LENOS
×
Als Océane an ihrem fünfzehnten Geburtstag von der Schule nach
Hause kommt, wird sie Augenzeugin einer brutalen Razzia. Es ist
der 11. Juni 1981. Die Polizei beschlagnahmt die Fischernetze der
Mi’gmaq, die seit Jahrhunderten vom Lachsfang leben. Viele werden
verhaftet, es gibt Tote. Québec, ganz Kanada ist in Aufruhr. Kurz
darauf findet der Ranger Leclerc ein indigenes Mädchen, das mehrfach
vergewaltigt wurde. Zusammen mit dem Mi’gmaq William versucht
er die Tat aufzuklären. Dabei kommen sie einem Netzwerk auf die
Spur, in das auch die Polizei verstrickt ist. Taqawan, so nennen die
Mi’gmaq den Lachs, der zum ersten Mal in den Fluss seiner Geburt
zurückkehrt.
Éric Plamondon, geboren 1969 in Québec, studierte Journalismus an
der Universität Laval und Literatur an der Universität von Québec
in Montréal. Seit 1996 lebt er in der Region Bordeaux, wo er in der
Kommunikation tätig ist. Er veröffentlichte bisher sechs Romane, die
zahlreiche Auszeichnungen erhielten. ericplam.com.
Éric Plamondon
Taqawan
Roman
Aus dem Französischen
von Anne Thomas
Lenos Verlag
Die Übersetzerin
Anne Thomas wurde 1988 in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz geboren
und wuchs in Flensburg auf, nachdem sie 1989 mit ihrer Familie aus
der DDR geflohen war. Seit 2013 ist sie als freiberufliche literarische
Übersetzerin tätig (u. a. Gabriel Katz, Anna Boulanger). Sie lebt und
arbeitet in Paris, London und Berlin. Anne Thomas organisiert und
leitet Übersetzungsworkshops in Schulen in Deutschland und Frank-
reich und ist als Dolmetscherin bei literarischen und kulturellen Ver-
anstaltungen tätig.
Der Verlag dankt dem Conseil des arts du Canada / Canada Council for
the Arts für die Unterstützung.
Der Lenos Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Struk-
turbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Titel der französischen Originalausgabe:
Taqawan
Copyright © 2018 by Éric Plamondon, Quidam éditeur
Published by arrangement with Marie-Pacifique Zeltner,
Agence Bibemus
Erste Auflage 2020
Copyright © der deutschen Übersetzung
2020 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: Christoph Lischetzki / Shutterstock,
unter Verwendung einer Grafik von phwmhu / Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 004 2
www.lenos.ch
Inhalt
Die Brücke 11
Céline Dion 18
Leviathan 20
Caboto 26
Die gütige Sainte Anne 27
Salmo salar 29
Die erste Razzia 31
40 km² 33
Téléjournal 36
Gespeg 38
Wilde 39
Der Bison im Nordwesten 40
Begegnung 41
Hundewetter 46
Toboggan 48
Kein Zurück 49
Angst vor niemandem 55
Made in China 56
3000 Tonnen 58
Weiss 60
Nieren 65
Nachrichten 66
Erdkruste 67
Ein Bach 71
Der Geruch der Flüsse 78
Begräbnis 80
Wie ein Knochen 86
French and Indian War 87
Kleopatra 92
Wir haben alle Indianerblut 93
Kanadagänse 100
Helles Wetter, helle Fliegen 102
Heimaterde 103
Bloody Mary 104
Miskwessabo 108
22. Juni 109
Petum 113
Sismòqonabu 115
Referendum 117
Kaviar 124
Die Vergewaltigung 126
Sie noch mehr umbringen 129
Tief wie ein Eistaucher 132
Ave Maris Stella 134
Fallen 137
Der Haken 139
Fadenlauf 140
Das ganze Leben vor sich 142
Get out! 143
23. Juni 1981 144
Wie einen Hasen 149
Kindheitstraum 152
Taqawan 155
Schimpansen 159
Etwas zu fassen kriegen, was sich uns entzieht 161
ZEC 167
Chieftain 1976 169
Winnebago 170
Verrat 176
Econoline 179
Pressekonferenz 184
Du hast deinem Vater nicht gehorcht 187
Nemesis 188
Stadacona 192
Wie ich armer Hund am Knochen nag’ 194
Es war bloss ein Traum 196
Océane 197
Nachbemerkung des Autors 205
Anmerkungen der Übersetzerin 206
Ta’n tujiw plamu getu’ siga’lat
amujpa tmg toqjua’t sipug.
