LENOS
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LENOS POCKET 130
www.lenos.ch
Ibrahim al-Koni
Das Herrscherkleid
Roman aus der Sahara
Aus dem Arabischen
und mit einem Nachwort versehen
von Hartmut Fähndrich
Lenos Verlag
Arabische Literatur im Lenos Verlag
Herausgegeben von Hartmut Fähndrich
Der Übersetzer
Hartmut Fähndrich, geboren 1944 in Tübingen. Studierte Vergleichende Litera-
turwissenschaft und Islamwissenschaft in Deutschland und in den Vereinigten
Staaten. Seit 1972 in der Schweiz, seit 1978 Lehrbeauftragter für Arabisch an der
ETH Zürich. Für Presse und Rundfunk tätig.
Deutsche Erstausgabe
LENOS POCKET 130
Titel der arabischen Originalausgabe:
al-Waram
Copyright © 2008 by Ibrahim al-Koni
Erste Auflage 2010
Copyright © der deutschen Übersetzung
2010 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto: Markus Kirchgessner
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 730 8
Das Herrscherkleid
Inhalt
Das Herrscherkleid 9
Die frohe Botschaft 23
Die Nachricht 35
Die beiden Freunde 51
Die Oase 59
Der Führer 67
Die Sünde 73
Die Beute 81
Der Körper 99
Der Handel 111
Die Befragung 121
Das Opfer 133
Der Freund 139
Die Verhüllung 149
Das Geschwür 155
Die Wahrheit 163
Der Sarkophag 171
Nachwort 181
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Das Herrscherkleid
Als Assanâj vom Mittagsschlaf erwachte, stellte er fest, dass
das lederne Herrscherkleid an seinem Körper haftete. Er er-
innerte sich, auf der Matte sitzend eingeschlafen zu sein,
und zwar angetan mit dem prächtigen Gewand, obwohl
er doch immer sehr darauf bedacht war, dieses, wenn ihn
die Müdigkeit überkam oder er sich zum Schlafen fertig-
machte, abzulegen, es sorgfältig zusammenzurollen und in
seinem ledernen Beutel zu verstauen. Er entfernte jedwedes
Staubrnchen davon mit der Hand wischend, mit dem
Mund blasend oder gar mit der Zunge leckend. Er stopfte
es auch nicht einfach in den Beutel, sondern wickelte es in
ein gewebtes Seidentuch. Aber noch nie war er so entkräftet
gewesen, dass ihn der Schlaf überwältigte, bevor er sich des
Herrscherkleids entledigt hatte. War das Festhaften etwa
dem Schweiss zuzuschreiben, der, sobald er sich dem Schlaf
ergab, in grosser Menge aus seinem rper hervorbrach, pe-
netrant und klebrig? Wenn der Schweiss die Ursache war,
dann war Wasser die Lösung.
Aber wie konnte er sich mit Hilfe von Wasser von dem
prächtigen Kleidungsstück befreien, ohne es dabei zu be-
schädigen?
Er rief, so laut er konnte, nach seinen Dienern, nicht
ohne dabei ein paarmal den hinterhältigen Widerling zu
verwünschen, der in den Stammessprachen Schlaf heisst.
Ein Riese kam herein, mit entblösstem Haupt, krausem
Haar, platter Nase und gewaltigen Nüstern. Am Eingang
verbeugte er sich, dann murmelte er: »Herr?«
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»Ich habe dir schon viele, ja unzählige Male gesagt«,
fuhr er ihn an, »dass es in dieser Welt keinen Herrn gibt
ausser dem einen, dem meinen und dem deinen, der unser
aller Wohltäter ist, der Führer.«
»Entschuldigt «, murmelte der Diener und gerte
kurz, bevor er, flüsternd, noch das Wort »Herr« anhängte.
»Bring mir Wasser«, fauchte Assanâj. »Siehst du nicht,
was dieser hässliche Schweiss mit dem Ehrengewand meines
und deines Herrn gemacht hat?«
Als der Diener Anstalten traf hinauszugehen, hielt er ihn
auf.
»Oder kannst du mich von dem Herrscherkleid auch
ohne Wasser befreien? Los, hilf mir!«
Der Mann machte kehrt. Er stellte sich neben seinen
Meister, packte das Gewand an seinem oberen, mit einem
üppigen Besatz gekrönten Teil, der einem Fuchspelz glich,
obwohl jedermann versicherte, er habe mit dem Geschlecht
der Füchse nicht das Geringste zu tun. Als er kräftig an
dem Pelz zog, stöhnte Assanâj schmerzvoll auf.
»Was tust du da, Schurke? Willst du mir die Schulter
abreissen?«, brüllte er.
Der Riese beugte sich über seinen Herrn, bis er beinahe
seine Schulter berührte.
»Weg mit dir, Elender«, schalt ihn Assanâj, »merkst du
denn nicht, dass mich der Geruch aus deiner Achselhöhle
fast ohnmächtig werden lässt?!«
Der Sklave trat einen Schritt zurück. Seine roten Augäpfel
drehten sich in ihren Höhlen wie bei einem Chamäleon. »Ich
rchte, ich kann Euch nicht helfen, Meister«, brummte er.
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Assanâj warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Was sagst
du da, du Unglücksspross?«
Der Riese schnaufte kräftig aus. Dann stellte er sich auf-
