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LP 232
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Tajjib Salich
Zeit der Nordwanderung
Roman
Aus dem Arabischen
von Regina Karachouli
Mit einem Nachwort
der Übersetzerin
Lenos Verlag
Die Übersetzerin
Regina Karachouli, geboren 1941 in Zwickau. Studium der Arabistik und der
Kulturwissenschaften in Leipzig. Promotion über Dramatik und eater in
Syrien. Von 1975 bis 2002 Lehr- und Forschungs tätigkeit am Orientalischen
Institut der Universität Leipzig. Übersetzerin zahlreicher literarischer Werke
aus dem Arabischen (u. a. von Mamdouh Azzam, Iman Humaidan, Sahar Kha-
lifa, Alia Mamduch, Hanna Mina, Sabri Mussa, Habib Selmi, Nihad Siris,
Amjad Nasser und Baha Taher sowie des Gesamtwerks von Tajjib Salich).
Zur Erleichterung der Aussprache arabischer Namen wurden in der Überset-
zung betonte lange Silben mit einem Zirkumex (
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) versehen.
Titel der arabischen Originalausgabe:
Mausim al-hiğra ilâ š-šimâl
Copyright © 1969 by Tajjib Salich
LP 232
Dritte, durchgesehene Auflage 2022
Copyright © der deutschen Übersetzung
1998 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: Horst Tappe
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 832 9
Zeit der Nordwanderung
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Nach langer Abwesenheit, meine Herren nach genau
sieben Jahren, die ich in Europa studierte –, kehrte ich
heim zu meinen Angehörigen. Vieles hatte ich gelernt
und vieles nicht begrien, aber das ist eine andere Ge-
schichte. Wichtig ist: Ich kehrte zurück, mit grossem
Heimweh nach meiner Familie in jenem kleinen Dorf an
der Nilbiegung. Sieben Jahre hatte ich mich nach ihnen
gesehnt, von ihnen geträumt, und als ich zu ihnen kam,
war es schon ein seltsames Gefühl, mich tatsächlich mit-
ten unter ihnen zu benden. Sie freuten sich, mich zu
sehen, und lärmten um mich herum, und es dauerte gar
nicht lange, da war mir zumute, als schmelze ein Eisblock
in meinem Innern, als sei ich am Erfrieren gewesen und
die Sonne schiene warm auf mich herab. Es war die Le-
benswärme in der Sippe, die ich so lange Zeit in Län-
dern vermisst hatte, »wo die Fische vor Kälte sterben«.
Ihre Stimmen waren meinen Ohren wohlbekannt, ihre
Gestalten meinen Augen vertraut. So oft hatte ich in der
Ferne an sie gedacht, dass ich sie im ersten Moment des
Wiedersehens wie durch einen Nebel wahrnahm. Doch
der Nebel verging, und ich erwachte am nächsten Tag in
meinem gewohnten Bett, in dem Zimmer, dessen Wände
die Belanglosigkeiten meines Lebens in der Kindheit
und frühen Jugend mitangesehen hatten. Hingegeben
lauschte ich dem Wind. Das ist nun, weiss Gott, ein Ge-
räusch, das ich ganz genau kenne; in unserem Dorf klingt
es wie fröhliches Geüster. Wind, der durch die Palmen
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fährt, säuselt eben anders als Wind, der durch die Wei-
zenfelder streift. Ich hörte das Gurren der Turteltauben,
sah durch das Fenster hinaus zu der Palme im Hof unse-
res Hauses und wusste: Das Leben ist noch in Ordnung.
Ich betrachtete ihren starken, geraden Stamm, ihre in
den Boden geschlagenen Wurzeln, die grünen Wedel, die
um ihr Haupt wallten, und spürte Zuversicht. Ich fühlte,
dass ich keine Feder im Wind war, sondern, wie diese
Palme, ein Wesen mit einer Herkunft, mit Wurzeln und
mit einem Ziel.
