LENOS
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Émile Blanchard, ein ehemaliger Kommissar, überquert jeden Mor-
gen mit geschlossenen Augen die Nationalstrasse. Ein Ritual, um
eines Tages überfahren zu werden und endlich seinem Leben zu ent-
kommen. Seit dem Tod seiner Frau ist er einsam und verbittert, den
Sohn sieht er nur noch gelegentlich. Zudem hadert er mit seinem
Unvermögen, denn sein letzter schwieriger Fall blieb ungelöst: drei
vergiftete Opfer, denen die Zunge abgebissen wurde – ein schreckli-
cher Serienmord an zwei Biologen und einem Mathematiker. Zwei
von ihnen arbeiteten im selben Forschungslabor, zusammen mit ei-
ner jungen Biologin, die beste Beziehungen in einussreiche Kreise
unterhielt …
Nur die Wahrheit ist ein facettenreicher Roman noir, der mit den
Grenzen des Genres spielt. Yves Gaudin tanzt aus der Reihe und
spitzt zu, er würzt mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und einer
rhythmischen, atemlosen Sprache. Eine bösartig-schräge Reexion
über den Zustand des Menschen.
Yves Gaudin, geboren 1967 im Wallis. Lebte in Südafrika, Burkina
Faso, Australien und Frankreich, heute in Sion. Er ist Autor, Dok-
tor der klinischen Psychopathologie, Musiker und Musiktherapeut.
Yves Gaudin veröentlichte Prosa, Lyrik und einen eatertext.
Nach Trop tard pour mourir ist En vérité sein zweiter Roman.
Lenos Verlag
Yves Gaudin
Nur die Wahrheit
Roman
Aus dem Französischen
von Anne omas
Die Übersetzerin
Anne omas wurde 1988 in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz geboren
und wuchs in Flensburg auf, nachdem sie 1989 mit ihrer Familie
aus der DDR geohen war. Seit 2013 ist sie als freiberufliche litera-
rische Übersetzerin tätig (u. a. Colin Niel, Éric Plamondon, Gabriel
Katz, Anna Boulanger, Marie Desplechin). Sie lebt hauptsächlich in
Paris. Regelmässige Arbeitsaufenthalte in Berlin und London. Anne
omas organisiert und leitet Übersetzungsworkshops in Schulen in
Deutschland und Frankreich und ist als Dolmetscherin bei literari-
schen und kulturellen Veranstaltungen tätig.
Die Übersetzerin und der Verlag danken der Schweizer Kulturstif-
tung Pro Helvetia für die Unterstützung.
Titel der französischen Originalausgabe:
En vérité
Copyright © 2020 by Éditions Héloïse d’Ormesson, Paris
published by arrangement
with Michael Gaeb Literary Agency, Berlin
Erste Auflage 2022
Copyright © der deutschen Übersetzung
2022 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagbild: Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 018 9
www.lenos.ch
Für Carine
»Doch jeder tötet, was er liebt.
Ich sag es, dass jeder es hört!
Der tut es mit dem bösen Blick,
Der mit Schmeicheln, das betört.
Der Feigling tötet mit einem Kuss,
Der Kühne greift zum Schwert.«
Oscar Wilde,
Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading
(deutsch von Elfriede Mund)
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Prolog
Jeden Morgen gehe ich blind über die Strasse. Das ist ein
Ritual. Ich kann nicht anders. Andere schauen zu tief
ins Glas, lassen sich volllaufen oder betrügen ihre Frau,
bei mir ist es eben die Strasse, sie ist meine Jury, mein
Schicksal und bald meine letzte Verbeugung. Trübe
Aussichten, ich weiss. So geht das schon drei Jahre, das
macht viele Morgen. Längs stehen Trauerweiden. Man
kommt mit Karacho angebraust. Viele Leute drin. Ein-
mal hielt jemand an, nicht wütend, überhaupt nicht,
nur ob man mir helfen könne, nette Leute, und dann
ging es weiter. Heute ist Ebbe, niemand, kein Schwein.
Weiss der Geier. Gut, sehr stark befahren ist diese Na-
tionalstrasse zwar auch nicht, aber dennoch, ein Unfall
ist schnell passiert, und dann die Motorräder, ab und
zu kommen welche, das kann einen Menschen töten,
ziemlich schnell sogar, man weiss es nicht, das weiss
man nie. Manchmal ein Knacken im Wind. Ich denke,
es ist für mich bestimmt. Aber nein. Nur ein toter Ast.
Jetzt regnet es. Rinnt mir munter den Rücken hinunter,
Gänsehaut, bis der Morgen graut, die Zähne klappern,
womöglich brüt ich eine Bronchitis aus, anfällig, wie
ich bin. Tschiep, tschiep, ein Vogel piept. Ich erwidere
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leck mich, das geht dich nichts an, renn doch zu deiner
