LENOS
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Martin arbeitet als Ranger im Nationalpark Pyrenäen. Unermüd-
lich ist er auf der Suche nach Cannellito, dem vermutlich letzten
Pyrenäen bären, von dem seit Monaten jede Spur fehlt. Als glühen-
der Tierschützer verfolgt er in seiner Freizeit Jäger in den sozialen
Medien, um sie an den Pranger zu stellen. Als er auf ein Foto stösst,
das eine junge Frau mit Jagdbogen vor einem erlegten afrikanischen
Löwen zeigt, ist er fest entschlossen, sie zu nden und zur Rechen-
schaft zu ziehen. Es beginnt ein atemloses Jagdgeschehen zwischen
den Pyrenäen und Namibia, das durch tragische Verknüpfungen in
einem Drama für alle gipfelt.
Colin Niel legt grossartige Fährten und vereint schier unerträgliche
Spannung mit poetischen Landschaftsbeschreibungen. Ein scharf-
sinniger Ökothriller, der die Gefahren des Klimawandels, des Jagd-
tourismus ebenso wie den Fanatismus von Naturschützern aufzeigt.
Colin Niel, geboren 1976 in Clamart, ist eine der grossen Stimmen
des französischen Roman noir. Nach einem Studium der Evolu-
tionsbiologie und Ökologie arbeitete er zunächst als Agrar- und
Forst ingenieur im Bereich Biodiversität, u. a. mehrere Jahre in
Französisch-Guayana. Mit einer vierteiligen guayanischen Serie, die
vielfach ausgezeichnet wurde, gelang ihm der Durchbruch als Au-
tor. Sein Roman Seules les bêtes (deutsch: Nur die Tiere) wurde von
Dominik Moll fürs Kino verlmt. Heute lebt Colin Niel als Schrift-
steller in Marseille.
Lenos Verlag
Colin Niel
Unter Raubtieren
Roman
Aus dem Französischen
von Anne omas
Die Übersetzerin
Anne omas wurde 1988 in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz geboren
und wuchs in Flensburg auf, nachdem sie 1989 mit ihrer Familie aus
der DDR geohen war. Seit 2013 ist sie als freiberufliche literarische
Übersetzerin tätig (u. a. Éric Plamondon, Gabriel Katz, Anna Bou-
langer, Marie Desplechin). Sie lebt hauptsächlich in Paris. Regelmäs-
sige Arbeitsaufenthalte in Berlin und London. Anne omas organi-
siert und leitet Übersetzungsworkshops in Schulen in Deutschland
und Frankreich und ist als Dolmetscherin bei literarischen und kul-
turellen Veranstaltungen tätig.
Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des fran-
zösischen Aussenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung
der französischen Botschaft in Berlin.
Titel der französischen Originalausgabe:
Entre fauves
Copyright © 2020 by Rouergue
Erste Auflage 2021
Copyright © der deutschen Übersetzung
2021 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: IanZA/Pixabay
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 013 4
www.lenos.ch
Im Gedenken an ausgestorbene Raubtiere
Opfer antiken Massensterbens
Und denen, die zusammengekauert
überleben, tief in uns drin
PROLOG
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30. März
Charles
Die Zeit war gekommen, sich den Menschen zu stel-
len, die zweibeinigen Silhouetten ragten in der Däm-
merung auf wie wandelnde Bäume, ihm jetzt so nah,
kaum drei Sätze, dann hätte er sie, und ihr Geruch,
mit nichts zu vergleichen, bitterer Schweiss und ferne
Erde, und ihre unverständlichen Laute, und ihre Haut,
bedeckt mit anderer Haut, die nicht ihre eigene war,
noch nie war er ihnen so nah gekommen, sie hatten
ihn erst dazu getrieben, einen ganzen Tag lang hatte
er sie gewittert, ihm auf den Fersen, einen ganzen Tag
lang herumstreifen im bush, unter den Kameldornbäu-
men durchkriechen, dicht an den sonnenentammten
