LENOS
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Lenos Verlag
Andrea Gerster
Verlangen nach mehr
Roman
Erste Auflage 2015
Copyright © 2015 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Neeser & Müller, Basel
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 456 7
Die Autorin dankt der UBS Kulturstiftung für die Unterstützung.
Der Verlag dankt dem Lotteriefonds des Kantons Thurgau für die
grosszügige Unterstützung.
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Für Benjamin, David, Marcus,
Leandra und Oriana
Eins
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Montag
Ohne Eile hat Alber den Rollkoffer mit den üblichen
Dingen gepackt, sich das Hemd mit Erdbeermar-
melade bekleckert und ein neues angezogen, danach
Laptop und Präsentationsunterlagen für die Messe in
Hannover in den Aktenkoffer gelegt, das Smartphone
in die Brusttasche des Jacketts gleiten lassen und ist in
die Firma gefahren. Völlig unnötig, wenn er gewusst
hätte, was sich da anbahnt.
Auf seinem Schreibtisch eine Notiz: Podolski erwartet
Skype-Anruf. Die schöne Handschrift Luzias und Al-
bers Gehorsam: Skype aufrufen, Podolskis schmales
Gesicht, seine leuchtenden Augenschlitze mit den ge-
stochen scharfen Pupillen, der blonde Flaum auf dem
Schädel. Alber hat sich nie eine Vorstellung von Leuten
aus Polen gemacht. Podolski entspricht sowieso kaum
einer Vorstellung, wenn, dann am ehesten noch Nestlé,
Führungsposition in den USA, so etwas vielleicht. Jetzt
Podolskis schönes Deutsch, Albers gewählte Sätze in
holprigem Hochdeutsch, von dem Podolski annimmt,
dass sich Schweizerdeutsch so anhört.
Heller soll kommen, befiehlt Podolski.
Bin schon da, ruft dieser, und sein Brillengesicht
taucht rechts von Alber auf.
Podolski spricht, Heller nickt, Alber ist sprachlos
und dann entlassen. Podolskis Tochter wird in einem
12
halben Jahr die Firmenleitung übernehmen. So lange
wird Heller. Und Heller, der Hund, nickt eifrig.
Ene, mene, miste,
es rappelt in der Kiste
Hätte man das nicht bereits beim Betreten des Ge-
bäudes spüren müssen? Ahnen, dass man eine halbe
Stunde später als geschasster Geschäftsführer mit
Rollkoffer und leerer Laptoptasche die Firma wieder
verlassen wird? Ohne Smartphone, ohne Schlüssel zu
Eingang, Büro und Firmenwagen, ohne Präsentations-
unterlagen, freigestellt per sofort.
Heller hat sich aufgeführt!
Ich mach nur meinen Job, Dillig, hat er genuschelt.
Irgendwann ist das Nuscheln in ein Säuseln überge-
gangen: Und jetzt löschen wir noch gemeinsam dein
Mailkonto.
Alber glaubt, sich verhört zu haben, und fragt: Das
Mailkonto löschen? Unter Aufsicht von dir?
Ich mach nur meinen Job, Dillig, wiederholt Heller
und fügt an: Räum bitte deine persönlichen Dinge aus
dem Wagen.
Und Alber süffisant: Willst du mich denn nicht
begleiten?
Nein, das macht Luzia. Hellers Nuscheln ist nun
gänzlich verschwunden. Wie man sich in Heller ge-
täuscht hat, aber nicht nur in ihm.
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Ich darf kein Gespräch mit dir führen, Alber, sagt
Luzia später im Lift und schaut an ihm vorbei.
Da ist kein Bedauern auszumachen, weder in ih-
rer Stimme noch in ihrem Gesicht. Das darauf fol-
gende Schweigen hat etwas Lähmendes, zumindest
für Alber. Auf dem Parkplatz bleibt sie auf der Fah-
rerseite stehen, blickt zu Boden. Schämt sie sich? Er
kriecht in den Wagen und kommt sich dabei wie ein
Idiot vor. Dinge wie Pfefferminzbonbons oder Papier-
taschentücher verstaut er in der Laptoptasche, aus-
serdem eine CD, das Geschenk von Lena zu seinem
letzten Geburtstag, oder ist sie von Mia? Jedenfalls
von einer seiner Töchter. Die Sonnenbrille schiebt er
in die Hosentasche und nimmt den Koffer vom hin-
teren Sitz.
Dann will er für ein paar Sekunden an einen Scherz
glauben, dies, nachdem ihm Luzia stumm, fast üch-
tig die Hand zum Abschied gereicht hat. Er hat ihr
nicht nachgeschaut, sondern einen Punkt am Hori-
zont xiert und sich dabei leicht auf den Haltegriff des
Koffers gestützt, eine Endlosschleife in seinem Kopf:
Canyoning, Paintball, Quadtouren, Crossgolf. Spots in
einer Länge von höchstens fünf Sekunden. Canyoning,
Paintball, Quadtouren, Crossgolf. Für den Zusam-
menhalt. Erfolge gefeiert, die Büros in eine Partyzone
verwandelt. Auf runde Geburtstage angestossen und
neugeborene Kinder. Eine grosse Familie. Was für ein
Irrtum, Dillig.
14
Mit den Augen zu den Fenstern hoch, abweisend
und verschlossen wie der BMW neben ihm. Definitiv
kein Scherz.
Ene, mene, mek,
und du bist weg
Ein Taxi fährt auf den Platz, hält neben ihm.
Herr Dillig, wohin?, will der Fahrer wissen.
Minutiöse Planung, staunt Alber und fühlt Betäu-
bung im Kopf, dieser Heller wächst über sich hinaus.
Nach Chur, flüstert er, setzt sich in den Fond, den
Koffer neben sich.
Geschäftlich?
Alber blickt aus dem Fenster. Der Fahrer wieder-
holt die Frage.
Halten Sie an, befiehlt Alber.
Nicht nach Chur?
Lassen Sie mich in Ruhe.
Er will den Zug nehmen, hofft, die ptzlich aufge-
kommene Wut lasse sich in einem hoffentlich leeren
Zugabteil besser ertragen. Keinen Schimmer, was er in
Chur soll. Seine unmittelbare Sorge gilt der Wut, die
in Schach zu halten ist.
Umsteigen nach Feldkirch, Innsbruck, Wien, sagt
die Lautsprecherstimme. Alber gehorcht. Nicht nach
Chur, nach Wien soll die Reise nun gehen.
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Er löst ein Ticket, Abfahrt in einer halben Stunde,
ein Kaffee liegt noch drin. In ihm eine Leere und wie
weggeblasen die Wut. Oh, diese Sinnlosigkeit, ein Auf-
heulen in seinem Inneren, das sich sogleich in einem
Rauschen in seinen Ohren verliert. Er bilanziert: Raus-
wurf aus der ehemals eigenen Firma, ohne Vorwarnung;
Hanna, seit Jahrzehnten einen Liebhaber; sein Jüngster,
Clemens, wahrscheinlich von einem anderen. Falls er
jetzt nach Hause ginge, besnde höchste Einsturz-
gefahr. Von Einsturz zu Absturz ist es nicht weit. Sobald
er seinen Gedanken freien Auslauf gewährt, verselbstän-
digen sie sich. Laufen Amok. Einfahrt des Zuges, Alber
springt auf, eilt zum Gleis, im Schlepptau der Koffer,
ausscherend wie ein junger, übermütiger Hund.
Keinen Schimmer, was er in Wien soll.
Auf der Fahrt dann der Entschluss, allem ein Ende
zu setzen.
Kurz nach Landeck setzt ein Nieselregen die Aus-
sicht aus dem Zugfenster auf ein betrübliches Mass
hinunter. Plötzlich eine Vollbremsung, die Alber bei-
nah vom Sitz rutschen lässt, und r einen Moment
glaubt er, sich in einem abstürzenden Flugzeug zu be-
finden, er muss eingedöst sein. Mit einem Ruck steht
der Zug still, Regen peitscht jetzt gegen die Scheiben,
Leute blicken über die Sitzlehnen, versuchen in den
Gesichtern der Mitreisenden abzulesen, was diese von
der Sache halten, ob allenfalls Gefahr im Verzug sei.
Zumindest kommt es Alber so vor.