Mutter, wenn’s dir nicht passt, die sucht dich vielleicht, die
suchen immer, die Mütter. Über die Strasse gehe ich auch
morgen wieder, das steht fest. Ich habe nie verstanden,
warum manche das Schicksal beschwören, indem sie die
Finger kreuzen, sich an der Nase kratzen oder zweimal
schnäuzen, auf Holz klopfen, über die Schulter spu-
cken, Hals- und Beinbruch wünschen oder nie links-
herum rühren, eilig Sankt Anton anrufen oder auch die
heilige Rita, ist man schon mal dabei, aller guten Dinge
sind drei, bis hundert zählen, bis tausend, mit dem
rechten Fuss zuerst aufstehen oder Schwarz vermeiden,
immerzu an denselben Ort fahren, persönliche Pilger-
reisen, ureigenes Compostela, als würde das irgendetwas
ändern, als verschwänden so die Schattenseiten. Von
wegen! Leichtgläubige! Verlorene! Heidengebete! Wie-
derholung ist stets nur ein Sarg, der viel zu früh vor-
spricht. Das sage ich Ihnen.
Dabei bin ich wie sie, ich gehe über die Strasse, weil
ich muss, dann ist endlich ein für allemal Schluss. Ein
Arzt sah darin ein Sinnbild. Die Strasse, das Leben, Sie
wissen schon. Der hat nichts begrien. Das Gehirn ist
der Punkt. Die Erinnerungen. Zu viele Leute bevölkern
meinen Geist. Wird schon. Eines Tages vielleicht. Ohne
Mucken, ein Fuss im Loch, und das war’s. Dort wird
alles enden. Zermalmt. Auf der Zielgeraden. Und meine
Gedärme werden ihnen in die Fresse spritzen. Einge-
weide auf der Windschutzscheibe, das ist glitschig, ek-
lig, geschieht ihnen recht, hab nie behauptet, das Leben
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sei lustig. Und dann werden sie kommen, und sie wer-
den sagen, ich hatte ein schönes Leben, gute Manieren,
unter Schleimern gedenkt sichs gut, und ich wäre hin-
ter den Dingen, und damit Schluss. Vorher hatte ich
meine Mutter, das war bequem. Sie hatte grosse Pläne
für mich. Harrte meiner, wochenlang, sandte Exvotos
zum Himmel. Doch sie ist nicht mehr.
Nachts mache ich das nie. Wegen der Scheinwerfer! Die
Nacht ohne Tag, das wäre perfekt, da würde man nicht
so einen Aufstand machen. Das ist wie mit den Leu-
ten. Wenn es nur Arschlöcher, Arme oder Beelzebuben
gäbe, wüssten wir nichts über die menschliche Natur.
Ich hatte eine Freundin, der ich alles erzählte und die
mich bat, damit aufzuhören, mach keinen Scheiss! Die
habe ich nicht mehr. Freunde verstehen solche Sachen
nicht, die halten sich für eine Verlängerung von einem
selbst, aber sobald der Geschmack des Todes da ist, wer-
den sie ganz welk.
Danach gehe ich nach Hause. Sitze am Schreibtisch und
denke mit aufgestützten Ellenbogen über all das nach.
Ich drücke mir den Hals zu, da werden Kreise und
Sterne gewoben, es breitet sich aus, prickelt, schwillt
an, wie Ringe im Wasser, ganz blau, namenlose Formen,
es tut nicht weh, am Ende ist es sogar ganz angenehm.
Ich halte mein Herz in der Hand und schwitze. Und
dann läutet es Sturm, die Sirene springt an, klar zum
Gefecht, Fiepen im Ohr und Konsorten. Der Schrei der
Stille. Ich würde gern die Zeit zurückdrehen. Aber ich
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kann nicht. Ich werde nie meiner Schmerzen enthoben.
Wozu auch?
Ich bin Oberkommissar bei der Polizei. Das heisst,
ich war. Das macht noch keinen Mann. Was soll’s.
Bei der Aufnahmeprüfung wurde ich gefragt, wie viel
drei mal drei ist. Ich antwortete sechs, und drei macht
neune. Ich bekam einen Arschtritt. So war das damals.
Ich bin trotzdem aufgestiegen. Beharrlichkeit bringt
einen überallhin, daran gibt es nichts zu rütteln. Ich
habe so einige Schurken gefasst, berühmte noch dazu.
Die Despond-Bande, die vom Banküberfall in Évreux,
die Benders und die anderen, das war ich. Der David
mit seinem Handbohrer, das war kein Kindergeburts-
tag, die Kugeln ogen mir nur so um die Ohren. Ich
wurde schnell versetzt. Quai des Orfèvres*, dort spielt
die Musik. Käppi ist unnötig, wir wollen Action sehen.
Etwas anderes kannten die gar nicht, der Polizeirat, der
Polizeipräfekt, der Minister. Ergebnisse bekamen sie.
Und nicht zu knapp. Ich habe ihnen nie einen Dolch
ins Herz gestossen. In den Rücken vielleicht schon.
Das war mein grosses Gewitter. An meinem letzten
Tag wurde ich eingehend gemustert. Und dann, vergiss