Steinmauern entlangstreichen, hundertmal seine Fährte
legen, auf und ab, von Busch zu Busch, die Tatzen in
die eigenen Abdrücke setzen, unzählige Umwege zwi-
schen den Baumstämmen, alles, damit sie aufgaben, ei-
nen ganzen Tag lang Freiwild sein, kein Raubtier mehr,
mit der Geduld am Ende, verärgert, Nerven zum Zer-
reissen gespannt, einen ganzen Tag lang, jetzt hatte er
ihn beendet, ihnen bloss nicht diesen Sieg überlassen,
nicht er, nicht hier, nicht in dieser Wüste, die er seit je-
her durchstreifte, in- und auswendig kannte, die Listen
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und Tücken, eiskalte Nächte und brennend heisse Tage,
die Stunden, wenn Schatten kostbar wurde, die windge-
formten Sandmeere, die Wanderdünen, in denen seine
Schritte einsanken, wenn die Strausse Reissaus nahmen,
die Gewitter, die manchmal tobten und einem bis unter
die Augenlider peitschten, die unendlich weiten Wege
zwischen mickrigen, salzhaltigen Oasen, wo die Beute
trank, die Steinwüsten mit ihrer hundertjährigen Flora,
die dort wurzelte, die krummen Stämme von Mopane
und Ebenholzgewächsen, die Felswände der ausgetrock-
neten Flussbetten, wie man sich dort bei der Jagd auf
Bergzebras in der Senkrechten bewegen musste, und
auch die Strände, der Ozean, der die Skelettküste ver-
schlang, unverhote Kadaver gestrandeter Wale und vor
Jahrzehnten zerschellter Menschenschie.
Von jeher war er der Jäger gewesen, seit seiner Kind-
heit im Flussbett des Agab, jener allzu fernen Zeit, als er
im Rudel jagte, mit seinen Brüdern und Schwestern, seit
jener ersten Giraenjagd, an die er sich stets erinnern
würde, als die Junglöwen die Riesin in einem Canyon in
die Enge getrieben hatten; jeder seine Seite, jeder seine
Aufgabe, den Blick auf die galoppierenden Hufe ge-
heftet, hetzten sie die Beute auf eine alte Löwin zu, die
weiter weg lauerte, voller Erfahrung, sprungbereit, so-
bald der Moment gekommen wäre, der entscheidende,
genau berechnete Augenblick, und mit einem ungeheu-
ren Satz warf sie sich auf die Girae, versenkte Kral-
len und Zähne in die Muskeln, die Jägerin klammerte
sich fest, Meter um Meter im rasenden Lauf, ignorierte
die Tritte, die sie abzuschütteln suchten, zerfetzte Haut
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und Fleisch, schlug Wunden, die den Geschmack fri-
schen Blutes hatten, hing mit ihrem ganzen Gewicht an
der Beute, damit sie strauchelte, um nichts in der Welt
hätte sie losgelassen, so sehr brauchten die Löwen dieses
Fleisch. Er hatte gelernt, ohne Deckung Beute ausndig
zu machen, nicht einmal ein Grasteppich, in den er sich
ducken konnte, er nutzte den geringsten Dunst, um
sich unbemerkt an seine Opfer heranzuschleichen, er
hatte Genügsamkeit gelernt, hatte gelernt, Perlhühner,
Stachelschweine, Kormorane zu erlegen, wenn es an
Wild fehlte, Paviane und Gackeltrappen zu jagen, sogar
andere Fleischfresser, wenn es ums Überleben ging. Der
Jäger war er, er gab die Regeln vor, wurde niemals über-
rumpelt, deshalb, nein, er würde den Menschen nicht
diesen Sieg überlassen, nun war er aus dem Schatten
getreten, wollte sich ihnen endlich stellen, lauerte nur
ein paar Meter entfernt im Sand, unter einem Strauch
voller Krallen, Auge in Auge. Der Wind wirbelte Erd-
wolken empor, verstärkte die tierischen Düfte, aufge-
laden mit der Angst und Spannung der vergangenen
Stunden, vorsichtig sog er sie ein, wartete den Moment
ab, kampfesungeduldig, doch stets reglos, bis er endlich
seine mächtige Gestalt aufrichtete.
