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Lenos Verlag
Ghassan Kanafani
Das Land der traurigen Orangen
Palästinensische Erzählungen
Aus dem Arabischen
von Hartmut Fähndrich
Sonderausgabe 2015
Copyright © 1983 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 459 8
Der Autor
Ghassan Kanafani, 1936 in Akka (Palästina) geboren und 1972
in Beirut einem Bombenattentat zum Opfer gefallen, gilt als der
bedeutendste Autor des palästinensischen Widerstandes. Sein lite-
rarisches Werk ist eng mit seinem Lebenslauf und der politischen
Entwicklung in und um Palästina verbunden; es ist das Werk ei-
nes Schriftstellers und politischen Aktivisten, eines scharfsinnigen
Literaturkritikers und engagierten Historikers.
Inhalt
Das Land der traurigen Orangen 7
Damals war er ein kleiner Junge 16
Das Maschinengewehr 23
Der Mann, der nicht starb 31
Die Eule in einem fernen Zimmer 44
Etwas, was bleibt 54
Ein Bericht aus Ramla 64
Ein Bericht aus Tira 71
Ein Bericht aus Gasa 80
Das gestohlene Hemd 88
Der Kuchenverkäufer 97
Wände aus Eisen 113
Der Horizont hinter dem Tor 122
Nachwort von Hartmut Fähndrich 131
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Das Land der traurigen Orangen
Als wir Jaffa in Richtung Akka verliessen, war das
an sich nichts Schlimmes. Es ging uns wie allen, die
alljährlich das Opferfest in einer anderen Stadt ver-
brachten. Die Tage in Akka verliefen ganz wie ge-
wohnt. Ich, der ich damals noch ein kleiner Junge
war, genoss wohl jene Tage ganz besonders, weil ich
schulfrei hatte Wie dem auch sei, in der Nacht
des grossen Angriffs begann alles klarer zu werden. In
jener schrecklichen Nacht, in der die nner grim-
mig schweigend, die Frauen betend dasassen. Wir, du
und ich und die anderen Kinder unseres Alters, waren
zu klein, um wirklich zu verstehen, was das alles be-
deutete. Doch in jener Nacht begannen die Vorgänge
klarer zu werden, und am Morgen, nachdem die an-
greifenden Juden sich unter Drohungen zurückgezo-
gen hatten, stand ein grosser Lastwagen vor unserer
Haustür.
Fieberhaft wurde von allen Seiten Bettzeug dar-
aufgeworfen. Ich stand, an die Hauswand gelehnt,
und sah deine Mutter auf den Wagen steigen, dann
deine Tante, dann die Kinder. Dein Vater setzte auch
dich und deine Geschwister ins Auto, oben aufs Ge-
päck. Dann nahm er mich und hob mich hinauf in
den Metallkorb über dem Fahrerhaus, wo mein Bru-
der Rijad schon sass. Und bevor ich es mir noch rich-
tig bequem gemacht hatte, fuhr das Auto los. Nach
und nach verschwand unser geliebtes Akka, während
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wir auf kurviger Strasse in Richtung Kap Nakura
fuhren.
Es war etwas bewölkt, und ich fröstelte. Rijad
sass, an das Gepäck gelehnt, sehr ruhig da, liess seine
Beine über den Korbrand baumeln und betrachtete
den Himmel. Auch ich hockte schweigend da, die
Arme auf den Knien und das Kinn daraufgelegt
Die Orangenfelder säumten unseren Weg, und an
uns allen nagte ein Gefühl der Angst, während der
Wagen über die staubige Strasse ratterte und von fern
Schüsse wie zum Abschied herüberhallten.
Als Kap Nakura in der Ferne auftauchte, wie eine
Wolke am blauen Horizont, hielt der Wagen an. Die
Frauen stiegen ab und gingen zu einem Bauern, der
hinter einem Korb voller Orangen an der Strasse
hockte Sie nahmen einige Orangen, und wir hör-
ten sie weinen … Damals wurde mir klar, dass Oran-
gen etwas Liebenswertes, dass diese grossen blanken
Kugeln etwas Teures sind. Die Frauen kauften einige
Orangen und brachten sie uns zum Auto. Dein Vater
stieg vom Beifahrersitz, nahm eine Orange und be-
trachtete sie schweigend. Dann brach er in Tränen aus
wie ein verzweifeltes Kind.
Bei Kap Nakura kam der Wagen in einer langen
Autoschlange zum Stehen. Die Männer begannen,
den wartenden Polizisten ihre Waffen auszuhändi-
gen. Als wir an die Reihe kamen, sah ich auf dem
Tisch Gewehre und Munition liegen; ich sah auch die
lange Schlange von Autos, die das Land der Orangen
verliessen und sich in den Libanon hineinschoben. Da
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begann auch ich bitterlich zu weinen. Deine Mutter
betrachtete noch immer schweigend die Orange, und
aus den Augen deines Vaters blickten alle Orangen-
bäume, die er den Juden zurückgelassen hatte, all
die Orangenbäume, die er Stück um Stück erworben