es, die haben rein gar nichts begrien. Nicht mal eine
Uhr habe ich bekommen. Normalerweise kriegt man
eine geschenkt, und keinen Plunder, fast ’ne Schweizer.
* Das Gebäude mit der Adresse 36, Quai des Orfèvres auf der Île
de la Cité war von 1913 bis 2017 Sitz der Direktion der Pariser
Kriminalpolizei. Die Adresse wird daher synonym verwendet, auch
in der Literatur. Heute ist dort nur noch die Spezialeinheit BRI un-
tergebracht. (Anm. d. Übers.)
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Aber bei mir, einfach vor die Tür gekehrt. Husch! Nicht
dass der noch dableibt. Jubelschreie, Fanfaren und das
Schleifchen sind ein andermal dran.
Jetzt bin ich alt. Gedächtnis wie ein Sieb, Arme wie Spa-
ghetti, jämmerlich zitternd, die Beisserchen im Glas, die
Hosen nass. Revolution, manche habens versucht, tja,
ohne mich. Bald bin ich dran. Ich mag keinen Beton.
Als ich klein war, konnte man in der Seine baden, Obst
vom Baum essen, das war schön. Heute ist es damit Es-
sig, aus und vorbei, keine Chance. Im dritten wohnt
eine Frau. Eine zänkische Alte. Ich spiele ihr Streiche.
Im Waschkeller herrscht König Humbug, das vertreibt
die Zeit. Ihre Schuhe stellt sie vor die Tür. Sie ndet sie
auf sämtlichen Etagen wieder, aus dem Leim, erzählt sie
mir. Manchmal rufe ich sie mitten in der Nacht an, nur
der Stimme wegen. Und lege auf. Wir sind alle irgend-
wann dran.
Ich erinnere mich an ein Taxi. Da hat alles angefangen.
Man hatte mir gesagt, es sei einfach, keine Sorge, die
sind in Ordnung, gut, vielleicht nicht die Armen, mit
denen ist immer irgendwas, stets zum Klauen aufgelegt,
aber die Reichen, keinerlei Sorgen, ordentlich zuge-
knöpft und ohne Vorstrafen, da kann dir nichts passie-
ren. Ja, Pustekuchen! Da haben sie mich schön übern
el balbiert! Kaltgestellt! Abgehalftert! Es gibt keine
Schuldigen. Nur Leichtgläubige. Da kann man nichts
machen. Meine Lippen werden schon bald von der Erde
kosten. Gelee in der Zigarrenkiste. Wie er leibt und
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stirbt. In meinem Mund keine Reue. Mein Gift ist mein
Lebenselixier. Ich kann mich nicht beschweren. Immer
noch besser als das Irrenhaus. Krank ckt gut, vor allem
in den Arsch. Muss man wissen. Alles andere ist bloss
Gelaber.
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, das ist die ganze Ge-
schichte.
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Paris wellt sich unter der Hitze. Alle ersticken, krie-
gen schlecht Luft. Die Neugeborenen schreien nicht
mehr, die Alten setzen aus. Der Sommer kommt mit
aller Kraft. Und ich warte vorm Cimetière de Belleville,
20, Rue du Télégraphe. Es gibt Schlimmeres ortsmässig,
aber na ja, schon ganz schön traurig. All die Gräber, wie
sie daliegen, kalt, gnadenlos, und darin Skelette, Kada-
ver, betreten oder bald schon, morgen, nächste Woche,
verwest, vermodert, verdorben, Tattoos auf den Schen-
keln, Stecker in den Ohren oder Ringe in der Nase, eine
Manie, wie die Hunde, wie die Ochsen, was tut man
nicht alles für ein bisschen Extravaganz, Zahnplomben
und Metallplatten, Schrauben im Arm, Stifte im Knie
und Schrittmacher im Herzen. Medizin ist Mechanik!
Und all die Körper, vorher waren sie feist, all das Fett,
all die Schmerbäuche, all die Sonntagsspeckpolster, all
die Wabbelkinne, na, die schmeckt Ihnen wohl, meine
Sauce, Sie nehmen doch noch was, all die Komplexe, die
den Niedergeschlagenen des Glücks so viel Kummer
machen, Schlacken und Hässlichkeit, die Füsse quel-
len auf, den Zähnen zieht’s die Schuhe aus, Verräter
und Soldaten, Verrückte und Verbrecher, Metzen und
Zecher, Diebe und Spinner, nstere Gestalten und em-
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pörte Apostel, solche, die das Leben mit Weihrauch
und Myrrhe verwalten, mit Lippenstift und Lidschatten
Träume aufstecken, sich mit Farbe im Haar und Parfum
am Hals eindecken, mit Öl und Glanz ihr Äusseres ver-
nebeln, da sind sie nun, genauso wie sie sind, zu Asche
zerfallen, zu nichts, ab in die Krypta, in die Versenkung,
alle gleich, sterben Sie wohl, Madame. Sie waren Leh-
rer, Akademiemitglied, Pamphletist, Trapezkünstler,
Krankenwärter oder Apotheker, einerlei, das zählt nicht
