LENOS
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Machmud Darwisch, die Stimme des palästinensischen Volkes und
ein überragender Dichter seiner Generation, verfasste im Laufe sei-
nes Lebens mehrere bemerkenswerte Bände mit autobiographischen
Essays. Die vorliegenden, 1973 in Beirut erstmals veröentlichten
Kurztexte stellen wichtige Fragen zur komplexen Realität, mit der
Palästinenser und Palästinenserinnen in Israel konfrontiert sind, und
zur Zweideutigkeit von Darwischs eigener Identität als israelischem
Palästinenser. Sie berufen sich auf Mythos, Erinnerung und Spra-
che, um die Erfahrungen des Dichters zu erforschen den Haus-
arrest, die Verhöre durch israelische Oziere und die Zeiten, die er
im Gefängnis verbrachte. Das Tagebuch ist ein bewegender, intimer
Bericht über den Verlust der Heimat und das Leben innerhalb der
Mauern der Besatzung.
Lenos Verlag
Machmud Darwisch
Tagebuch der alltäglichen Traurigkeit
Aus dem Arabischen
von Farouk S. Beydoun
Die deutsche Übersetzung erschien erstmals 1978
im Verlag Der Olivenbaum, Berlin.
Für die vorliegende Neuausgabe wurde sie durchgesehen
und grundlegend überarbeitet.
Titel der arabischen Originalausgabe:
Jaumijjât al-husn al-‘âdî
Copyright © 1973 by Mahmoud Darwish Foundation
Erste Auflage 2025
Copyright © der deutschen Übersetzung
2025 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: Singh Srilom / Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 046 2
www.lenos.ch
Inhalt
Der Mond ist nicht in den Brunnen gefallen 7
Die Heimat – zwischen Erinnerung und Koer 41
Tagebuch der alltäglichen Traurigkeit 71
Wer fünfzig Araber tötet, zahlt einen Piaster 111
Wenn dich die Freude trügt 141
Auf dem Weg in die Welt – fremd in der Welt 169
Am 15. Mai rechne ich
mit den arabischen Phrasen ab 183
Der Mond ist nicht in den Brunnen gefallen
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– Was machst du, Vater?
– Ich suche mein Herz, das ich heute Nacht verloren
habe.
– Glaubst du, dass du es hier nden wirst?
– Wo sonst wenn nicht hier, mein Sohn? Ich bücke
mich und lese es Stück für Stück von der Erde auf, so
wie die Bäuerinnen im Oktober die Oliven Stück für
Stück aufsammeln.
– Aber du sammelst ja Kieselsteine!
– Auf diese Weise übe ich mein Gedächtnis und schärfe
meinen Blick. Wer weiß, vielleicht sind diese Kiesel
versteinerte Teile meines Herzens? Wenn nicht, mein
Sohn, so habe ich mich daran gewöhnt, nach etwas zu
suchen, was verloren schien; ginge es aber tatsächlich
verloren, dann wäre ich selbst ein für allemal verloren.
Schon allein dass ich suche, heißt, ich werde mich nie-
mals mit dem Verlorenen abnden. Solange ich nicht
wiedernde, was ich verloren habe, so lange bleibe ich
verloren.
– Was machst du noch, Vater?
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– Ich suche und nde Kieselsteine, die meinem Herzen
ähnlich sehen, und verwandle sie mit meinen brennen-
den Fingern in Worte. Worte, durch die ich ständig im
Zwiegespräch mit dem fernen Land stehe. Wir werden
zu einer Sprache aus Fleisch und Blut.
– Hast du nicht auch andere Worte gesprochen?
– Ich spreche Worte aus, ohne sie zu verstehen. Die
Frau, mit der ich spreche, wird ein Teil der neuen
Fremde.
– Als du noch klein warst, hast du dich da vor dem
Mond gefürchtet?
– Ja, so heißt es. Aber es stimmt nicht, dass sich Kinder
vor dem Mond fürchten.
Ohne ihn wäre ich schon lange vor der Zeit Waise ge-
worden. Er war noch nicht in den Brunnen gefallen.
Er war höher als meine Stirn und näher als der Maul-
beerbaum, der im Hof des Hauses meiner Großeltern
wuchs. Der Hund bellte, weil der Mond näher kam. Als
der erste Schuss gefallen war, wunderte ich mich, wieso
mitten in der Nacht Hochzeit gefeiert wird. Und als sie
uns in langer Karawane wegschleppten, begleitete uns
der Mond auf dem Weg, den wir gingen, auf dem Weg,
den ich später als den Weg ins Exil erkannte. Ohne den
Mond, sage ich dir, hätte ich meinen Vater verloren.
