LENOS
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Die siebzehnjährige Tracy lebt mit Vater und Bruder in der Wildnis
Alaskas. Sie hilft bei der Zucht und beim Training der Schlittenhunde
und verbringt viel Zeit mit der Jagd im Wald. Eines Tages wird sie
auf einem Streifzug von einem Fremden überfallen. Tracy wehrt sich
und zückt ihr Messer, danach kann sie sich an nichts mehr erinnern.
Zu Hause wagt sie nicht, von dem Vorfall zu berichten. Als ein mys-
teriöser jugendlicher Ausreisser bei der Familie auftaucht und be-
hauptet, von einem Mann verfolgt zu werden, entsteht in Tracy der
Verdacht, dass es sich dabei um den verletzten Unbekannten handelt.
Immer mehr zu Jesse hingezogen, wird sie von panischer Angst vor
dem Fremden im Wald erfasst. Ihr entgleitet alles, und sie zieht er-
neut ihr Messer …
In einem aussergewöhnlichen Genremix entwickelt Jamey Bradbury
eine dramatische Geschichte um ihre jugendliche Hauptfigur, deren
animalisches Wesen zugleich fasziniert und verstört.
Jamey Bradbury, geboren 1979 in Ohio und aufgewachsen in Illinois,
studierte Creative Writing an der Universität von North Carolina in
Greensboro. Sie veröffentlichte Kurzgeschichten in verschiedenen Li-
teraturzeitschriften. The Wild Inside ist ihr erster Roman, er wurde in
mehrere Sprachen übersetzt. Bradbury lebt in Anchorage, Alaska, wo
sie für lokale Medien und bei einer Sozialeinrichtung für Indigene ar-
beitet. jameybradbury.com.
Lenos Verlag
Jamey Bradbury
Wild
Roman
Aus dem Amerikanischen
von Lydia Dimitrow
Die Übersetzerin
Lydia Dimitrow, geboren 1989 in Berlin. Studium der Allgemeinen
und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Berlin und Lausanne.
Autorin von Theatertexten und Prosastücken (u. a. Stipendiatin in der
Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin) und
Übersetzerin aus dem Englischen und dem Französischen (u. a. Joseph
Incardona, Isabelle Flükiger, Bruno Pellegrino, Valérie Poirier). Für
ihre Übertragung des Romans Der Zoo in Rom von Pascal Janovjak
wurde ihr 2022 der Terra Nova Preis Übersetzung der Schweizeri-
schen Schillerstiftung verliehen. lydia-dimitrow.de.
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
The Wild Inside
Copyright © 2018 by Jamey Bradbury
Erste Auflage 2022
Copyright © der deutschen Übersetzung
2022 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagillustration: Mathieu Persan
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 024 0
www.lenos.ch
Für meine Eltern, Kit und Jim Bradbury
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Ich konnte immer schon ganz gut sagen, was einem Hund
im Kopf rumgeht. Dad meint, das liegt daran, wie ich auf
die Welt gekommen bin, in der offenen Tür von unserem
Zwingerschuppen, mit zweiundzwanzig Hundeaugen-
paaren auf mich gerichtet, und das Erste, was ich jemals
gehört habe, das Bellen und Heulen unserer Hunde.
Damals gab es noch keine Krankenstation im Ort, also
musste die Hilfsschwester einmal im Monat zu uns raus-
kommen. Als die erste Hälfte der Schwangerschaft rum
war, sagte sie meiner Mutter, dass sie im Bett bleiben
und sich nicht überanstrengen soll. Und Mom hat diesen
Rat genau bis zu der Nacht befolgt, in der ich geboren
wurde. An einem 1. März, der so kalt war, dass ihr die
Haarspitzen einfroren. Sie ging nach draussen, zwischen
den Hundehütten durch zum Schuppen, kam bis zur Tür,
dann packte sie der Schmerz. Sie ging in die Hocke, hielt
sich den Bauch und brüllte nach meinem Dad. Und ich
flutschte einfach aus ihr heraus. Ich war schneller in die-
ser Welt, als sie gucken konnte, ohne dass sie gross nach-
geholfen hätte. Sie sagte, das war das Einzige an mir, was
jemals einfach gewesen wäre.
Was hast du da draussen gewollt?, habe ich sie einmal
gefragt.
Sie hatte mit den Schultern gezuckt. Gemeint: Ich
schätze, ich habe die Hunde vermisst.
