LENOS
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LP 257
Kanafanis Erzählung Umm Saad erschien nach dem Junikrieg 1967.
Mit eindrücklichen Szenen aus dem Leben von Umm Saad, einer
tapferen, aufrechten, stolzen Ehefrau und Mutter, beschreibt der
Autor das Erwachen eines neuen Bewusstseins des Widerstands in
der palästinensischen Bevölkerung, die als Folge des Krieges ins Exil,
in ein Leben im Flüchtlingslager gezwungen war.
Die Frauengur steht symbolisch für das neue Selbstbewusstsein
und den Mut, die erzwungene Opferrolle nicht zu akzeptieren und
für die gemeinsamen Interessen einzutreten.
Ghassan Kanafani
Umm Saad
Erzählung
Aus dem Arabischen
von Veronika eis
Lenos Verlag
Der Autor
Ghassan Kanafani wurde 1936 in Akka geboren. 1948 wurde seine
Familie durch die Besetzung der Israelis vertrieben. Als Flüchtling
lebte Kanafani zunächst im Libanon, später während längerer Zeit
in Damaskus, wo er seine Schulbildung abschloss und einige Zeit
als Lehrer arbeitete. 1956 ging er als Sport- und Zeichenlehrer
nach Kuwait. 1960 zog er nach Beirut, wo er in der Folgezeit bei
mehreren Zeitungen arbeitete und schließlich Sprecher von George
Habaschs Volksfront für die Befreiung Palästinas war. 1972 wurde
er in Beirut durch eine Bombe getötet, die an seinem Wagen ange-
bracht war.
Die Übersetzerin
Veronika eis, geboren 1955 in Durchholz, aufgewachsen in
Bethlehem. Studium der Islamwissenschaft in Berlin und Münster.
Diplomübersetzerin für Arabisch und Spanisch.
Titel der arabischen Originalausgabe:
Umm Sa‘d
Copyright © 1972 by Anni Kanafani,
e Ghassan Kanafani Cultural Foundation, Beirut
LP 257
Erste Auflage 2026
Copyright © der deutschen Übersetzung
1986 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag
Umschlagfoto: Davide Bonaldo / Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 857 2
ISSN 3043-1972
www.lenos.ch
Für Umm Saad
– das Volk,
die Schule
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Einleitung
Umm Saad ist eine Frau, die es wirklich gibt. Ich
kenne sie gut und sehe sie noch immer häug, rede
mit ihr und lerne von ihr. Weitläug bin ich auch
mit ihr verwandt, aber das ist nicht der Grund,
aus dem sie meine Lehrerin wurde. Die Verwandt-
schaft, die mich mit ihr verbindet, ist unerheblich,
gemessen an ihren Bindungen an jene tapfere, ge-
demütigte Schicht von Menschen, die in Flücht-
lingslager getrieben worden sind, wo sie in Elend
und Armut leben. Auch ich habe dort gelebt, bin
einer von ihnen gewesen. Doch ich weiß nicht, wie
viel ich für sie habe tun können.
»Wir sind die Schüler des Volkes und seine Leh-
rer.« Ich bin der Überzeugung, dass wir die Schule
des Volkes noch nicht absolviert haben, dass wir
noch vieles lernen können von diesem naturgege-
benen Lehrer, der uns auf Schritt und Tritt beglei-
tet und in dessen ungetrübtem Blick die Revolu-
tion zum täglichen Brot gehört.
Umm Saad hat mich vieles gelehrt. Ich möchte
fast sagen, dass jedes Wort der folgenden Seiten aus
ihrem Mund stammt. Worte, von ihren Lippen
8
und ihren kräftigen Händen geformt, die trotz al-
lem palästinensisch geblieben sind und seit zwanzig
Jahren auf eine Gelegenheit warten, zur Wae zu
werden.
Und dennoch ist Umm Saad nicht nur eine Frau
als Einzelperson. Sofern sie ganz sie selbst sein
kann, steht sie mit Leib, Seele und Arbeitskraft für
das Volk und seine Interessen ein, ist sie Teil seines
Alltags. Darum gilt mir ihre Stimme als Sprachrohr
derjenigen palästinensischen Schicht, die den Preis
der Niederlage teuer bezahlt hat und die nun im
tiefsten Elend an vorderster Front steht und immer
noch für andere den Kopf hinhält.
9
I
Umm Saad und der Krieg, der zu Ende ist
Es war ein unglückseliger Morgen. Die Sonne, die
draußen vor dem Fenster brannte, sah aus wie eine
glühende Feuerscheibe unter einer Vakuumglocke.
Entsetzlich. Wir waren in uns zusammengesunken
wie zerknüllte Fahnen. Da plötzlich sah ich sie am
andern Ende der von Ölbäumen gesäumten Straße
auftauchen. Vor dieser Kulisse aus Leere, Schwei-
gen und Elend wirkte sie wie eine Frucht der Erde.
Ich stand auf und ging ans oene Fenster, um
ihre Ankunft zu beobachten. Sie war von hohem
Wuchs. Wie eine Lanze, von verborgener Kraft ge-
tragen, kam sie heran.
Meine Frau trat neben mich und blickte auf die
Straße hinaus. »Ach, da kommt ja Umm Saad«,
stellte sie fest.
Sie war pünktlich wie die Uhr. Diese Frau
kommt immer. Aus dem Innersten der Erde steigt
sie empor, als ob sie eine Leiter ohne Ende er-
klimmt. Schritt um Schritt begleiteten wir sie mit
den Augen.
»Was meinst du«, fragte meine Frau, »wie mag
sich Umm Saad wohl jetzt fühlen?«
10
Das wusste ich ebenso wenig zu sagen. Ich er-
wartete sie, erwartete eine Lektion von ihr. Hinter
uns türmten sich die zerstörten Panzer auf dem
verödeten Sand. Flüchtlingskarawanen durchzogen
neue Gelde. Im Radio ließ sich der Kriegslärm
vernehmen. Aus ihm konnte ich das Schweigen
der Kämpfenden heraushören, das sich laut jam-
mernd wie ein Klageweib auf den Tisch hinter mir
stützte. Alles im Raum belegte es mit seiner ver-
zagten Stimme: Schreibtisch, Sessel, meine Frau,
die Kinder, das Frühstücksgedeck, unsere Zu-
kunftsträume – alles verlor an Bedeutung, und der
Tinte nahm es die Farbe.
»Umm Saad hat sich seit Ausbruch der Kämpfe
nicht mehr blicken lassen«, bemerkte meine Frau.
»Nun taucht sie wieder auf, als hinge ihr Kom-
men und Gehen mit dem Auf und Ab von Sieg
und Niederlage zusammen. Sie haben ihretwegen
gekämpft. Der Verlust wiegt für sie also doppelt
schwer. Was meinst du wohl, was sie jetzt sagen
wird? Warum kommt sie mit einer Miene daher, als
ob sie uns gleich ins Gesicht spucken wollte? Was
meinst du, wie das Lager aussah, als sie es heute
Morgen verlassen hat?«
Die Fragen blieben in der Luft hängen wie
Staub, der sich nicht setzt. Ich konnte sie fast se-
hen. Scharfkantig und spitz wie Messerklingen
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schwammen sie in der Garbe aus silbrigem Licht,
die die Sonne mitten ins Zimmer warf. Unterdes-
sen kam Umm Saad, aufrecht wie ein von unsicht-
baren Stangen gehaltenes Banner, den Weg zu uns
herauf. Auf dem Kopf trug sie ihr kleines Bündel,
das sie immer bei sich hatte.
Umm Saad trat ein und verströmte den Geruch
von Erde im Raum. Sie erschien mir nicht anders
als zehn Tage zuvor. Mein Gott, nur zehn Tage! Wie
viel sich doch verändern kann, wie viele Häuser
zerstört werden können innerhalb von zehn Tagen!
Sie setzte ihr ärmliches Bündel in der Ecke ab,
zog einen trockenen Zweig daraus hervor und warf
ihn mir zu. »Den habe ich unterwegs von einem
Weinstock abgeschnitten. Ich will ihn dir vor die
Tür panzen, und in ein paar Jahren kannst du
Trauben ernten.«
»Ist denn für so etwas jetzt Zeit, Umm Saad?«,
wandte ich ein und drehte den Zweig, der wie ein
wertloses dunkelbraunes Stück Holz aussah, unbe-
holfen zwischen den Fingern.
Sie schlang ihr weißes Tuch fester um den Kopf,
eine Geste, die signalisierte, dass sie mit den Ge-
danken ganz woanders war.
»Vom Weinstock hast du wohl keine Ahnung«,
belehrte sie mich. »Er ist eine fruchtbare Panze,
die nicht viel Wasser braucht. Im Gegenteil, mit zu
Erzählung