– Woran erinnerst du dich noch?
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– Ich erinnere mich, dass ich schon in frühester Kind-
heit gelernt habe, allein eine Reise zu machen. Meine
Mutter fuhr nach Akka. Ich war böse, weil sie mich
nicht mitnahm. Ich liebte Akka so sehr! Damals war
Akka für mich der am weitesten entfernte Punkt der
Welt. Und heute ist diese Stadt – paradoxerweise – wie-
der der am weitesten entfernte Punkt der Welt für mich.
Ich war gerade fünf Jahre alt und ging die asphaltierte
Straße entlang in Richtung Akka.
– Woher kanntest du die Richtung?
– Die asphaltierte Straße, die sich nach Westen hinzog,
war mein Wegweiser. Am Ende der Straße liegt Akka.
Die Hitze war unerträglich. Ich weinte in der Sonnen-
glut vor Durst. Mehrmals setzte ich mich hin, um Atem
zu holen. Ich überlegte, ob ich nicht einfach umkehren
sollte, aber ich schämte mich, eine Niederlage einzuge-
stehen.
– Was nennst du eine Niederlage?
– Für mich ist eine Niederlage, wenn ich mir etwas von
Herzen wünsche und es doch nicht erreiche. Wenn ich
etwas anfange und es nicht fortsetzen kann. Und des-
halb bin ich meinen Weg nach Akka weitergegangen.
Ich stand auf einer Kreuzung vor der Stadt. Die Rich-
tung, aus der ich kam, interessierte mich nicht. Ich
wandte mich nach Süden und kam zu einer Sanddüne
nahe am Meer. Meine Mutter war nicht da. Ich ging zur
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Kreuzung zurück, schlug den Weg nach Norden ein und
kam auf die Straße, die damals nach Beirut führte. Auch
dort war meine Mutter nicht. Noch einmal ging ich zur
Kreuzung zurück. Nun versuchte ich es in Richtung
Westen und kam ins Zentrum der Stadt. Ich ging in ein
Lokal und bat um Wasser. Sie gaben es mir und fragten
mich, wen ich suchte. Ich sagte: Ich suche meine Mutter.
– Wie kann ein Dorfkind in einer fremden, überfüllten
Stadt seine Mutter suchen?
– Ich war sicher, sie unter den Tausenden und Abertau-
senden herauszunden. Und hätte ich nicht Angst vor
der Nacht gehabt, die unaufhaltsam näher kam, wäre
ich nicht allein ins Dorf zurückgekehrt. Aber anschei-
nend muss sogar ein fünfjähriges Kind die Niederlage
kennenlernen. Ich ging noch einmal zur Kreuzung zu-
rück und schlug wieder die Richtung ein, aus der ich
gekommen war. Ich fürchtete mich vor der Nacht, die
von der Ebene heraufkam, und wartete am Straßen-
rand. Ein Lastwagen hielt an. Der Fahrer fragte, wohin
ich wollte. Ich antwortete: Nach al-Birwa.
Meine Mutter war längst zu Hause, Verwandte und
Nachbarn suchten alle Brunnen des Dorfes nach mir
ab. Wenn ein Kind verschwunden ist, muss es doch in
einen Brunnen gefallen sein. Meine Mutter weinte, und
ich weinte mit ihr. Als ihr Herz wieder froh war, schlug
sie mich. Mein Großvater hob mich auf seinen Schoß
und gab mir Süßigkeiten So ging meine erste Reise
zu Ende.
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Damals habe ich einen Vorgeschmack auf Akka bekom-
men. Immer suche ich in dieser Stadt etwas, was ich
nicht nden kann. Damals suchte ich meine Mutter, die
schon ins Dorf zurückgekehrt war. Jahre später suchte
ich in Akka meine Geliebte. Sie feierte aber Hochzeit
mit einem anderen. Noch später suchte ich in Akka Ar-
beit, doch die Armut verfolgte mich. Ich suchte in Akka
mein Volk, aber alles, was ich fand, waren eine Gefäng-
niszelle und ein unverschämter Ozier. Diese Stadt war
für mich das Ende der Welt. Sie war der erste all meiner
Versuche und die erste all meiner Niederlagen, und ihre
Mauern waren angefressen von der Zeit.
– Kannst du dich noch an anderes aus deiner Kindheit
erinnern?