mehr, müssen alle dran glauben, adieu, Kalb, Kuh, Kü-
ken, Schwein, und magst du auch die Queen von Eng-
land sein. Tolle Sache, das Leben! Da hat sich der ganze
Aufwand ja wirklich gelohnt! Viel Lärm um nichts. Jetzt
nur noch Brei, Moder, Pilze für die Maden! Ein Kreuz
und vorbei, reden wir nicht mehr davon, oder kaum
noch, oder schlecht, man kann es nicht mehr sagen.
Er ist zu spät. Das kann ich nicht leiden. Die Manieren
gehen vor die Hunde. Zumal das schon zum zweiten
Mal passiert. An seiner Stelle stellt sich Müdigkeit ein.
Gut, ich hab bis in die Nacht über dem Fabergé-Bericht
gesessen, nur noch diesen Fall im Kopf, schmutzig, per-
vers. Wer arbeitet, kann nicht geniessen, nie. Und dann
denke ich an meine erste Zeit bei der Polizei. Man hatte
mich nach Lille versetzt. Keine Ahnung, warum. Der
Norden war wie eine Strafe, viel zu kalt für mich. Das
wussten die auch. In dem Winter hätte ich viel darum
gegeben, dass man mir Arme, Füsse und Kopf ampu-
tiert wie der Lerche im Lied, O du Lerche, rupfen will
ich dich! Wie im Halbschlaf, die Kaeemaschine im
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Stand-by. Man konnte mich zwicken, zwacken und pie-
sacken, nichts zu machen, ich hielt Winterschlaf, ehe ich
sterben würde. Der Chef hatte nichts als französische
Chansons im Kopf. Ein Leierkasten. Ein Sängerknabe.
Den ganzen Tag trällerte er Zweigroschenwahrheiten in
seinen Dreitagebart. In Dauerschleife, zum Verrückt-
werden. Die Kälte glitt über ihn hinweg. Die Lächer-
lichkeit auch. Obwohl er im Grunde kein schlechter
Kerl war. Schade, dass ein leichtes Schielen ihn sowohl
lächerlich als auch unheimlich wirken liess, sonst hätte
er sicher Freunde gefunden. Womöglich eine Frau.
Dort, aus Schweiss und Verlangen, omnipotent und in-
kompetent, eine Schnecke an jeder Ecke und in zarter
Spitze, traf ich Marianne. Man muss sie gesehen haben,
ihre heidnischen Reize und tödlichen Sünden, die son-
nengebräunten Schenkel und das provokante Wesen,
Sommersprossen auf dem Rücken und Gelüste auf der
Vorderseite. Ich glaube, dass man mich ein wenig benei-
dete. Genau das geel mir. Sie war Sängerin, aber nicht
wie der Chef. Sie sang ihre Arien am Konservatorium.
Eines Abends sogar in der Oper, erzählte man mir. Wir
wärmten uns auf, so gut es ging. Mit den Armen, die
wir hatten. Und mit dem Mund.
»Kommst du aus dem Süden?«
»Nein, aus Paris. Warum?«
»Weil dir immer kalt ist.«
»Das liegt am Zug.«
»Bist du so oft Métro gefahren?«
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Anfangs gab es Missverständnisse. Das schoben wir auf
die Leidenschaft, die Dummheit, die Jugend. Jede Aus-
rede gilt! Aber dann mischte sich das Leben ein. Und
nicht sehr geschickt. Oder vielleicht wollte ich auch
nicht Lust gegen Liebe tauschen. Ich weiss nicht, schwer
zu sagen. Der Alltag kotzte mich an. Ihre Freundlichkeit
passte mir nicht. Als sie begrien hatte, dass ich nicht
lange bleiben würde, gab es ein tüchtiges Drama, das
hätte ich ihr doch früher sagen können, so was macht
man doch nicht, unglaublich, da bin ich dir ja schön auf
den Leim gegangen …! Sie machte mir hysterische Sze-
nen, sprach vom geplanten gemeinsamen Urlaub, von
ihrem Leben, das endlich einmal einen Sinn hatte. Sie
beschrieb mir, wie sie Seezunge Müllerin zubereitete, es
sei am besten, wenn man zum Abziehen der Haut den
Schwanz in heisses Wasser tauche, das würde sie mir je-
den Freitag kochen. Aber ich hab doch nichts verspro-
chen! Gar nichts! Fehlte nur noch, dass sie mir mit Hei-
raten kam. Das wäre auch passiert, ganz klar. Eine Frage
von Tagen. Vielleicht morgen, was will man noch gross
überlegen, wenn man sich sicher ist! Man muss sich trauen!
Komm, mein Émile! Ihr Loch war ihr zu Kopf gestiegen.
Drinnen brodelte es. Wie xe Ideen. Das hinderte sie am
Denken. Eines Abends hatte sie ein Herz gezeichnet, das
könnten wir uns doch auf den Arm tätowieren lassen, sie
auf den linken, ich auf den rechten. Ha, ich würde jetzt
schön blöd aussehen, ein Stück von ihr auf mir drauf.
Das Leben ist zu kurz für ewige Beweise. Grossmanöver
waren einfach, ich nahm mir ihre Knospe vor, knetete
ihre Apfelsinen, liebkoste ihre Schleusen, das ging ein-