Zum Laichen muss ein Lachs
erst einmal flussaufwärts schwimmen.
MIGMAQ-WEISHEIT
Die Eroberung des Landes durch den weissen Mann
gab das Signal zur Ausrottung der Wilden. Jene
Rasse, unfähig, Ackerbau zu betreiben oder unsere
Zivilisation zu begreifen, wich mehr und mehr zu-
rück, je weiter wir in das Gebiet vordrangen. Nach
und nach ward das Jagdgebiet von Pflügen aufge-
rissen und zu fruchtbaren Feldern gemacht, um
die herum sich eine in Glaube, Sprache, Sitten und
Bräuchen völlig fremde Bevölkerung ansiedelte. Der
Europäer gibt sich mit nur wenig Raum zufrieden,
so er sich niederlassen und seinen Lebensunterhalt
bestreiten kann. Der Amerikaner dagegen bean-
sprucht für jede Familie so viel Land wie unsereins
für vier oder fünf Gemeinden zusammen. Gleich ei-
ner unbesiegbaren Armee auf dem Vormarsch ist die
weisse Rasse überallhin vorgestossen, und die vor-
deren Reihen mussten lediglich mit der Axt in der
Hand den Waldrand erreichen; alsdann konnten sie
riesige Gebiete ihr Eigen nennen.
BENJAMIN SULTE
1
Histoire des Canadiens-français, 1882
11
Die Brücke
Jede Form von Verachtung, in die Politik eingedrungen,
bereitet den Faschismus vor oder führt ihn ein.
ALBERT CAMUS
2
Sie steigt in den Bus und setzt sich, drückt ihre heisse
Stirn gegen die kühle Scheibe. In ihrer Stille ignoriert sie
das Geschrei, das Lachen und das Gedrängel von denen,
die sich durch den Gang schieben und links und rechts
auf die Zweiersitze schmeissen. Der Motor läuft, der Bus
ist ein gelber Blue Bird. Er fährt Richtung Brücke. Es ist
Donnerstag. Bald ist das Schuljahr um. 11. Juni. Ihr Ge-
burtstag. Heute wird sie fünfzehn. Sie hat es niemandem
erzählt. Ihrer Mutter fällt es vielleicht beim Abendessen
ein, wenn sie nicht zu viel getrunken hat. Würde es Ku-
chen geben? Würde sie sich an die Geburt ihrer Tochter
erinnern, an einem Junitag wie heute, 1966? Der Bus nä-
hert sich der Van-Horne-Brücke, die Québec mit der Pro-
vinz New Brunswick verbindet, das Wasser darunter ist
schon nicht mehr der Restigouche, aber auch noch nicht
die Baie des Chaleurs. Die Brücke markiert eine Grenze
innerhalb des Landes, eher politischer als geographischer
Natur. Morgens holt der Schulbus die Kinder aus dem In-
dianerreservat ab und bringt sie in die englische Schule,
und am späten Nachmittag fährt er sie wieder zurück. Es
gibt Québec und den Rest Kanadas, das Reservat und den
Rest der Welt. Vor zehn Generationen lebten sie noch auf
der gesamten Gaspésie-Halbinsel. Vor zehntausend Jah-
12
ren hatten sie sich hier niedergelassen, am Ende der Welt,
Gespeg. Die Mi’gmaq. Die ersten Franzosen nannten sie
Souriquois
3
. Später gab es unterschiedliche Schreibweisen
ihres Namens: Miquemaques, Mi’kmaqs, Micmacs.
Als der Bus aus dem Zentrum heraus und auf die
Brücke zufährt, wird Océane aus ihren Gedanken geris-
sen. Sie öffnet den Mund, runzelt die Stirn. Irgendetwas
stimmt nicht. Die anderen Kinder im Bus reagieren ge-
nauso: kurze Stille. Der Fahrer bremst, hält abrupt an.
Ein paar Meter weiter blockieren drei Autos von der Gen-
darmerie royale du Canada die Brückenauffahrt. An die
zehn
GRC-Beamte haben sich, Gewehr in der Hand, auf
der Strasse postiert. Der Fahrer macht den Motor aus. Im
Bus wird es unruhig. Er betätigt einen Hebel, die Türen
klappen auf, und er steigt aus.
