LENOS
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Lenos Verlag
AJAR
Unter diesen Linden
Roman von Esther Montandon
Aus dem Fransischen
von Hilde und Rolf Fieguth
Titel der französischen Originalausgabe:
Vivre près des tilleuls. Par Esther Montandon
Copyright © 2016 by Editions Flammarion, Paris
Erste Auflage 2017
Copyright © der deutschen Übersetzung
2017 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Neeser & Müller, Basel
Umschlagillustration: Neubau Welt Archive. © Neubau, Berlin
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 482 6
Die Übersetzerin und der Übersetzer
H
ILDE FIEGUTH, geboren 1944 in Schwabach, lebt seit 1983 in Frei-
burg i. Ü. Langjährige Beschäftigung mit meist literaturbezogener
Malerei. Seit 2000 freie Literaturübersetzerin; sie hat vor allem Werke
von S. Corinna Bille und, zusammen mit Rolf Fieguth, von Maurice
Chappaz und Nicolas Bouvier ins Deutsche übertragen; für den Lenos
Verlag übersetzte sie zudem Jean-François Haas und Mahi Binebine.
R
OLF FIEGUTH, geboren 1941 in Berlin. Studium der Slavistik und der
osteuropäischen Geschichte in Berlin und München. 1983–2007 Pro-
fessor für slavische Sprachen und Literaturen an der Universität Frei-
burg i. Ü. Wissenschaftliche und literarische Übersetzungen aus dem
Russischen, Polnischen und Französischen. www.fieguth.ch.
Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von der Schweizer
Kulturstiftung Pro Helvetia unterstützt.
Der Lenos Verlag wird vom Bundesamt r Kultur mit einem Struk-
turbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Unter diesen Linden
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Vorwort
Als Esther Montandon mir 1997 ihr Archiv anver-
traute, sah ich mich einer grossen Anzahl unterschied-
lichster Dokumente gegenüber: Postkarten, amtliche
Schriftstücke, Briefe, Zeitungsausschnitte … Dazu all
das, was unsereinem bei jedem Schriftsteller das Herz
herschlagen lässt: einzelne hingekritzelte Entwürfe,
Typoskripte mit oder ohne handschriftliche Anmer-
kungen, drei Notizhefte.
Ich war dankbar für diesen Vertrauensbeweis und
übernahm die Aufgabe mit Begeisterung, die aller-
dings angesichts der Fülle des Materials mehr und
mehr dahinschwand. Der Tod der Autorin im Jahr
darauf belebte zwar eine Zeitlang das Interesse des Pu-
blikums an ihrem Werk, aber dann geriet es allmäh-
lich in Vergessenheit.
Manch einer hielt ihr anspruchsvolles Œuvre für
zu schmal Esther Montandon hat zu Lebzeiten nur
vier Bücher veröffentlicht. Oft wird sie im Übrigen auf
Klavier im Dunkeln (1953) reduziert, ihren ersten und
bekanntesten Text. Damit unterschätzt man aber den
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Reichtum der drei anderen Bände. Man muss nur Die
Kraftprobe (1959) wieder lesen, das bissige und jubelnde
Porträt einer zwischen Tradition und Moderne schwan-
kenden Schweiz, oder Drei grosse Affen (1970), Novel-
len, in denen die Autorin mit ihrer schonungslosen
Schilderung einer patriarchalischen Gesellschaft ihr
feministisches Engagement bekundet. Und schliesslich
bieten ihre Kindheitserinnerungen, in den Fragmenten
der Unverlierbaren (1980) wunderbar zu einem Strauss
gebunden, in puristischem Stil einen poetischen, do-
kumentarischen Blick auf das Ruanda und die Schweiz
der 1930er Jahre. Mehr gibt es nicht.
Der gesamte Nachlass Esther Montandon enthält
nur Material ab dem Beginn der 1960er Jahre. Alles
Vorherige Hefte, Entwürfe, Manuskripte, laufende
Projekte, die in ihrer Korrespondenz bezeugt sind
fiel dem Autodanach dem Unfalltod ihrer Tochter
Louise am 3. April 1960 zum Opfer. Von dieser Tra-
gödie, nach der die Autorin zehn Jahre lang keine Ver-
öffentlichung mehr vorlegte, findet sich in Drei grosse
Affen und auch in den Unverlierbaren keine Spur. Nie
hat Esther Montandon über den Verlust ihrer Tochter
geschrieben. Das war jedenfalls lange die Meinung.
Wie soll ich also meine Gefühle beschreiben, als
ich an einem Wintermorgen im Jahr 2013 das mir
anvertraute Material in Schachteln einordnete und
dabei den Inhalt eines Umschlags mit der Aufschrift
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»Rechnungen« entdeckte, eines Umschlags, den ich
hundertmal in der Hand gehabt haben muss, ohne ihn
zu öffnen und darin befand sich ein kleines Bündel
Manuskriptseiten.
Und auf einmal ist alles da, wunderbarerweise be-
wahrt.
Es ist kein Roman, auch kein abgeschlossenes
Werk, sondern eine Sammlung von Eindrücken, Ge-
schehnissen, Gedanken und Erinnerungen. Eine kleine
Soziologie der Trauer. Dass dieses Manuskript nicht
vernichtet wurde, lässt Deutungen zu. Wollte Esther
Montandon, dass ihre so persönlichen Texte jemandem
in die Hände fallen?
Wie dem auch sei, eine genauere Betrachtung der
Fragmente ergibt, dass sie sich wahrscheinlich über den
Zeitraum zwischen Anfang 1956 (Louise wurde am
4. Oktober geboren) und den zwei Jahren nach Louises
Tod am 3. April 1960 verteilen. Die Blätter sind weder
nummeriert noch datiert, für die vorliegende Ausgabe
wurden sie sorgfältig geordnet, um die Lektüre zu er-
leichtern. Bemerkungen in eckigen Klammern stam-
men selbstverständlich nicht von der Autorin.
In Unter diesen Linden den Titel hat nicht Esther
Montandon gewählt, aber er bezieht sich auf eine
Schlüsselstelle oszilliert die Erzählung zwischen
Vergangenheit und Gegenwart; man kann nicht mit
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Gewissheit feststellen, welche Episoden im Zeitpunkt
ihres Erlebens und welche im Nachhinein aufgeschrie-