Meine Mutter brachte den Tee. Mein Vater hatte Ge-
bet und Koranlesung beendet und gesellte sich zu uns.
Meine Schwester kam, es kamen meine beiden Brüder,
und wir setzten uns zusammen, um Tee zu trinken und
miteinander zu plaudern, wie wir es gewohnt waren, seit
meine Augen das Leben erblickten. Ja, das Leben ist gut,
und die Welt ist unverändert wie eh und je.
Plötzlich erinnerte ich mich, unter denen, die mich
begrüsst hatten, ein unbekanntes Gesicht gesehen zu ha-
ben. Ich fragte sie nach dem Mann und beschrieb ihn.
Mittelgross sei er, annähernd fünfzig oder etwas darüber,
sein Haar sei dicht und schon ergraut, einen Bart habe er
nicht, und sein Schnurrbart sei ein wenig kleiner als sonst
bei den Männern im Ort. Ein gutaussehender Mann.
»Das ist Mustafa«, sagte mein Vater.
Was für ein Mustafa? War er einer von den Dörflern,
die ausgewandert und wieder heimgekehrt waren?
Mein Vater erklärte, Mustafa sei kein Einheimischer,
sondern ein Fremder, der vor fünf Jahren hier angekom-
men sei, eine Farm gekauft, ein Haus gebaut und eine
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Tochter von Machmûd geheiratet habe; ein in sich ge-
kehrter Mann, viel wüssten sie nicht über ihn.
Ich weiss nicht genau, was mich neugierig machte,
aber ich erinnerte mich, dass er am Tag meiner Ankunft
recht schweigsam gewesen war. Jeder hatte mich ausge-
fragt, und ich hatte sie ausgefragt. Sie stellten mir Fragen
über Europa: Sind die Leute wie wir, oder unterscheiden
sie sich von uns? Ist das Leben teuer oder billig? Was
machen die Menschen im Winter? Es heisst, die Frauen
seien unverschleiert und tanzten in aller Öentlichkeit
mit den Männern. »Stimmt es«, fragte mich Wadd al-
Rajjis, »dass sie nicht heiraten, aber Mann und Frau in
Sünde zusammenleben?«
Fragen über Fragen, die ich beantwortete, so gut ich
konnte. Sie waren ganz überrascht, als ich ihnen sagte,
die Europäer seien, von geringfügigen Unterschieden ab-
gesehen, genauso wie wir; sie heirateten und erzögen ihre
Kinder nach Traditionen und Prinzipien, hätten Anstand
und Moral und seien im grossen und ganzen gutherzige
Leute.
Machdschûb fragte: »Gibt es bei ihnen Landwirte?«
»O ja«, antwortete ich, »bei ihnen gibt es Landwirte
und auch sonst alles. Sie sind Arbeiter, Ärzte, Bauern und
Lehrer, genau wie wirIch zog es vor, das übrige, was mir
dazu noch einel, nicht auszusprechen: Genauso wie wir
werden sie geboren und sterben, und auf der Reise von
der Wiege zum Grab hegen sie Träume, von denen sich
einige erfüllen und andere scheitern. Sie fürchten sich vor
dem Unbekannten, sehnen sich nach Liebe und suchen
Geborgenheit bei Weib und Kind. Unter ihnen gibt es
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Mächtige, und es gibt Unterdrückte, den einen schenkt
das Leben mehr, als sie verdienen, und den anderen ver-
sagt es alles. Doch die Unterschiede gleichen sich aus,
und die meisten Elenden sind gar nicht mehr so elend.
All das habe ich Machdschûb nicht gesagt; hätte ich es
doch getan, er war gescheit genug. In meinem Dünkel
fürchtete ich, er würde es nicht verstehen.
Bint Madschsûb rief lachend: »Wir hatten schon
Angst, dass du eine unbeschnittene Christin mitbringst!«
Nur Mustafa sagte nichts. Er hörte schweigend zu und
lächelte manchmal, ein Lächeln, das mir jetzt, in der Er-
innerung, geheimnisvoll erscheint, wie wenn einer mit
sich selber redet.