Am anderen Ufer über Pointe-à-la-Croix ein Hub-
schrauber. Von ihm geht eine Böe aus, dass die Brücke
wackelt, erreicht auch die Kinder, die die Köpfe aus den
Busfenstern stecken. Weiter hinten fahren Boote an den
Ufern des Reservats auf und ab. Der Hubschrauber steht
jetzt genau über der Bucht. Der Busfahrer redet mit zwei
Polizisten. Océane erschauert wie von einem Stich, einer
unbekannten Gefahr. Sie wird heute fünfzehn und spürt,
dass etwas ihre Schenkel hinabrinnt. Ihre Jeans wird nass,
zwischen ihren Beinen bildet sich ein bräunlicher Fleck.
Sie kneift ungläubig die Augen zusammen, aber hat
keine Zeit, in Panik zu geraten. Als sie den Kopf hebt,
drücken hinten gerade drei Jungen die Nottür auf. Man-
che feuern sie an, andere rufen, sie sollen nicht aussteigen.
Die Jungen rennen zum Strassenrand. Sie stürmen die
13
Böschung hinunter und unter die Brücke. Das Mädchen
folgt ihnen, rennt hinterher, holt sie ein. Vor der Gitter-
tür bleiben sie stehen. Sie ist mit einer schweren Kette
gesichert und versperrt den Zugang zur Leiter, hinauf
zum Wartungssteg. Die drei Jungen kennen sich hier aus.
Sie wissen, wie man über das Absperrgitter und unter den
Brückenbauch kommt. Also klettern sie, klammern sich
fest, steigen vorsichtig hinüber und prallen drüben hart
auf den Gitterrost. Oben auf der Absperrung fällt Océane
der Fleck auf der Hose wieder ein. Aber die drei Jun-
gen sind schon weitergerannt. Nun springt auch sie. Sie
heftet sich an ihre Fersen, folgt dem Echo ihrer Schritte
auf der Metallkonstruktion. Der erste Junge ist über den
zweiten Pfeiler hinaus. Schwer hallt der Rhythmus ih-
rer Schritte auf dem leicht ansteigenden Steg. Hier, über
festem Land, ist er noch breit. Als die vier Kinder beim
dritten Pfeiler ankommen, peitscht in ihrem Rücken
die Stimme eines Erwachsenen, ruft und befiehlt. Die
Ausreisser achten nicht darauf und nähern sich gebückt
und mit gesenktem Kopf dem vierten Pfeiler. Durch das
Stahlgeflecht glitzert das Wasser. Océane dreht sich um.
Drei Polizisten haben die Absperrung überwunden und
nehmen die Verfolgung auf. Océane schreit auf. Einer
der Jungen ruft: »Schneller!« Am vierten Pfeiler wird
es gefährlich. Sie müssen die Metallträger umklammern
und auf den schmalen Hängesteig unter der Fahrbahn
klettern: vierhundert Meter Spannung. Océane hört die
Polizisten hinter sich näher kommen. Behutsam wird
sie schneller. Muss unter der Absperrung durchschlüp-
fen, über den Beton kriechen, sich den Hosensaum am
14
Stahlrost aufreissen, sich vom letzten Jungen hinüberhel-
fen lassen und ein weiteres Schutzgitter überwinden. Die
vier Kinder sind hoch oben, an die zehn Meter über der
Bucht, Akrobaten, die sich an ihre Angst klammern. Die
Polizisten bleiben stehen. Sie können es nicht riskieren,
ihnen dorthinauf zu folgen. Der Steig ist zu hoch, zu sch-
mal. Die Kinder, leicht schwindelig, werden langsamer.
Hinter ihnen ist nichts mehr. Aber vor ihnen? Sie gehen
weiter, im Gänsemarsch, hoch über dem Wasser. Jetzt,
da sie mehr als die Hälfte der Brücke hinter sich haben,
sehen sie erst das Ausmass des Tumults auf dem Resti-
gouche. Unter ihnen ziehen fremde Motorboote Kreise
um die Boote ihrer Eltern. Dazwischen spritzen Zodiacs
in Polizeifarben durchs Wasser, der Hubschrauber kreist
noch immer über dem Reservat. Unwillkürlich sind die
Kinder stehengeblieben. Gerade erst haben sie eine Stras-
sensperre aus drei Autos umgangen, und nun laufen sie
einer Armee in die Arme, die in ihr Dorf eingefallen ist.