Als Baby war ich gross und schwer und hatte immer
Hunger. Mom hat mir erzählt, dass manche Frauen ihre
Kinder nicht dazu kriegen, die Brust zu nehmen, und ich
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kenne das von manchen Welpen, sie hören nicht auf ihre
Instinkte und weigern sich zu trinken, und dann muss
man der Mutter die Milch abzapfen und den Welpen von
Hand füttern. Ich war nicht so. Ich bin geradewegs auf
Angriff gegangen und habe nicht mehr losgelassen. Ein
Baby wie mich hatte Mom noch nie gesehen, ich war un-
ersättlich, sagte sie. Sie stillte mich, bis sie dachte, dass
nichts mehr in ihr wäre, und dann stillte sie mich weiter.
In unserem Familienalbum gibt es Bilder von uns, wir
vier, wie wir zusammen im Hof arbeiten oder kurz vor
einem Rennen um den Schlitten posieren. Ich und Scott
mit Moms dunklem Haar und Dads braunen Augen. In
der Schule habe ich gelernt, dass Blut ein Gedächtnis hat.
Es trägt Informationen in sich, die einen zu dem machen,
der man ist. Deshalb haben mein Bruder und ich so viel
gemeinsam, wir tragen in uns, was das Blut unserer El-
tern in seiner Erinnerung hatte. Wenn man teilt, was im
Blut ist, ist man einem anderen Menschen so nah, wie es
überhaupt nur geht.
Wahrscheinlich habe ich mich deswegen so schwer-
getan, als Scott und ich anfingen, zur Schule zu gehen.
Weil ich mit den anderen Kindern nichts geteilt habe.
Vorher war unser Zuhause die Schule gewesen. Mom war
unsere Lehrerin, sie gab uns Aufgaben, eine Seite unter-
einandergeschriebener Zahlen, und die mussten wir dann
zusammenzählen oder voneinander abziehen. Als ich
klein war, bekam ich einen Stern, wenn ich alles richtig
hatte. Zehn Sterne hiessen, dass ich nach draussen durfte.
Also beeilte ich mich, die zehn zusammenzukriegen, und
dann tummelte ich mich den Grossteil des Tages im Hof
bei den Hunden, oder ich rannte durch die Wälder oder
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raufte mich mit Scott, wir spielten Fangen, meistens zum
Spass, aber manchmal wurde es auch ruppig, und dann
rief Mom uns zur Ordnung.
Nirgendwo war es so schön wie bei uns. Mein Grossva-
ter hatte alles hier gebaut, bevor mein Dad auf die Welt
kam. Er hatte ein Stück Alaska gefunden, das ihm gefiel,
mitten im Wald einen Kreis von zehn Acre gelichtet und
auf der einen Hälfte unser Haus gebaut, auf der anderen
den Schuppen für unseren Zwinger, ein langes Gebäude
mit einer Werkstatt an einem Ende und jeder Menge
Platz für Ausrüstung und die Schlitten. Zwischen dem
Haus und dem Zwingerschuppen standen unsere vierzig
Hundehütten. Ansonsten rundherum Bäume und hinten
im Hof der Einstieg zu einem angelegten Trail, der drei
Meilen mitten durch den Wald führte, bis zum Ptarmi-
gan Lake, dann noch mal etwa dreissig Meilen weiter,
über den Fluss, und ab da kamen dann nur noch mehr
Bäume, dann Berge, dann Tundra.
Ich verbrachte jede Minute, die ich konnte, im Wald.
Wenn man mich so ansah, hätte man vielleicht meinen
können: Du bist doch grad mal siebzehn und auch noch
ein Mädchen, du kannst dich doch nicht so ganz allein
da draussen rumtreiben, dich könnte ein Bär zerfleischen
oder ein Elch über den Haufen rennen. Aber Fakt ist,
wenn man mich und sonst jemand noch irgendwo in der
Wildnis aussetzen würde, dann würde sich zeigen, wer
von uns beiden eine Woche später putzmunter und ohne
einen Kratzer wieder herausspaziert käme. Seit ich ste-
hen kann, fahre ich hinten auf dem Schlitten mit, mit
zehn bin ich schon allein mit einem kleinen Gespann auf
den Trail gegangen, auch über Nacht, manchmal sogar
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über mehrere Tage, nur ich und meine Hunde. Sobald ich
konnte, bin ich beim Junior Iditarod gestartet, und mit
sechzehn bin ich meine ersten Profirennen gefahren. Ich
hatte längst genug Meilen zusammen, um mich fürs Idi-
tarod zu qualifizieren, sobald ich achtzehn war, könnte
ich mich anmelden. Als ich beim Frauenrennen des
Gin Gin 200 unter den besten fünf gelandet bin, habe ich
es sogar geschafft, meine Startgebühr zurückzugewinnen.
