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Lenos Verlag
Ahmed Khaled Towfik
Utopia
Roman aus Ägypten
Aus dem Arabischen
von Christine Battermann
Die Übersetzerin
Christine Battermann, geboren 1968 in Wuppertal, studierte Arabisch
und Türkisch in Bonn. 1996–2000 Lehrbeauftragte für Türkisch an der
Universität Bonn. Seit 1998 freie Literaturübersetzerin. Sie übertrug u.a.
Werke von Ahmed Mourad, Machmud Darwisch, Rosa Yassin Hassan
und Alexandra Chreiteh ins Deutsche und lebt in Köln.
Die Übersetzung aus dem Arabischen wurde vom SüdKulturFonds in
Zusammenarbeit mit LITPROM – Gesellschaft zur Förderung der Lite-
ratur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. unterstützt.
Zur Erleichterung der Aussprache arabischer Namen wurden in der
Übersetzung betonte lange Silben mit einem Zirkumflex (
^
) versehen.
Titel der arabischen Originalausgabe:
Utopia
Copyright © 2009 by Ahmed Khaled Towfik
Erste Auflage 2015
Copyright © der deutschen Übersetzung
2015 by Lenos Verlag, Basel
Published by arrangement
with Bloomsbury Qatar Foundation Publishing (BQFP)
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Hauptmann & Kompanie, Zürich, Dominic Wilhelm
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 457 4
Das hier beschriebene Utopia sowie alle dort und im Um-
kreis lebenden Personen sind rein fiktiv, wenn sich der Autor
auch der baldigen Existenz dieses Ortes gewiss ist. Jedwede
Ähnlichkeit mit realen Orten oder Personen ist rein zufällig
und nicht beabsichtigt.
Der Autor
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.
Was sind das für Zeiten …
Bertolt Brecht
Erster Teil
ger
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1
Wie das berühmte alte Plakat zum Film Platoon, dachte ich
damals. Das Bild hatte ich nämlich über meinem Bett hän-
gen.
Willem Dafoe blickt auf zum Himmel von dem ihn
nichts mehr trennt und hebt wie zu einem letzten Gebet
seine Arme. Von Kugeln durchsiebt, ist er auf die Knie ge-
fallen, indes der Tod grösser als das Leben selbst, indes der
Tod zu einer Kunstform wird.
Es war eine erhabene Szene, vor allem weil sie sich nicht
nur auf dem Fernsehbildschirm abspielte. Alles war auf
schreckliche, grausame Weise echt …
… und faszinierend.
Leugne das bitte nicht!
Da sah ich ihn stehen, llig erschöpft. Von Blutarmut
und Hunger ausgezehrt, konnte er die Verfolgungsjagd
nicht länger durchhalten. Ich beobachtete, wie er sich, nach
Luft ringend, vorbeugte und die Hände auf die Knie stützte,
dann sah ich ihn nach oben blicken, während der Heliko-
pter ruhig und gemächlich über ihm kreiste. Der hatte
Zeit, ein deutlicheres Ziel als einen unbewaffneten Mann
im Wüstensand gibt es nicht. Einen vom Laufen erschöpf-
ten Mann. Einen vor Hunger erschöpften Mann. Einen vor
Verzweiflung erschöpften Mann.
Wehr dich doch nicht, du Idiot! Was hättest du von ein
paar weiteren Augenblicken bei den Anderen? Was hast du
in den letzten zwanzig Jahren versäumt, das du jetzt noch
tun möchtest, falls du am Leben bliebest? Wenn du fliehst,
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ist das nichts weiter, als wenn eine Schabe über die -
chenwand fortkrabbelt oder eine Amöbe unter der Linse des
Mikroskops davongleitet. Purer Instinkt. Ein naturgegebe-
ner Fluchtimpuls. Du solltest lernen, ihn zu ignorieren, um
deine verdiente Ruhe zu finden.
Die Maschinengewehre feuerten, und er blickte auf. Ja,
r dich sind die Kugeln! Sie zeichnen eine lange Linie in
den Sand. Eine Linie, die über dich hinwegläuft. Willem
Dafoe auf dem Platoon-Plakat.
Wie dumm doch die Filmregisseure sind, ging es mir
durch den Kopf, dass sie einen Erschossenen immer gleich
zu Boden fallen lassen. Nein, er blickte nach oben, es sah
aus, als wolle er etwas sagen, dann erst fiel er mit dem Ge-
sicht in den Sand.
Germinal schnappte erschrocken nach Luft, doch in ih-
ren Augen sah ich ein Leuchten: Faszination war es, was
da aufblitzte, keine Frage. Ihre Brust hob und senkte sich.
Unsere Finger berührten einander, als wir so hinter dem
Draht standen und zusahen, wie der Helikopter herabkam
und ringsum eine Staubwolke aufwirbelte. Dann sprang ein
amerikanischer Wächter heraus, um die Leiche zu untersu-
chen. Er trat mit der Schuhspitze dagegen und bückte sich,
um nach der Halsschlagader zu tasten.
»Lovely!«, rief er mit emporgerecktem Zeigefinger.
Er rannte zum Helikopter zurück, und Sekunden spä-
ter hob sich das Fabeltier in die Lüfte. Seine Aufgabe war
erfüllt, die Jagd beendet. Diese Wächter sind alle Marines,
die warum, weiss ich auch nicht aus der Armee ausge-
schieden sind. An rperlicher Tauglichkeit jedenfalls fehlt
es ihnen nicht.