Yves Gaudin
Nur die Wahrheit

Roman

Aus dem Französischen von Anne Thomas


Softcover
ISBN 978-3-03925-018-9
Seiten 193
Erschienen 15. März 2022
€ 22.90 / Fr. 27.50

Ausgaben
Softcover (2022)

Émile Blanchard, ein ehemaliger Kommissar, überquert jeden Morgen mit geschlossenen Augen die Nationalstrasse. Ein Ritual, um eines Tages überfahren zu werden und endlich seinem Leben zu entkommen. Seit dem Tod seiner Frau ist er einsam und verbittert, den Sohn sieht er nur noch gelegentlich. Zudem hadert er mit seinem Unvermögen, denn sein letzter schwieriger Fall blieb ungelöst: drei vergiftete Opfer, denen die Zunge abgebissen wurde – ein schrecklicher Serienmord an zwei Biologen und einem Mathematiker. Zwei von ihnen arbeiteten im selben Forschungslabor, zusammen mit einer jungen Biologin, die beste Beziehungen in einflussreiche Kreise unterhielt …

Nur die Wahrheit ist ein facettenreicher Roman noir, der mit den Grenzen des Genres spielt. Yves Gaudin tanzt aus der Reihe und spitzt zu, er würzt mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und einer rhythmischen, atemlosen Sprache. Eine bösartig-schräge Reflexion über den Zustand des Menschen.

Pressestimmen

Ein Roman über die Liebe und den Tod, kurz, prägnant, andersartig.
— Le Point
Ein Roman, der aufrüttelt, Gewohnheiten hinterfragt und den Leser durcheinanderbringt, bevor es ihn mit Bravour für sich gewinnt (…) Ein ambitionierter, mehr als interessanter und sowohl inhaltlich als auch formal atemberaubender Roman noir.
— Schweizer Radio RTS
Auch in der Übersetzung zieht einen der sprachliche Rhythmus zeitweise fast magisch mit.
— Hanspeter Eggenberger, Tagesanzeiger