Danach vergass ich Mustafa, ich begann meine Bezie-
hung zu den Menschen und Dingen im Dorf wieder
neu zu knüpfen. In jenen Tagen war ich glücklich wie
ein Kind, das sein Gesicht zum ersten Mal im Spiegel er-
blickt. Meine Mutter war unermüdlich um mich besorgt.
Sie berichtete mir, wer gestorben war, damit ich kondo-
lieren ginge, und teilte mir mit, wer geheiratet hatte, da-
mit ich ihnen gratulierte.
Kondolierend und gratulierend zog ich kreuz und quer
durch das Dorf. Eines Tages begab ich mich zu meinem
Lieblingsplatz am Stamm einer Gummiakazie am Fluss-
ufer. Wie viele Stunden hatte ich in meiner Kindheit un-
ter diesem Baum damit verbracht, Steine in den Fluss zu
werfen, vor mich hin zu träumen und meine Phantasie in
weite Fernen schweifen zu lassen! Ich lauschte dem Knar-
ren der Wasserräder am Fluss, den Rufen der Leute auf
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den Feldern, dem Brüllen eines Bullen oder dem Iahen
eines Esels. Manchmal hatte ich Glück, und ein Dampfer
tuckerte ussauf oder ussab an mir vorbei. Von meinem
Platz unter dem Baum aus beobachtete ich, wie sich die
Landschaft allmählich veränderte. Die Schöpfräder ver-
schwanden, dann standen Pumpen am Nilufer; jede Ma-
schine leistete die Arbeit von hundert Wasserrädern. Jahr
für Jahr sah ich das Ufer unter den Schlägen des Wassers
zurückweichen, während sich auf der anderen Seite das
Wasser vom Ufer zurückzog. Bisweilen gingen mir selt-
same Gedanken durch den Sinn. Wenn ich beobachtete,
wie die Ufer an einer Stelle zusammenkamen und an ei-
ner anderen auseinandertraten, dachte ich bei mir, dass
es im Leben genauso sei; mit einer Hand gibt es, mit der
anderen nimmt es. Vielleicht habe ich diese Maxime aber
erst später begrien. Heute ist sie mir jedenfalls bewusst,
wenn auch nur mit dem Verstand, denn die Muskeln
unter meiner Haut sind geschmeidig und fügsam, und
mein Herz ist optimistisch. Ich will mir mein Recht vom
Leben erzwingen, ich will grosszügig sein, ich möchte,
dass mein Herz so voller Liebe ist, dass sie überquillt und
Früchte trägt. Es gibt noch viele Horizonte, die aufge-
sucht werden müssen, es gibt Früchte, die zu pücken,
so viele Bücher, die zu lesen sind, und weisse Seiten im
Register des Lebens gibt es, auf die ich klare Sätze mit
kühnem Schriftzug eintragen werde! Ich schaue auf den
Fluss, dessen Wasser sich vom Nilschlamm zu trüben be-
ginnt bestimmt hat es in den Abessinischen Bergen in
Strömen geregnet –, und hinüber zu den Männergestal-
ten, die sich auf die Püge stützen oder über den Feldhak-
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ken krümmen. Meine Augen sind erfüllt von den weiten
Feldern, die sich wie eine ache Hand bis an den Saum
der Wüste erstrecken, wo die Häuser stehen. Ich höre ei-
nen Vogel zwitschern, einen Hund bellen oder eine Axt
ins Holz schlagen und ich spüre, dass ich zur Ruhe ge-
kommen bin. Ich fühle, dass ich wichtig bin, von Dauer
und Wert. Nein, ich bin nicht der Stein, der ins Was-
ser geworfen wird, sondern das Samenkorn, das im Feld
ausgesät wird. Wenn ich meinen Grossvater aufsuche,
erzählt er mir vom Leben vor vierzig Jahren, vor fünfzig,
ja sogar vor achtzig Jahren, und ich fühle mich noch ge-
borgener. Ich liebe meinen Grossvater, und anscheinend
hat auch er eine Zuneigung für mich. Ein Grund für
meine Freundschaft mit ihm ist vielleicht, dass Geschich-
ten über die Vergangenheit meine Phantasie schon von
klein auf beügelt haben, und mein Grossvater redete
so gern darüber. Nachdem ich weggegangen war, fürch-
tete ich, er könne in meiner Abwesenheit sterben. Wenn
mich das Heimweh nach meiner Familie packte, sah ich
ihn in meinen Träumen. Als ich es ihm erzählte, sagte er
lachend: »In jungen Jahren hat mir ein Wahrsager pro-
phezeit: Wenn ich nur erst einmal das Lebensalter des
Propheten überschritten hätte, das heisst sechzig Jahre,
dann würde ich die Hundert erreichen!« Wir errechneten
sein Alter er und ich und fanden heraus, dass ihm
noch ungefähr zwölf Jahre blieben.