Auch wenn mich das Geld ehrlich gesagt nicht besonders
interessierte. Ich wollte nur draussen sein, auf meinem
Schlitten stehen, am liebsten jede freie Minute.
Deswegen war ich auch alles andere als begeistert, als
mir Dad an einem Freitagnachmittag seine Schlüssel zu-
warf und sagte: Bist du so gut und holst deinen Bruder
von der Schule ab, Trace?
Ich fing die Schlüssel mit einer Hand aus der Luft und
pfefferte sie zurück in seine Richtung. Sie landeten im Gras
neben der Schneefräse, an der er gerade rumschraubte.
Kannst du ihn nicht abholen?
Klar, sagte er. Dann bleibst du hier und reparierst das
Teil für Eleanor Andrews. Du solltest dich allerdings ran-
halten, sie wollte ihren Neffen in einer Stunde schicken,
um die Fräse abzuholen.
Würde ich machen, wenn ich könnte, murmelte ich
und tastete im Gras nach den Schlüsseln.
Hier, sagte er und fingerte ein Stück Papier aus sei-
ner Hosentasche. Häng das noch für mich im Laden auf,
wenn du schon dabei bist.
Es war eine Annonce, für das Schwarze Brett, das im
einzigen Laden des Orts neben der Eingangstür hing.
Die Leute pinnten ihre Zettel an die Korktafel, auf denen
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dann so was stand wie: ZU VERKAUFEN QUADREIFEN
oder
GRATIS FEUERHOLZ, ZUM SELBERHACKEN.
Dads Zettel war in seiner leicht angeschrägten Hand-
schrift geschrieben, die Buchstaben waren zurückgelehnt,
als würden sie sich gegen einen starken Wind stemmen.
Zimmer zu vermieten. Kleines Zimmer hinterm Haus, privat,
sauber. Holzofen. Kein Wasser, kein Strom. Küche und Bad dür-
fen jederzeit im Haupthaus mitbenutzt werden. Bei Meile 112.
Keine Landstreicher. Dann Dads Name und ganz unten un-
sere Telefonnummer.
Welches Zimmer denn?, fragte ich. Unser Haus hatte
eine gute Grösse, Scott und ich hatten beide unser eige-
nes Zimmer. Ich würde ganz bestimmt nicht bei ihm ein-
ziehen, damit irgendein Fremder gegen Geld da schlafen
konnte, wo eigentlich ich hingehörte.
Die Kate war nicht schon immer ein Geräteschuppen,
erklärte Dad. Als dein Grossvater sie gebaut hat, sollte
das eine richtige Hütte werden.
Neben dem Haus, dem Zwingerschuppen und den
vierzig Hundehütten dazwischen gab es noch zwei wei-
tere Bauten auf unserem Grundstück. Einmal den Holz-
schuppen, in dem wir unser Feuerholz lagerten, aber der
war eigentlich mehr ein Dach mit drei Wänden. Und
dann noch ein richtiges Bretterhäuschen, mit einem or-
dentlichen Dach und einem Holzofen, und in eine Wand
war sogar ein kleines Fenster eingelassen. Wir benutzten
die Kate als eine Art Rumpelkammer, alles, was wir nicht
ständig brauchten, packten wir da rein, die Mähmaschine
mit der kaputten Klinge, Sägeböcke, Angelruten, ölver-
schmierte Teile für unseren zweiten Truck, der schon seit
längerem auf Blöcken stand.
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Die muss nur ausgeräumt werden, sagte Dad.
Und dann soll irgendein Fremder da drin wohnen?,
fragte ich.
Wir brauchen das Geld.
Aber wenn ich jetzt hier bin und dir helfen kann –,
fing ich an, doch er würgte mich ab.
Weil du ja bis jetzt so eine grosse Hilfe warst, seit du
geflogen bist?
