LENOS
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Mit seinen langen blonden Haaren ist der schmale sechzehnjährige
Justin das Ebenbild seines Idols Kurt Cobain – eine Ähnlichkeit, die
ihn zum Außenseiter stempelt. In prekären Familienverhältnissen
aufgewachsen, wird er von seiner überforderten Mutter zu seinem
gewalttätigen Onkel in Obhut gegeben. Als dessen Misshandlungen
eskalieren, kann sich Justin mit einem Gewaltakt befreien und ie-
hen. Ziellos, ohne Geld, mit seiner geliebten Gitarre unterwegs in der
unendlichen Weite Montanas, schlägt er sich durch. Bis er in einer
abgelegenen Scheune von Rene Bouchard, einem alten Schafzüchter,
entdeckt wird und als Hilfskraft auf der Ranch bleiben darf.
Justins Auftauchen wühlt das Schicksal der Bouchards auf. Der
Familienvater, der den Tod seines jüngsten, homosexuellen Sohnes
verdrängt hat, und seine Tochter Lianne, die ihrer zerrütteten Ehe
entkommen möchte, müssen sich ihrer Vergangenheit stellen. Wie
auch Justin, der trotz aller Hindernisse Selbstvertrauen und Zuge-
hörigkeit ndet.
Joe Wilkins zeichnet in seiner mitreißenden Geschichte voller Über-
raschungen und Emotionen ein treend kritisches Bild der länd-
lichen Bevölkerung der USA. Dabei spielt auch in diesem Roman
die faszinierende Landschaft des Big Sky Country die heimliche
Hauptrolle. Der Roman wurde u. a. mit dem Montana Book Award
ausgezeichnet.
Lenos Verlag
Joe Wilkins
Zwei Teile Gras, drei Teile Himmel
Roman
Aus dem Amerikanischen
von Irma Wehrli
Die Übersetzerin
Irma Wehrli, geboren 1954 in Liestal. Studium der Anglistik, Ger-
manistik und Romanistik. Schwerpunkt ihrer Übersetzungstätigkeit
ist englische und amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts
und der klassischen Moderne (Hardy, Wilde, Kipling, Manseld,
Hawthorne, Whitman, Cather, Wolfe u. a.). Für ihre Übertragung
des Romans Of Time and the River von omas Wolfe wurde ihr
2011 das Zuger Übersetzer-Stipendium zugesprochen, 2017 wurde
ihr die Ehrendoktorwürde der Universität Basel für ihr Gesamtwerk
als Kulturvermittlerin verliehen. Für den Lenos Verlag übersetzte sie
u. a. Werke von Julie Otsuka und Leila Aboulela.
Die Übersetzerin dankt der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia
für die Unterstützung.
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
e Entire Sky
Copyright © 2024 by Joe Wilkins
is edition published by arrangement with Little, Brown
and Company, New York, NY, USA. All rights reserved
Erste Auflage 2026
Copyright © der deutschen Übersetzung
2026 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: David J. Mitchell / Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 055 4
www.lenos.ch
Für meinen Großvater,
der das Land liebte,
aber seine Enkelsöhne noch mehr
Und für Justin
Was sonst könnt ich schreiben? Ich lasse es bleiben
Was sonst wär mein Leben? Alles Ausreden
Kurt Cobain, »All Apologies«
1
Ja,
das ist das Reich der verlorenen Jungs –
nur langes Haar, Herz, Haut und Knochen
zart wie ein Gabelbock
oder manche Mädchen.
Wir sind so viele.
Geduldig wie Schmelzwasser,
zornig auf Pillen
und Stacheldrähte. Nachtwind
rüttelt am Scheunentor, Sternensalz dringt durch die
Ritzen,
und wir sind wie Halme im Alfalfafeld,
wenn Schüsse knallen
und die Nacht uns hinterrücks überfällt.
APRIL 1994
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Als der Pick-up vorüber war, kroch der Junge aus dem
Unkraut und Truggras
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hervor und wieder die Bö-
schung der Bergstraße hinauf, mit einem Gitarrenkoer
aus Pappe in der Hand und grünem Segeltuchrucksack,
der ihm um die Ohren und Schultern tanzte im vom
Straßenstaub schummrigen, kalten Nachmittagslicht.