recht hin und sagte: »Das Gewand ist mit Eurer Haut ver-
wachsen.«
Assanâj inspizierte seine Arme sorgfältig. Das wertvolle
Herrscherkleid haftete wirklich an seinen Armen. Er be-
trachtete sie. Die Lederstücke umhüllten die Arme bis zu
den Handgelenken. Verschwunden war das faszinierende
Gewand, zusammengesetzt aus Lederstücken und verziert
mit goldenen Rippen, in der Haut, eins geworden mit ihr,
und nur noch seine Hände samt den Fingern blieben unbe-
deckt. Er befühlte seine Brust und musste feststellen, dass
auch dort das Gewand an seiner Haut klebte. Als er ver-
suchte, die goldenen Knöpfe loszureissen, die von der Hals-
krause bis zum Nabel reichten, schrie er gepeinigt auf. Die
Knöpfe waren in die Haut eingewachsen. Das Herrscher-
kleid schien, seltsam, tief in seinem Fleisch verschwunden
zu sein, und ihm blieb nichts anderes übrig, als sich allen
Ernstes an den Zauberer zu wenden, um die Wirkung die-
ser hässlichen Arglist aufzuheben.
Er liess den Zauberer kommen.
Dieser erschien, vom Scheitel bis zur Sohle in Schwarz
gehüllt, grossgewachsen, hager und mit strenger Miene,
kupferhäutig und mit leeren Augenhöhlen.
Assanâj gab sich ganz in seine Hand, und der Mann
umschwebte ihn lange Zeit. Er befühlte die zusammenge-
stückelten ledernen Flecken, die mit der Haut verwachsen
waren. Er zog an dem Fellkragen, der um Assanâjs Hals
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lag. Er untersuchte das Gewand auf dem gesamten Körper.
Schliesslich atmete er kräftig aus und hockte sich auf die
Matte dem Ungcksmenschen gegenüber. In seinen Augen
las Assanâj seine Katastrophe, noch bevor der Zauberer die
Unglücksbotschaft vorbrachte.
»Ich muss zugeben, dass es sich hier um einen Zauber
ganz besonderer Art handelt.«
Assanâj schaute ihm eine Zeitlang in die leeren Augen.
Eine niederdrückende Hoffnungslosigkeit bemächtigte sich
seiner. »Was kann ich diesem deinem Bekenntnis entneh-
men?«, wollte er wissen.
Der leere Blick des Zauberers blieb unverwandt. Auch sein
rper regte sich nicht. »Alles, was ich mit meinen Worten
sagen wollte«, erklärte er unerschüttert, »war, dass ich in den
Oasen noch nie einem Zauber dieser Art begegnet bin.«
Assanâj schwieg einige Augenblicke. Er warf ein paar
verstohlene Blicke auf sein Gegenüber und spielte an den
ledernen Stücken herum, die jetzt zu einer Haut an seinem
rper geworden waren. »Ist es denkbar«, fragte er, »dass
es sich um eine Arglist von Menschenseite handelt?«
Die Leere verschwand in den Augenhöhlen des Zauberers
und gab der Rätselhaftigkeit Raum. »Mit Sicherheit kann
ich behaupten«, erwiderte er, »dass es sich um eine Arglist
handelt, nicht jedoch, ob sie von Menschenseite stammt.«
Sein Gegenüber sah ihn lange an. »Was meinst du da-
mit?«, fragte er schliesslich lächelnd.
»Ich meine damit, dass es verschiedene Arten der Arglist
gibt«, entgegnete der Zauberer sofort. »Die menschenge-
machte ist die mildere.«
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In Assanâjs Augen leuchtete Neugier auf. »Was soll das
heissen?«
»Die Arglist, die vom Schöpfer der Gescpfe erdacht
wurde, ist abertausendmal schlimmer als die Arglist, die
von den Geschöpfen des Schöpfers stammt.«
Als Assanâj schwieg, erkundigte sich der Zauberer, ob er
den Unsichtbaren Schaden zugefügt habe.
Der Gefragte betrachtete ihn neugierig. Dann senkte er
den Kopf und antwortete: »Ich erinnere mich nicht, solches
bewusst getan zu haben. Aber jemand, den das Schicksal ein-
gesetzt hat, um die Belange der Menschen zu regeln, begeht
zwangsläufig einmal eine Sünde, ob er will oder nicht.«
»Da habt Ihr wahr gesprochen«, murmelte der Zauberer.
»Aber es wäre gut, wenn Ihr Euch an alle Umstände erin-
nern würdet.«
Assanâj betrachtete ihn ehentlich, wie einer, der eine
Bestrafung erwartet. »Ich habe mir keine Sünde zuschulden
kommen lassen.«
»Wir alle lassen uns bei jedem Schritt Sünden zuschul-
den kommen«, fuhr der Zauberer erbarmungslos fort, »nicht
nur eine.«
Der Inhaber der Macht lächelte schmerzvoll, und ohne
den Blick vom Teppich zu heben, lenkte er ein. »Ich sagte
ja, ich erinnere mich an keine Sünde, die ich gegen den
Himmel begangen haben könnte, es sei denn, die Frauen
der Oase im Bett gcklich zu machen wäre eine Sünde, die
dergleichen hässliche Strafe verdiente.«
Der Zauberer ging nicht auf den Scherz ein. Die Leere
bemächtigte sich wieder seiner Augenhöhlen. »Vergesst

