LENOS
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Lorenzo Baroldi ist leitender Arzt in einem Krankenhaus in Rom.
Nachdem ein junger Nigerianer auf seiner Station mit seltsamen,
vorerst unerklärlichen Symptomen plötzlich stirbt und Baroldi von
zwei ähnlichen Fällen aus anderen Kliniken Kenntnis bekommt,
beschliesst er, der Ursache der beunruhigenden Todesfälle auf den
Grund zu gehen.
Zur selben Zeit gibt der Tod eines Unbekannten, der mitten in
der Stadt an einem Baukran erhängt aufgefunden wird, Rätsel auf.
Baroldi vermutet eine Verbindung zu den unter mysteriösen Um-
ständen verstorbenen jungen Migranten und bittet seinen langjäh-
rigen Freund Nario Domenicucci, einen erfahrenen Kommissar aus
Genua, um Unterstützung. Immer tiefer geraten die beiden in eine
komplizierte Spurensuche, die vom Asylzentrum in Rom bis in die
Schweiz und deren berühmte Pharmaindustrie führt.
Claudio Coletta beleuchtet in seinem klassisch komponierten Ro-
man noir nicht nur die Rolle von Pharmakonzernen in der medizi-
nischen Forschung auf spannende Weise, sondern hinterfragt auch
kritisch die damit verbundenen moralisch-ethischen Fragen.
Claudio Coletta, geboren 1952, ist Kardiologe und Dozent an der
Universität La Sapienza in Rom. 2007 war er Mitglied der interna-
tionalen Jury des Filmfests Rom. 2011 veröentlichte er seinen ers-
ten Roman, Viale del Policlinico, für den er mit dem Premio Raaele
Crovi ausgezeichnet wurde. In der Folge publizierte er fünf weitere
Romane und zwei Kurzgeschichten.
Lenos Verlag
Claudio Coletta
Das Skalpell des Engels
Kriminalroman aus Italien
Aus dem Italienischen
von Marina Galli
Die Übersetzerin
Marina Galli, geboren 1993, studierte Geschichte, Vergleichende
Romanische Sprachwissenschaft und Italienisch in Zürich, Venedig
und Lausanne mit Spezialisierung in literarischer Übersetzung am
Centre de traduction littéraire. Sie übersetzt freiberuflich aus dem
Italienischen und Französischen und lebt in Basel.
Die Übersetzerin und der Verlag danken der Schweizer Kulturstif-
tung Pro Helvetia für die Unterstützung.
Questo libro è stato tradotto grazie a un contributo per la tradu-
zione assegnato dal Ministero degli Aari Esteri e della Coopera-
zione Internazionale della Repubblica Italiana.
Die Publikation der Übersetzung erfolgt mit der freundlichen
Unterstützung des italienischen Aussenministeriums.
Titel der italienischen Originalausgabe:
Il taglio dell’angelo
Copyright © 2021 by Claudio Coletta – Fazi Editore, Rome
is edition is published by arrangement with Loredana Rotundo
Literary Agency, Milan, Italy.
Erste Auflage 2024
Copyright © der deutschen Übersetzung
2024 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: khuntapol/Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 036 3
www.lenos.ch
Für Caterina. Für ihr Leben
Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang …
Ein jeder Engel ist schrecklich.
Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien
Erster Teil
Der Gehängte
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Es sei eine Frage von Wochen, vielleicht Tagen, antwor-
tete der Onkologe trocken, den Kopf über das Rezept
gebeugt, das er gerade ausstellte. Es sei an der Zeit, sich
an eine spezialisierte Einrichtung zu wenden, fuhr er
fort, eine einzelne Person könne keine angemessene Be-
treuung sicherstellen, es müsse eine Entscheidung ge-
troen werden. An diesem Punkt blickte er auf, um die
Wirkung seiner Worte zu bemessen. Der alte Mann vor
seinem Schreibtisch stand mit der Mütze in den Hän-
den da und blieb stumm. Es wäre normal gewesen, eine
Erklärung zu fordern, nachzufragen, das erwartete der
Arzt von ihm, doch er tat nichts dergleichen, bedankte
sich beim Mann im weissen Kittel und trat hinaus. Er
musste keine Entscheidung treen, alles war schon bis
zum Schluss geregelt, und was danach kam, hatte kei-
nerlei Bedeutung. Er hatte sich die Szene schon oft vor-
gestellt, das Durcheinander, all die Dinge, die schnell
erledigt werden mussten, und er, wie er vergessen in
einer Ecke dasass, eine Last. Um schneller heimzukom-
men, rief er ein Taxi, doch zu Hause war alles ruhig. Es
sei ein guter Tag gewesen, versicherte ihm Concepción
an der Tür, die Signora sei ohne Probleme etwas früher
als üblich eingeschlafen. Er sah ein wenig fern, ass zur
gewohnten Zeit zu Abend, machte den Abwasch und
ging zum Rauchen auf den Balkon. Hin und wieder
stand er auf und streckte bloss den Kopf ins Zimmer,
um sie nicht zu wecken; der Umriss ihres Körpers unter
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der Decke und ihr kaum angedeuteter Atem genügten,
um ihn zu beruhigen. Wie leicht es ihr gefallen wäre,
nicht mehr weiterzuleben, wenn er sie nur ein klein we-
nig losgelassen hätte; es wäre gelogen, zu behaupten, er
hätte nicht daran gedacht, er hatte versucht, in diesen
Abgrund zu blicken, sich aber jedes Mal erschrocken
zurückgezogen, unfähig, auch nur den Gedanken daran
zu ertragen. Früher war es anders gewesen, sie konnten
ganze Stunden beieinandersitzen und über alles Mög-
liche reden, er las ihr ein paar Seiten vor, erzählte den
neuesten Nachbarschaftstratsch, Geschichten, die sie
abzulenken oder ihr sogar ein Lächeln zu entlocken
vermochten, alles, was half, die Abendstunden die
schlimmsten des Tages totzuschlagen. Jetzt waren die
klaren Momente so selten geworden, dass sie ein wah-
rer Segen waren. Das Morphin wirkte, hielt sie in ei-
