LENOS
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LENOS POCKET 172
www.lenos.ch
Walther Kauer
Spätholz
Roman aus dem Tessin
Lenos Verlag
Erstmals erschienen 1976
LENOS POCKET 172
Zweite, durchgesehene Auflage 2015
Copyright © by Patrick Kauer
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto: Roland Gerth
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 772 8
Für Sisa
Spätholz
In Gegenden mit periodisch wechselndem Klima entstehen
beim Dickenwachstum der Bäume Zuwachsringe aus Fh-
und Spätholz. Diese Zuwachsringe werden auch Jahrringe
genannt.
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Um sieben Uhr würden sie kommen.
Sie kommen immer am frühen Morgen, wenn sie etwas
Ungutes vorhaben. Im Morgengrauen werden Verurteilte
abgeholt. Rocco wusste nicht, wo er das gert oder gele-
sen hatte. Ihm war nur, als ob er es sste: In der ersten
Morgendämmerung finden jene, die Ungutes vorhaben, den
geringsten Widerstand vor.
Rocco war nur ein alter Bauer. Viele Bücher hatte er nie
gelesen. Da war einmal die harte Arbeit an den Terrassen-
äckern seines Hofes hoch über der wilden Terza und weitab
vom Dorf Terzone, das auf der anderen Talseite lag. Und
dann war es so, dass sich die Familie abends um die ein-
zige Petrollampe in der Küche scharen musste. Das Licht
dieser Petrollampe hätte nicht ausgereicht, um Bücher zu
lesen. Ausserdem wurde am Petroleum gespart, weil man es
kaufen musste, drüben im Dorf, beim Krämer. Das war in
der Familie Canonica schon immer so gewesen, seit Rocco
sich erinnern konnte. Man hatte sich die Lokalzeitung ge-
halten, den «Corriere» – der Marktberichte und der schwarz
umrandeten Traueranzeigen wegen. Aus den Marktberich-
ten wusste Rocco um Kauf und Lauf und um das Leben
in seinem Tal Terzone. Aus den Todesanzeigen ersah er die
Frist, die jedem gesetzt ist. Seiner Alterskameraden wurden
immer weniger.
Damals als er, eine halbe Ewigkeit war es her, drüben im
Dorf auf der andern Talseite seine sechs Schuljahre in der
einklassigen Gemeindeschule beim Lehrer Casanova abge-
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sessen, da zwängten sich in der Schulstube im ersten Stock
des Gemeindehauses noch über fünfzig Kinder, Buben und
Mädchen, in die Schulbänke. Jetzt lebten im ganzen Dorf
keine nfzig Menschen mehr, wenn man von den Ferien-
gästen absah, die den Sommer über in den alten Häusern
wohnten, und von den paar Fremden, die im Terzone ihre
Villen gebaut hatten. Die Mehrzahl der Terzoner user
stand leer.
Die meisten seiner Klassenkameraden lagen auf dem
Friedhof neben der granitenen Kirche von Terzone, bewacht
vom Campanile mit dem Glockenspiel. Rocco dachte sich
weiter nichts dabei. Daran misst sich eben das Alter, wenn
der Klassenkameraden immer weniger werden. Man wird
alt. Man stirbt. Ein Bauer hat sein ganzes Leben lang Gele-
genheit, sich an den Tod zu gehnen.
Alle lagen freilich nicht auf dem Kirchhof von Terzone.
Viele waren verschollen. Jene, welche seinerzeit ausgewan-
dert waren aus dem Terzone. Die Ghiringhellis nach Kali-
fornien, die Righettis, die sich vor der Auswanderung noch
ein Familiengrab gekauft hatten, nach Australien. Niemand
hatte je wieder von ihnen gert. Die Grabstelle blieb un-
benutzt, Heckenrosen hatten sie längst überwuchert.
Bauern wie Rocco gab es nur noch wenige im Terzone.
Die verbliebenen Terzonesi arbeiteten im Kraftwerk, in den
Fabriken im Tal oder in der Fremdenindustrie.
Rocco war allein.
Doch morgen früh um sieben würden sie zu ihm herauf-
kommen. Deshalb sass er in dieser Nacht in seiner Küche
und wartete. Ihn sollten sie nicht überraschen.
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Das Feuer im Herd war schon lange erloschen, die Herd-
platte aus geschwärztem Sandstein erkaltet. Rocco merkte
es daran, dass die buntscheckige Katze längst von der Herd-
platte heruntergesprungen war. Die Katze hatte versucht,
auf Roccos Schoss zu springen und dort weiterzuschlafen.
Sie wusste, dass auch dort Wärme zu finden war. Sonst
hatte Rocco die Katze immer gewähren lassen und ihr
zuweilen gar über das Fell gestrichen. Seit Jahren war die
Katze das einzige Wesen, das sein Leben in der alten che
und der dunklen Schlafkammer gleich dahinter mit ihm