Er war ink und keuchte. Und er schmeckte den Staub.
Auf der einspurigen Brücke über den Fluss blickte er
das lange Schotterband hinauf und hinunter. Da war
weit und breit niemand in Sicht. Er drückte den zer-
beulten Gitarrenkoer an seine Brust, ging fast im Lauf-
schritt los, und das Klappern des Instruments drin schien
den Takt dazu zu schlagen. Die verrosteten Streben der
alten Brücke erhoben sich über ihm und glitten über ihn
hinweg, und die breiten, kreuzschraerten Schatten ver-
dunkelten ihm in seinem eiligen, keuchenden Lauf re-
gelmäßig den Blick. Als er halb drüben war, kam ein Fi-
scherboot um die Biegung ussaufwärts gehüpft, dessen
Fliegenschnüre kringelten sich in der Luft und landeten
auf dem dunkelgrünen Wasser. Der Mann am Ruder er-
spähte den Jungen und reckte sein Kinn zum Gruß.
Scheiße. Da rannte ein Junge mit seinen sech-
zehn so dünn und klein, dass man ihn oft für jünger
hielt mit Armeerucksack und Gitarre über eine ver-
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lorene Brücke auf einer verlorenen Straße mitten am
Nachmittag. Wer ihn so sah, würde sich bestimmt an
ihn erinnern.
Scheiße, Scheiße, Scheiße.
Er hielt inne und winkte zurück. Wollte den An-
schein erwecken, es sei alles okay, es sei alles in Ord-
nung. Darauf verstand er sich inzwischen. Als er über
die Brücke und nicht mehr zu sehen war, rannte er wie-
der los. Das Herz pochte ihm in den Ohren. Eine Meile
weiter wich der Schotter dem Asphalt eines Highways,
auch der gründunkle Waldtunnel önete sich, und er
duckte sich und überlegte.
Er war erst ein paar Meilen östlich von Nye und fand,
es sei noch zu früh, um per Anhalter voranzukommen.
Jemand aus der Stadt könnte ihn erkennen. Er war mit
seinen kleinen Cousins und den paar anderen Kindern
aus Nye im Schulbus bis nach Absarokee gefahren,
hatte auf der Post unzählige Male die Briefe für seine
Tante abgeholt und war mitgeschleppt worden, wenn
sein Onkel Heck am Handelsposten sein Bier kaufen
ging. Das war, noch bevor Heck ihn nicht mehr zur
Schule oder überhaupt irgendwohin gehen ließ. Bevor
es schlimm wurde.
Hingekauert ins Gras und die Kiefernbäumchen am
Straßenbord, krallte der Junge seine Hände in die ab-
gestorbenen Nadeln und die sandige, nach Pilzen rie-
chende Erde. Bloß nicht an Heck denken und an Hecks
erstauntes Gesicht. An den schweren Spalthammer.
Sein Herz war wie ein aufgescheuchtes, verstörtes
Tier, und der Junge stand taumelnd auf und stampfte
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über den Asphalt, um mit den unmöglich großen
Schritten seines Schattens irgendwie mitzuhalten bis
er stehen blieb, sich einen Dummkopf schimpfte und
wieder den Straßengraben hinunterstürmte und sich in
die Wälder schlug.
Er lehnte sich an einen Kiefernstamm und atmete
durch. Er musste aufpassen, denn auf genau diese Stun-
den kam es jetzt an. Auf der Straße ginge es schneller,
aber man durfte ihn nicht entdecken. Und wenn er zu
schnell durch die Wälder lief, stolperte er vielleicht über
eine Wurzel oder einen Stein und brach sich den Knö-
chel. Er entschied sich für den Mittelweg und wollte
sich nahe dem Waldrand parallel zur Straße halten.
Er ging langsam und vorsichtig und achtete auf jeden
Schritt.