ben wurden. Aber die genaue Chronologie spielt kaum
eine Rolle. Esther scheint sich vielmehr wie im Nebel
durch diese Momente zu tasten, sie bahnt sich einen
Weg durch ein Labyrinth aus intimen Reflexionen und
gesellschaftlichen Anforderungen.
Kann man sich überhaupt um jemand anderen
kümmern als um sich selbst bei einem solch unwieder-
bringlichen Verlust? Esthers Beziehung zu ihrem Mann
Jacques war schon von der Schwierigkeit, ein Kind zu
bekommen, geprägt, sie wird durch das Drama weiter
zermürbt. Trotz aller Differenzen (das Paar trennt sich
in den 1970er Jahren) kommt es nie zur Scheidung.
Respekt war an die Stelle der Liebe getreten.
Nichts blieb der Autorin erspart. Das heisst aber
nicht, dass nicht auch Glücksmomente auf diesen Sei-
ten vorkommen. Esther Montandon bleibt sich treu
und gestaltet trotz ihrer Verwundung geduldig und
hartnäckig einen Schmerz, der nur ihr gert. Die Er-
innerung an Louise, für immer tragisch und auf ewig
glücklich und im Schreiben verklärt, ist nun ganz und
gar Literatur geworden.
Vincent König,
Verwalter des Archivs Esther Montandon
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Es brauchte fast zehn Jahre. Fast zehn Jahre lang
hing mein Menstruationskalender mit allen Daten im
Schlafzimmer. Zehn Jahre lang warteten wir beklom-
men den kompetenten Bescheid erst des Arztes, dann
eines grossen Spezialisten ab, dem wir die Entschei-
dung über das Daseinsrecht unseres Kindes übertra-
gen hatten. Zehn Jahre, in denen wir regelmässig eine
neue Grossmutterbehandlung auf uns nahmen, an die
wir selbst nicht glaubten. Schon seit Monaten wurde
das Thema dann überhaupt nicht mehr zur Sprache
gebracht. Jacques hatte verstanden, dass dies unwei-
gerlich einen Sturm ausgelöst hätte. Je länger es nicht
klappte, desto weiter entfernten wir uns voneinander.
Schliesslich gab ich es auf, liess los, fing an, um dieses
Kind zu trauern, das nicht geboren werden sollte. Der
Arzt sagte mir später, dieser Verzicht habe das Wun-
der sicherlich erleichtert.
Während der ersten vier Monate waren meine Au-
gen ständig feucht. Ich hatte so lange zwischen Hoff-
nung und Verzweiflung gelebt, dass ich diese Warte-
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zeit nicht richtig einschätzen konnte. Mir war nicht
übel, und ich hatte keine ckenschmerzen. Nur
dieses Kind, das bereits wuchs, die Wärme, die die
Leere ausfüllte, Jacques, der sich wieder traute, mich
anzuschauen. Ich hatte so lange darauf gewartet, die-
ses Baby an meine Brust zu drücken, und trotzdem
wünschte ich mir, diese Zeit würde noch einmal zehn
Jahre lang dauern.
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Heute Morgen kam M. vorbei, ein alter Schulfreund
von Jacques, und nahm einen Hobel aus seiner Werk-
zeugtasche. Die Wiege, die wir ihm abgekauft hat-
ten, passte nicht durch die Tür des kleinen Zimmers,
in dem das Kind schlafen sollte. Soll man das Kind
schreiben? Was sonst? Mein Kind kommt mir noch zu
unwirklich vor, unser Kind zu rmlich. An manchen
Tagen kam mir dieses Wort mit seiner einzigen Silbe,
das man ständig hört und sagt, verdächtig und seltsam
vor, versetzte mich aber zugleich in Entzücken.
M. hat einen dichten schwarzen Bart, so dass es mir
schwerfiel, seinen Gesichtsausdruck zu erkennen, als
er, ein Knie auf dem Boden, schweigend, ein bisschen
keuchend, das helle Holz hobelte und glattschliff. Er
verabschiedete sich, ein paar Schweisstropfen auf der
Stirn, aber seine Augen lächelten erst, als ich ihm im
Scherz sagte, wir rden ihn noch einmal holen, wenn
auch die Spielzeugkiste nicht durch die Tür passte.
Man sagt »ein Kind erwarten«. Als M. gegangen
war, tat ich das. Ich ging wieder in das kleine Zim-
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mer, streichelte das glatte Holz der Wiege, die nun an
ihrem Platz stand, und setzte mich auf den Lehnstuhl,
die Hände unbewusst auf dem Bauch. Ich schaute das
Zimmer an, die Wiege, das Mobile, das schon sanft
darüberschwang, den Tisch und die Badewanne, die
Lampe, die ganze Einrichtung, die an diesem Vormit-
tag in Erwartung war, vollkommen bereit, vollkom-
men nutzlos, solange das Leben noch nicht aus der
Kugel unter meinen Händen geschlüpft war. Beim
Anblick von Mobile, Lampe, Tisch, Badewanne und
Wiege, alles friedlich, exotisch, brach ich in Lachen
aus, elektrisiert von der Gewissheit, dass bald ein uner-
ahntes Leben diesen Raum ausfüllen und ihn in einen
lebendigen neuen Weltzusammenhang verwandeln
würde.
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Manchmal wache ich nachts mit der Hand auf mei-
nem flachen, schlaffen Bauch auf. Fast habe ich das
Gewicht meiner Tochter in meinem Schoss vergessen,
aber ich erinnere mich ganz genau an das erste Mal,
als ich es spürte. Und dieser erste Kontakt, diese erste
Zärtlichkeit begleitet nun ständig meine schlaflosen
Nächte. Ich stehe auf, betrachte im Spiegel meinen
nackten Körper und sehe die Leere anstelle der Run-
dung. Diese Rundung, die ich gerne akzeptiert hatte,
die mir fliche Ausrufe einbrachte und die in Jacques
ein unerwartetes Begehren auslöste.
Ich war gerne schwanger, denn zum ersten Mal
durfte ich verletzlich sein. Und nichts anderes war
mehr wichtig. Es gab nur noch meinen rper und
den ihren, der lautlos wuchs.
Ich schaue zu, wie Savoyen hinter einem Kranz
aus Wolken verschwindet. Die Abenddämmerung ist
nicht unbedingt wehmütig. Sie war mild, wenn ich,
voll ungeduldiger Sehnsucht nach der baldigen Begeg-
nung mit meinem Kind, den Bauch voran, die Quais

