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Lenos Verlag
Gerold Späth
Mich lockte die Welt
Copyright © 2009 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagbild: Jan Vermeer van Delft (1632–1675), »Der Geograph«,
51,6 × 45,4 cm. Städel Museum, Frankfurt am Main
(Foto: Städel Museum / ARTOTHEK)
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 403 1
Autor und Verlag danken dem Migros-Kulturprozent und der Kultur-
förderung des Kantons St. Gallen für die Unterstützung bei der Heraus-
gabe dieses Buches.
Eine kurze Vorbemerkung
ITALIEN
Apulien
Auf den Spuren von Cannae
Begegnungen in Apulien
Sizilien
Steingesichter und Mafiosi
Toskanische Küste – In den oberen Maremmen
Piombino und die etruskischen Erzberge
Geschichte und Wandel an der Via Aurelia
Die Magona, Guss und Eisen
Latium
Italienische Seelandschaft mit Inseln
Rom
Auf antiken Trümmern:
das Römer Testaccio-Quartier
DEUTSCHLAND
Berlin West und Ost
Umrundung des Horizonts:
eine Wanderung an der Berliner Mauer
Begegnungen in Ostberlin
Potsdam in Preussen
Eine DDR-Reise
Von Berlin (Ost) nach Rostock: scharf beobachtet
Magdeburg, Dessau, Erfurt:
Tradition und »sozialistischer« Wiederaufbau
Weimar und Dresden:
Kreuzwege deutscher Geschichte
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USA
Alaska
Sommer in Alaska
Die Agonie der Eskimos im Boomland
Kolibris und Heilbutt: die Inselwelt von Sitka
Kalifornien
Mit Sutter nach Sacramento:
auf den Spuren einer Legende
Mississippi
Zu Mr. Faulkner nach Oxford, Mississippi
FRANKREICH
Franche-Comté und Burgund
Reise zu Riepp
Textnachweise
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Eine kurze Vorbemerkung
Über das Reisen ist viel gesagt worden, vieles wird noch
hinzugesagt werden.
Von Paracelsus, dem ewigen Wanderer, rt man kurz und
bündig: Wandern gibt mehr Verstand, als hinterm Ofen sitzen;
von Gottfried Keller nach seinem Sinn und seiner Zeit: Wer
unter Heimatliebe nur die Zuhausehockerei versteht, wird der Hei-
mat nie froh werden, und sie wird ihm leicht nur zu einem Sauer-
krautfass.
Lord Byron fand das Leben nur auf Reisen erträglich.
Rimbaud hätte am liebsten die ganze Welt durcheilt, die
im Grunde genommen gar nicht so gross ist. Immer auf demselben
Fleck Erde bleiben, schiene mir ein unglückliches Schicksal. Seneca
schrieb an Lucilius, man müsse der Überzeugung leben:
Nicht für einen Winkel bin ich geboren, mein Vaterland ist die
ganze Welt.
Reisen sei Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen sei,
notierte Jean Paul, und Reisen nehmen das lzerne aus dem
Menschen weg, wie das Versetzen das Holzige aus den Kohlrüben.
Jede Reise verwandelt das Spiessbürgerliche und Kleinstädtische in
unserer Brust in etwas Weltbürgerliches.
Ähnliches fasste Henri Matisse in diese Worte: Die
Träume eines Menschen, der viel gereist ist, sind reicher als die
eines Menschen, der niemals verreist war.
Kaum ein illustrer Geist, der nicht vor, während, nach
einer Reise über das Reisen nachgedacht hätte. Lukian.
Montaigne. Sterne. Goethe. Gogol. Karamsin. Claudius.
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Eichendorff. Melville. Flaubert. Fontane. Mann. Cendrars.
Durrell. Und so weiter.
Zwar kennen alle jene alte Binsenweisheit, die Henry
Miller so formuliert: Reisen vollziehen sich im Innern, und die
gewagtesten werden vollbracht, ohne dass man sich von der Stelle
rührt. Dennoch haben alle immer wieder ihr Bündel ge-
schnürt, hat jeder sich gern von der Stelle gerührt.
Nietzsche unterscheidet bei den Reisenden fünf Grade
die ersten werden eigentlich gereist und sind gleichsam
blind, die zweiten sehen wirklich selber in die Welt, die
dritten erleben etwas infolge des Sehens, die vierten leben
das Erlebte in sich hinein und tragen es mit sich fort, die
nften endlich leben alles Gesehene und Erlebte nach der
Reise in Handlungen und Werken wieder aus sich her-
aus.