Das war nicht fair. Ich hatte getan, was ich konnte,
um den Ärger mit der Schule wiedergutzumachen. Die
ganze Woche über hatte ich immer erst den Frühstücks-
tisch abgeräumt, wenn Dad Scott in den Ort fuhr und
ich allein zu Hause blieb, und dann hatte ich mich an
meine Hausaufgaben gesetzt, denn wie sich herausstellte,
erwarten sie auch von einem, dass man weiter seinen Stoff
abarbeitet, wenn sie einen suspendiert haben. Und ja,
vielleicht hatte ich nicht mal die Hälfte des Pensums ge-
schafft, das sie mir mit nach Hause gegeben hatten, aber
ich musste ja auch raus zum Jagen. Wo sonst sollte Dad
seine Felle herbekommen, die er dann verkaufen oder tau-
schen konnte? So ein schöner Marderpelz, gegerbt und
gespannt, konnte locker fünfzig Dollar einbringen, und
das war nicht nichts.
Sich im Wald rumzutreiben zählt nicht als Helfen,
sagte Dad, als könnte er meine Gedanken lesen. Könntest
du jetzt machen, was ich dir sage, ohne mir zig Gründe
vorzubeten, warum das eine Zumutung ist?
Ich rutschte hinter das Steuer des Trucks und wartete
darauf, dass der Motor ansprang. Während ich die Auf-
fahrt hinuntertuckerte, bellten hinter mir die Hunde,
ziemlich empört darüber, dass es nicht für sie losging.
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Bevor ich auf den Highway rollte, guckte ich zur einen
Seite, dann zur anderen, hin und her, zwei- oder dreimal.
Es war ja nicht so, dass ich Dad Ärger machen wollte,
ich wollte ihm wirklich helfen, richtig helfen. Nur nicht
so. Fürs Autofahren hatte ich noch nie was übriggehabt,
auch schon nicht vor der ganzen Sache. Und ich war nicht
gern im Ort, erst recht nicht in der Schule. Wenn Dad
meine Hilfe wollte, verstand ich nicht, warum ich nicht
zu Hause bleiben und richtige Arbeit erledigen konnte,
wie die Hunde anständig zu trainieren, ihre Hütten sau-
berzumachen, mit unserem Nachwuchs rauszugehen, um
mir ein Bild zu machen, welche sich gut anstellten und
welche vielleicht das Zeug zum Leithund hätten.
Aber an dem Tag, als ich wegen der Prügelei aus der
Schule geschmissen wurde, hatte Dad gesagt: Keine Hunde
mehr. Ich durfte sie nicht trainieren, nicht mit ihnen spie-
len, sie nicht mal füttern, was am Ende nur mehr Arbeit
für Dad bedeutete. Er war ziemlich wütend wegen dem,
was ich dem Mädchen aus meiner Klasse getan hatte,
und ich schätze, mir die Hunde zu verbieten war die
schlimmste Strafe, die ihm einfiel, ausser vielleicht mir
zu erklären, dass ich nicht mehr jagen darf.
Ich arbeitete hart dafür, eine gute Musherin zu werden,
das Jagen dagegen lag mir immer im Blut. Ich mochte
es, auf die Jagd zu gehen, und las gern was darüber, wir
hatten zu Hause jede Menge Bücher zu dem Thema. Am
liebsten mochte ich: Ein Messer und ein bisschen Verstand:
Mit dem Nötigsten überleben von Joe Wilcox und Kann man
das essen? Geniessbare Wildpflanzen von Nancy und Bill
Philomen, Fang- und Fallenjagd von Alec Cook und, mein
absoluter Favorit, Über alle Grenzen von Peter Kleinhaus,
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das kein Ratgeber, sondern ein ganz normales Buch ist,
aber ich habe trotzdem alles Mögliche übers Überleben
daraus gelernt. Peter Kleinhaus ist ein Kerl, der aus den
Lower 48 nach Alaska gekommen war und versucht hat,
einen ganzen Winter in der Wildnis zu überleben, indem
er nur ass, was er selbst erlegt oder irgendwo aufgelesen
hatte, und nur da Zuflucht suchte, wo er sich selber ir-
gendwas gebaut hatte. Am Ende verlor er ein Ohrläpp-
chen und zwei Zehen an die Kälte, aber davon abgesehen
hat er die Sache gut überstanden.
Ich mochte das Buch von Kleinhaus deswegen am
liebsten, weil er an manchen Stellen aufhört, einem Dinge
zu erklären, und stattdessen einfach schreibt, was er in
dem Moment gedacht hat, und das ist ja das Verrückte.