hatte; sie alle standen ihm ins Gesicht gezeichnet,
und vor dem Grenzposten konnte er seine Tränen
nicht mehr zurückhalten.
Als wir dann am Nachmittag in Saida ankamen,
waren wir Flüchtlinge geworden.
Die Strasse nahm uns auf, wie all die anderen. Dein
Vater war alt geworden; er sah aus, als habe er lange
nicht geschlafen. Da stand er vor dem Gepäck, das
man auf die Strasse geworfen hatte, und ich hatte den
Eindruck, wenn ich zu ihm liefe und etwas zu ihm
sagte, würde er explodieren, würde fluchen, fluchen
Es stand ihm ins Gesicht geschrieben. Auch ich, der
kleine Junge, der eine strengreligiöse Schule besucht
hatte, auch ich zweifelte damals daran, dass Gott den
Menschen wirklich helfen will, ich zweifelte sogar
daran, dass Gott alles hört und alles sieht. Die bunten
Bildchen, die man uns in der Schule beim Kirchgang
ausgeteilt hatte, zeigten einen gütigen Gott, der den
Kindern freundlich zulächelt. Doch nun erschienen
mir auch diese Bildchen als eine der Lügen, mit denen
die Schulen ihre Einkünfte erhöhen. Es war ganz klar,
dass der Gott, den wir in Palästina gekannt hatten,
auch von dort fortgezogen war und nun wer weiss wo
als Flüchtling lebte, unfähig, auch nur seine eigenen
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Probleme zu lösen. Und wir, wir Menschenflüchtlinge,
sassen am Strassenrand, in Erwartung eines neuen
Schicksals, irgendeiner Lösung, eines Daches über
dem Kopf für die Nacht. Der Schmerz hatte begonnen,
auch meinen einfachen Kinderverstand zu zermürben.
Die Nacht ist etwas Furchtbares … Die Finsternis,
die sich nach und nach auf uns herabsenkte, erfüllte
mein Herz mit Schrecken … Schon der Gedanke, die
Nacht am Strassenrand verbringen zu müssen, rief
mannigfache Ängste in mir wach Doch niemand
war da, mich zu trösten, zu niemandem konnte ich
mich flüchten, und der stumme Blick deines Vaters
flösste mir noch mehr Furcht ein. Die Orange in der
Hand deiner Mutter erfüllte mich mit grosser Trau-
rigkeit. Alle sassen schweigend da, starrten auf die
schwarze Strasse und hofften, das Schicksal werde um
die Ecke kommen, unsere Probleme lösen und uns ein
Dach über dem Kopf verschaffen. Plötzlich erschien
das Schicksal! Dein Onkel war schon früher hierher-
gekommen … Er war unser Schicksal.
Dein Onkel hatte nie an moralische Werte ge-
glaubt. Als er dann, wie wir, am Strassenrand stand,
hatte er an gar nichts mehr geglaubt. Er war zum
Haus einer dischen Familie gegangen, hatte die Tür
aufgerissen, sein Gepäck hineingeworfen und den Be-
wohnern mit Worten und Gesten unmissverständlich
zu verstehen gegeben, sie sollten verschwinden. »Geht
doch nach Palästina«, hatte er ihnen zugerufen. Na-
türlich waren sie nicht nach Palästina gegangen, doch
aus Furcht vor seiner Verzweiflung hatten sie sich in
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ein Zimmer zurückgezogen und ihm das andere über-
lassen.
Dorthin führte uns dein Onkel und stopfte uns zu
Sack und Pack und seiner Familie mit hinein. Wir
Kinder schliefen unter Mänteln auf dem Boden; un-
sere kleinen Körper llten das ganze Zimmer. Als
wir am Morgen aufwachten, sassen die Männer noch
immer auf ihren Stühlen; sie hatten die ganze Nacht
so zugebracht Langsam durchdrang die Tragödie
jede Zelle unseres Körpers.
Wir blieben nicht lange in Saida. Im Zimmer dei-
nes Onkels war nicht einmal für die Hälfte von uns
Platz. Immerhin hatte es uns drei Nächte lang be-
herbergt. Dann drängte die Mutter deinen Vater, sich
eine Arbeit zu suchen oder eben mit uns ins Land der
Orangen zurückzukehren. Doch dein Vater herrschte
sie an; seine Stimme bebte. Also schwieg sie. Unsere
Familienprobleme hatten begonnen. Die glückliche
geschlossene Familie hatten wir mit unserem Land,
unserem Zuhause und unseren Toten zurückgelassen.
Ich habe nie erfahren, wie dein Vater zu Geld kam.
Ich weiss zwar, dass er das Gold veräusserte, das er
deiner Mutter damals gekauft hatte, als er sie glück-
lich und stolz sehen wollte, seine Frau zu sein. Doch
dieses Geld vermochte uns nicht lange weiterzuhel-
fen. Da musste eine andere Quelle sein. Hatte er sich
etwas geliehen? Hatte er irgend etwas verkauft, das
er ohne unser Wissen mitgebracht hatte? Ich weiss es
nicht. Aber ich erinnere mich, dass wir in ein Dorf
in der Nähe von Saida übersiedelten. Dort sass dein