Und sich auf sie stürzte.
Sofort durchfuhr ihn der Schmerz.
Die ganze Brust mit einem Schlag in Flammen.
Im Sprung getroen, setzte er über die Steine wie
ein Springbock, das Rückgrat schmerzgekrümmt, die
Glieder gehorchten nicht, er landete, beherrschte nichts
mehr, rannte wie wild im Kreis durch den Staub, als
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würde er einen Dämon verfolgen, der an seinem
Schwanz hing, in Todesqualen durchfuhren Erinnerun-
gen seinen Schädel, die Festmähler der letzten Wochen
in den Kraals*, die Schreie seiner Beute, als er sie tötete,
die Schüsse der Menschen, die den Himmel selbst zer-
rissen, und die Blüte seines Lebens, jene längst vergan-
genen Zeiten als Alphamännchen, die brutale Entmach-
tung, deren Narben er noch in sich trug, in seinen Stolz
gekratzt, Ruhmesstunden und Niederlagen in dem
brennend heissen Land, misslungene Jagden und herr-
lichste Beutezüge, mit gewaltigen Sprüngen suchte er
nun das Weite, oh ins Dickicht, um vielleicht zu über-
leben, weg von diesem veruchten Ort, zu dem er sich
nie hätte vorwagen sollen, er, der sich so stark vorkam,
taumelte Meter um Meter mit unsicheren Schritten
schwankend über Geröll und geknickte Halme, nichts
Königliches mehr, nichts Fürstliches mehr, durchschla-
gene, zitternde Muskeln, er wuchtete seinen Leib voran,
so weit er konnte, schöpfte aus den Reserven, seinem
Überlebensinstinkt.
Und el, unfähig weiterzukämpfen, auf die Seite.
* Afrikaans für ›Viehpferch‹; früher kreisförmige Siedlung, heute
kreisförmiges Viehgehege, vor allem im südlichen Afrika. (Anm. d.
Übers.)
1. BEUTE AUSMACHEN
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15. April
Martin
Ehrlich jetzt, ich schäme mich, dass ich ein Mensch bin.
Ich wäre lieber ein Raubvogel gewesen, riesige Schwin-
gen, über dieser Welt kreisen, mit der Gleichgültigkeit
der Mächtigen. Ein Tiefseesch, irgendwas Monströ-
ses, dem tiefsten Schleppnetz fremd. Ein Insekt, kaum
zu sehen. Alles, nur nicht Homo sapiens. Alles, nur nicht
dieser Primat mit anomal grossem Gehirn, auf den die
Evolution mal lieber hätte verzichten sollen. Alles, nur
nicht der Schuldige am sechsten Massenaussterben auf
diesem elenden Planeten. Denn die Menschheitsge-
schichte ist vor allem das. Die Menschheitsgeschichte
ist die Geschichte eines massiven Rückgangs der Fauna,
ein endloser Verlust. Die Geschichte der Mammuts, der
Wollnashörner, der Säbelzahntiger, der Höhlenbären,
der Auerochsen, die Europa bevölkerten und innerhalb
von ein paar Jahrtausenden von unseren Vorfahren aus-
gerottet wurden. Es ist die Geschichte der Riesenbiber
und der sechs Meter langen Faultiere, die ausstarben,
nachdem die ersten Menschen über die Beringbrücke
nach Amerika gekommen waren. Im Australien vor
50 000 Jahren ist es die Geschichte der Riesenkängurus,
der Beutellöwen, der Diprotodons, dieser Megafauna,
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die für immer verloren ist. Es ist mittlerweile bekannt:
Jedes Mal, wenn unsere Scheissahnen irgendwo den Fuss
hinsetzten, gab es ein Massensterben. Der einzige Unter-
schied zwischen denen und uns ist das Tempo, in dem
wir heute unsere Umwelt vernichten. Darin sind wir un-
schlagbar, das ist mal sicher: zweihundert ausgestorbene
Wirbeltierarten in nicht mal einem Jahrhundert, kein
anderes Tier kann mit so einem Rekord aufwarten.