– Ich erinnere mich an einen unerklärlichen Zustand,
in dem ich Traum und Phantasie zu meiner existentiel-
len Rettung einsetzen konnte. Die Wirklichkeit wurde
ständig unterbrochen, ehe sie noch in meinem Bewusst-
sein ihre endgültige Form angenommen hatte. Später
war ich oft gezwungen, in diesen unerklärlichen Zu-
stand zurückzukehren, und dabei half mir der Traum.
So befand ich mich ständig in einem Traumzustand, der
durch die Realitäten des Lebens begrenzt war, und nicht
etwa in einem Zustand luxuriöser Phantasterei. Damit
wird die Erde zu einem Felsen und einem Vogel zu-
gleich. In der gegenwärtigen Situation, die in gar keiner
Weise gerecht ist, kannst du nur mit Hilfe des Traums
leben, eines Traums, der für dich wirklicher ist als ein
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in der Erde verwurzelter Baum. Es ist wahr, die Dinge
wären nicht so heilig für dich, wären sie nicht ein Prüf-
stein für deine Existenz. Denn erst dann sind sie heilig,
wenn sie umkämpft werden. Aber dass du sie entbehren
musst, ist nicht der einzige Beweis für den Wert und die
Bedeutung, die sie für dich haben. Nur so können wir
verstehen, warum vertriebene Menschen bereit sind, für
die Rückkehr in ihr Land die größte Armut auf sich zu
nehmen. Wenn wir revolutionäre Losungen ausgeben,
vergessen wir oft eines: die menschliche Würde. Mein
Land hat nicht immer recht. Aber ich kann nur in mei-
ner Heimat wirklich gerecht sein.
– Warum weichst du mir aus? Warum bleibst du nicht
bei den alten Zeiten?
– Weil ich dir erklären will, dass ich kein altes Glück
verteidige und auch kein altes Unglück besinge. Haben
die Arbeiter denn keine Heimat? Doch, die Heimatlo-
sen haben auch eine Heimat. Vielleicht ist es ein Glück,
dass unsere Heimat Recht und Schönheit verkörpert.
Doch sie hat nicht nur durch die Projektion unserer
Entbehrungen diese schöne Gestalt angenommen. Sie
ist ein Traum in ihrer Wirklichkeit und eine Wirklich-
keit in ihrem Traum. Wir sehnen uns nicht nach der
Wüste, sondern wir sehnen uns nach dem Paradies. Wir
sehnen uns danach, unsere Menschlichkeit in einem
Land, das uns gehört, zu leben.
– Bleiben wir bei diesem Punkt.
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– Das Leben Tausender Opfer und Märtyrer endete
hier. Sie haben sich nicht geirrt. Einige von ihnen ha-
ben das Land nie erblickt, sie starben an sehnsüchtiger
Liebe. Die Landkarte kann nicht immer im Irrtum sein
und die Geschichte auch nicht. Warum sonst einigten
sich die Propheten, die Armen und die Eroberer auf
eine Liebe zu diesem Land bis in den Tod oder bis zum
Töten? Aus dem erotischen Tanz des Mittelmeers mit
dem Karmel wurde der See von Tiberias
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geboren. Es
gibt dort auch ein Meer – sie nannten es das Tote Meer,
damit etwas in diesem Paradies an das Sterben erin-
nert und das Leben dort nicht langweilig wird. Da die
Bäume in den Wäldern des oberen Galiläa dicht beiein-
anderstehen, musste Jerusalem beweisen, dass Felsen die
Kraft einer lebendigen Sprache besitzen. Dies ist meine
Heimat. Und der Freund meines Vaters, der in Beirut
lebte, hat nicht übertrieben, als er sagte, er könne die
Zitronenbäume in den Obstgärten von Jaa riechen,
wenn sie blühten. Dann ist er gestorben.
– Ist dies das verlorene Paradies?
– Hüte dich vor diesem Begri ! Daran zu glauben be-
deutete, sich einem neuen, durch Eroberungsgesetze
geschaenen Zustand hinzugeben, der scheinbar end-
gültig geworden ist. Denn der Unterschied zwischen
dem verlorenen Paradies im absoluten Sinn und dem
verlorenen Paradies im palästinensischen Sinn ist groß.
