LENOS
×
www.lenos.ch
Lenos Verlag
Mahi Binebine
Willkommen im Paradies
Roman aus Marokko
Aus dem Fransischen
von Patricia A. Hladschik
Erstmals 2003 unter dem Titel Kannibalen erschienen.
Völlig neu bearbeitete Übersetzung.
Die Übersetzerin
Patricia A. Hladschik, geboren 1966 in Bregenz. Studium der ver-
gleichenden Literaturwissenschaft und der Romanistik in Wien und
Paris. Übersetzerin frankophoner Literatur aus dem Maghreb (Rachid
Boudjedra, Mohammed Khaïr-Eddine). Langjährige Tätigkeit für Am-
nesty International, heute Koleiterin des Ludwig Boltzmann Instituts
r Menschenrechte und Geschäftsführerin des Zentrums polisPoli-
tik Lernen in der Schule. Sie lebt in Wien.
Der Lenos Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Struk-
turbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Titel der französischen Originalausgabe:
Cannibales
Copyright © 1999 by Librairie Arthème Fayard
Erste Auflage 2017
Copyright © der deutschen Übersetzung
2017 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Hauptmann & Kompanie, Zürich
Umschlagfoto: Laurin Schmid / SOS Méditerranée / Keystone
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 481 9
Für Agustin und Bâ titi,
die dort, wo sie sind, ganz schön lachen werden.
7
1
In meinem Dorf hatten uns die Alten so manches Mal
vom Meer erzählt, auf tausenderlei verschiedene Arten.
Manche verglichen es mit der Unermesslichkeit des
Himmels: eines Himmels aus Wasser, der über unend-
lichen, undurchdringlichen Wäldern schäumt, die von
Gespenstern und wilden Ungeheuern bewohnt sind.
Andere behaupteten, es sei noch riesiger als die Flüsse,
Seen, Teiche und alle Bäche der Erde zusammen. Die
Weisen vom grossen Platz indes waren sich in dieser
Frage einig und versicherten, dass Gott dieses Wasser
zurückhalte, um die Erde am Tag des Jüngsten Ge-
richts von ihren Sündern reinzuwaschen.
Es war Nacht. Eine dunkle, leicht dunstige Nacht.
Versteckt hinter einem Felsen, rten wir das Tosen
der Wellen und den Wind. Murâd hatte gesagt, das
Meer sei zurzeit ruhig. Wir hatten ihm geglaubt. Wir
waren bereit, alles zu glauben, sofern man uns erlaubte
zu gehen. So weit weg wie möglich. Für immer.
Ein schwarzer Schatten erhob sich neben dem Boot:
Es war der Schlepper; seinen Namen kannten wir nicht.
Wir begnügten uns damit, ihn in ängstlicher Ehrerbie-
tung Chef zu nennen, so wie man einen Lehrer gerufen
hätte, der seinen Stock schwingt, einen zwielichtigen
Gendarmen mit grausamem Blick, einen Hexenmeis-
8
ter, der mit Schicksalen jongliert, jeden Menschen, in
dessen Händen unsere Zukunft lag. Aus seiner tief ins
Gesicht gezogenen Kapuze drang dann und wann ein
seltsames Murren.
Ich wusste nicht, ob es Angst oder Kälte war, die
Reda, meinen Cousin, schlottern liess. Beides vielleicht.
Wir alle hatten Angst und froren, aber Reda schien es
am schlimmsten erwischt zu haben. Bleich und ange-
spannt, klammerte er sich an seine Adidas-Tasche und
klapperte mit den Zähnen. Unentwegt. Kaum hatte er
sich eine Zigarette angezündet, stürzte sich der Schatten
auf ihn, entriss sie ihm und zerkratzte ihm dabei die Lip-
pen. Reda muckte nicht auf. Er zitterte weiterhin, klap-
perte mit den Zähnen. Neben mir stillte Nuara ihr Baby.
Unmöglich, an ihrem runden, ein wenig aufgedunsenen
Gesicht das Alter abzulesen. Ihr Kopf, von festgefloch-
tenen Zöpfen bekrönt, bewegte sich im Rhythmus ei-
nes stummen Wiegenliedes. Aus ihrer Bluse hing eine
schlaffe Brust. Ich betrachtete sie aufmerksam, liess die
Spitze, die in den winzigen Mund geschoben war, nicht
aus den Augen. Der Kleine, dessen Brüllen wir fürchte-
ten, bearbeitete sie mit beiden Händchen. Der Schlep-
per hatte sich klar ausgedrückt: »Ein Ton, ein falscher
Schritt, und wir enden alle im Loch!« Aber um welches
Loch, um welchen Abgrund, grosse Götter, mochte es
sich wohl handeln? Gab es ein tieferes, ein dunkleres als
jenes, in das uns die Not getrieben hatte?
9
Unter uns befanden sich Kâssim Dschûdi, ein Al-
gerier aus Blida, der zu einer Zeit Lehrer gewesen war,
als in seinem Land noch Frieden herrschte, Pafadnam
und Yarcé, zwei Malier, von denen man nur das Weisse