Der weitgereiste Chinese Lin Yutang behauptet, der echte
Reisende sei immer ein Landstreicher.
Tucholsky hält sich tolerant in der Mitte: Es gibt für einen
Menschen nicht nur eine richtige Art zu reisen; es gibt einige, die
gerade ihm adäquater sind als andere – das ist alles.
Reisen setzt eine gewisse Munterkeit voraus und macht
munter, lt wach. Ich reise gern, ich bewege mich reisend
gern durch eine immerfort sich bewegende Welt. Wenn es
geht, auf eigene Faust; das ist mir die liebste Art. Nicht
ziellos, aber ohne allzu fixe Punkte. Reisen mit Raum zum
Herumschweifen und mit Zwischenraum zum Abschwei-
fen. Reisend sich mit der Welt, mit Menschen und Men-
schenwerk auseinandersetzen. Und dabei nicht zuletzt auch
mit sich selbst.
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Dieses Buch ist ein Zeitreisebuch: es handelt von Reisen in
jenen letztvergangenen Zeiten, die nun schon langsam in
Vergessenheit versinken es sei denn, man habe festgehal-
ten, was man damals auf Reisen in die chste Ferne draus-
sen in der weiten Welt gesehen und erfahren hat.
ITALIEN
Apulien
Auf den Spuren von Cannae
Begegnungen in Apulien
Sizilien
Steingesichter und Mafiosi
Toskanische Küste – In den oberen Maremmen
Piombino und die etruskischen Erzberge
Geschichte und Wandel an der Via Aurelia
Die Magona, Guss und Eisen
Latium
Italienische Seelandschaft mit Inseln
Rom
Auf antiken Trümmern:
das Römer Testaccio-Quartier
Orvieto
Viterbo
Bomarzo
Narni
Terni
Spoleto
ROM
Umbrien
Latium
Celle San Vito
Faeto
Castelluccio
Valmaggiore
Foggia
Canne della Battaglia
Canosa di Puglia
Lecce
Apulien
Piazza Armerina
Sizilien
Lombardei
MAILAND
Venetien
Venedig
Padua
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Auf den Spuren von Cannae
Jede Reise, wohin auch immer, ist anders, ist eine neue
Reise.
Dies sollen drum subjektive, lockere Bemerkungen wer-
den, die gar nicht erst versuchen, objektiv daherzukommen.
An der umbrischen Stadt Orvieto kann man auf der Fahrt
nach dem Süden nicht vorbei. Von weit her zu sehen ist der
steil aus flachem Land aufragende breite Tuffsteinklotz,
darauf die Häuser, die Türme, der Dom.
Dieser Dom vor allem.
Jacob Burckhardt nannte ihn, lese ich, das grösste und
reichste farbige Monument der Welt; Burckhardt hat ohne
Zweifel vor allem die vielfältig geschmückte, mit leuch-
tenden Mosaiken versehene Domfassade im Auge gehabt.
Für unser Empfinden ist sie farbenfreudig genug – aber was
kümmerte das jene Menschen, die sie aus ihrem Empfinden
heraus für die Menschen ihrer Zeit gemacht haben!
Die Rosette, ein blühender Blickfang aus Stein und Zwi-
schenraum und wie in feiner rotierender Bewegung.
Man schreibt sie Andrea di Cione zu, den man Orcagna
nennt. Wie von Zierleisten wird diese Rose von vierund-
zwanzig Figuren umgeben und ist, dicht anschliessend, in-
nen in ein streng ornamentiertes Quadrat gefasst. Mitten
im Rosenrad ein Christuskopf.
Wo Kreis und Quadrat aufeinanderprallen, da knallt und
funkt es. Der Maler Julius Bissier soll das gesagt haben.
Es heisst, der Marmor zur Rose von Orvieto sei vom wei-
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land Jupitertempel auf dem Kapitol zu Rom herbeigeschafft
worden. Tempel als Steinbrüche.
Unsere Betonburgen werden nicht mithalten können.
Im Innern des Doms wird die Struktur der Mauern, Säu-
len und Bögen noch augenfälliger als draussen: Schicht auf
Schicht weiss auf schwarz auf weiss auf schwarz: Basalt und
Kalkstein.
Man kann diese eigenartige Horizontalstreifung in Ita-
lien auch anderswo sehen, in den Domen von Pisa etwa
oder in Siena, der pchtigen Stadt. Das lang dahinlaufende
Horizontale verwebt sich mit dem Hinaufstrebenden dieser
einzigartigen Räume.
