LENOS
×
Regula Renschler, 1964. Foto: Labophoto, Genf
Lenos Verlag
Regula Renschler
Vor Ort
Reportagen und Berichte
aus fünf Jahrzehnten
Mit einem Vorwort von Jakob Tanner
Erste Auflage 2015
Copyright © Regula Renschler
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto: Privatbesitz (Frankfurter Buchmesse 1968)
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 464 2
www.lenos.ch
Die Autorin
Regula Renschler, geboren 1935 in Zürich, studierte Romanistik und
Publizistik an der Universität Zürich. Ab 1962 Auslandredaktorin bei
verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen. Regelmässige Mitarbeite-
rin von Radio und Fernsehen. 19741985 Fachsekretärin der Erklärung
von Bern, ab 1985 Redaktorin bei Schweizer Radio DRS. Ausgedehnte
berufliche Reisen nach Afrika, Lateinamerika und Asien. Seit der Pen-
sionierung als Publizistin und Übersetzerin tätig.
Im Lenos Verlag erschien der von Regula Renschler herausgegebene
Band Wer sagt denn, dass ich weine. Geschichten über Kinder in Afrika, Asien
und Lateinamerika, den USA und der Schweiz (8. Auflage 1990).
Inhalt
Journalistische Suchbewegungen und Mut zum
Widerspruch: ein Vorwort von Jakob Tanner 7
USA: Amerika erfindet sich neu
»Das Land brauchte ihn so dringend« 21
»Segregation auf dem Sterbebett«? 30
Himmelsstürmer sind keine Übermenschen 32
Afrika: Die Unabhängigkeit und ihre Tücken
Schwierige Hilfe für Nigeria 41
Biafra im Jahr 3 51
Der Kampf der Eliten 62
Guinea-Bissau zweieinhalb Jahre nach dem Abzug
der Portugiesen 71
Bücher und Bibliotheken – der Schatz Timbuktus 94
Israel/Palästina: Kritik und Empörung
Aug um Auge im Nahen Osten 103
Israel und wir 106
Pogromstimmung? 109
Palästina 2007 –
Impressionen aus einem besetzten Land 111
Die Schweiz und die Welt
Die vornehmste Pflicht 123
Frauen in der »schmutzigen Politik« 126
Jura – los von Bern? 139
Die Schweiz als europäisches Sprachlabor –
eine Utopie? 152
Europa: Im Westen und im Osten
Mariage à l’Européen – ein Strassburger Mosaik
rund um den Europarat 165
Živio Tito – Tito hoch 169
Die Prager Intelligenz und die harten Stiefel
der Strategen 175
»Wir sind nicht schlechter als andere Kinder,
wir haben nur ein schlechtes Schicksal erwischt« –
ein Augenschein in den Vorstädten
von Strassburg 182
Tourismus und Frauenhandel: Neuer Kolonialismus?
Hat unser Tourismus eine Zukunft?
Mehr zueinander statt in die Ferne reisen 195
»Im Namen des Tourismus hungern wir« –
wie aus Gastfreundschaft Ausbeutung wurde 199
Die Welt aus der Perspektive der Frauen 205
Frauenhandel 210
Afrika im Abgrund 213
Quellenverzeichnis 223
7
Journalistische Suchbewegungen
und Mut zum Widerspruch: ein Vorwort
Das vorliegende Buch stellt eine Textauswahl dar: ein Best-
of-Format, das zugleich die Suchbewegungen einer Autorin
nachzeichnet, die sich mit grosser Neugierde und langem
Atem auf unterschiedlichste Situationen einlässt, dabei aber
nie die Reflexionsdistanz verliert. Es sind weltaufschlies-
sende Beiträge, die einen langen Zeitraum von 1963 bis
2007 abdecken. Gleich im ersten Zeitungsartikel aus dem
November 1963 hatte die Autorin damals Journalistin für
Schweizer Tageszeitungen ein abruptes Rendezvous mit
der Weltgeschichte. Beim Lesen dieses Berichts und der
weiteren Reportagen aus Texas stellten sich einige glasklare
Erinnerungen an meine eigene Schulzeit ein.
Dass der erste Astronaut die Erde in knapp fünf Stunden
dreimal umrundet hatte, war im Februar 1962 auch Thema
auf dem Pausenplatz im luzernischen 3000-Seelen-Dorf
Root. Der Versuch, den Start der Atlas-Rakete und den Flug
der Mercury unter einem Kastanienbaum im feinkörnigen
Kies nachzuzeichnen, erwies sich jedoch als Fehlschlag, und
so spielten wir Fünftklässler dann weiter Fussball. Die Be-
wunderung aber blieb, und John Glenn wurde umgehend
zum Idol für technischen Fortschritt und menschliches
Abenteuer. Seine Strahlkraft nahm noch zu, wenn er Seite
an Seite mit John F. Kennedy abgebildet wurde. Der US-
Psident wurde ein halbes Jahr darauf, im Herbst 1962,
zudem zum Helden des Kalten Krieges. Was genau das
Problem dieser Kubakrise war, blieb im Gespräch unter den
8
Schülern unterbelichtet, um so klarer war es r uns, dass
Kennedy gegen Chruschtschow gewonnen hatte. Dass auch
der Papst den ersten römisch-katholischen US-Präsidenten
als Lichtgestalt feierte, erweckte den Eindruck einer prästa-
bilisierten Harmonie zwischen Root, Rom und Washing-
ton. Mit Kennedy blieb die Kirche im Dorf, und das Dorf
begriff sich als Teil der Welt.
Um so grösser war der Schock seiner Ermordung am
22. November 1963 in Dallas. »Das Land brauchte ihn so
dringend« heisst die Kurzreportage von Regula Renschler,
mit der diese Textsammlung beginnt. Im Auftrag des Tages-
Anzeigers befand sich die Achtundzwanzigjährige damals im
Space Center von Houston (Texas), wo sie u.a. John Glenn
über weitere Projekte der Weltraumfahrt interviewte. Wie
ein Blitz aus heiterem Himmel traf die Nachricht vom At-
tentat ein. Die Journalistin flog umgehend in die texanische
Metropole und zeichnete die Erschütterung auf, die dieser
Mord auslöste. Grausam und tragisch nennt sie das Ereig-
nis, das gleichsam die Zeit stillgestellt hatte und ein Gefühl
von trauriger Leere hinterliess.
Der Bericht aus Dallas basiert auf verfügbaren Fakten
die Autorin nimmt diese lapidare Wahrheit allerdings nicht
einfach hin, sondern entwickelt ein waches Sensorium für