Aus dem Arabischen von Veronika Theis


LP 257
Paperback
ISBN 978-3-85787-857-2
Seiten 86
Erscheint 20. Oktober 2026
€ 10.00 / Fr. 12.00 *
* voraussichtlicher Verkaufspreis

Ausgaben
Paperback (2026)

»›Glaubst du, wir leben nicht im Gefängnis?‹, fragte sie dann. ›Was ist das Lagerleben denn sonst, wenn nicht Gefangenschaft? Es gibt viele Gefängnisse, mein Freund, sehr viele! Das Lager ist ein Gefängnis, dein Haus ist ein Gefängnis. Die Zeitung, das Radio, der Bus ist ein Gefängnis, die Strasse, die Augen der Leute … Unser Leben ist ein Gefängnis.‹«

Kanafanis Erzählung Umm Saad erschien nach dem Junikrieg 1967. Mit eindrücklichen Szenen aus dem Leben von Umm Saad, einer tapferen, aufrechten, stolzen Ehefrau und Mutter, beschreibt der Autor das Erwachen eines neuen Bewusstseins des Widerstands in der palästinensischen Bevölkerung, die als Folge des Krieges ins Exil, in ein Leben im Flüchtlingslager gezwungen war.
Die Frauenfigur steht symbolisch für das neue Selbstbewusstsein und den Mut, die erzwungene Opferrolle nicht zu akzeptieren und für die gemeinsamen Interessen einzutreten.


Pressestimmen

Ghassan Kanafanis Waffe im Kampf für die Befreiung Palästinas ist das Wort, genauer das erzählende Wort, nicht die Kampfschrift, nicht das Pamphlet. Kanafani erzählt von Menschen, die er gekannt hat.
— Klara Obermüller, Die Weltwoche

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