Ehrengabe zum Gottfried Keller-Preis

AJAR
Unter diesen Linden

Roman von Esther Montandon

Aus dem Französischen von Hilde und Rolf Fieguth


Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-482-6
Seiten 124
Erschienen 19. September 2017
€ 20.80 / Fr. 26.00

Der aufsehenerregende erste Roman des jungen Schriftstellerkollektivs AJAR, eine Liebeserklärung an die Literatur.

Sie war die Grande Dame der WestSchweizer Literatur und verstummte nach dem tragischen Tod ihres einzigen Kindes im Jahr 1960. Von der Zeit danach blieben ihre Tagebuchskizzen, sensible Momentaufnahmen einer liebenden, trauernden und endlich wieder hoffenden Mutter: Esther Montandon, geschaffen vom Autorenkollektiv AJAR.

Die Vereinigung junger Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der Romandie verwirklicht in ihrem ersten, aufsehenerregenden Roman die Utopie des kollektiven Schreibens und ruft mit achtzehn Stimmen eine einzige Erzählerin ins Leben. Berührend, ja unerhört authentisch sind ihre Aufzeichnungen, die die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verwischen.

Pressestimmen

Eine der schönsten Liebeserklärungen an die Literatur.
— Virginia Bart, Le Monde
Unter diesen Linden könnte durchaus aus der Feder von Marguerite Duras oder Françoise Sagan stammen.
— Dina Netz, Südwestrundfunk
Ein zauberhafter kleiner Roman.
— Alice Henkes, Bieler Tagblatt
Lustvoll, klug und doppelbödig.
— Gregor Szyndler, Literarischer Monat
AJAR ist einzigartig. Es gibt nichts Vergleichbares.
— Julien Burri, L’Hebdo
Ein gelungenes Verwirrspiel.
— Adrien Woeffray, Tages-Anzeiger