Über solche Dinge grübelte ich nach, als Antoine
und ich im Morgengrauen die Tanne erreichten. Den
ganzen Aufstieg lang hatte ich über das Foto nachge-
dacht, das diese Gedanken ausgelöst hatte. Ich kriegte es
unmöglich aus dem Kopf, das Scheissbild hatte sich mir
eingebrannt wie ein Kindheitstrauma.
Da stand der Baum senkrecht am Rand des Pfades.
Der war unter dem Teppich aus Buchenblättern und
dem Altschnee, der selbst auf den Südhängen noch
immer nicht schmelzen wollte, kaum zu sehen. Der
Stamm war mit Aststummeln gespickt, wie Eisensta-
cheln an einer Art mittelalterlichem Folterinstrument.
Ich sah den Hang runter, wo sich unsere menschliche
Fährte verlor, atmete die frühmorgendliche Luft ein,
sie fuhr mir eiskalt in die Lungen. Wir hatten ganz
schön klettern müssen, und weil wir keine Ski dabeihat-
ten, waren wir auf den letzten Metern ziemlich tief im
Schnee eingesunken. Aber ich war nicht ausser Atem,
nein, ich bin nicht der Typ, der sich von einem kleinen
Schlussanstieg beeindrucken lässt. Anders als Antoine,
dem ich zurief: »Jetzt bereust du deine Kippe von ges-
tern Abend, was.«
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»Keine Ahnung, was du meinst«, sagte er, dabei bilde-
ten sich permanent Atemwölkchen vor seinem Mund.
Der Buchen-Tannen-Wald streckte seine Stämme den
Gipfeln entgegen, die irgendwo in der Wolkendecke er-
tranken. Dort oben erahnte ich Sommerweiden, Pässe
und Grate, die unter der Schneedecke dieses völlig ge-
störten Winters auf ihren Auftritt warteten. Auf den
Stämmen um uns rum waren massenweise Flechten,
von den Ästen hing Usnea, wie ineinander verwickelte
Bärte. Ein toter Baum stand noch immer aufrecht, wie
eine Kerze, die niemand je anzünden würde. Ein Specht
hatte auf der Suche nach Haus- oder Alpenböcken ins
Holz gehackt und die Borke abgelöst.
»Matin, fais lever le soleil …«, trällerte Antoine, wobei
er die sinnliche Stimme von Gloria Lasso nachahmte.
»Matin, à l’instant du réveil … Viens tendrement poser
tes perles de rosée …«*
Ich hab nie kapiert, woher jemand in seinem Alter so
viele alte Schnulzen kannte. Ich unterbrach ihn sofort:
»Komm, gib mir mal die Lampe.«
Er seufzte, dann zog er die Handschuhe aus und
holte die Taschenlampe aus dem Rucksack. Ich hielt
sie waagerecht und inspizierte den Stamm der Tanne.
Ich musterte jede kleine Rille in der Rinde, jede Verlet-
zung in der hölzernen Haut des Riesen. Ich untersuchte
auch das Stück Draht, das letzten Herbst ins Holz ge-
schraubt worden war. Auf Wadenhöhe entdeckte ich ein
* Chanson d’Orphée, Gloria Lasso (1922–2005). In diesem Lied
besingt die französisch-spanische Sängerin auf kitschige Weise den
frühen Morgen. (Anm. d. Übers.)
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Fellbüschel, es war an einem Stück Borke hängengeblie-
ben, ich prüfte Form, Farbe, die dickere Haarwurzel.
»Wildschwein?«, fragte Antoine.
»Wildschwein«, bestätigte ich seufzend.