Ibrahim al-Koni
Das Herrscherkleid

Roman aus der Sahara

Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich


Lenos Pocket 130
Paperback
ISBN 978-3-85787-730-8
Seiten 184
Erschienen November 2009
€ 12.90 / Fr. 18.00

Ausgaben
Paperback (2009)

Einem arabischen Kritiker gilt Das Herrscherkleid als der vielleicht zornigste Angriff auf die politischen Systeme und ihre Repräsentanten, der sich in der neueren arabischen Literatur findet. Thema des neuen Romans von Ibrahim al-Koni ist die Macht und deren karzinogener Charakter: Sie deformiert den Menschen sowohl seelisch als auch körperlich; »Heilung« bringt nur der Tod.

Gründlich wie kaum ein anderer erforscht al-Koni die Tyrannenseele und stellt die Wirkung von Macht auf deren Inhaber und die Reaktion seiner Umgebung auf dessen Gebaren dar. Dabei gelingt es dem Autor, die Debatte auf jeden Herrscher der Welt anwendbar zu machen und zugleich die mittelöstlichen Realitäten klar durchscheinen zu lassen: Der Potentat, der als Aussenseiter durch den Boten des Führers in seine Funktion gehoben wird. Der Potentat, der sofort seine neue Stellung zur Austragung privater Fehden missbraucht. Der Potentat, der sich immer fester und unerbittlicher in seinem Amt einrichtet. Der Potentat, der zur Erfüllung persönlicher Wünsche und Eitelkeiten alle Regeln bricht und die Untertanen immer brutaler ausquetscht. Der Potentat schliesslich, der erst durch den Tod von seinem Posten »abtritt«.

Pressestimmen

Ibrahim al-Koni zeichnet in seinem Roman das Bild eines grausamen Herrschers, der von der Macht wie von einem Geschwür zerfressen wird. Es könnte Oberst Ghadhafi sein – oder ein anderer Potentat.
— Zweites Deutsches Fernsehen
Unter ihrer Oberfläche transportiert diese Geschichte eine böse, aktuell brisante Parabel auf die Herrschaft im Dreieck von Tradition, Wahrheit und Macht.
— Der Landbote
Der Roman beschreibt einen machtbesessenen Despoten. … Spontan denkt man an Ghadhafi und andere Diktatoren, die bis zum bitteren Ende an ihrer Macht festhalten.
— Tages-Anzeiger