Das Gelände war steil und holprig. Die hochgehen-
den Bäche führten Schmelzwasser. Stacheldrahtzäune
durchschnitten die Grundstücksgrenzen. Überall, wo
man in den letzten Jahrzehnten Holz geschlagen hatte
wenigstens sein Wissen über die Wälder verdankte er
Heck –, wuchsen die Kiefern dicht an dicht, und der
Wald war dunkel und trocken, mit verkrüppelten, spit-
zen Stämmen unter dem Kronendach. Der Junge schlug
sich durch, so gut es ging, zerriss dabei allerdings sein
Flanellhemd und ritzte sich dort, wo er die Ärmel aufge-
rollt hatte, die Haut. Er sorgte sich um seinen Gitarren-
koer oder dass seine Chucks, lausige Basketballschuhe
mit glatten Sohlen, aufplatzen würden. Nach einer wei-
teren Stunde oder mehr entschied er sich – scheißegal –
für die Straße.
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Die Sonne bengerte seinen Rücken, als er die Bö-
schung hinaufkletterte und die Bierdosen und Hirsch-
knochen am Bord aus dem Weg kickte. Als er die ersten
paar Male ein Auto hörte, warf er sich wieder in den
Straßengraben. Doch schließlich sah er ein, dass er zwi-
schen Einheimischen und Fremden erst unterscheiden
konnte, wenn er den Gewehrständer oder die Angelru-
ten durchs Heckfenster sah. Wenn sie schon längst an
ihm vorbei waren.
Die Sonne tauchte hinter die blauen Schultern der
Beartooths
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ab, und der Junge fröstelte. Er hote, die
Angler hätten inzwischen genug und wären nun auf
dem Rückweg zu ihrer Lodge, ihrem schicken Hotel
oder wo sie sonst übernachten mochten. Weit hinter
sich hörte er Motorengeräusch. Er widerstand dem Re-
ex, sich ach ins Gestrüpp zu werfen, trat an den Stra-
ßenrand und hielt den Daumen hoch.
Aus der gewaltigen Schwärze der Berge im Gegen-
licht tauchte ein Auto auf. Als es vorüberfuhr, zupfte der
Wind an den Hemdzipfeln des Jungen und blies ihm
das lange, schmutzige Blondhaar über das Gesicht. Ein
Geländewagen blieb ein paar Meter weiter stehen, und
der Junge wischte sich das Haar aus den Augen und er-
spähte durch das staubige Fenster des Ford Bronco ein
Gewirr Angelruten. Alles an ihm gab nach, und ein har-
ter Klumpen angehaltenen Atems löste sich aus seinen
Lungen.
»Wohin?«
Einer der Angler, die graue Wathose hinuntergerollt
und eine silbrige Bierdose in der Hand, war schon drau-
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ßen und klappte den Sitz nach vorn, damit der Junge
einsteigen konnte.
»Zur Interstate, wenn Sie so weit fahren.«
Der Junge hob zuerst seine Gitarre hoch und kletterte
dann selbst hinein. Er musste Plastikboxen mit buntge-
ederten Fliegen, Fast-Food-Verpackungen, Bierdosen,
zerknüllte Shirts und etliche schmuddelige Basecaps
beiseiteschieben, um Platz zu schaen.
»Ein schreckliches Durcheinander dahinten.«
Der Fahrer trug trotz des schwindenden Lichts eine
dunkle Sonnenbrille, hob eine Bierdose an seine Lippen
und trank.
Der Junge zuckte zusammen. Der Fahrer mit seinem
kurzen rotbraunen Haar und dem sorgfältig gestutzten
Ziegenbärtchen glich seinem Onkel Heck zwar kein
bisschen. Aber die dunkle Brille und wie er seine Hand
über das Steuerrad legte und die Bierdose in seinem
Schritt einklemmte – das kannte er alles nur zu gut.
»Keine Bange«, sagte der Fahrer mit tiefer und fester
Stimme. »Wir wechseln uns ab, wenn wir angeln gehen.