teilte. Doch heute war das anders gewesen. Mit einer un-
beherrschten Bewegung hatte Rocco die Katze vom Schoss
gewischt. Sie mauzte beleidigt auf, versuchte noch, sich an
seinen Beinen zu reiben, und trollte sich dann in den Kuh-
stall. Zwischen den beiden Kühen, der alten Braunen und
der jüngeren Falben, war es auch warm.
Nun sass Rocco Canonica allein in seiner che und
wartete. Der Brief mit der amtlichen Ankündigung der Ge-
meinde, unterzeichnet vom Sindaco Leponti, lag vor ihm auf
dem Eichentisch. Ein sehr amtlicher Brief, der Rocco Cano-
nica davon unterrichtete, dass ein Trupp von Gemeindear-
beitern um sieben Uhr in der Frühe zu ihm heraufkommen
würde, um auf seine Kosten das Gerichtsurteil zu vollzie-
hen: Der alte Nussbaum bei seinem Gehöft rde zwangs-
weise gefällt werden. Neben dem Brief lag vor ihm auf
dem abgewetzten geblümten Wachstuch ein Gewehr. Den
Verschluss hatte Rocco sorgfältig auseinandergenommen.
Genau wie er das beim Militär gelernt hatte, vor fünfzig
Jahren, in endlosen Exerzierstunden auf einem staubigen,
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heissen Kasernenhof. Angefeuert von einem brüllenden Un-
teroffizier, die Policemütze auf Befehl des Korporals so weit
über die Augen gezogen, dass er nichts mehr sehen konnte.
Einen Gewehrverschluss, so der Korporal, muss ein Schwei-
zer Soldat blindlings und im Schlaf auseinandernehmen
und wieder zusammensetzen nnen. Mit der Zeit schafften
das alle in der Kompagnie, sogar die Schlafmützen.
Rocco griff nach einem ölgetränkten Lappen und be-
gann, den Verschluss zu reinigen.
Wozu hatte ein Mann sein Gewehr im Wandschrank ste-
hen? Rocco war mit seinen siebzig Jahren für den Militär-
dienst längst zu alt. Man hatte ihn feierlich aus der Wehr-
pflicht entlassen. Im Hofe des Regierungsgebäudes, unten
im Tal, in der Kantonshauptstadt. Ein Oberst, ein richti-
ger Oberst mit drei goldenen Galons auf dem Käppi, mit
breiten Generalstabsstreifen an den Hosen und mit einem
gewaltigen Bauch, hatte im Namen der Regierung und des
ganzen Volkes gedankt, ihm und allen seinen Kameraden,
die er in den langen Jahren der Dienstpflicht kennengelernt
hatte und die jetzt mit ihm mit Ausnahme jener, die
bereits nicht mehr antreten konnten im Hofe des Regie-
rungsgebäudes standen, angegraut wie er selbst. Sehr bewe-
gend hatte der Oberst gesprochen. Immerhin hatte Roccos
Jahrgang den Aktivdienst im Zweiten Weltkrieg hinter
sich. Zeit der Bedrohung, aber auch Zeit der Bewährung
r jeden einzelnen von ihnen, so hatte der Oberst gesagt,
und: Sie hätten ihre Sache gut gemacht, damals. So gut,
dass die Heimat verschont geblieben sei von Krieg und De-
mütigung, von Eroberung und Diktatur. Das Land, sagte
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der Oberst, habe sich seine Freiheit erhalten können, die
Opfer seien nicht vergeblich gewesen, alle die Opfer, die
jeder einzelne der hier angetretenen Männer habe auf sich
nehmen müssen. Das Vaterland werde daran denken, jetzt
und immerzu. Es sei stolz auf seine Söhne, und das werde
immer so bleiben.
Das Gewehr und die persönliche Ausrüstung durften
sie ehrenhalber behalten. (Für das Gewehr wurde aller-
dings vom Zeughaus ein symbolischer Kaufpreis von fünf
Franken verrechnet, aber keiner überliess sein Gewehr dem
Zeughaus.)
Die Pflicht aber, so der Oberst, könnten sie nun vertrau-
ensvoll auf jüngere Schultern abladen.
Dann gab es nochmals Gesang: Ticinesi son bravi soldaa’,
und: Ich hatt’ einen Kameraden das war r die Toten ge-
dacht. Das Regimentsspiel blies den Tessiner Regiments-
marsch. Zum letztenmal Fahnenmarsch vor angetretenem
Karree. Langsam senkte sich die Fahne, der dicke Oberst
salutierte, das Karree stand erstarrt in Achtungstellung.
Mannschaften stramm, Hände an der Hosennaht, Blick ge-
radeaus. Unteroffiziere, höhere Unteroffiziere und die Offi-
ziere salutierten mit behandschuhter Rechter.
Noch einmal: Helm ab zum Gebet. Kurze Andacht des
Herrn Feldpredigers. Endlich der Zapfenstreich und das
Kommando: Ruhn! Abtreten! Jahrgang 1900 ist feierlich
und unter Verdankung aus der Wehrpflicht entlassen!
Zum letztenmal stellten sich die Mannschaften hinter
den rauchenden Feldkesseln zum Essenfassen an. Suppe und
Spatz gab es, wo und was die Unteroffiziere und Offiziere