nem Dämmerzustand und liess ihren Schlaf, frei von
Schmerzen, wieder ruhig werden wie damals, als ihr
Atem ihm im Bett Gesellschaft leistete. Er hatte schon
immer wenig Schlaf gebraucht, weshalb Concepción
am Abend nach Hause konnte. Ein paar Tage zuvor
hatte sie ihm stolz und gerührt Fotos ihres jüngsten
Sohnes an seiner Diplomfeier gezeigt, mit dem Ta-
lar und dem tief in die Stirn gezogenen quadratischen
Hut. Er kam nicht umhin, an ihren eigenen Sohn zu
denken, an dieses gleichgültige Gesicht auf Skype zehn
Minuten die Woche, wenn er nichts Wichtigeres zu tun
hatte. Er kehrte in das vom Baustellenlicht taghell er-
leuchtete Wohnzimmer zurück, liess schnaubend den
Rollladen bis zur Hälfte herunter, ging in die Küche,
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füllte einen Topf mit Wasser, drehte die Kochplatte an
und wartete mit halbgeschlossenen Augenlidern. Als die
ersten Blasen aufstiegen, machte er die Herdplatte aus
und nahm einen Beutel Kräutertee aus dem Schrank.
Er sass mit der Tasse in den Händen da, als er unten
auf der Strasse einen Motor aufheulen und ein Auto mit
quietschenden Reifen davonfahren hörte. Ungewöhn-
lich, um vier Uhr morgens. Er kannte diese Stunden
gut, die in der Schwebe zwischen dem vergangenen und
dem anbrechenden Tag zu verharren schienen, wenn
sich die Strassen in leere Korridore verwandelten und
das Licht ungestört von den Strassenlaternen el, die
wie unzählige Akrobaten an den Kabeln hingen. Die
Zeit der Bäcker, der Hotelportiers und der Tankwarte.
Er trat ans Fenster und trank ein paar Schlucke, dann
stellte er die Tasse auf den Tisch und riss es weit auf,
der Platz war menschenleer. Wie gut Roms Sommer-
nächte dufteten, er konnte die verschiedenen Quartiere
voneinander unterscheiden, das hatte ihm sein Vater
beigebracht, als sie als Taxifahrer arbeiteten. Der Duft
des Olympischen Dorfes bei Tagesanbruch, wenn der
Wind vom Villa-Glori-Park herunterwehte und Stall-
geruch in der Luft lag, oder der üssige, süssliche Ligus-
terduft von San Giovanni, der seine Kindheit geprägt
hatte, als die Felder noch hinter der Strasse begannen.
Wenigstens das hatte die Metrobaustelle nicht ausradie-
ren können. Er schloss das Fenster und widerstand der
Versuchung zu rauchen. Seine Augen brannten vor Mü-
digkeit, er musste sich schlafen legen, doch das dumpfe
Gefühl, dass etwas nicht stimmte, hielt ihn zurück. Er
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blickte um sich, in der Küche war alles in Ordnung,
er machte das Licht aus und trat wieder ans Fenster.
Der Wind hatte sich gelegt, der Atem der Nacht schien
die Stille in regelmässigen Wellen zu durchziehen, als
wäre die Welt ein einziges, riesiges Lebewesen. Da sah
er es: In der Mitte des Platzes, am höchsten Kran der
Baustelle, hing etwas Sackähnliches und schwankte hin
und her. Seltsam, dachte er, es blieb nie Material hän-
gen, die Tragseile wurden jeden Tag eingerollt und die
Ösen abgenommen. Er betrachtete es eine Weile und
beschloss schliesslich, den Feldstecher aus dem Arbeits-
zimmer zu holen. Scharf zu stellen war bei so wenig
Licht nicht einfach, doch als das Bild klar wurde, spürte
er, wie seine Beine auf einmal nachgaben, er musste sich
am Fenstersims festhalten, um nicht zu stürzen. Einge-
zwängt in der Öse am Ende der Kette war der Kopf ei-
nes Mannes, der Rest des Körpers baumelte darunter in
der Leere. Auf dem Weg ins Bad musste er sich an den
Wänden abstützen; er klatschte sich kaltes Wasser ins
Gesicht, um wieder einen klaren Kopf zu kriegen. Er
musste die Polizei rufen, doch dann dachte er an alles,
was folgen würde: die Fremden im Haus, der Lärm, die
neugierigen Nachbarn. Er warf einen Blick ins Zimmer,
seine Frau schlief friedlich, ihr Atem ging regelmässig.
Bald würde die Sonne aufgehen, jemand würde ihn
auf dem Weg zur Arbeit entdecken, sagte er sich. Nein,
das konnte er nicht tun, das wäre feige. Er kehrte ins
Zimmer zurück, nahm Hose und Hemd vom Stuhl,
schlüpfte in seine Sandalen und ging, die Tür leise hin-
ter sich zuziehend, hinaus. Um näher an den Kran her-
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anzukommen, schritt er einmal um die ganze Baustelle
und wartete, bis er genau darunter stand, bevor er hoch-
sah. Erleichtert stellte er fest, dass der Anblick dieses ar-
men Kerls aus der Nähe kein Grauen, sondern Mitleid
in ihm auslöste, womöglich weil man ihm trotz seiner
vom Tod deformierten Gesichtszüge ansah, dass er jung
war. Dann passierte etwas Unvorhergesehenes, dachte er
doch, es seien ihm nicht nur die Worte, sondern auch
die Gründe zum Beten abhandengekommen. Sätze, die
er als Kind tausendmal in der geheimnisvollen Sprache
der Priester aufgesagt und längst vergessen geglaubt
hatte, kamen ihm unverhot wieder in den Sinn. Seit
Jahrzehnten hatte er nicht mehr zu Gott gebetet, doch
in diesem Moment schien es ihm das Richtige, das Ein-
zige, was wirklich zählte. Als er fertig und endlich in
Frieden war, setzte er sich auf eine Bank. Es blieb ihm
nichts anderes übrig, als wieder nach Hause zu gehen
und diesen armen Kerl allein zurückzulassen, doch es
fehlte ihm die Kraft dazu, also blieb er da und wartete
auf wer weiss was. Bis zwei blinkende blaue Lichter am
Ende des Platzes auftauchten und er sich erhob, vom
Gehweg auf die Strasse trat, in deren Mitte stehen blieb
und, als der Wagen so nah war, dass der ihn nicht mehr
übersehen konnte, die Arme ausbreitete.