Mein Kollege kauerte zwischen den Wurzeln und
siebte händeweise die Erde, Panzenreste, Steine, fri-
scher Humus. Ich sah ihm zu, wie er jeden Krümel
durch die Finger rieseln liess, wollte sichergehen, dass
ihm nichts entging. Nicht dass ich ihm nicht vertraue,
aber na ja. Als er nur noch eine feine Schicht Erde an
den Händen hatte, pustete er drauf, richtete sich auf
und sagte ohne eine Spur von Bedauern in der Stimme:
»Nada.«
Wie auf Knopfdruck legte ich los: »Nada? Ist das al-
les, was dir dazu einfällt?«
Er lächelte, als wollte er sagen Du änderst dich auch
nie. »Martin, jetzt fang nicht wieder an …«
»Womit denn anfangen? Wir haben den 15. April, seit
eineinhalb Jahren nicht die geringste Spur, den ganzen
Winter kein einziger Abdruck, nicht ein Scheisshärchen
an den Hunderten von Bäumen, die wir beobachten.
Seit eineinhalb Jahren gehen nur noch Wildschweine
und Füchse in die Fotofallen. Und du, du bist genau
wie alle anderen: Es ist dir scheissegal.«
»Ist es nicht, ich bin bloss geduldig. Der Winter dau-
ert halt, und er hat’s nicht eilig, aus seiner Koje zu kom-
men, das ist alles. Der hat eine hübsche Höhle gefunden
und wartet gemütlich die Schneeschmelze ab, ehe er mit
der Bärzeit anfängt. Denk dran, wie wir vor fünf Jahren
vierzehn Monate lang keine Spur von Néré hatten. Wir
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haben uns ganz umsonst Sorgen gemacht: Er war ein-
fach nur in die Haute-Garonne abgewandert.«
»Und du, denk mal an Claude, 94«, sagte ich barsch.
Die Arme: Es hatte drei Jahre gedauert, ehe man ihren
Kadaver am Fusse des Pic de la Cristallère fand. Die
Kerle hatten ihn gut versteckt.
Darauf sagte Antoine nichts: 1994 war er noch aufs
Gymnasium gegangen. Er holte getrocknete Apriko-
sen aus dem Rucksack und ass sie schweigend. Und
ich hatte wieder einmal das Gefühl, dass ich der Ein-
zige war, den Cannellitos Verbleib wirklich kümmerte,
der letzte Bär mit ein bisschen Pyrenäenblut, der noch
auf der Suche nach einem Weibchen durch diese Wäl-
der streifte, nden würde er keins, weil die Jäger alle
abgeknallt hatten. Sogar seine Mutter, die 2004 getötet
worden war und mir so sehr fehlte, als wäre sie ein Fa-
milienmitglied gewesen.
Ich schaute forschend nach rechts zu der Schneise,
die sich zwischen Buchenblättern und Tannennadeln
auftat. Ganz unten erahnte man die Schieferdächer des
Dorfes, das der Nebel bald entschleiern würde, die noch
dunklen Häuser.
Ohne Antoine anzusehen, sagte ich ihm, was ich von
der Sache hielt: »Ihr könnt euch alle einreden, was ihr
wollt, ich bin mir jedenfalls sicher, dass die ihn abge-
knallt haben. Wahrscheinlich im Herbst bei einer Treib-
jagd. Und wenn man ihn dann ndet, sagen die Jäger, es
wär ein Unfall gewesen.«
Er musterte die Wolkendecke, sie schnitt die Wipfel
glatt ab, als wären sie geköpft.
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»Du weisst immer alles besser, Martin. Aber das ist
Quatsch, glaubs mir
Doch meiner Meinung nach wollte er vor allem sich
selbst überzeugen. Denn solche Anschuldigungen ge-
hörten sich nicht für Nationalparkranger.
Wir standen auf dem Pfad und rasteten ein Weil-
chen, sahen zu, wie der Tag das Aspe-Tal eroberte, die
Strasse unten, über die bald Lkws aus Spanien rauschen
würden, zum Vorschein brachte und die Druckstollen
der Kraftwerke, die wie krepierte Riesenschlangen die
Hänge verschandelten.