»Nachrichtenbörsen« und die mediale Aufbereitung von
Informationen. Noch bevor die grossen Tageszeitungen
ihre Schlagzeilen auf die Strasse bringen, halten omniprä-
sente Fernsehapparate den Informationsfluss in Gang. Das
gebannte Stehen und Sitzen vor dem Bildschirm prägt die
Szene. Menschen und Medien fusionieren in diesem Mo-
ment des Schreckens. Noch während die Menge fassungslos
9
ist, beginnt bereits das »Denken an die Zukunft«. Massen-
medial modelliert, blickt die Nation bereits wieder nach
vorne.
Die fünfundzwanzig Reportagen und Berichte »vor Ort«,
die in diesem Band versammelt sind, handeln von berufli-
chen Reisen, gesellschaftlichen Problemen sowie medialen
Transformationen, nicht nur solchen in der »Dritten Welt«,
sondern ebenso in Europa und der Schweiz. Die Klammer,
die das Buch zusammenhält, bildet das Engagement der
Autorin, die nach einer Lehrtätigkeit an Zürcher Primar-
und Sekundarschulen sowie einer Assistenz am Publizi-
stischen Seminar der Universität Zürich »in die Medien«
ging. Sie war Auslandredaktorin am Tages-Anzeiger mit
Schwerpunkt Dritte Welt und – nach ausgedehnten Reisen
in Afrika – bei der Schweizer Illustrierten redaktionell zustän-
dig für le grand reportage. Nach einer Tätigkeit als IKRK-
Delegierte avancierte sie für zwei Jahre zur stellvertretenden
Chefredaktorin der Schweizer AZ, arbeitete dann einige
Jahre als freie Publizistin, bevor sie ab 1975, als Vierzig-
jährige, zusammen mit Anne-Marie Holenstein und Rudolf
Strahm für ein Jahrzehnt als Fachsekretärin bei der Erklä-
rung von Bern (EvB) tätig war. Dort baute sie das Ressort
»Kulturvermittlung, Rassismus, Migration, Literatur« auf.
Ab Mitte der 1980er Jahre betätigte sich Regula Renschler
als Redaktorin bei Schweizer Radio DRS. In dieser Phase
konnten Journalistinnen noch lange Reise machen und da-
bei Beiträge für unterschiedlichste Sendeformate verfassen.
Immer wieder Afrika, aber auch Mexiko, das südliche La-
teinamerika, Thailand, Vietnam, Indien sowie die Türkei
10
gehörten zu den Destinationen. Es waren Expeditionen in
meist schon bekannte Gebiete, die indessen für die teil-
nehmende Beobachterin ihr Überraschungspotential nie
verloren hatten. Das schlägt sich in allen thematisch breit-
gestreuten Beiträgen nieder, in denen Fachkompetenz mit
neuen, verblüffenden Einsichten zusammenkommt.
In dieser ganz individuellen Geschichte scheinen andau-
ernd die gesellschaftlichen Umbrüche der Nachkriegszeit
und der Phase nach dem Kalten Krieg auf. Wie in andern
europäischen Ländern setzte in der Schweiz gegen Mitte der
1960er Jahre ein »bewegtes Jahrzehnt« ein, das sich bis zum
Kriseneinbruch der 1970er Jahre hinzog. Die Landesausstel-
lung von 1964 in Lausanne inszenierte nochmals die anti-
kommunistische Bedrohungsabwehr eines neutralen Klein-
staates im Kalten Krieg. Unverkennbar waren im Umfeld
dieser nationalen Leistungsschau aber auch dissonante Stim-
men zu vernehmen. Es hatten sich zudem neue Sensibilitä-
ten eingestellt. Es begann ein neues Experimentieren mit
Drogen sowie Lebensstilen, die Antibabypille galt den einen
als chemische Materialisierung sexueller Befreiung und den
andern als Teufelszeug. Die Kampagnen gegen den Viet-
namkrieg der USA, die Suche nach neuen nstlerischen
und körperlichen Ausdrucksformen sowie der Aufbruch
einer »Drittwelt«-Bewegung ndigten von einem wind of
change. In diese Vor-68er-Zeit fällt ein knappes halbes Dut-
zend Beiträge dieses Buches, zehn weitere entstanden in den
»heissen Jahren« der 68er Bewegung zwischen 1968 und
1970. Die restlichen entstanden seit Mitte der 1970er Jahre.
Die Phase vor 68 ist deswegen spannend, weil sich da-
mals auch vorangetrieben durch neue Medien wie die Bou-
11
levardpresse und das Fernsehen eine neue Wahrnehmung
der Welt durchzusetzen begann. Der Systemantagonismus
der Supermächte machte das Konzept einer dritten Kraft
plausibel. Schon Mitte der 1950er Jahre hatte die Konferenz
von Bandung offiziell den Terminus »Dritte Welt« lanciert.
Die Bewegung blockfreier Staaten, die gegen Kolonialismus
sowie für nationale Selbstbestimmung kämpfte, erhielt eine
globale Bühne. In der Schweiz wurden solche Ideen durch
Medienschaffende und Initiativgruppen aufgenommen,
welche die globalen Gewaltstrukturen ablehnten und sich
gegen kolonialen Rassismus wandten. Sosehr sich damals
eine kulturelle Konfrontation manifestierte, so sehr war der
Fortschritt gesellschaftsübergreifend ein Versprechen. Eine
optimistische Stimmungslage imprägnierte sowohl die auf-
kommende Protestgeneration wie auch das herausgeforderte
Establishment. Fortschrittlich, progressiv wollten damals
eigentlich alle sein, bevor die Befindlichkeit dann in den
1970er Jahren in Skepsis und Fortschrittskritik umschlug –
was auch wiederum nicht in das Links-rechts-Schema der
Politik hineinpasste.
Die vorliegenden Texte sind durchwegs sprachlich feingear-
beitete Stücke. Hochauflösliche Beschreibungen und kon-
textsensitive Deutungen gehen oft über in thesenhafte Zu-
spitzungen und normative Aussagen. Der Mut zur nach
Bedarf durchaus einseitigen Interpretation bleibt stabil.
Regula Renschler sucht den Puls der Zeit immer wieder
im scheinbar Nebensächlichen, Randständigen, Unschein-
baren doch sie involviert sich dann schreibend so in die
Sache, dass die Themen ihrer Reportagen rasch wichtig wer-
Reportagen und Berichte aus fünf Jahrzehnten