Der Fahrer bekommt nur ein Bier auf dem Fluss und
eins unterwegs.«
Der schlaksige zweite Mann mit ein paar blonden
Bartstoppeln am Kinn zwängte sich in die Kabine und
schlug die Tür zu. Er grinste den Jungen über die Lehne
der Sitzbank an. »Aber der Beifahrer kann sich zudröh-
nen, wenn ihm danach ist!«, sagte er lachend.
Der Fahrer warf einen prüfenden Blick in die Rück-
spiegel und manövrierte den Bronco auf den Highway
zurück.
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Der Beifahrer lachte immer noch über seinen Witz
und riss eine weitere Dose Coors Light auf. »Ich bin
Zach«, sagte er. »Und der ese Kerl da am Steuer heißt
Cal.«
»Kurt«, sagte der Junge, obwohl er Justin hieß.
»In Ordnung, Kurt. Dann bis zur Interstate. Oder
wir können dich auch gleich bis Billings mitnehmen,
wenn du magst?«
In Billings hatte Onkel Heck ihn im letzten Herbst
abgeholt. Justin erinnerte sich noch an die schmutzigen
Marmorböden und die hohen, reichverzierten Decken
der alten Greyhound-Station und als sie auf die Straße
hinausgetreten waren, stand ein tanzender Mann mit
drei muschelförmigen rosa Haarclips im Bart gleich vor
ihnen.
Verdammte Penner, hatte Heck gesagt. Völlig ver-
kommen. Die ganze Stadt ist verdorben.
Justin wusste nicht genau, wie weit östlich Billings
lag – er hatte sich vorgenommen, von der Interstate im-
mer nach Westen zu trampen –, aber sein Onkel hatte
ja recht: Billings hatte sich fast wie eine richtige Stadt
angefühlt. Dort konnte er sich wohl etwas Geld ersin-
gen, vielleicht reichte es für ein Busticket. Im Bus wäre
es sicherer. Und er könnte einfacher schlafen.
Kiefernschatten streiften den Highway. Der Abend
begann sich zu sammeln und zu dunkeln in den Stra-
ßengräben und in den Bergtälern unter und vor ihnen.
Jetzt, da er saß, spürte Justin, wie eine Müdigkeit bis
auf die Knochen ihn erfasste. Wie lang war es her, seit
er matt und elend vor dem Morgengrauen im Wald er-
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wacht war? Er versuchte abzuschätzen, wie viele Stun-
den seitdem vergangen waren, schreckte aber vor dem
Moment zurück, als er, den Spalthammer umklam-
mernd, wie wild aus der Scheune geprescht war vor
jenem Moment, als er den Hammer niedersausen ließ
auf die weiche Stelle, wo Hecks Stiernacken in seinen
Brustkorb überging.
»Billings wäre klasse«, sagte Justin und kämpfte ge-
gen die Galle an, die ihm hochkommen wollte, gegen
die Angst und Wut und die magenumdrehende Scham.
»Danke.«
»Kein Problem.« Zach nahm einen langen Zug,
schmatzte und fuhr fort: »War ’n guter Tag auf dem
Fluss. Die Forellen sind unterwegs. Cal hat ’nen Zwan-
zigzöller an Land gezogen.« Er klopfte dem Fahrer auf
die Schulter. »Glückspilz.«
Justin musste an den Bach hinter dem Trailer Park in
Bremerton denken und an die erstaunlichen Farben der
ermatteten Lachse und ihre dunklen, getupften Leiber,
die im seichten Wasser trieben.
»Ja, Mann«, seufzte Zach. »Da war ganz schön was
los. Ein Tag auf dem Fluss lohnt sich immer
Zach trank wieder und warf dann die leere Dose zu
Boden, wo sie einen Fleck hinterließ und weiterrollte.
Dann legte er seinen Ellbogen über die Sitzbank und
wandte sich Justin zu, um ihn ausgiebig zu mustern. Er
merkte sich alles: Grüner Segeltuchrucksack. Zerbeul-
ter Gitarrenkoer. Lange blonde Haare. Silberknöpfe
in den Ohren. Spitzes Gesicht und fast mädchenhaft
kleine Ohren und Nase. Knubbeliges Kinn.