Mein Grossvater erzählte mir gerade von einem des-
potischen Herrscher, der die Region zur Türkenzeit einst
regierte. Ich weiss nicht, weshalb mir Mustafa in den
Sinn kam, aber plötzlich el er mir ein. Ich werde den
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Grossvater nach ihm fragen, dachte ich, er weiss ja bei
jedem im Dorf über Abstammung und Herkunft bestens
Bescheid, sogar über die südlich und nördlich, ussauf
und ussab verstreuten Ursprünge und Verwandtschaf-
ten. Doch mein Grossvater schüttelte den Kopf und ge-
stand, er wisse nichts weiter von ihm, als dass er aus der
Gegend um Khartum stamme, dass er vor etwa fünf Jah-
ren ins Dorf gekommen sei und ein Stück Land erwor-
ben habe, dessen Erben allesamt verschwunden waren,
ausser einer Frau. Der Mann habe ihr mit Geld den Kopf
verdreht und den Boden abgekauft. Später, vor vier Jah-
ren sei das gewesen, habe Machmûd eine seiner Töchter
mit ihm verheiratet. »Welche?« fragte ich. »Ich glaube, es
war Husna«, antwortete er und meinte dann, den Kopf
wiegend: »Eine Sippschaft ist das! Es kümmert sie nicht,
an wen sie ihre Töchter verheiraten.« Doch gleich setzte
er hinzu, als wollte er sich entschuldigen, über Mustafa
sei während seines ganzen Aufenthalts im Ort nichts Eh-
renrühriges bekannt geworden, er nehme regelmässig am
Freitagsgebet in der Moschee teil und stehe »in Freud
und Leid, mit Arm und Becher, stets bereit«. Das ist eben
meines Grossvaters Art, sich auszudrücken.
Zwei Tage darauf verbrachte ich die Mittagsruhe allein
und las. Meine Mutter und meine Schwester schwatzten
laut mit einigen Frauen im hintersten Winkel des Hau-
ses, mein Vater schlief, und meine beiden Brüder waren
weggegangen. Von draussen vor dem Haus hörte ich ein
Hüsteln und sah nach. Es war Mustafa, er schleppte eine
grosse Wassermelone und einen Korb voll Orangen. Viel-
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leicht sah er meinem Gesicht die Überraschung an, denn
er sagte: »Hoentlich habe ich dich nicht geweckt. Aber
ich dachte, ich bringe dir eine Kostprobe von den Früch-
ten des Feldes vorbei. Ausserdem möchte ich dich gern
näher kennenlernen. Die Mittagszeit ist eigentlich unpas-
send für einen Besuch; entschuldige bitte.«
Seine ausgesuchte Höflichkeit entging mir nicht, die
Leute in unserem Dorf kümmern sich nicht um An-
standsoskeln. Sie fallen einem mit der Tür ins Haus,
besuchen dich, ob mittags oder nachmittags, und geben
sich keine Mühe, Entschuldigungen vorzubringen. Ich
erwiderte seine Freundlichkeit, dann wurde Tee serviert.
