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Pierre-Alain Niklaus
Nicht gerufen
und doch gefragt
Sans-Papiers in Schweizer Haushalten
Lenos Verlag
Erste Auflage 2013
Copyright © 2013 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto: Keystone / Claudia Hechtenberg
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 432 1
Der Autor
Pierre-Alain Niklaus, geboren 1970 in Basel, studierte soziale Arbeit in Genf.
2002–2009 Leiter der Anlaufstelle für Sans-Papiers in Basel. Verfasser der ers-
ten Studie über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sans-Papiers in der
Deutschschweiz (2004), Mitherausgeber des Buches Zukunft Schwarzarbeit? Ju-
gendliche Sans-Papiers in der Schweiz (2007). Studie über Arbeitgeberinnen und
Arbeitgeber von Sans-Papiers (2012). Er arbeitet heute in der Vermittlung von
Nachbarschaftshilfe und lebt in Basel.
Inhalt
Unsichtbare Haushaltshilfen 7
Aus dem Schatten treten 19
Zwischen Gesetz und Wirklichkeit 27
Hausarbeit als Broterwerb – ein altes Phänomen 47
Die gute Fee im Internet 57
»Es ist, als ob man nur zur Hälfte leben würde« 65
»Wir nehmen, was man uns gibt« 79
Die Härtefallregelung 91
Die Menschen hinter den Härtefällen 104
Repression und rechtsfreie Räume 118
Lösungen gibt es – nur nicht in der Schweiz 133
Rückblick – Ausblick 149
Literatur 155
7
Unsichtbare Haushaltshilfen
400 000 Haushalte in der Schweiz
*
leisten sich eine Putz-
hilfe. In manchen Fällen übernimmt diese Person auch für
einige Stunden die Kinderbetreuung oder die Hilfe bei der
Pflege älterer und kranker Menschen. Meist sind es Frauen.
Von diesen Haushaltshilfen ist selten die Rede. Viele sind
unsichtbar. Dies aus gutem Grund. Sie halten sich ohne
Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung in der Schweiz
auf. Sie sind sogenannte Sans-Papiers. Ihre Zahl wird auf
100 000 oder mehr geschätzt. Etwa die Hälfte von ihnen
sind Frauen. Wer sind sie? Wer stellt sie ein? Weshalb?
Da ist zum Beispiel Christine H. Sie ist Schweizerin,
über siebzig Jahre alt und lebt in Basel in einer geräumi-
gen 5½-Zimmer-Wohnung. Dort hat sie auch ihr Büro ein-
gerichtet, denn seit ihrer Pensionierung arbeitet sie privat
als Psychotherapeutin weiter. Obwohl sie Hausarbeit nicht
ungern macht, gab es immer wieder Zeiten, in denen sie
im Haushalt Hilfe brauchte. Heute besorgt sie ihn wieder
allein.
»Ich schätze die Hausarbeit. Ich habe meine Wohnung
gern und mag es deshalb sauber. Eine Wohnung muss man
pflegen, damit sie durchatmen kann.
Nach meiner Pensionierung arbeitete ich Teilzeit weiter
und mmerte mich gleichzeitig um meinen Vater in -
rich. Ich habe immer mehr Zeit bei ihm verbracht, weil er
sehr alt geworden war, aber noch selbständig zu Hause lebte.
Da ich in dieser Situation dringend jemanden für meine
* 13,5% der schweizerischen Haushalte (Quelle: Schweizerische Arbeits-
kräfte erhebung SAKE 2007).
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Wohnung brauchte, habe ich in meinem Bekanntenkreis
herumgefragt. Ich habe zuvor alles allein gemacht, und die-
ser Schritt fiel mir nicht leicht. Eine frühere Arbeitskollegin
sagte mir, sie kenne eine Frau, die passen nnte. Sie ver-
mittelte mir Mirjeta A., eine Mazedonierin. So bin ich zu
einer Sans-Papiers gekommen.
Mirjeta A. war von ihrer Mutter als einziges Kind sehr
sorgfältig aufgezogen worden und von ihrem Selbstwert
her nicht unbedingt rs Putzen motiviert. Wir stammen
beide aus Künstlerfamilien, wir waren beide in Not, das
hat irgendwie gut gepasst. Wir haben dreissig Franken
pro Stunde vereinbart, sie war sehr zufrieden. Sie kam vier
Stunden pro Woche.
Dass ich mich um meinen Vater kümmerte, hat sie un-
glaublich beeindruckt. Sie hatte gedacht, in der Schweiz sei
das unmöglich, hier schauten die Leute nur für sich. Als ich
mich dann einer Operation unterziehen musste, hat sie von
sich aus angeboten, sie würde während dieser Zeit zu mei-
nem Vater gehen. Sie hat ihn kennengelernt und dies dann
wirklich auf sich genommen. Sie hat für ihn gekocht und
dafür gesorgt, dass er seine Medikamente nahm. Geputzt
hat sie nicht, mein Vater hatte die Spitex und eine Putzfrau.
Sie war mehr wie eine Gesellschaftsdame. Ich habe sie dafür
bezahlen wollen, aber sie hat gesagt, in der Familie dürfe
man nichts verlangen in ihrem Land. Ich durfte ihr nur die
Reise und das Essen bezahlen.
Es entstand ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis. Das
ist für mich das Wichtigste. Als sie von einer Nachba-
rin verraten wurde, wohnte sie eine Zeitlang bei mir, ich
glaube, es waren etwa eineinhalb Monate. Sie half mir dann
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auch mit meinem Vater, den ich zu mir genommen hatte.
Er war sehr schwach geworden und sah fast nichts mehr.
Manchmal rief er sechs- bis zehnmal in der Nacht nach mir.
Und ich konnte fast nicht mehr weggehen. Die Spitex un-