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Noch eine Weile musterte Zach den Jungen und
wandte sich dann dem Kassettendeck zu, als hätte er ei-
nen Entschluss gefasst. »Du hast da eine Gitarre. Magst
du Musik, Kurt? Wie wär’s mit Springsteen? Der Boss,
okay?«
Bevor Justin antworten konnte, knisterten die Laut-
sprecher und erwachten, und niemand sagte etwas au-
ßer dem Boss: davon, wer schon längst gegangen sei,
wer in Flammen stehe und wer falle, falle, falle.
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Der
Asphalt glitt unter ihnen weg, die Berge versanken im
dunkelnden Abend, und Justin lehnte sich gegen die
staubige Plastikabdeckung des Lautsprechers und in die
Töne hinein und schlief.
Als er erwachte, konnte er sich keinen verdammten Reim
auf die abendliche Szene rundum machen gleißende
Neonröhren, etliche Zapfsäulen, scheppernde Musik.
Mächtige Lastzüge auf einem großen Kiesparkplatz. Ein
Mann in Cowboystiefeln und blauem Basecap aus Cord,
der steifbeinig auf die Glastür einer Tankstelle zuhielt.
Justin schnappte nach Luft und richtete sich kerzen-
gerade auf, während die Geschichte des vergangenen
Tages ihn heiß und kalt überlief und da fand er sich
jetzt auf einer Raststätte auf dem Rücksitz eines Bronco
wieder, und Angelruten baumelten über ihm.
Aber wo waren die Angler? Und wo in aller Welt war
diese Raststätte?
Er hatte das Gefühl, sie stünden schon lange da, weil
es nicht das Anhalten war, das ihn geweckt hatte. Son-
dern etwas anderes.
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Vielleicht wussten sie ja Bescheid? Vielleicht hatten
sie angehalten, um die Cops zu rufen?
Er sollte abhauen, jetzt. Er schob seinen linken Arm
durch den Rucksackriemen und packte den Gri des
Gitarrenkoers. Er tastete nach der Schlaufe, mit der
man den Vordersitz hochklappte, und fand sie. Als er
schon losrennen wollte, hörte er durch das geönete
Fenster auf der Fahrerseite die Stimmen von Cal und
Zach. Sie standen vor der Tankstelle, neben der Eis-
würfelmaschine. Justin ließ sich wieder auf die Rück-
bank fallen.
Zach wedelte mit seiner Einkaufstüte und erwähnte
seine Freundin, die Lehrerin sei und sich mit solchen
Jungs auskenne. Obdachlos. Drogenabhängig. Die
stehlen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. »Er ist
spindeldürr, aber gefährlich könnte er trotzdem sein.
Ich meine, warum zum Teufel war er auf der Straße
nach Nye als Anhalter unterwegs?«
Cal schüttelte den Kopf und spuckte auf den Boden.
Er sagte etwas, was Justin nicht richtig hörte. Die bei-
den Männer standen dicht beieinander, und als Cal wei-
tersprach, klang seine Stimme so leise, dass sie bloß ei-
nem fernen Raunen glich. Justin schloss die Augen und
rutschte immer näher ans Fenster. Auch wenn er nichts
verstand, mochte er den Klang von Cals Stimme: wie
bedächtig und gleichmäßig sie war. Das Raunen hörte
auf. Justin schlug die Augen auf.
Beide Männer kamen nun auf den Bronco zu.
Scheiße. Er hätte abhauen sollen. Das war vielleicht
seine einzige Chance. Justin hielt seinen Gitarrenkoer
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immer noch in der Hand, aber nicht mehr umklam-
mert, der Rucksackriemen war bis zum Ellbogen herun-
tergerutscht, und er sackte zusammen. Er lehnte seinen
Kopf wieder an den Lautsprecher und schloss die Au-
gen, als hätte er die ganze Zeit geschlafen.
Die Türen gingen auf und schlugen wieder zu. Der
Motor sprang an, und der Bronco setzte sich in Bewe-
gung. Nach einer Weile spürte er, dass Zach ihn ansah
und über den Rücksitz gri.