Der erste Junge fragt: »Was jetzt?« Océane antwortet,
dass sie weitergehen, dass sie keine Wahl haben. Gut ver-
steckt im Metallgeflecht, marschieren sie weiter. Hat die
Gendarmerie royale du Canada die Provinzpolizei, die Sû-
reté du Québec (
SQ), alarmiert? Sie sind jetzt am siebten
Pfeiler, von da aus können sie wieder auf den Wartungs-
steg. Sie müssen wieder auf allen vieren kriechen, sich die
Träger entlangschieben, den letzten Abschnitt ohne De-
ckung überwinden. Ins Wasser springen? Der Gedanke
kommt ihnen, aber niemand spricht ihn aus. Im Moment
ist der Weg frei, und die anschwellenden Geräusche las-
sen ein Schlachtfeld erahnen. Von hier aus sehen sie nicht
15
mehr, was passiert. Vor ihnen ragt ein letztes Absperr-
gitter auf, dann ist der Steg zu Ende. Sie sind direkt am
Ufer, und die Böschung ist steil. Sie müssen sich beeilen,
das letzte Stück ist riskant. Zwei der Jungen beschliessen,
sich nach links zu wenden, Richtung Reservat. Océane
und der andere Junge gehen lieber nach rechts, Richtung
Pointe-à-la-Croix. Sie trennen sich, vielleicht treffen sie
sich später wieder.
Océane und der Junge schleichen gebückt durchs hohe
Gras, nähern sich den Polizeisirenen, dem Rauschen der
Autoradios und dem zornigen Geschrei. Mittlerweile hat
die
GRC die SQ über die vier Kinder unter der Van-Horne-
Brücke informiert. Sergent Trudel hat andere Prioritäten.
Im Augenblick steht er einem Alten gegenüber, der eine
Axt schwingt. Der alte Mann hat auf dem Boden eine Li-
nie gezogen und bedroht die Beamten. Er kann für nichts
mehr garantieren, wenn die Weissen sie übertreten. Es
brodelt zwischen den Mi’gmaq und der Polizei. Es bro-
delt seit dem Mittag. Sie haben Aufstellung genommen.
Die Weisung ist eindeutig: Ihr seid die Verstärkung für
die Beamten vom Artenschutz, die Lachsfangnetze in der
Restigouche-Mündung werden konfisziert. Das hat man
ihnen gesagt. Dreihundert bewaffnete Männer gegen die
Indianer aus dem Reservat: Männer, Frauen, Kinder und
Alte. Innerhalb weniger Minuten hat die
SQ sämtliche
Zufahrtswege gesperrt und die Telefonleitungen gekappt.
Océane und der Junge beobachten das Geschehen um
sie herum. Auf der New Brunswicker Seite hat der Bus
gewendet und fährt die Kinder zurück zur Schule. Auf
der Québecer Seite verhandelt der Chief mit den Sicher-
16
heitskräften. Das Reservat ist ein eigener Hoheitsbereich.
Zwar befindet es sich auf Québecer Territorium, aber es
untersteht wie alle Reservate der kanadischen Regierung.
Es wird hitzig diskutiert. Trudel hat einen Staatssekre-
tär des Québecer Ministeriums für Tourismus, Jagd und
Fischfang an seiner Seite. Der indianische Chief ist vom
Stammesrat umringt, und drum herum steht die aufge-
brachte Menge und schreit: »Get the fuck out!« Auf der
einen Seite wird geschimpft, skandiert, auf der anderen
Seite dagegen wird taxiert, verhalten gefeixt, geduldig
gewartet, dass die Befehle kommen.
Am meisten brodelt es auf dem Wasser. Als die Poli-
zisten beginnen, die Netze einzuholen, und die Fischer
versuchen, ihnen zuvorzukommen, zieht sich der Raum
enger zusammen. Trudels Männer halten mit ihren Zodi-
acs auf die Boote der Ureinwohner zu. Der Hubschrauber
nähert sich ein paar Booten, um sie zum Ufer zu abzu-
drängen. Die Indianer wollen ihre Netze retten. Damit
verdienen sie ihren Lebensunterhalt, können sich ernäh-
ren und ihre Kinder grossziehen. Also ignorieren sie die
Warnungen, schütteln die Fäuste und kreuzen in der Baie
des Chaleurs, um ihren Verfolgern zu entwischen. Aber
sobald sie die Netze eingeholt haben, müssen sie an Land.