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Erschrocken schnappte Germinal nach Luft.
Entzückt schnappte Germinal nach Luft.
Der Tod das grosse Spiel, das wir noch nicht probiert
hatten.
Ich stehe vor dem Spiegel.
Ich vergewissere mich, dass mein Haar den behmten
Irokesenschnitt hat: beide Kopfseiten kahlrasiert, nur in
der Mitte ein hochstehender violetter Kamm wie bei einem
rebellischen Hahn. Mein Oberkörper ist nackt, bis auf ein
paar lange, dicke Halsketten auf der Brust. Totenschädel
und Voodoosymbole. Ich bin kein Teufelsanbeter. Eigent-
lich glaube ich an gar nichts, aber sie sehen so schön provo-
zierend aus.
Auch die Tätowierung ist ungewöhnlich. Sie gefällt den
Mädchen hier. Die Hosen sind extra so geschnitten, dass
man glichst männlich darin aussieht, sie lassen die Wa-
den frei. Manchmal laufe ich barfuss, heute aber nicht. Ich
stecke mir das neue Piercing in den Nasenflügel und das
andere in die Augenbraue. Den Zungenschmuck trage ich
heute nicht. Dann male ich mir sorgfältig die hne an.
Die Eckzähne rot, die Schneidezähne gelb, die Backenzähne
blau. Diese Farbe ist super, sie geht nicht so schnell ab und
ist angeblich ungiftig. Aber wen interessiert das schon? Soll
sie ruhig giftig sein!
Ich setze die neuen Kontaktlinsen ein, durch die man
weisse Pupillen kriegt. Es törnt die dchen an, wenn man
sie mit weiss gefärbten Augen ansieht, als wäre man der Tod
persönlich. Das haut sie total um.
Ich überprüfe, ob die Wunde an meiner Stirn klafft.
Mit grösster Sorgfalt bearbeite ich die Ränder, damit sie
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blutig aussehen. Wunden sind echt krass. Sie liegen seit
zwei Jahren im Trend, und es gibt Spezialisten dafür. Die
Wunde muss glichst schlimm aussehen, zugleich aber
auch unecht, damit sich niemand ekelt. Das ist eine richtige
Kunst!
Diese Wunde hat mir ein israelischer Arzt gemacht, der
sich auf solche Dinge spezialisiert hat. Er sagte, er habe das
in New York gelernt. Er hiess Eli. Feiner Typ. Sein Vater
hatte 1973 im Krieg mit den Ägyptern eine ähnliche Ver-
letzung abbekommen, erzählte er und fragte mich, ob ich
über dieses Thema im Bilde sei. Ich erwähnte, dass ein On-
kel von mir in diesem Krieg gestorben sei, aber Genaueres
wisse ich nicht. Diese Sachen sind fünfzig Jahre her. Keine
Ahnung, warum die Ägypter die Israelis – irgendwann
mal gehasst haben. Aber ich lege auch keinen Wert dar-
auf, so was zu verstehen. Wenn man es von mir verlangte,
ge ich vielleicht in den Krieg, nur um die Routine des
Lebens zu durchbrechen. Wäre doch toll, durch eine Wüste
zu marschieren, wo einem die Kugeln um die Ohren fliegen
und überall Leichen liegen!
In Utopia …
Wo sich der Tod hinter Stacheldraht versteckt und nur
noch ein Spiel ist, von dem die Jugendlichen träumen.
Utopia …
Sechzehn Jahre bist du alt und hast immer nur zu Utopia
gehört. Du Bürger Utopias bist verweichlicht von Luxus-
leben und Langeweile und kannst Amerikaner, Ägypter und
Israelis nicht mehr auseinanderhalten. Nicht einmal dich
selbst kannst du noch von den anderen unterscheiden. Und
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gäbe es nicht noch Reste von Lust in deinem Körper, wüss-
test du nicht mal, wer Männchen und wer Weibchen ist.
Wer ich bin? Lassen wir die Namen! Was bringen Na-
men, wenn man sich sowieso von niemandem unterschei-
det?
Sâlim Bey hat mal zu mir gesagt: »Du liest so viel. Du
bist verrückt!«
Ich erwiderte, Lesen sei für mich eine billige Droge. Ich
mache es nur, um meinem Bewusstsein zu entfliehen. Frü-
her, man stelle sich das vor, las man, um sich ein Bewusst-
sein zu bilden!
Ich bin kein Kind mehr. Ich bin schon über sechzehn.
Ich habe jedes Buch gelesen, das mir in die Hände fiel, bis
ich genug davon hatte. cher sind hier Mangelware, aber
bei Sâlim Bey, diesem Zeitungsherausgeber, der zweihun-
dert Meter entfernt von mir wohnt, bin ich auf einen rich-
tigen Schatz gestossen. Er hat sehr viele Bücher, und um zu
provozieren, fing ich an zu lesen. Murâd liest nämlich nicht
und Larine ebenso wenig. Es macht Spass, etwas zu tun,
was sie nicht mögen.
Irgendwie habe ich mich ins Lesen verliebt, ich bin da-
bei auf magische Welten gestossen, in die ich mich flüchten
kann, wann immer ich will. Sâlim Bey sah mich jedes Mal,
wenn ich seine Bibliothek aufsuchte, erstaunt an und sagte:
»Glaub mir, mein Sohn, nichts an diesen chern ist von
Interesse. Ich schaffe sie mir an, damit das Büro nach etwas
aussieht, aber dein einziger Lehrer ist das Leben.«
Ich antwortete nicht, holte mir aber zehn Bücher auf ein-
mal bei ihm und gab ihm dafür ein paar Schachteln Libi-
dafro, die ich meinem Vater geklaut hatte. Sâlim ist ver-
Roman aus Ägypten