Es gibt Bücher da draussen, da fragt man sich, wenn man
sie liest, wie irgendein Fremder so genau wissen kann,
was einem selbst im Kopf herumgeht. Es gibt da diese
eine Stelle, da ist Kleinhaus seit ungefähr drei Monaten
unterwegs, und seit fast vier Tagen tobt ein Schneesturm.
Kleinhaus sitzt auf einem Felsvorsprung an einem Berg
fest, ohne Brennholz für ein Feuer. Und dann wacht er
mitten in der vierten Nacht auf und sieht, dass es end-
lich aufgehört hat zu schneien. Der Himmel ist klar, und
die Sterne sehen aus, als hätte jemand Metallspäne über
einem schwarzen Tuch ausgeschüttet, und das Tuch ist
endlos aufgespannt, nirgendwo sieht man die Ränder, nur
Weite, und du fühlst dich, als könnte der Himmel dich
verschlucken, und fast möchtest du verschluckt werden,
einfach damit du Teil von etwas so Grossem sein kannst.
Und obwohl er friert und sein Feuer aus ist, sitzt Klein-
haus einfach da und starrt in den Himmel. Er schreibt:
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Unter dieser Unermesslichkeit vergesse ich mich selbst. Meine
Menschlichkeit entgleitet mir, und ich bin nicht mehr unver-
kennbar ich, sondern nur ein ganz gewöhnliches Tier unter einem
uralten, gleichgültigen Himmel. Als ich das zum ersten Mal
gelesen habe, musste ich das Buch zuklappen und nach
draussen gehen. So sehr hat sich mir der Kopf gedreht.
Auch vom Autofahren drehte sich mir der Kopf,
nur war das ganz anders. Bäume zogen vorbei, und der
Himmel breitete sich über mir aus, sein Grau versprach
Schnee, der sich noch nicht einstellen wollte. Ich schlich
schon nur, aber die Spikereifen des Trucks kratzten grau-
envoll über den Asphalt, und als die erste Kurve kam,
ging ich noch mehr vom Gas und versuchte, nicht zum
Strassenrand rüberzusehen.
Mom starb, einen Monat bevor ich sechzehn wurde.
Es war ein Autounfall. Sie sass nicht am Steuer, sondern
lief die Strasse entlang. So viel Platz auf unserem Grund-
stück, um einen Spaziergang zu machen, aber sie sucht
sich den Rand des Highways aus.
Die Strasse, die bei uns zu Hause vorbeiführt, verläuft
grösstenteils schnurgerade, man kann sie gut einsehen.
Aber da ist diese eine Stelle, wo die Strasse eine enge
Kurve macht und es ein Stück abwärts geht, und wenn
man da zu schnell reinkommt, dann sieht man den Sei-
tenstreifen vielleicht erst, wenn es zu spät ist. Der Typ,
der den Truck fuhr, meinte, er hat nur einen Augenblick
weggeguckt. Ich habe sie gar nicht gesehen, so hat er es
unserem Village Safety Officer gesagt, er hat nur gehört,
wie sein Truck irgendwas erwischt hat, hat erst noch ge-
dacht, es wäre ein grosser Hund oder vielleicht ein Elch-
kalb gewesen.
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Der Aufprall hat meine Mutter gegen einen Baum
geschleudert. Ich denke, daran ist sie gestorben. Wenn
dir ein Eichhörnchen in die Falle geht und es noch nicht
tot ist, wenn du es findest, du aber noch nicht die Kraft
hast, ihm das Genick mit den Händen zu brechen, dann
kannst du es mit Wucht gegen einen Baum schlagen und
die Sache so erledigen. Was ich mich nur frage, ist, was
ihr durch den Kopf ging, als sie so durch die Luft gese-
gelt ist. Ob es so war, wie immer alle sagen, dass die Zeit
plötzlich langsamer läuft und es einem so vorkommt,
als hätte man Stunden, um über sein Leben nachzuden-
ken oder den Schneeflocken dabei zuzusehen, wie sie wie
herabfallende Sterne auf den Boden gleiten, während die
Nacht um dich herum immer heller wird, weil alles so
sauber und weiss ist? Sollte sie irgendetwas gedacht ha-
ben, dann hoffe ich, dass es das war.