Sie haben keine andere Wahl, und dort warten die Polizis-
ten. Es sind viele. Sie zerren sie von den Booten, fünf ge-
gen einen, drehen ihnen die Arme auf den Rücken, legen
ihnen Handschellen an, schlagen ihnen in die Kniekeh-
len, damit sie einknicken. Die Aufgedrehtesten brüllen:
»On your knees, fucking asshole!« Und die Zähesten er-
widern: »Ein Indianer kniet vor niemandem niederDa
17
hagelt es doppelt so viele Schläge, die Sicherheitskräfte
werden rasend und fies. Wenn man Hunde loslässt, wenn
man bewaffneten Schergen grünes Licht gibt, ihnen sagt,
dass sie sich gegenüber widerspenstigen, verdammungs-
würdigen, kriminellen Individuen alles herausnehmen
dürfen, wenn man jemandem solche Ideen in den Kopf
setzt, muss man immer mit dem Schlimmsten rechnen.
Die Menschlichkeit schwindet Stück für Stück. Im Eifer
des Gefechts schaltet sich der Verstand aus. Befehle müs-
sen, ohne nachzudenken, befolgt werden. In den Dienst-
verträgen gewisser Spezialeinheiten gibt es Klauseln, die
den Unterzeichner verpflichten, Familienmitglieder zu
eliminieren, wenn man ihm den Befehl dazu gibt. Män-
ner würden auf ein Kopfnicken hin ihre eigenen Kinder
erschiessen. Und wenn man eine Horde Kerle aus Québec
auf ein Reservat loslässt, endet das mit gebrochenen Rip-
pen und ausgekugelten Schultern – bestenfalls.
18
Céline Dion
Am 19. Juni 1981 verkündet der Starmoderator Michel
Jasmin in seiner wöchentlichen Fernsehsendung auf
TVA
Télé-Métropole: »Sie wissen ja sicherlich, wie gern wir
Ihnen jemand Neues präsentieren und Ihnen junge Ta-
lente vorstellen. Heute Abend ist etwas ganz, ganz,
ganz Besonderes, denn die junge Dame, die wir zu Gast
haben, ist erst dreizehn Jahre alt. Und sie hat eine herrli-
che Stimme. Hören Sie selbst.«
Langes, gelocktes Haar, buschige Augenbrauen, schiefe
Zähne, seltsamer Mund und ein langes weisses Kleid. Sie
singt:
Dans un grand jardin enchanté
Tout à coup je me suis retrouvée
Une harpe, des violons jouaient
Des anges au ciel me souriaient
Le vent faisait chanter l’été
Je marchais d’un pas si léger
Sur un tapis aux pétales de roses
Une colombe sur mon épaule
Dans chaque main une hirondelle
Des papillons couleur pastel
Ce n’était qu’un rêve
Ce n’était qu’un rêve
Mais si beau qu’il était vrai
19
Comme un jour qui se lève
So eroberte Céline Dion in den achtziger Jahren Qué-
bec. Den Liedtext von Ce n’était qu’un rêve, »Es war bloss
ein Traum«, hatte ihre Mutter geschrieben, ergrei-
fende Worte, merkwürdige Poesie, in der es von Har-
fen, Schwalben und niedlichen Schmetterlingen nur so
wimmelt! Drei Jahre später, am 11. September 1984,
sang die sechzehnjährige Céline Une colombe est partie en
voyage, »Eine Taube ging auf die Reise«, vor Papst Jo-
hannes Paul II. im Olympiastadion Montréal. Das verhalf
ihr endgültig zum Erfolg. Doch am 19. Juni 1981, als
Tausende Québecer Céline zum ersten Mal im Fernsehen
sehen, errichten Hunderte Ureinwohner in Erwartung
einer zweiten Razzia Barrikaden rund um das Reservat
Restigouche.
Es ist nicht bloss ein Traum.
20
Leviathan
In einer sandigen Bucht haben sie ihr Sommerlager auf-
geschlagen. Die Kinder planschen im kalten Wasser.
Frauen schaben Robbenfelle ab. Männer spalten Fichten-
wurzeln, um daraus Stricke zu machen, die sie zur Her-
stellung von Kanus und Werkzeugen verwenden. In der
Mitte des Wigwamlagers brennt stets ein Feuer. Krähen-
schreie begleiten die geschickten Hände einer alten Frau,
sie verziert einen Behälter aus Birkenrinde mit Stachel-
schweinborsten. In der windgeschützten kleinen Bucht
spriessen hier und da gelbe und violette Blümchen auf
grünem Gras, Kanus aus Baumrinde liegen auf der Seite.