Ghassan Kanafani
Das Land der traurigen Orangen

Palästinensische Erzählungen

Aus dem Arabischen von Fähndrich, Hartmut


Softcover
ISBN 978-3-85787-459-8
Seiten 138
Erschienen Januar 2015
€ 13.50 / Fr. 18.00

Das Land der traurigen Orangen lässt Leute zu Wort kommen, die die Kehrseite des zionistischen »Exodus« und den Einzug der Juden ins Gelobte Land erlebten. Auch der Autor ist einer von ihnen. Ghassan Kanafani war noch ein Kind, als die Familie 1948, während des ersten israelisch-arabischen Krieges, flüchtete und die Palästinenser sich über verschiedene Länder zerstreuten.

Kanafani war kein Mann, der mit der Kalaschnikow für die Rechte seines Volkes eintrat. Seine Waffen waren seine Feder, sein Intellekt, seine Wortgewalt. Die thematischen Schwerpunkte der in diesem Band vereinigten Kurzgeschichten sind der Verlust des Landes, der vergebliche Widerstand dagegen, die Vertreibung, die Flucht und das Lagerleben der Palästinenser im Exil.

Pressestimmen

Eine Sammlung von Erzählungen, die diesen Namen wahrhaft verdient. Denn Kanafani war ein meisterlicher Erzähler, der eine tiefe Zuneigung zu seinen Menschen – gewöhnlichen Helden des Alltags – auf hinreissende Art mit der Erkenntnis über die Schicksalhaftigkeit ihrer Entscheidungen zu verknüpfen verstand.
— die Tageszeitung
Kanafani versteht es, in kurzen, einprägsamen Szenen die Situation eines ganzen Volkes zu erhellen.
— Schweizer Radio DRS
Die Erzählungen fassen in knappen Worten, eindrücklichen Passagen, in einer stimmungsreichen Sprache Situationen aus dem Leben der Palästinenser: von Kindern, alten Kämpfern, von Terrorakten, von der unauslöschbaren Hoffnung auf ein besseres Leben, von einem Leben trotz allem. … Geschichten, deren Traurigkeit und Widerstandskraft der Leser sich nicht entziehen kann.
— Basler Zeitung