»Es ist saukalt, wollen wir?«, meinte Antoine. »Ich
will den Mädchen einen Kuss geben, ehe sie in die
Schule müssen.«
Ich nickte, warf einen letzten Blick zu den Gipfeln,
richtete Anorak und Mütze. Und los ging’s mit dem Ab-
stieg, Schnee und nasse Blätter an den Schuhen, An-
toine sang leise irgendein altes Chanson vor sich hin.
Wir pügten durch den Wald, an Buchsbäumen und
schmaler werdenden Bergwiesen vorbei, liefen am Rand
schwitzender, vereister Felswände lang. Was das Wetter
anging, kapierte ich gar nichts mehr: Erst war Anfang
des Jahres fast nichts runtergekommen, dann war es
den ganzen März über richtig frühlingshaft gewesen,
der Schnee war allmählich geschmolzen. Und nun kam
noch mal ein ordentlicher Kälteeinbruch, für die nächs-
ten zwei Wochen war wieder Schneefall vorhergesagt
worden. In den Skigebieten zog man lange Gesichter:
Der Schnee kam mehr oder weniger dann, wenn sie
zumachten, und in den kommenden Jahren würde es
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wohl kaum besser werden. Aber auch das schien keinen
zu interessieren.
Es war richtig hell, als wir siebenhundert Meter
weiter unten endlich aus dem Eichenwald rauskamen.
Unser Revierauto stand im Schlamm, das Nationalpark-
logo löste sich halb ab. Antoine üchtete sich ins In-
nere, drehte die Heizung voll auf. Seit dort oben hatten
wir praktisch kein Wort gewechselt.
»Apropos Jäger«, nahm er unser Gespräch von vor-
hin wieder auf, »hast du das von den Supermarktleitern
mitgekriegt? Die kündigen mussten, weil sie in Afrika
auf Krokodiljagd waren?«
»Jupp. Wobei, soweit ich weiss, warens nicht bloss
Krokodile.« Das sagte ich so nebenbei, als hätte ich es
auch nur in der Zeitung gelesen.
Er liess den Motor an, fuhr auf den Waldweg. »Klar,
das sind wirklich Idioten, ich versteh nicht, wo da der
Spass ist, so viel Kohle ausgeben, damit man einen Ele-
fanten oder eine Girae erlegen darf, und man muss
schon selten dämlich sein, hinterher noch Jagdfotos zu
posten. Aber das ist ja ausgeartet, die Adressen wurden
veröentlicht, die Leute haben Morddrohungen be-
kommen, ihr Unternehmen hat sie fallenlassen …«
Ich zog die Nase hoch und sagte: »Na und? So hören
sie vielleicht wenigstens damit auf.«
Danach herrschte Stille. Was bedeutete, dass Antoine
die Dinge denitiv anders sah als ich. Schweigend fuh-
ren wir am eisigen Gave d’Aspe entlang, passierten
nacheinander die Riegel, die das Hochtal isolierten. Bis
zur Bedous-Ebene mit ihren Ophitkuppen und Wie-
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sen, auf denen ein paar Kühe grasten, ehe es hinauf auf
die Sommerweiden ging. Antoine parkte vorm Verwal-
tungsgebäude, unter einer Wolkendecke luden wir die
Ausrüstung aus, Antoine machte, dass er heimkam, um
seine beiden Töchter zu sehen. Und ich ging rein und
setzte mich vor den Computer. Ich schrieb das Proto-
koll unseres Kontrollgangs: nada, wie Antoine gesagt
hatte.
Immer noch nichts von Cannellito.