Andrea Gerster
Verlangen nach mehr

Roman

Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-456-7
Seiten 155
Erschienen März 2015
€ 21.50 / Fr. 26.80

»Hätte man das nicht bereits beim Betreten des Gebäudes spüren müssen? Ahnen, dass man eine halbe Stunde später als geschasster Geschäftsführer mit Rollkoffer und leerer Laptoptasche die Firma wieder verlassen wird?« Fristlos wird Alber Dillig gekündigt, seine Frau Hanna erfährt anderntags aus der Zeitung vom Tod ihres Liebhabers Maxim. Der Verlust lässt beide straucheln, Hals über Kopf fliehen sie ihr Zuhause: er in die Bündner Berge, sie nach Berlin. An ihren Fluchtorten beginnen die Skurrilitäten: Alber schliesst auf einer Alp Freundschaft mit einem Kalb, Hanna hat ein Rendezvous mit Harald, der allein für sie existiert. Maxims Beerdigung führt die beiden und ihre drei erwachsenen Kinder Mia, Lena und Clemens wieder zusammen, doch jeder hat eigene Pläne. »Das ist Literatur, Mia!« Der Deutschlehrer hatte sich von ihrem Manuskript begeistert gezeigt, ein Verlag ist schnell gefunden. Doch schon bald wird ihr Roman von der Wirklichkeit eingeholt. Was ist real, was fiktiv? Andrea Gerster komponiert ein dichtes literarisches Vexierbild. Ihr hintersinniger Roman überrascht mit verblüffenden Wendungen und Perspektivwechseln.

Pressestimmen

Gerster führt ihre Leser genussvoll in die Irre und spielt mit ihren Erwartungen. … Zugleich beschreibt die Autorin das Treiben in der Medien- und Verlagsbranche verschmitzt-bissig und macht sich lustig über die Plagiatsdiskussion – bedient sie sich doch der Figuren ihres eigenen Vorgängerromans Dazwischen Lili und entlarvt sich gleich selber.
— Andrea Lüthi, Neue Zürcher Zeitung
Andrea Gerster erweist sich mit diesem Buch einmal mehr als gewiefte Protokollantin bedrohlich rissiger Oberflächen, unter denen das diffuse Verlangen nach mehr als dem Gewohnten lauert. Als Erfinderin absurder Ereignisse kannten wir sie auch schon, doch mit der Wendung im letzten Drittel, die mit grosser List eine Reflexion über die Literatur an sich anstösst, hat sie diesmal noch einen Dreh zugelegt.
— Ostschweizer Kulturmagazin Saiten
Andrea Gerster bedient sich populärer Themen und Konstellationen, um daraus ein vergnügliches postmodernes Spiel zu konstruieren. Es ist ein Spiel um mehrfach besetzte Identitäten und ineinandergreifende Handlungsebenen, aber auch ein Spiel mit allen weiteren Aspekten der Herstellung von Literatur.
— Verena Bühler, Viceversa
Unbedingt dieses Buch lesen, es lohnt sich, so voller Schelmereien und Winkelzüge ist es.
— St. Galler Tagblatt
Ein wunderbar witziges und kurzweiliges Buch.
— kulturtipp