Walther Kauer
Spätholz

Roman aus dem Tessin

Lenos Pocket 172
Paperback
ISBN 978-3-85787-772-8
Seiten 230
Erschienen Januar 2015
€ 14.00 / Fr. 18.90

Zu allem entschlossen, wartet der siebzigjährige Tessiner Bauer Rocco Canonica in der Küche seines Bergbauernhofs auf die Gemeindearbeiter. Um sieben Uhr werden sie kommen und das Gerichtsurteil vollstrecken: Der grosse alte Nussbaum vor dem Haus – Roccos Lebensbaum – soll gefällt werden, da er einem reichen zugezogenen Villenbesitzer den Blick auf den See versperrt.

Während Rocco sein Gewehr reinigt, erinnert er sich an Stationen seines Lebens: an die harte Arbeit auf dem kleinen Bauernhof seiner Kindheit, den Waldbrand, dem seine Eltern zum Opfer fielen, die Jahre mit seiner Frau Teresa, den Wegzug seiner beiden Söhne, die verheerenden Veränderungen im Tal, die die alten Strukturen zerstörten.

Pressestimmen

Walther Kauer gelingt es, mit einer prägnanten, bildreichen Sprache den Wandel sowie letztlich den Untergang einer ländlichen Sozialstruktur darzustellen, die Entwurzelung der Menschen einer ganzen Region. Spätholz ist ein beeindruckendes realistisches Prosastück von grosser Brisanz und Aktualität.
— Main-Post
Mit diesem unsentimentalen Heimatroman schrieb Kauer der deutschsprachigen Literatur eine Figur hinzu, die man kennen sollte.
— Welt des Buches
Den Untergang einer ländlichen Sozialstruktur, die Entwurzelung der Menschen einer ganzen Region … schildert Walther Kauer mit einer bildreichen Sprache.
— Sarganserländer
Sein Abgesang auf das alte Tessin ist ein realistischer Heimatroman, der hilft, den Blick zu schärfen für Veränderungen dieser Welt, deren Endgültigkeit hinzunehmen wir leider viel zu schnell bereit sind.
— Gegenwart
Kauer erzählt anschaulich, farbig, manchmal wütend von untergehenden Lebensformen.
— Berner Zeitung