Als die Sonne um die Spitze der Bucht herum ist,
kommt ein Kundschafter ins Dorf zurück. Drei Tage war
er unterwegs, und er bringt schlechte Nachrichten. Die
Feinde aus dem Süden vom Stamm des Grossen Adlers
sind unterwegs. Sie müssen rasch das Feuer löschen, die
Kinder herbeirufen, die Wigwams abbauen und die Ka-
nus packen. Die kleine Gruppe flüchtet oft gen Meer.
Das ist das Beste, um keine Spuren zu hinterlassen und
möglichst schnell weit weg zu kommen. Also wird syste-
matisch, weil es zu ihrem Leben gehört und jeder weiss,
was er zu tun hat, das Lager abgebaut. Am späten Nach-
mittag fahren sie aufs Meer hinaus, so wollen sie ihren
Feinden entkommen, die auf dem Kriegspfad sind. Wenn
alles gutgeht, sind sie noch vor Einbruch der Dunkelheit
ausser Reichweite. Sie würden lagern und am nächsten
Tag noch ein Stück weiter fahren. Die Feinde aus dem

Prix France-Québec

Roman

Aus dem Französischen von Anne Thomas


Softcover
ISBN 978-3-03925-004-2
Seiten 208
Erschienen 29. September 2020
€ 22.00 / Fr. 28.00

Roman noir über Kolonialgeschichte Kanadas und indigene Bevölkerung

Als Océane an ihrem fünfzehnten Geburtstag von der Schule nach Hause kommt, wird sie Augenzeugin einer brutalen Razzia. Es ist der 11. Juni 1981. Die Polizei beschlagnahmt die Fischernetze der Mi’gmaq, die seit Jahrtausenden vom Lachsfang leben. Viele werden verhaftet, es gibt Tote. Québec, ganz Kanada ist in Aufruhr. Kurz darauf findet der Ranger Leclerc ein indigenes Mädchen, das mehrfach vergewaltigt wurde. Zusammen mit dem Mi’gmaq William versucht er die Tat aufzuklären. Dabei kommen sie einem Netzwerk auf die Spur, in das auch die Polizei verstrickt ist.

Taqawan, so nennen die Mi’gmaq den Lachs, der zum ersten Mal in den Fluss seiner Geburt zurückkehrt. Auch Éric Plamondon begibt sich zu den Ursprüngen: Er verwebt die Geschichte der Kolonisation Ostkanadas mit den Legenden der Mi’gmaq und ihrem Ringen um Eigenständigkeit. Ein packender Roman noir und ein faszinierender Einblick in die Lebenswelt dieser First Nation.

Pressestimmen

Einer der interessantesten und bemerkenswertesten Krimis seit langem.
— Ulrich Noller, Westdeutscher Rundfunk
Ein herausragender, mutiger Roman … »Taqawan« ist historische Untersuchung, Nature Writing, gesellschaftspolitische Studie, Soziogramm, Bildungsroman, Essay, Abenteuergeschichte und eben auch Kriminalroman.
— Ulrich Noller, Deutschlandfunk Kultur
Éric Plamondon kennt das zerrissene Kanada.
— Hannes Hintermeier, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Wortgewandt offenbart Plamondon die Widersprüche, die sich in Québec auftun, macht die täglichen Ungerechtigkeiten und Parallelwelten in der Gesellschaft spürbar.
— Doris Kraus, Die Presse am Sonntag
Éric Plamondon verbindet in seinem Kolonialismus-Thriller Erdgeschichte, Weltgeschichte und kanadische Geschichte mit der Geschichte der klugen Océane, die an ihrem 15. Geburtstag von drei Polizisten vergewaltigt wird.
— Jörg Häntzschel, Süddeutsche Zeitung
Éric Plamondon klagt das tägliche Unrecht an der indigenen Bevölkerung an. Nebenbei gibt er spannende Einblicke in eine fremde Lebenswelt.
— Gabriele Knetsch, Bayerischer Rundfunk
Ein wahnsinniger Roman, brillant, mitreissend, zuweilen frösteln machend, ein Abenteuer in der Tradition von Jack London, Herman Melville und Joseph Conrad.
— La Cause littéraire

Termine