Was ich mich auch frage, ist, was sie da wollte, mit-
ten in der Nacht, am Strassenrand. Das ist nicht gerade
ein schöner Ort für einen Spaziergang. Wenn ein Auto
vorbeirauscht, spritzen Schnee und Schmutz und Steine
hoch, und der Sog des Fahrtwinds rüttelt einen durch.
Ich wüsste nicht, was daran verlockend sein soll. Aber da
war sie, am Rand der Strasse, allein im Dunkeln, bis sie
im Licht von zwei Frontscheinwerfern aufleuchtete.
Als ich vor der Schule hielt, war Scott nirgends zu sehen,
ich wartete und beobachtete, wie die anderen Schüler aus
dem Gebäude strömten, wie die, die weiter weg wohnten,
in den Bus verfrachtet wurden, mit dem auch Scott und
ich früher hergekommen waren, bis ich es fertig gebracht
hatte, dass man uns auch da rauswarf. Unser Rektor
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meinte, ich hatte schon von Anfang an nur für Ärger ge-
sorgt.
Schliesslich stieg ich aus dem Truck und beeilte mich,
an den älteren Schülern vorbeizukommen, sie standen
in Grüppchen zusammen, blödelten herum und lachten,
bevor sie sich auf ihre Quads schwangen, um nach Hause
zu fahren. Und da stand Beth Worley, mit Nasenschiene
und einem Pflaster über der Stelle, die sie Anfang der
Woche genäht hatten. Ich war überrascht, dass sie schon
wieder in der Schule war; so wie sie geschrien hatte, als
man sie zur Krankenstation getragen hatte, hätte man
denken können, sie macht es nicht mehr lange. Sie fun-
kelte mich böse an, als ich jetzt an ihr vorbeiging, und
ihre Freunde verstummten, bevor sie anfingen zu tu-
scheln, als sie dachten, ich wäre weit genug weg. Aber
ich hatte immer schon ein besseres Gehör als die meis-
ten.
Scott kniete vor seinem Klassenzimmer, seine Bücher
lagen überall verteilt auf dem Boden. Aber erst als ich
bei ihm war und ihm half, sie zurück in seinen Rucksack
zu stopfen, sah ich, was für ein fetter blauer Fleck neben
seinem Mundwinkel blühte.
Wer war das?, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf. Ist doch egal. Komm, wir ge-
hen.
Dir ist klar, dass ich hier für die Prügeleien zuständig
bin, oder?, sagte ich, als wir raus ins Freie gingen.
Du machst mich fertig, Tracy Sue Petrikoff, sagte er
und klang dabei genauso wie Dad damals im September,
als er einen Anruf aus der Schule bekam, weil ich einem
Typen mein Knie in die Leiste gerammt hatte, nachdem
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der mir im Sportunterricht einen Ball an den Kopf ge-
pfeffert hatte.
Ich streckte den Arm aus und boxte Scott leicht gegen
die Schulter, nicht so, dass es weh tat, nur zum Spass.
Halt die Schnauze, sagte ich.
Er boxte zurück.
Halt sie doch selber.
Pass lieber auf, Scotty!, rief irgendein Typ über den
Hof. Die haut dir noch eine runter!
Gelächter von irgendwelchen Leuten, die nicht mal
in meinem Jahrgang waren. Dinge sprechen sich schnell
rum, wenn zu viele Menschen aufeinanderhocken und
alle sich das Maul zerreissen.
Fick dich ins Knie, brüllte Scott zurück.
Hey, sagte ich. Ist der Typ nicht dein Freund?
Scott zuckte mit den Schultern. Ja, aber irgendwie ist
er auch ein Blödmann. Und du bist meine Schwester.
Ich wuschelte ihm durch die Haare und wusste ganz
genau, dass er das hasste. Er schlug meine Hand weg.
Wie Dad es mir aufgetragen hatte, hielten wir am La-
den, ich liess Scott rausspringen und den Zettel aufhän-
gen. Dann nahmen wir Kurs auf zu Hause, und mir wurde
immer wohler, je weiter wir uns von der Tankstelle und
dem Diner entfernten, wo die Leute sich praktisch Schul-
ter an Schulter um den Tresen drängten wie die Sardinen
in der Büchse. Im Truck roch es nach Öl und nassem Fell,
und ich musste an all die Male denken, die wir vier uns
vorne auf die Sitze gequetscht hatten und zusammen in
den Ort gefahren waren, um unsere Vorräte aufzufüllen,
manchmal hatten wir dann noch einen Zwischenstopp im
Diner eingelegt, bevor wir uns wieder auf den Rückweg
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machten. Dann kamen Männer an unseren Tisch, um Dad
die Hand zu schütteln oder ihm einen auszugeben. Den
Namen Bill Petrikoff Junior kannte man in ganz Alaska.