der Augen sah, und Jûssuf, vorgeblich aus Marra-
kesch sein stark ausgeprägter Akzent wies auf ber-
berische Herkunft hin, aus dem Mittleren Atlas zwei-
fellos. Die kleine Gruppe gab sich gelassen. Für den
Riesen Pafadnam war es der dritte Ausreiseversuch.
Hätte er uns das bloss nicht gesagt! Am Vorabend im
Café hatte uns Murâd, der Kompagnon des Schlep-
pers, dennoch versichert, das Überqueren der Strasse
von Gibraltar sei nur eine Sache von wenigen Stunden.
»Einmal durch die Badewanne!«, hatte er gescherzt.
Ich lachte; nicht so Reda, der uns, von schrecklichen
Bauchschmerzen gequält, jede Viertelstunde verliess,
um ebenso blass zurückzukehren, wie er gegangen war.
Murâd, der mit seiner kleinen Statur, der Arroganz, der
gepflegten Erscheinung und dem Galgenhumor an die
Iberer in Tanger erinnerte, hatte uns gewarnt: »Wenn
dieser Idiot seinen Dünnschiss nicht in den Griff kriegt,
ist er raus.« Als er das rte, wäre mein Cousin beinahe
ohnmächtig geworden, und die Dinge verschlimmer-
ten sich noch. Von ihm strömte plötzlich ein widerli-
cher Gestank aus, der die Tischgesellschaft die Flucht
ergreifen liess. Die gesamte ausser mir, wohlgemerkt.
Die Luft war stickig. Im Radio skandierte das National-
10
orchester ein patriotisches Lied. Kif- und Tabakrauch
paarten sich und hüllten die blaue Zimmerdecke in
Nebel. Reda wagte nicht, sich zu bewegen. Er verharrte
auf der Stuhlkante sitzend, die Hände an die Lehnen
des Plastiksessels geklammert. Zunächst noch zaghaft,
wurde das Murren unserer Tischnachbarn umso hefti-
ger, je mehr sich der Gestank ausbreitete, und gipfelte
schliesslich darin, den Kellner zu alarmieren, der her-
beieilte, bereit zuzubeissen wie ein Tier, dessen Revier
man beschmutzt hat. Er erfasste die Situation sofort
und fing lauthals an zu schreien. Ich erhob mich mit
geschwellter Brust, um seinen Beleidigungen ein Ende
zu machen. Doch als ich bemerkte, dass ich ihm nur bis
zu den Schultern reichte, mässigte ich meinen Protest:
»Dieser junge Mann ist krank, mein Herr!« – »Ich bin
nicht seine Mutter, Mistkerl!«, schimpfte er und packte
Reda am Hemdkragen. Als ich versuchte, mich einzu-
mischen, erhielt ich einen Kinnhaken, der mich einige
Augenblicke ausser Gefecht setzte. Ich fand mich also
damit ab, ihnen zu folgen. Auf der Terrasse hatte sich
eine ptzliche Stille breitgemacht, aller Blicke waren
auf uns gerichtet. Der Kellner des Cas, dessen schrille
Stimme in seltsamem Gegensatz zu seiner imposanten
Statur stand, stiess Reda fluchend nach draussen. Eine
feine Urinspur folgte ihnen. Jemand begann zu lachen.
Dann ein Zweiter. Und eine Lachsalve brach los. Reda
zeigte keine Reaktion; er schien anderswo zu sein, liess
11
sich wie ein Müllsack wegräumen. Getragen vom Ge-
lächter der ste, vollendete der Kellner seinen Bra-
vourakt triumphierend mit einem kräftigen Fusstritt,
der meinen Cousin in den Rinnstein beförderte.
Ich konnte Reda nicht am Boden sehen. Ich habe es
nie ertragen. Schon als Kind hatten ihn alle im Dorf,
bis hin zum schwächlichsten unserer Kameraden, ge-
quält. Beim geringsten Streit lähmte ihn seine unheil-
bare Angst. Er kauerte sich zusammen, schützte sein
Gesicht mit beiden Armen und wartete darauf, dass
ich ihn erlöste. Ich habe ihn immer verteidigt. Das ist
mich oft teuer zu stehen gekommen, aber ich habe es
stets getan. Denn Reda ist von meinem Blut. Und so
bückte ich mich auch jetzt vor dieser Terrasse, die von
Faulenzern bevölkert wurde, von Schuhputzern, Zei-
tungsverkäufern, kleinen Gaunern, heruntergekom-
menen Beamten und anderen Nichtsnutzen, ckte
mich und half »meinem Blut« auf. Ich wagte es nicht,
diese Versammlung von Barbaren zu beschimpfen; in
meiner Kehle jedoch köchelten Lästerungen, wie sie
der Himmel selten zu ren bekommen hatte. Wenn
sie auch nur einen Bruchteil des Hasses und der Ver-
achtung wahrgenommen hätten, die in meinen Augen
funkelten, hätten sie sofort aufgehört, zu lachen und
mit dem Finger auf uns zu zeigen. Denn ein Mann aus
dem Süden, wie ich einer bin, ist – wenn er erniedrigt
wird – unberechenbar, zu allen Verrücktheiten fähig.