Ach, Scheiße. Justin blinzelte mit einem Lid und be-
obachtete, wie der große Mann mit dem langen Gesicht
die Klappe seines grünen Segeltuchrucksacks anhob
und eine große Flasche Orangensaft, eine Tüte Erd-
nüsse und eine Handvoll geräucherte Rindeischstan-
gen darin verstaute.
Der Bronco nahm Fahrt auf, als sie auf der Interstate
waren, und Justin schmeckte unwillkürlich das Fett der
Rindeischstangen, den sauren Orangensaft und die
salzigen Erdnüsse. Doch er mochte alldem nicht trauen.
Noch nicht. Lange Zeit verharrte er zusammengerollt
und reglos.
Als beide Männer schwiegen, und die Musik auch, und
nur noch Reifengeräusche und Verkehrslärm zu hören
waren, setzte Justin sich schließlich auf. Selbst in der im-
mer dunkleren Nacht sah er, dass sie die Berge verlassen
hatten und in ein weites Tal gekommen waren. Kiefern-
bestandene Höhenzüge, der Fluss ein dunkler Strich,
der sich unter der Autobahn von Brücke zu Brücke zog.
Jetzt zerrissen Lichterketten den Himmel, eine Phalanx
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Schornsteine rülpste blaue, orangerote und gelbe Flam-
men, und die Ölschleier waren irgendwie schwärzer als
die Nacht. Pferdeköpfe nickten in der dunklen Ferne.
»Die Cenex-Ölranerie«, sagte Zach und riss eine
weitere Bierdose auf. »Sie sagen, der Rauch sei angeblich
nicht schädlich. Und die Luft sei gut. Ich weiß nicht.«
Der Rauch entschwand und mit ihm die Lichter.
Sie erklommen eine steile Anhöhe und tauchten
dann wieder ins Tal hinab. Der Mond ging am süd-
lichen Horizont auf und ließ den dunklen Fluss seidig
glänzen. Als der Mond weiterzog und wuchs, hielt Jus-
tin unwillkürlich seine Hände in das von der Seite ein-
strömende Licht. Er grinste über das Schattenspiel auf
der Lehne der Sitzbank vor ihm ein Kaninchen, ein
Vogel, das Teufelszeichen, ein doppelter Stinkenger.
Er streifte die Ärmel seines Flanellhemds zurück und
prüfte die Druckstellen auf seinen Armen, die blauen
und schwarzen Flecken, die ein harter Gri hinterlassen
hatte, Fingerabdrücke, ein ügelähnliches Muster. Auch
im Kreuz spürte er die Striemen einer Prellung. Und
noch tiefere Blessuren schmerzten ihn bis ins Mark.
Justin kämpfte heftig gegen ein Würgen im Hals und
heiße Tränen. Er war froh über die Dunkelheit und die
Geräusche der Straße.
Bald wetteiferten die Lichter einer Farm oder Ranch
mit dem hellen Mond, dann ganze Lichterhaufen
etwa von Trailer Parks oder kaum noch eigenständigen
Vororten – und schließlich die regelmäßigen Reihen der
Straßenlaternen an den Nebenfahrbahnen und Tank-
stellen, Lagerhäusern und Einkaufsmeilen.
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Sie waren jetzt in der Stadt.
Im Norden tauchten wie ein dunkler Schisbug die
Rimrocks auf, die hohen Sandsteinfelsen, die sich mit-
ten durch Billings zogen. Vor so vielen Monaten, Mitte
Oktober, als Justin den Greyhound verlassen und in den
Geländewagen seines Onkels eingestiegen war, hatte
Heck ihn aus irgendeinem Grund auf die Rimrocks
aufmerksam gemacht. Hecks einzige andere Bemerkung
galt nach Justins Erinnerung seinem Haar. Wie lang es
sei und dass er damit verucht noch mal fast schon aus-
sehe wie ein Mädchen, hatte sein Onkel gesagt.
Jetzt waren die Rimrocks dunkel und nahe.
»Hast du einen Ort, wo du hingehen kannst?«
Zachs Stimme erschreckte ihn. Bevor er antworten
konnte, mischte sich Cals sonorer Bariton ein.
