung gestorben, hätten wir allein die
Fussballmannschaft stellen nnen, die den Stolz der Ci
ausmachte: Les Etoiles de Sidi Moumen. Mit Jaschin, Ih-
rem ergebenen Diener, dem verdienten Torhüter, als ihrem
unbezwingbaren Bollwerk. Mit Sicherheit wären alle Bidon-
villes der Umgebung ins Schwitzen geraten. Wir wären so
berühmt gewesen, dass sich sogar die Bewohner der reichen
Quartiere getraut hätten, durch die Mauer zu uns zu kom-
men und uns zu feiern. Wer weiss? Die Mülldeponie wäre
dann vielleicht in ein richtiges Fussballfeld verwandelt wor-
den. Nicht unbedingt mit einem Rasen wie in den Stadien
der grossen Mannschaften, aber wenigstens in einen leeren
Platz, ohne die ekelhaften Abfallberge. Pech für die Leute,
die davon leben, aber sie nnen ja woanders wühlen ge-
hen. Müllhalden gibt es genug. Doch gerade uns, die wir
doch arm waren, verbot Jamma jegliche Arbeit mit dem
Abfall. Wenn wir abends nach Hause kamen, roch sie an
uns. Keiner konnte dem entgehen. Und wehe dem, der nach
Müll stank. Mutter hatte eine furchterregende Peitsche
gefertigt, die sie am Eingang aufgehängt hatte. Einen Ge-
genstand nach Hause mitzubringen kam überhaupt nicht
in Frage. Jamma zersrte ihn sofort. Dabei fand man viel
Brauchbares auf der Deponie. Hâmid wagte es als Einziger,
Mutter die Stirn zu bieten. Da er auf Haschisch nicht ver-
zichten konnte, war er bereit, den täglichen Preis zu zahlen.
Denn obwohl er sich jeweils von Kopf bis Fuss am Brunnen
wusch, wurde er den Geruch seiner Verfehlungen nicht los.

Prix du Roman arabe

Mahi Binebine
Die Engel von Sidi Moumen

Roman aus Marokko

Aus dem Französischen von Regula Renschler


Lenos Pocket 188
Paperback
ISBN 978-3-85787-788-9
Seiten 183
Erschienen 4. Januar 2017
€ 14.50 / Fr. 19.50

Ein erschütternder, genau recherchierter Roman über jungedliche Selbstmordattentäter, eine Anklage an Extremismus und untätige Staaten.

Jaschin erzählt sein Leben – und wie er es beendete. Mit acht Brüdern wächst er in Sidi Moumen auf, einer Barackensiedlung vor den Toren Casablancas. Er und seine Freunde schlagen sich mit allerlei Gelegenheitsarbeiten durch, durchwühlen die Abfallberge und verkaufen das Brauchbare oder putzen die Schuhe der Touristen. Sie stehlen auch mal und prügeln sich. Der Fussball ist einer der wenigen Lichtblicke in ihrem Leben. In dieser Lage kommt Abu Subair gerade recht: Er unterstützt die Jungen mit Geld und Jobs. Sie freunden sich mit ihm an und lauschen seinen Einflüsterungen. Abu Subair verheisst ihnen das Paradies, dessen Pforte ganz nahe sei – was hätten sie denn schon zu verlieren? Angesichts von Armut und Gewalt, von unerfüllten Träumen, von Enttäuschungen, Wut und Trauer hat der Fanatismus der bärtigen Extremisten leichtes Spiel.

Inspiriert von der Geschichte um die Attentäter von Casablanca vom 16. Mai 2003, hat Mahi Binebine einen Roman voller Humor und voller Tragik geschrieben, der zum Nachdenken anregt.

Ausgezeichnet mit dem Prix du Roman arabe 2010 und dem Prix littéraire de La Mamounia 2010
Verfilmung: Les Chevaux de Dieu (Nabil Ayouch, 2012)

Pressestimmen

Ein tragischer und schimmernder Roman, voll mit üblen Streichen und stillen Dramen, Irrfahrten, Strassenstaub, Treue und Verrat.
— Radio France
Glasklar und knapp misst er das Ödlad des Slums wie auch die hermetische Welt der religiösen Fanatiker aus.
— Angela Schader, Neue Zürcher Zeitung
Ein sehr packendes Buch, spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Und ganz nebenbei beweist Binebine, dass schwierige Lebensumstände der womöglich beste Grund sind, auf dem grosse Literatur gedeihen kann.
— Westdeutscher Rundfunk
Ein eindrücklicher Roman, der trotz aller Tragik die Leichtigkeit, die Verschmitztheit und den Witz von Jugendlichen nie verliert.
— Renata Schmid, kulturtipp
Binebines Roman verbindet Sachinformation mit literarischer Fiktion und lässt den Leser hautnah miterleben, was im Kopf eines jungen Mannes vorgeht, der sich schliesslich im Namen einer missbrauchten Religion für einen Kampf opfert, dessen Drahtzieher im Hintergrund bleiben. So eindringlich ist das bisher selten gestaltet worden.
— Valentin Herzog, Basler Zeitung
Doch die Hölle, das zeigt Binebine, ist nicht zwingend traurig.
— Deutschlandradio Kultur
Die Engel von Sidi Moumen berührt, ergreift, erheitert und lässt verzweifeln.
— Tribüne Afrikas
Binebines Roman ist nicht nur eine Anklage des Extremismus, der in der Gestalt von freundlichen Imamen und Emiren auftritt und Jugendliche zu fatalen Taten führt. Er ist auch eine Anklage an einen Staat, der die Augen verschliesst vor den unhaltbaren Umständen in den Bidonvilles.
— Jonas Schmid, Amnesty
Binebine erzählt realistisch und nicht ohne Humor vom Elend, von der Hoffnungslosigkeit und vom Überlebenskampf zwischen Müll und Fussball.
— Deutsch-Maghrebinische Gesellschaft
Binebine ist es gelungen, eine sehr dichte, leise und berührende Erzählung aus der Perspektive eines Beteiligten zu formen, die dem Leser behutsam eine andere Welt aufschliesst.
— Der Evangelische Buchberater
Ein erschütternder, genau recherchierter Roman über marokkanische Jugendliche, die von skrupellosen Islamisten in ein Selbstmordkommando getrieben werden.
— Buchprofile/Medienprofile