Ich beobachtete sein Gesicht genau, während er mit
gesenktem Kopf dasass. Ein gutaussehender Mann, ohne
Zweifel: Die Stirn war breit und oen, die Brauen stan-
den weit auseinander und wölbten sich wie Mondsicheln
über den Augen, sein Kopf mit dem dichten grauen Haar
passte vollkommen harmonisch zu Hals und Schultern,
die Nase war allerdings spitz, und die Nasenlöcher waren
mit Haaren zugewachsen. Als er während des Gesprächs
den Kopf hob und ich auch seinen Mund und seine Au-
gen sah, bemerkte ich ein seltsames Gemisch aus Kraft
und Schwäche im Gesicht dieses Mannes. Sein Mund
war weich, und seine verträumten Augen liessen das
Gesicht eher schön als ebenmässig erscheinen; er sprach
gemessen, doch seine Stimme war klar und entschieden.
Sobald sein Gesicht zur Ruhe kam, wurde es stark, und
sobald er lachte, siegte die Schwäche über die Stärke.
Ich betrachtete seine Arme, sie waren kräftig, die Adern
traten hervor, die Finger aber waren lang und schlank.
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Wenn der Blick über die Arme und Hände glitt und bei
den Fingern anlangte, meinte man, plötzlich vom Berg
hinunter ins Tal gestiegen zu sein.
Ich dachte bei mir, lass ihn nur reden, er wäre nicht in
der grössten Hitze gekommen, wenn er dir nicht irgend
etwas zu sagen hätte. Aber vielleicht kommt er auch in
guter Absicht nur so vorbei.
Er unterbrach meine Vermutungen: »Wahrscheinlich
bist du der einzige im Ort, dessen Bekanntschaft ich bis-
her leider nicht gemacht habe.«
Warum lässt er nicht diese Förmlichkeiten, schliesslich
benden wir uns in einem Dorf, wo sich die Männer,
wenn sie wütend werden, gegenseitig mit »Du Hunde-
sohn!« anschreien.
»Ich habe von deinen Verwandten und Freunden
schon viel über dich gehört.«
Kein Wunder, ich hielt mich ja selber für die Zierde
der Jugend im Ort!
»Es heisst, du hast ein wichtiges Zeugnis erworben
wie nennt ihr das gleich? Einen Doktortitel?«
Wie nennt ihr das fragt er mich! Das geel mir gar
nicht, meinte ich doch, alle zehn Millionen Landesbe-
wohner hätten von meinem Triumph erfahren.
»Sie sagen, dass du von klein auf sehr gescheit warst.«
»Nicht doch«, wehrte ich ab, aber in Wirklichkeit war
ich damals sehr stolz auf mich und ziemlich eingebildet.
»Ein Doktortitel, das ist schon etwas Grosses.«
Ich erzählte ihm, Bescheidenheit vortäuschend, eigent-
lich stecke nicht mehr dahinter, als dass ich drei Jahre da-
mit zugebracht hätte, die Biographie eines unbekannten
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englischen Dichters zu erforschen. Ich wurde wütend
ich verhehle Ihnen nicht, dass ich wütend wurde –, als
der Mann aus vollem Halse loslachte.
»Dichtung brauchen wir hier nicht«, rief er. »Hättest
du Landwirtschaft, Ingenieurwesen oder Medizin stu-
diert, wäre es besser gewesen!« Sieh mal an, wie er das
sagte – »wir« – und mich nicht einbezog, obwohl er doch
wusste, dass der Ort mein Dorf und er nicht ich der
Fremde war.
Er aber lächelte mich liebenswürdig an, und ich be-
obachtete, wie in seinem Gesicht die Schwäche über die
Stärke siegte und seine Augen wirklich schön wie die ei-
ner Frau wurden.