»Wir haben ein Zimmer im Kellergeschoss. Hat so-
gar eine eigene Tür. Meine Frau und ich fangen nicht
viel damit an. Es ist unmöbliert bis auf einen Fernseher
und einen Videorekorder. Meine Frau macht ihr Aero-
bic dort. Jedenfalls könnten wir dir einen Schlafsack
und ein Kissen leihen. Es wäre trocken und warm.«
Justin blickte vom einen der Männer zum andern,
auf ihre dunklen Hinterköpfe. Sie waren beide gepegt
und t, Ende zwanzig oder Anfang dreißig, schlaue, zu-
packende, eigenständige Typen.
»Wir haben Burger gegrillt gestern Abend«, fuhr Cal
fort. »Da sind noch welche im Kühlschrank. Auch Kar-
toelsalat. Und Pepsi und Mountain Dew
Zach beugte sich über den Sitz; wie lang und kräftig
sein Arm auf der Lehne war. »Hör zu, Kurt, du brauchst
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uns nichts zu erzählen. Es ist bloß so, dass du noch ein
Kind bist. Wir können dich nicht nachts mitten in
der Stadt aussetzen. Und wenn du morgen mehr Hilfe
brauchst, sag es Cal einfach. Womit auch immer, der
hilft dir. Wir helfen dir
Justin schmeckte den Kartoelsalat schon und wie
eine kalte Pepsi beim Önen zischte. Aber er war noch
zu nah an den Bergen, um irgendwem zu trauen, zu nah
am Trailer – und an dem, was er getan hatte.
Heck, wie er da in seinem Blut lag.
»Okay«, sagte Justin, und sein Herz war wie in einen
Schraubstock gezwängt. »Danke.«

Montana Book Award 2024

Joe Wilkins
Zwei Teile Gras, drei Teile Himmel

Roman

Aus dem Amerikanischen von Irma Wehrli


Hardcover
ISBN 978-3-03925-055-4
Seiten 559
Erscheint 6. Oktober 2026
€ 28.00 / Fr. 32.00 *
* voraussichtlicher Verkaufspreis

Ausgaben
Hardcover (2026)

Mit seinen langen blonden Haaren ist der schmale sechzehnjährige Justin das Ebenbild seines Idols Kurt Cobain – eine Ähnlichkeit, die ihn zum Aussenseiter stempelt. In prekären Familienverhältnissen aufgewachsen, wird er von seiner überforderten Mutter zu seinem gewalttätigen Onkel in Obhut gegeben. Als dessen Misshandlungen eskalieren, kann sich Justin mit einem Gewaltakt befreien und fliehen. Ziellos, ohne Geld, mit seiner geliebten Gitarre unterwegs in der unendlichen Weite Montanas, schlägt er sich durch. Bis er in einer abgelegenen Scheune von Rene Bouchard, einem alten Schafzüchter, entdeckt wird und als Hilfskraft auf der Ranch bleiben darf.
Justins Auftauchen wühlt das Schicksal der Bouchards auf. Der Familienvater, der den Tod seines jüngsten, homosexuellen Sohnes verdrängt hat, und seine Tochter Lianne, die ihrer zerrütteten Ehe entkommen möchte, müssen sich ihrer Vergangenheit stellen. Wie auch Justin, der trotz aller Hindernisse Selbstvertrauen und Zugehörigkeit findet.

Joe Wilkins zeichnet in seiner mitreissenden Geschichte voller Überraschungen und Emotionen ein treffend kritisches Bild der ländlichen Bevölkerung der USA. Dabei spielt auch in diesem Roman die faszinierende Landschaft des Big Sky Country die heimliche Hauptrolle.


Pressestimmen

In Wilkins’ bezauberndem neuestem Roman schenkt ein jugendlicher Ausreisser einem trauernden Rancher neue Lebensfreude … In Rückblenden enthüllt Wilkins nach und nach die Tiefe des Schmerzes, den jede der Figuren in sich trägt. Das Ergebnis ist eine erfrischende Geschichte über zweite Chancen.
— Publishers Weekly

Ausserdem lieferbar