Mahi Binebine
Willkommen im Paradies

Roman aus Marokko

Aus dem Französischen von Patricia A. Hladschik


E-Book
ISBN 978-3-85787-957-9
Seiten ca. 216
Erschienen 28. August 2017
€ 15.99

Ein authentisches Zeugnis der afrikanischen Flüchtlingsproblematik, lebensnah und anschaulich.
— Jutta Fenk-Esterbauer, Donaukurier

Unter dem umgekippten Boot am Strand herrschte ein Friede, den Nuara mit ihrem Kind für nichts in der Welt eingetauscht hätte. Sie hat sich hier versteckt, um nicht von der Küstenwache entdeckt zu werden. Die Schreie des Babys drohten sie und die Gruppe Flüchtlinge, die gemeinsam am Strand von Tanger auf das Boot des Schleppers warten, zu verraten – so kurz vor dem Ziel, der Festung Europa. Einer von ihnen ist der junge Asûs, der mit Verschmitztheit und Ironie die Geschichten seiner Schicksalsgenossen wiedergibt. Er erzählt aber auch, wie sie, vor Kälte und Angst zitternd, auf das Zeichen zum Aufbruch warten und wie sie versuchen, die Lichter am Horizont zu deuten – künden sie vom gelobten Land, oder sind sie eine Falle?

Mit Willkommen im Paradies wird einer der wichtigsten Romane Mahi Binebines in einer überarbeiteten Übersetzung neu aufgelegt. Schon 1999 erzählte er eindringlich von der afrikanischen Flüchtlingsproblematik.

Pressestimmen

Ein authentisches Zeugnis der afrikanischen Flüchtlingsproblematik, lebensnah und anschaulich.
— Jutta Fenk-Esterbauer, Donaukurier
Mahi Binebine erzählt von den Menschen, die nur deshalb in Marokko sind, weil man nirgends sonst auf dem Kontinent Europa so nahe ist.
— Jens-Christian Rabe, Süddeutsche Zeitung
Mahi Binebine ist ein brandaktuell gebliebener Roman in literarisch meisterhafter ausführung gelungen.
— Florian Vetsch, Kulturmagazin Saiten
Mahi Binebine ist ein überragender Erzähler: Er versteht es, dramatische Schicksale so leicht zu erzählen, dass der Leser nie in Schwermut verfällt.
— Renata Schmid, kulturtipp