terstützte mich zwar, doch es reichte nicht. Ich fragte bei
einem privaten Pflegedienst nach, aber er war zu teuer. Bei
Bekannten lernte ich dann eine Frau aus Brasilien kennen.
Larissa G. war ausgebildete Krankenpflegerin und sprach
auch Italienisch. Sie kam stundenweise, r dreissig Fran-
ken, und hat mich entlastet. Im Schnitt kam sie zwanzig
Stunden pro Woche zu meinem Vater. Sie hat ihn gepflegt
und Gymnastik mit ihm gemacht. Wenn er schlafen wollte,
war sie da. Sie war einfach bei ihm, manchmal ist sie auch
über Nacht geblieben. Manchmal hat sie gekocht und ab
und zu Hemden gebügelt. Das hat sie gern gemacht. La-
rissa G. war da, als mein Vater starb. Ich war nicht da. Und
sie als Krankenschwester hat das wunderbar gemacht. Nach
dem Tod meines Vaters hat sie zu mir gesagt, in ihrem Land
lasse man die Leute, die jemanden verloren haben, vierzig
Tage nicht allein. Sie hat vierzig Nächte hier geschlafen.
Das ist wahnsinnig.
Ich habe wirklich schöne Dinge erlebt mit diesen beiden
Frauen. Mit Mirjeta A. war es so, dass wir immer zuerst
zusammen Kaffee getrunken haben. Dann haben wir oft
gemeinsam gearbeitet. Wenn der Morgen um war, haben
wir zusammen gegessen. Wir hatten es lustig, wir kamen
gut aus. Hausarbeit bringt die Menschen zusammen.
Die beiden Frauen waren sehr unterschiedlich. Für Mir-
jeta A. war das Putzen immer ein wenig ein Problem, es
hat an ihrem Ehrgefühl genagt. Bei mir hat sie dann trotz-
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dem sehr gut geputzt. Aber man merkte, dass sie über ihren
eigenen Schatten springen musste. Für Larissa G. war die
Arbeit wichtig, weil sie so ihre Kinder unterstützen konnte,
besonders ihre eine Tochter, die schwer an Krebs erkrankt
war. Zudem konnte sie bei mir auch ein wenig in ihrem
Beruf arbeiten.
Die Sans-Papiers kommen nicht grundlos. Sie haben alle
einen Grund, ob man das verstehen will oder nicht. Ich bin
per Zufall in diese Kreise geraten und habe mich verpflich-
tet gefühlt zu helfen. Mirjeta A. habe ich beispielsweise
weitere Arbeitsstellen vermittelt bei Freunden, wo ich sicher
war, dass sie auch als Mensch wertgeschätzt würde.
Ich denke, jede Frau hat irgendwie von klein auf mit Ar-
beit im Haushalt zu tun. Dies hilft ihr dann, hier Arbeit
zu finden. Die Hausarbeit kann eine erste Brücke sein, um
Fuss zu fassen. Die Sans-Papiers leben in einem Graube-
reich. Diesen wird es immer geben. Die Schweiz, und auch
kein anderes Land, wird nie so offen sein, immer alle auf-
zunehmen, die kommen möchten. Dennoch wird es immer
solche geben, die irgendwie, ob berechtigt oder unberech-
tigt, kommen.
Ich bin keine, die politisch tätig sein kann. Ich habe ler-
nen müssen, dies zu akzeptieren. Heute weiss ich, dass es
auch eine andere Art und Weise gibt, sich zu engagieren.«
Seitenwechsel. Rosa M. ist fünfunddreissig Jahre alt und
lebt mit ihren zwei Töchtern in Winterthur. Die ältere ist
vierzehn, die jüngere noch keine drei. Rosa M. arbeitet als
Raumpflegerin und Kinderbetreuerin in der Agglomeration
Zürich. Sie stammt aus Ecuador. Als Waisenkind wächst
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sie bei ihrer Grossmutter auf. Als die Grossmutter stirbt,
zieht Rosa M. zu einer Tante nach Venezuela. Sie besucht
das Gymnasium, schliesst es jedoch nicht ab. Sie arbeitet
fortan als Eisverkäuferin und in einer Bäckerei. Weitere
Etappen in ihrem Leben: Heirat, Geburt der ersten Toch-
ter, Scheidung. Der Exmann mmert sich nicht um die
gemeinsame Tochter. Rosa M. kann kaum auf familiäre
Unterstützung zurückgreifen und verdient zu wenig, um
sich und ihre Tochter durchzubringen. Per Zufall erfährt
sie, dass eine frühere Schulfreundin von ihr schon seit drei
Jahren in Zürich lebt, als Sans-Papiers. Dank Familienan-
gehörigen, die in Spanien leben, kann diese junge Frau von
der kollektiven Regularisierung der illegal in Spanien le-
benden und arbeitenden Migrantinnen und Migranten pro-
tieren, die im Jahre 2001 durchgeführt wird. Sie verlässt
Zürich, um sich legal in Spanien niederzulassen. Sie schickt
Rosa M. Geld für die Reise in die Schweiz und organisiert
eine Wohnmöglichkeit. So erleichtert sie ihr den Start in
der Schweiz.
»Zwei Monate nach unserer Ankunft in der Schweiz hatte
ich bereits mehrere Arbeitsstellen gefunden. Und ich konnte
mit meiner Tochter in eine eigene Wohnung ziehen.
Meine erste Stelle fand ich über die Frau eines Bekannten.
Er hat in Venezuela in der gleichen Stadt gelebt wie ich. Er
ist mit einer Schweizerin verheiratet. Am Arbeitsplatz er-
zählte ihr eine Kollegin, die zwei kleine Kinder hat, dass sie
eine Haushaltshilfe suche. So wurde ich zum ersten Mal für
diese Arbeit empfohlen. Zu einer weiteren Arbeitsstelle kam
ich durch eine Freundin, die in ihr Heimatland zurückge-
kehrt ist. Sie hatte ihre Stelle übers Internet gefunden, und