»Wir Landwirte denken eben nur an das, was uns selber
angeht«, meinte er. »Dabei ist Wissen, welcher Art auch
immer, notwendig für den Fortschritt des Vaterlands.«
Er schwieg eine Zeitlang, und in meinem Kopf wim-
melte es vor lauter Fragen: Woher kommt er? Warum hat
er sich in diesem Dorf niedergelassen? Was ist seine Ge-
schichte?
Doch ich zog es vor abzuwarten, und er kam mir ent-
gegen. »Das Leben in diesem Ort ist einfach und ange-
nehm, und die Leute sind gut und umgänglich«, sagte er.
»Sie reden nur gut von dir«, warf ich ein. »Mein Gross-
vater sagt, du seist ein untadeliger Mann.«
Da lachte er, vielleicht weil er sich an eine Begegnung
mit meinem Grossvater erinnerte, und er schien sich über
meine Worte zu freuen.
»Dein Grossvater, das ist ein Mann!« rief er. »Ein rich-
tiger Mann neunzig Jahre, aber er hält sich gerade, sein

Tajjib Salich
Zeit der Nordwanderung

Roman

Aus dem Arabischen von Regina Karachouli


Lenos Pocket 62
Paperback
ISBN 978-3-85787-662-2
Seiten 191
Erschienen 2004
€ 14.50 / Fr. 19.50

Einer der schönsten Texte der arabischen Literatur.
— Tahar Ben Jelloun

Schauplatz des Romans ist ein kleines Dorf am Nil, eine archaische Welt mit jahrtausendealten überlieferten Werten. Der Fluss ist die nährende und die todbringende Kraft. Seit fünf Jahren lebt Mustafa Said, der gutaussehende fünfzigjährige »Fremde«, dort. Niemand kennt seine Geschichte, inzwischen ist er jedoch akzeptiert, ja geschätzt und mit einer Frau aus dem Dorf verheiratet. Doch eines Tages holt ihn seine Vergangenheit ein, und er gibt einem jungen Mann, der soeben seine Studien in England beendet hat, sein Geheimnis preis. Im Vertrauen erzählt er ihm von seiner »Nordwanderung«, die ihn über Kairo nach London führte, von seiner glänzenden akademischen Karriere, seiner ersten Ehe, seinen erotischen Abenteuern, die allesamt tragisch endeten. Mit grosser Sprachkraft und formaler Raffinesse beschreibt Salich das Aufeinanderprallen zweier Kulturen.

2001 wurde Zeit der Nordwanderung von der Arabischen Literaturakademie in Damaskus zum wichtigsten arabischen Roman des 20. Jahrhunderts erklärt.

Pressestimmen

Eine spannende, stellenweise berauschende Erzählung.
— Neue Zürcher Zeitung
In »Zeit der Nordwanderung« verbindet Salich gekonnt die Dramatik des Inhalts mit der Ästhetik einer poesievollen und bildhaften Sprache und macht das Buch zu einem Erlebnis, in das man als Leser regelrecht hineingezogen wird.
— Nürnberger Zeitung
Der Reichtum an Ober- und Untertönen, den Salich seiner Geschichte mitgibt, ist überwältigend. Wir kriegen die sinnlichste Ethnographie des sudanesischen Dorfes. Und einen kristallklaren Essay über die Konflikte zwischen dem Westen und dem Orient, zwischen Moderne und Beharren.
— Tages-Anzeiger
»Zeit der Nordwanderung« gehört zu den Büchern, die man mehrmals lesen kann, so sehr sind darin Rätsel und Faszination verwoben. Der Roman lässt das Fremde vertraut und das Eigene überraschend fremd erscheinen. In einer Welt, in der die traditionellen Grenzen verwischen, haben uns Schriftsteller wie Tajjib Salich mehr denn je zu sagen.
— Kölner Stadt-Anzeiger