Aus dem Arabischen von Christine Battermann


Gebunden
ISBN 978-3-85787-457-4
Seiten 188
Erschienen April 2015
€ 19.90 / Fr. 25.00

Ein wundervoller Roman, eine echte Bereicherung der arabischen Literatur.
— Alaa al-Aswani

Ägypten im Jahr 2023. Hinter den hohen Mauern, die die Luxuskolonie Utopia von der Aussenwelt abschotten, plagt die Jugendlichen die Langeweile. Nur die »Jagd« verschafft ihnen den ersehnten Nervenkitzel. Dabei dringen sie in die Elendsquartiere jenseits der Grenzen ein, töten einen der Anderen und bringen einen Körperteil als Trophäe zurück. Auch ein junger Mann und seine Freundin wollen diesen Kick erleben. Doch ihr Ausflug in die verwahrlosten Armenviertel Kairos erweist sich als gefährlicher denn erwartet. Enttarnt und verfolgt von hasserfüllten Bewohnern, werden sie ihrerseits zur Beute. Werden sie ihre Haut retten können?

In seinem Thriller schildert Ahmed Khaled Towfik eindrucksvoll die Gefühlskälte des Protagonisten, der nur mittels Gewalt seine eigene Existenz zu spüren glaubt. Er skizziert eine Gesellschaft in nicht ferner Zukunft, in der die Spaltung zwischen Arm und Reich buchstäblich zementiert ist: angesichts aktuell zunehmender sozialer Spannungen (nicht nur) in Ägypten ein drängender, beängstigender Weckruf.

Pressestimmen

Die überzeugende Darstellung einer albtraumhaften Zukunft, ein kleines Meisterwerk.
— The Independent
Eine gruslige Vision einer Gated Community.
— Süddeutsche Zeitung
Brennende Wut und aschgraue Hoffnungslosigkeit sprechen aus diesem Roman, der im Original 2009 erschien. Inzwischen ist der ›arabische Frühling‹ übers Land gezogen – doch er hat die Zustände und die Befindlichkeit, aus denen heraus Towfiks Roman entstanden ist, nicht obsolet gemacht.
— Angela Schader, Neue Zürcher Zeitung
Mit Utopia ist Ahmed Towfik ein düsteres, trauriges Glanzstück gelungen, in dem es um soziale Ungleichheit, Gewalt und die Gefahren des Konsums einer Gesellschaft geht.
— Südwestrundfunk
Towfiks Roman ist ein gespenstischer Blick auf die Zukunft eines Staates, dessen Bürger mit ihrem Wunsch nach Freiheit und Demokratie gescheitert sind. Seine glänzende Erzählung ist fiktiv, aber Towfik belässt es nicht dabei. Der Autor, heisst es im Vorwort, sei sich der baldigen Existenz dieses Ortes gewiss.
— Duygu Özkan, Die Presse
Ahmed Khaled Towfiks Utopia ist ein überwältigender Roman, der einen atemlos zurücklässt. Das Schreckensszenario eines Landes, das tief gespalten in arm und reich in Gewalt versinkt, lässt niemanden kalt. Und doch gibt es Hoffnung zum Schluss. Menschlichkeit ist stärker als all die Gewalt. Sie ist es, die den Jägern fehlt. Und sie ist es auch, die letztendlich an der Macht der Reichen rüttelt.
— afrikaroman.de
Ahmed Khaled Towfik schrieb als erster arabischer Autor Horror- und Science-Fiction-Geschichten. Utopia erschien 2009, kurz vor den Aufständen des Ägyptischen Frühlings. Der Roman ist ein gnadenloser Abgesang auf die sozialen Zustände im Land und eine erschreckende Zukunftsvision einer geteilten Gesellschaft. Towfiks grossartiger Roman hat Tempo und Action, aber er bietet immer auch viel Stoff zum Nachdenken.
— Wolfgang Bortlik, 20 Minuten
Utopia ist schaurige Vision und packende Gesellschaftskritik zugleich.
— zenith