In meinem Postfach wartete eine E-Mail, dir mir
nicht besonders geel. Ich önete sie und erfuhr, dass
unser Gebietsleiter, mein Vorgesetzter, mich noch mal
wegen der Geschichte mit dem zerstochenen Reifen
sprechen wollte. Wenn möglich morgen. Ganz ehrlich,
ich verstand nicht, wieso die wegen einem Reifen so
einen Aufstand machten. Das war letzten Oktober ge-
wesen: Ich war eines Morgens auf das Auto von Wild-
schweinjägern gestossen, die gerade in ihrer Jagdhütte
das Blutbad vorbereiteten. Und da ich den Verdacht
hatte, dass die ihre Treibjagd wieder dort veranstalteten,
wo der Bär sich aufhielt, hatte ich nicht widerstehen
können. Bloss war ich erwischt worden, auch noch in
Dienstkleidung. Ich schrieb zurück Morgen geht klar.
Aber wenn ich richtig drüber nachdachte, machte ich
mir keine grossen Sorgen wegen der Unterredung: Ich
arbeitete am längsten von allen hier und war am quali-
ziertesten. Sie brauchten mich viel zu sehr, damit der
Laden lief.
Nach unserer frühmorgendlichen Runde schien es
ein ruhiger Tag zu werden, und die Büros waren leer.
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Der Chef war bei irgendeinem Meeting, kuschte vor
wer weiss welchem Bauernverband, und ein Team war
Richtung Lescun-Höhen aufgebrochen, um die Beschil-
derungen für Wanderer zu reparieren. Deshalb wartete
ich nicht, bis ich zu Hause war, sondern loggte mich in
die Facebook-Gruppe ein, die ich anonym seit ein paar
Monaten gemeinsam mit zwei anderen Aktivisten be-
treute, denen ich noch nie begegnet war, die aber meine
Überzeugungen teilten.
STOP HUNTING FRANCE, so hiess die Gruppe.
Anfangs tauschten wir nur Informationen aus, liessen
Petitionen herumgehen, damit die Jagd in Frankreich
und weltweit verboten wurde. Aber im Laufe unserer
Recherchen und weil unsere Quellen sich deckten, hat-
ten wir beschlossen, konkreter zu handeln. Wir hatten
uns näher mit Trophäenjagd beschäftigt, mit diesen
Rohlingen, die zum Spass in fernen Ländern Tiere töte-
ten, wie Luc Alphand, der ehemalige Skirennläufer, zu
trauriger Berühmtheit gelangt, weil er auf Kamtschatka
Braunbären und Riesenwildschafe abgeschossen hatte.
Verzeihung, nicht abgeschossen: erlegt, das war der Be-
gri, den solche Leute verwendeten. Wir hatten fest-
gestellt, dass im Netz nicht nur Amerikaner neben ih-
ren Opfern posierten, auch in Frankreich gab es einen
Markt und einen hübschen Haufen Unternehmer oder
reiche Ärzte, die diesen Praktiken frönten. Diese Welt
war ausserdem gar nicht so geheim, wie ich gedacht
hatte: Wenn man sich die Zeit nahm, ein bisschen zu
suchen, Website für Website, Prol für Prol, fand man
am Ende immer die Identität der Jäger raus, denn oft
24
posteten sie selbst ihre Jagdfotos in den sozialen Netz-
werken und gaben noch damit an. Sobald wir also im
Web auf eins dieser Bilder stiessen, begannen wir online
mit unseren Ermittlungen, um die Täter zu identizie-
ren. Und da kein Gericht sie je verurteilen würde, veröf-
fentlichten wir alles, was wir über sie rausfanden: Name,
Adresse, Telefonnummer. Dann überliessen wir sie der
Öentlichkeit, die, wie wir wussten, voll hinter der Sa-
che stand, ob es den Politikern nun geel oder nicht, die
waren bei diesen emen immer viel zu langsam.