Claudio Coletta
Das Skalpell des Engels

Kriminalroman aus Italien

Aus dem Italienischen von Marina Galli


Softcover
ISBN 978-3-03925-036-3
Seiten 238
Erschienen 18. Juni 2024
€ 24.00 / Fr. 27.50

Ein rasanter Thriller, in dem sich der Mensch in all seinen Widersprüchen offenbart.
— Thriller Café

Lorenzo Baroldi ist leitender Arzt in einem Krankenhaus in Rom. Nachdem ein junger Nigerianer auf seiner Station mit seltsamen, vorerst unerklärlichen Symptomen plötzlich stirbt und Baroldi von zwei ähnlichen Fällen aus anderen Kliniken Kenntnis bekommt, beschliesst er, der Ursache der beunruhigenden Todesfälle auf den Grund zu gehen.
Zur selben Zeit gibt der Tod eines Unbekannten, der mitten in der Stadt an einem Baukran erhängt aufgefunden wird, Rätsel auf. Baroldi vermutet eine Verbindung zu den unter mysteriösen Umständen verstorbenen jungen Migranten und bittet seinen langjährigen Freund Nario Domenicucci, einen erfahrenen Kommissar aus Genua, um Unterstützung. Immer tiefer geraten die beiden in eine komplizierte Spurensuche, die vom Asylzentrum in Rom bis in die Schweiz und deren berühmte Pharmaindustrie führt.

Claudio Coletta beleuchtet in seinem klassisch komponierten Roman noir nicht nur die Rolle von Pharmakonzernen in der medizinischen Forschung auf spannende Weise, sondern verhandelt auch damit verbundene moralisch-ethische Fragen.