Vorwort von Jakob Tanner


Paperback
ISBN 978-3-85787-464-2
Seiten 224
Erschienen Juli 2015
€ 18.00 / Fr. 19.80

Sie war die erste Frau in der Redaktion des Zürcher Tages-Anzeigers, die erste Auslandredaktorin der Schweiz. Die Journalistin Regula Renschler war in der publizistischen Szene der Schweiz eine prägende Figur und als solche auch eine Vorreiterin für die Chancengleichheit der Frauen. Ihre Themen umfassten ein breites Spektrum: die neue Dritte Welt und den Postkolonialismus, den Rassismus in den USA und den Clash der Kulturen, die Diskriminierung von Frauen und Minderheiten, auch in der Schweiz und Europa.

Sie war vor Ort, als Kennedy ermordet wurde, sie dokumentierte den Krieg in Biafra und war in Moçambique, Angola und Guinea-Bissau, als die portugiesischen Kolonien unabhängig wurden. Sie löste mit israelkritischen Kommentaren 1970 eine Polemik aus, unterzog in Peru Schweizerische Entwicklungsprojekte einer kritischen Prüfung und recherchierte in Thailand zu Sextourismus und Frauenhandel. In Timbuktu sprach sie mit den Bibliothekaren der legendären Stadt und den Tuareg in der Wüste.

Die Schwerpunkte ihrer Reportagen und Analysen lagen beim Alltag der Menschen, die nicht zu den Eliten gehören, und bei deren Kampf um Gerechtigkeit und Freiheit. Ihnen wollte Regula Renschler eine Stimme geben. Davon zeugt eine Auswahl ihrer Texte in diesem Buch.