Vor Antoine würde ich damit nicht angeben, aber
die Supermarktleiter, die hatten kündigen müssen, weil
sie mit ihren Krokodilfotos, aber auch mit Bildern von
Flusspferden und sogar Leoparden Wirbel verursacht
hatten, die hatten wir aufgestöbert. Eigentlich war es
kaum der Rede wert, wir hatten lediglich die Fotos wie-
der ausgegraben und sie sichtbarer gemacht, den Rest
hatte die Magie der sozialen Netzwerke besorgt. Ich
sah uns als Whistleblower in Sachen Tierschutz, die
Tiere hatten es bitter nötig. So hatte ich das Gefühl,
irgendwie meinen Teil zu leisten. Jedenfalls mehr als
mit meiner Arbeit im Nationalpark. Und auch mehr als
die sogenannten Umweltminister, die liessen sich letzt-
endlich immer von der Jagdlobby überfahren, die im
Élysée-Palast ebenso ein und aus ging wie im Restaurant
um die Ecke. Ich hote, dass es uns früher oder später
gelang, den Import von Trophäen auf französischen Bo-
den ganz zu verbieten. Das wäre schon ein grosser Sieg.
In der Facebook-Gruppe hatte sich seit meinem letz-
ten Log-in einiges getan. Einer der Administratoren
25
hatte die vollständigen Kontaktdaten eines Apothekers
sowie sämtliche Fotos von seiner Jagd auf Panzenfres-
ser in Kanada, auf Neukaledonien und in Südafrika ge-
postet. Dazu die Anweisung an unsere Follower:
Jerem Nomorehunt: Bitte blamiert diesen Killer bis auf
die Knochen. #BanTrophyHunting
Auf den Fotos, eins widerlicher als das andere, posierte
der Mörder neben dem Kadaver seiner Beute, darunter
bereits zahlreiche Kommentare anderer Nutzer, was
zeigte, das sie ebenso schockiert waren wie wir.
Stef Galou: Scheisshaufen.
Hugues Brunet: Menschlicher Abfall, Drecksack.
Stophunt: Selbst im Tod strahlen die Tiere eine Würde
aus, die dieser Wichser nie erreichen wird!!!
Lothar Gusvan: Nur Abschaum wie der kann sich über so
ein Massaker noch freuen.
Ich widerstand und setzte nicht noch eins drauf, das war
nicht meine Aufgabe. Ich scrollte durch die Seiten und
hote, dass dieser Apotheker bis nach Hause verfolgt
wurde.
Aber vor allem hatte ich mich so schnell nach der
Bergtour eingeloggt, weil ich das Foto wiedernden
wollte, das mir seit dem Vortag nicht aus dem Kopf
ging. Ein paar Klicks später erschien es erneut gross auf
meinem Bildschirm. Es war ganz anders als alle, die ich
bisher gesehen hatte. Eine Nachtaufnahme mit Blitz.

Leserinnenpreis des Magazins »Elle«

Colin Niel
Unter Raubtieren

Roman

Aus dem Französischen von Anne Thomas


Softcover
ISBN 978-3-03925-013-4
Seiten 403
Erscheint 15. Oktober 2021
€ 24.00 / Fr. 30.00 *
* voraussichtlicher Verkaufspreis

Martin arbeitet als Ranger im Pyrenäen-Nationalpark. Er ist unermüdlich auf der Suche nach Cannellito, dem vermutlich letzten Pyrenäenbären, von dem seit Monaten jede Spur fehlt. Als glühender Tierschützer verfolgt er in seiner Freizeit Jäger in den sozialen Medien, um sie an den Pranger zu stellen. Als er auf ein Foto stösst, das eine junge Frau mit Jagdbogen vor einem erlegten afrikanischen Löwen zeigt, ist er fest entschlossen, sie zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Es beginnt ein atemloses Jagdgeschehen zwischen den Pyrenäen und Namibia, das durch tragische Verknüpfungen in einem Drama für alle gipfelt.

Colin Niel legt grossartige Fährten und vereint schier unerträgliche Spannung mit poetischen Landschaftsbeschreibungen. Ein scharfsinniger Ökothriller, der die Gefahren des Klimawandels und des Jagdtourismus ebenso wie des Fanatismus bei Naturschützern offenlegt.

Pressestimmen

Ein atemberaubender Roman noir … Niel hinterfragt die menschliche Natur und ihre wilden Instinkte.
— Paris Match