Inzwischen wirkte das alles wie aus einem anderen Leben,
wie etwas, was ich in einem Buch gelesen haben musste.
Die Dinge änderten sich schnell, als Mom starb.
Es war wie dieses Spiel, das ich und Scott immer ge-
spielt hatten: Vorher/Nachher. Mom gab uns zwei Bilder,
und auf den ersten Blick sahen sie exakt gleich aus, aber
wenn man genauer hinsah, konnte man winzig kleine Un-
terschiede erkennen. Ein Kerl trug auf dem einen Bild ei-
nen Cowboyhut, auf dem anderen hatte er ein Basecap auf
dem Kopf. Ein roter Schuh wurde zu einem blauen. Ein
fliegender Vogel am Himmel war plötzlich verschwun-
den. Es war unsere Aufgabe, die Unterschiede zu finden.
Für uns gab es im Vorher-Bild nur Hunde. Einen gan-
zen Hof voller Hunde, und Dad, wie er einen Schlitten
repariert, Mom, wie sie sich übers Feuer beugt und in
einem Topf gefrorenen Fisch und Rindertalg zusammen
kocht, um das Ganze später übers Trockenfutter zu ge-
ben. Wie sie die Futterrationen für unterwegs vorbereitet,
die Schuhe für die Pfoten näht. Ausserdem genug Geld,
um Helfer zu bezahlen, die bei den Vorbereitungen auf
die Rennen mitanpacken konnten, erst bei all den klei-
neren und dann bei dem ganz grossen. Wenn schliesslich
das Iditarod kam und Dads Gespann auf der Startpiste
stand, kümmerte sich Mom um einen der grossen Wheel-
dogs, das sind die Hunde, die direkt vor dem Schlitten
angeschirrt sind. Wenn das Startsignal ertönte und die
Helfer die Hunde losliessen, drehte Mom sich um und
gab Dad noch einen schnellen Kuss, bevor er an ihr vor-
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beizog. Dann beeilte sie sich, zu mir und Scott hinter die
Absperrung zu kommen, und Dad drehte sich um und
winkte uns zu, winkte, bis er auf dem Gipfel des ersten
Hügels angekommen war, und verschwand.
Nach dem Rennen nahmen wir Dad dann auf der klei-
nen Landebahn in Empfang, wo das Flugzeug, das er in
Nome gechartert hatte, ihn und die Hunde wieder bei
uns absetzte. Wir bepackten den Truck und machten uns
auf den Heimweg, Mom an einem Ende der Sitzbank,
Dad an dem anderen, ich und Scott in der Mitte, ein
Sandwich, bei dem unsere Eltern das Brot waren. Draus-
sen die Kälte, aber immer warm im Truck. Schneeflocken
im Licht der Scheinwerfer.
Das war Vorher. Nachher war Dad, wie er die Hände
in die Hüften stemmte, während ich den Truck in unse-
rer Auffahrt abstellte; er sah aus, als hätte ihn ein kleines
Kind gezeichnet, mit nur ein paar dünnen Linien. Sämt-
liche Polster waren von seinen Knochen verschwunden,
seine Augen gross und dunkel, als würden sie in seinem
Kopf versinken. Mit finsterer Miene wartete er darauf,
dass wir aus dem Truck stiegen.
Na, mein Sohn, sagte er und schenkte Scott ein Lä-
cheln, das sich nicht in seinen Augen spiegelte. Geh
schon mal rein, und mach deine Hausaufgaben, in Ord-
nung?
Aye, aye.
Und du, sagte Dad, und ich erstarrte, in meinem Ma-
gen bildete sich ein Knoten, als ich den Ton in seiner
Stimme hörte. Du hast Hausarrest. Und damit meine
ich nicht nur keine Hunde. Ich meine damit: Du wirst
den Hof nicht mehr verlassen, nicht jagen, nicht mit
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den Hunden rausgehen. Und zwar für eine ganze Weile
nicht.
Ein fester Knoten in meinem Magen.
Was?