1 Der See Genezareth.
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Ersteres bedeutet Resignation, Anpassung und Flucht
vor dem Kampf. Das zweite aber bedeutet: berechtigter
Widerstand. Solange noch gekämpft wird, ist das Para-
dies nicht verloren, sondern besetzt und kann jederzeit
befreit werden. Damit will ich nicht sagen: Wir haben ja
nur eine Schlacht verloren und nicht den Krieg. Worte,
die nur der Selbstverteidigung, der Rechtfertigung der
eigenen Niederlage dienen. Sondern ich meine, der
Palästinenser darf seine Heimat nicht so sehen wie die
Araber al-Andalus
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oder so, wie die Gläubigen das Pa-
radies als Belohnung erhoen. Zwischen Palästina und
al-Andalus gibt es einen Unterschied, einen tödlichen
Unterschied. Einige »Reisende in Sachen Revolution«
betrachten dieses Problem vom Standpunkt der guten
Absichten, aber schlechten Ergebnisse, und sie gehen
von Begrien der sogenannten Ästhetik und der ge-
meinsamen Durchhalteparolen aus. Sicherlich werden
sie mehr Tränen vergießen als du, wenn du ihnen zu-
stimmtest, Palästina sei mit al-Andalus zu vergleichen,
und wenn du damit deine Rechte und deine Existenz
mit einer weinerlichen Sehnsucht einzäuntest. Aber
wenn diese Sehnsucht nach dem Gewehr greift und da-
mit zeigt, wie groß der Unterschied zwischen Palästina
und al-Andalus ist, dann würden diese »Reisenden in
Sachen Revolution«, die die Tragödien der alten Völker
lieben, sofort protestieren, weil dann die sogenannte
2 Großteil der Iberischen Halbinsel, nach dem Zerfall des West-
gotenreichs ab 711 bis 1492 unter arabischer Herrschaft. Diese Zeit
stellt einen Höhepunkt der arabischen Kultur dar. In der arabischen
Literatur wird al-Andalus häug als Metapher für das verlorene Pa-
radies gebraucht.
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Ästhetik der sogenannten historischen Ähnlichkeit wi-
derspricht. Die Vorstellung vom verlorenen Paradies ist
eine Versuchung für Dichter, denen sonst nichts einfällt.
Aber diese Idee verdammt die palästinensische Situation
zu Blutarmut und Leblosigkeit. So ist meine Heimat
dem Paradies überlegen: Sie ist wie das Paradies, aber sie
ist auch erreichbar.
– Hast du nicht eines Tages vor einem ähnlichen Ab-
grund gestanden, als du kein Recht mehr auf deine
Kindheit hattest?
– Die Kindheit hat damit nichts zu tun. Der Ort, an
dem du geboren wirst, ist nicht immer deine Heimat,
es sei denn, deine Geburt erfolgt im natürlichen Verlauf
der Ereignisse innerhalb einer historischen Gemein-
schaft. Findet die Geburt nicht in einer natürlichen Ge-
meinschaft statt, ist der Geburtsort zufällig. Und hier
liegt der historische Unterschied zwischen der Geburt
eines Machmud und der Geburt eines Jisrael am selben
Ort. Auch wenn sich jetzt die Besatzer im Land der an-
deren vermehren, gibt ihnen das kein Recht, es Heimat
zu nennen. Doch wenn ein Volk sich im eigenen Land
vermehrt, so ist dies die Kontinuität der Nation und
Quelle ihrer Legitimität. Dass dies aber zurzeit mit Ge-
walt unterbunden wird aufgrund des Exils –, ändert
nichts Wesentliches. Das heißt, die Geburtsgleichung
geht so lange nicht auf, wie sie nicht Folge einer Ehe
zwischen einem Volk und seinem rechtmäßigen Land
ist. Die andere Geburt ndet zurzeit als Folge einer Be-
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ziehung zwischen Besatzern, Schwert und ora statt.
Deshalb fürchten wir nicht, dass sich die Rechtsbegrie
ändern.
Das bedeutet, dass ich das Recht auf meine Kindheit
behalte. Was mir geholfen hat, den Verlust der Heimat
eigentlich nicht zu empnden, ist Folgendes: Ich war
zwar plötzlich von meiner Heimat entfernt, doch nicht
mein Herz und mein Bewusstsein, denn mein Aufbruch
war keine freie Entscheidung, sondern Vertreibung und
Verbannung. Hinzu kam die Konfrontation mit den
schwierigen Umständen im Exil, mit denen ich mich
nicht abfand, sondern die meinen Widerstand stärk-
ten. Du beginnst dich zu fragen: Was hat dich in diese
schwierige Lage gebracht? Wir sind älter geworden und
wissen, dass wir die Ursachen des palästinensischen
Elends nicht ausschließlich auf die inneren Bedingun-
gen des Exils zurückführen dürfen. Wüssten wir dies
nicht, dann könnten diejenigen, die das Elend verur-
sacht haben, getrost Siege feiern. Dann wäre es dem
Täter gelungen, zwischen dem verwundeten Opfer und
der Krankenhausverwaltung einen Streit zu provozie-
ren. Nicht dass ich diesen Streit verhindern wollte, aber
er darf uns nicht dazu verleiten, die Besatzer zu verges-
sen, während wir uns mit inneren Angelegenheiten be-
schäftigen.