Pierre-Alain Niklaus
Nicht gerufen und doch gefragt

Sans-Papiers in Schweizer Haushalten

Paperback
ISBN 978-3-85787-432-1
Seiten 158
Erschienen Mai 2013
€ 15.00 / Fr. 18.00

Mehrere Hunderttausend Personen in der Schweiz greifen heutzutage auf bezahlte Hilfe zurück, um ihren Haushalt in Schuss zu halten. Nur weil im Hintergrund jemand die Hausarbeit übernimmt, können immer mehr Frauen und Männer Erwerbsarbeit und Karrierewünsche mit Familie und Freizeit vereinbaren.

In den Privathaushalten sind mehrheitlich Menschen tätig, die kaum andere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt haben: einerseits wenig qualifizierte Schweizer/innen, legal niedergelassene Ausländer/innen oder Grenzgänger/innen, andererseits Frauen und Männer ohne geregelten Aufenthaltsstatus, sogenannte Sans-Papiers. Weil sie aus Nicht-EU-Staaten kommen, räumt ihnen das Schweizer Ausländergesetz keine legale Einwanderungsmöglichkeit ein.

Das Buch wirft ein Schlaglicht auf diesen verborgenen Teil der Wirtschaft und seine Akteure. Es zeigt den »stillen Skandal« auf, dass Zehntausende Menschen aus Südamerika, Afrika und Asien über Jahre hinweg beinahe rechtlos in der Schweiz leben und arbeiten. Das Buch gibt diesen Menschen eine Stimme und zeichnet nach, wie die Politik es verpasst hat, eine menschliche, rechtsstaatliche und wirtschaftlich befriedigende Lösung zu finden. Es führt zudem Lösungen auf, die andere Staaten umsetzen und die auch – bis jetzt erfolglos – für die Schweiz vorgeschlagen wurden.