Die Schule hat angerufen, als du weg warst. Du hast
dir einen Verweis eingehandelt. Ich habe dir gesagt –
Auf keinen Fall.
Wie bitte?
Auf keinen Fall, wiederholte ich. Einen Scheiss werde
ich. Ich habe die ganze Zeit trainiert, bis du mir gesagt
hast, ich darf nicht mehr. Ich bin diejenige, die sich am
meisten um die Hunde kümmert. Das ist das letzte Jahr,
dass ich fürs Junior zugelassen bin. Das erste Jahr, dass
ich beim Iditarod starten kann!
Er schüttelte den Kopf. Du wirst dieses Jahr keine Ren-
nen fahren, Trace. Selbst wenn das mit der Schule nicht
wäre, wir können uns die Startgebühren nicht leisten.
Die Sonne überzog unseren Hof mit den Schatten der
Bäume, lange Streifen von Dunkelheit, die in das braune
Gras einsickerten. Unsere Hunde fragten sich langsam,
was wir da trieben. Sie sassen auf ihren Hinterläufen und
legten die Köpfe schief. Manche schnupperten an ihren
Näpfen. Ich stellte mir Dad vor, wie er seine sanften
Hände auf ihr Fell legt, ihre Pfoten inspiziert, ihre Beine
nach einer langen Tour massiert. Ich hätte nicht mehr sa-
gen können, wann er das letzte Mal auf einem Schlitten
gestanden hatte.
Bei diesem Gedanken biss ich die Zähne aufeinander
und ballte die Fäuste, am liebsten hätte ich auf irgendwas
eingeschlagen. Es war dasselbe Gefühl wie, als ich Beth
die Nase gebrochen hatte, eine aufflackernde Wut wie
Roman

Aus dem Amerikanischen von Lydia Dimitrow


Softcover
ISBN 978-3-03925-024-0
Seiten 390
Erschienen 4. Oktober 2022
€ 26.00 / Fr. 30.00

Ausgaben
Softcover (2022)
Eine Hymne auf die Natur, aber auch ein phantastischer Roman und ein Thriller, der seinem Titel alle Ehre macht.
— Libération

Die siebzehnjährige Tracy lebt mit Vater und Bruder in der Wildnis Alaskas. Sie hilft bei der Zucht und beim Training der Schlittenhunde und verbringt viel Zeit mit der Jagd im Wald. Eines Tages wird sie auf einem Streifzug von einem Fremden überfallen. Tracy wehrt sich und zückt ihr Messer, danach kann sie sich an nichts mehr erinnern. Zu Hause wagt sie nicht, von dem Vorfall zu berichten. Als ein mysteriöser jugendlicher Ausreisser bei der Familie auftaucht und behauptet, von einem Mann verfolgt zu werden, entsteht in Tracy der Verdacht, dass es sich dabei um den verletzten Unbekannten handelt. Immer mehr zu Jesse hingezogen, wird sie von panischer Angst vor dem Fremden im Wald erfasst. Ihr entgleitet alles, und sie zieht erneut ihr Messer …

In einem aussergewöhnlichen Genremix entwickelt Jamey Bradbury eine dramatische Geschichte um ihre jugendliche Hauptfigur, deren animalisches Wesen zugleich fasziniert und verstört. John Irving charakterisiert den Roman als »ungewöhnliche Liebesgeschichte und gruseligen Horrorthriller, der sowohl an die Brontë-Schwestern wie an Stephen King gemahnt«.

Pressestimmen

Eine faszinierende Variante des zurzeit hoch im Kurs stehenden »Nature Writing«, ein Roman, der seine »paranormalen« Elemente dazu benutzt, um tradierte Abgrenzungen zu schleifen beziehungsweise zu ignorieren: die Grenzen zwischen Mensch und Natur, zwischen Intellekt und Instinkt, die Grenzen zwischen Geschlechterrollen und Geschlechteridentitäten.
— Thomas Wörtche, Deutschlandfunk Kultur
Eine einzigartige Interpretation des Country Noir.
— Publishers Weekly
Ein grosser Roman über Identität und ihre Grenzen.
— Canal+
Ein eindringlicher, phantastischer Roman, der von einem Mädchen getragen wird, das nach Blut und nach Liebe dürstet.
— L’Obs
Eine Hymne auf die Natur, aber auch ein phantastischer Roman und ein Thriller, der seinem Titel alle Ehre macht.
— Libération