Selbstverständlich konntest du deinen Zorn nicht un-
terdrücken, als dich deine Mitschüler im Exil daran
erinnerten, dass du Palästinenser bist und kein Recht
hast, Klassenbester zu sein. Diese und ähnliche Beleidi-
gungen waren der Schlüssel zu deinem Bewusstsein. Ein
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Bewusstsein, das nach einigen Jahren deine ganze Exis-
tenz beherrschte. Erst da hast du begrien, dass deine
Sache nicht darin besteht, gleiche Rechte und in Not-
fällen mehr Brot zu fordern. So hast du in jungen Jah-
ren erfahren, hast spontan gespürt, dass deine Befreiung
von der Erniedrigung erst dann möglich ist, wenn du
dich von den Ursachen dieser Erniedrigung befreist.
Das war der Anfang einer notwendigen – und nicht ei-
ner zufälligen Beziehung zu deiner ersten Welt. Dein
Heimatdorf mit seinen engen Gassen, auf einem klei-
nen Hügel inmitten der Ebene von Akka gelegen, war
die Lösung deines Problems, das du nicht verstanden
hattest. Seitdem sind die dort zurückgelassenen Dinge
der Kindheit und der Wille, zu ihnen zurückzukeh-
ren, zur Wae geworden, mit der du beweist, dass du
den anderen ebenbürtig bist. Gleichzeitig wurde sie
zu einem Beweis, dass du die Menschlichkeit besitzt,
die dich vor der Erniedrigung schützt. Dieses Gefühl
verstärkte sich besonders an Feiertagen. Die anderen
Kinder zogen neue Kleider an und sprachen über das
Festmahl. Und du standest mit Vater und Großvater in
einer Schlange von Bettlern und hotest auf deine Zu-
teilung an Nahrungsmitteln und alten Kleidern, deren
Herkunft du nicht kanntest.
– Wann war das?
– 1949, ein Jahr nachdem wir das Land verlassen muss-
ten.

Machmud Darwisch
Tagebuch der alltäglichen Traurigkeit

Grundlegende Überarbeitung der Übersetzung aus dem Arabischen von Farouk S. Beydoun


Hardcover
ISBN 978-3-03925-046-2
Seiten 205
Erschienen 21. Oktober 2025
€ 24.00 / Fr. 26.00

Machmud Darwisch ist der Nationaldichter Palästinas und war bis zu seinem Tod 2008 der wichtigste arabische Dichter überhaupt.
— Südwestrundfunk

Machmud Darwisch, die Stimme des palästinensischen Volkes und ein überragender Dichter seiner Generation, verfasste im Laufe seines Lebens mehrere bemerkenswerte Bände mit autobiographischen Essays. Die vorliegenden, 1973 in Beirut erstmals veröffentlichten Kurztexte stellen wichtige Fragen zur komplexen Realität, mit der Palästinenser und Palästinenserinnen in Israel konfrontiert sind, und zur Zweideutigkeit von Darwischs eigener Identität als israelischem Palästinenser. Sie berufen sich auf Mythos, Erinnerung und Sprache, um die Erfahrungen des Dichters zu erforschen – den Hausarrest, die Verhöre durch israelische Offiziere und die Zeiten, die er im Gefängnis verbrachte. Das Tagebuch ist ein bewegender, intimer Bericht über den Verlust der Heimat und das Leben innerhalb der Mauern der Besatzung.


Pressestimmen

Kein gewöhnliches autobiographisches Werk. Es greift wichtige Momente in der Geschichte des palästinensischen Bewusstseins auf: Schock, Trauma, den Kampf um Gleichberechtigung und nationale Rechte, bewaffneten Widerstand und arabischen Verrat.
— Sinan Antoon, The National
Dieses Buch enthält eine Sammlung von Essays, geprägt von den persönlichen Erfahrungen des Autors, gestaltet vom unbedingten Willen zum Ausdruck. Darwisch benutzt seine geschliffene, zuweilen poetische Sprache, um seine Befindlichkeit, seine Enttäuschung, seine Wut herauszuschreien.
— Maja Petzold, Seniorweb

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