Die Fresken im Dom zu Orvieto, die Gewölbemalereien,
vor allem die Arbeit des Fra Angelico und die Meisterwerke
des Luca Signorelli vorn in der Seitenkapelle rechter Hand,
in der Cappella Nuova.
Fra Angelico kam 1447 nach Orvieto. Seine Devise, nach
der Überlieferung: Die Kunst erfordert viel Ruhe.
Wie wahr!
Er hatte mit dem Domkapitel vertraglich vereinbart, je-
des Jahr während dreier Monate in der Cappella an einem
Jüngsten Gericht zu malen. Aber da fiel einer seiner Gehil-
fen vom Gerüst und starb. Es heisst, dieses besrzende Er-
eignis habe den Meister dazu veranlasst, den Vertrag zu bre-
chen, das kaum begonnene Werk unvollendet zu lassen. Fra
Angelico verliess Orvieto und ward dort nie mehr gesehen.
Wo er aufgehört hatte, setzte Luca Signorelli an, hrte
zuerst fort, schlug dann seine eigenen ne an. Und es ent-
standen Fresken, deren Ausstrahlung gewaltig ist.
Die Predigt des Antichrist. Das Ende der Welt. Die Auf-
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erstehung der Toten. Die Auserwählten. Die Verdammten,
die Hölle.
Was Signorelli hier ab 1499 in kühner Manier an die
christlichen Wände malte, gehört zum Eindrucksvollsten,
was Italien einem heidnischen Auge zur Betrachtung an-
bietet.
Vergleiche sind müssig. Dennoch denke ich angesichts
dieser Fresken nur noch an die Werke Giottos in Padua und
Assisi und an den grossen Piero della Francesca und sein
Wunderwerk in Arezzo.
Alle sind auf Signorellis Fresken versammelt, Engel und
Teufel, Götter und Götzen, Propheten und Sibyllen, Dämo-
nen und Zauberer. Auch Charon ist da. Der Minotaurus.
Cerberus. Und Kaiser und nige. Philosophen. Dichter.
Sänger. Viele Fast-Zeitgenossen Signorellis: Boccaccio, Pe-
trarca, Dante etwa. Dann Columbus. Raffaello. Sigismondo
Malatesta von Rimini, Nachfahr jenes Gianciotto, der seine
Frau Francesca und seinen Bruder Paolo bei der Liebe er-
tappte und im Zorn erstach.
Signorelli selbst steht auch da, und so schwarz gekleidet
wie er steht Fra Angelico neben ihm: Sie ren die Predigt
des Antichrist, schauen zu.
Und die Frau, die Signorelli in Orvieto liebte, die ihn
aber abwies, entblösst er, zieht sie nackt aus, verbannt und
verdammt sie dreimal in die lle: Vom Teufel durch die
Luft getragen. Vom Teufel umarmt. Vom Teufel zu Boden
geschleudert und mit einem Strick erwürgt.
Oder ist das auch nur eine der vielen verleumderischen
Legenden, von denen die Welt alleweil strotzt und nicht sel-
ten auch lebt?
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Sicher ist, dass Signorellis Sohn Lorenzo in einem Streit
umgebracht wurde. Da habe der Meister in der Nacht drauf
bei Kerzenlicht seine überwältigende Kreuzesabnahme ge-
malt. Jesu geschundene Leiche. Die schmerzverzehrte Mut-
ter Maria. Und Maria Magdalena, Jesu Freundin, Inbild der
Trauer.
Bildungsreise. – Ach, ihr macht eine Bildungsreise, das darf
ja nicht wahr sein, wirklich!?
Ja, die Bildungsreise ist so eine Sache, manchenorts leicht
lachhaft, auch fragwürdig, das schon eher. Aber: Würden
doch mehr sogenannte »Selbstverständlichkeiten« in Frage
gestellt oder gar mal vollhalsig verlacht!
Wir reisen, und unser Weg führt durch Landschaften
und Kulturlandschaften, zu den Städten und Stätten. Italien
ist die Mole des Mittelmeers. Vieles wurde angeschwemmt,
kam hier an Land, schlug Wurzel, kam verwandelt wieder
hervor und verwandelte vieles.
Rinascimento. Wiedergeburt. Renaissance.
Wie sollte mans anstellen, durch dieses Land zu reisen
und alles dieses nicht zu sehn? Ich meine: nebst allem an-
dern.
Tacitus wurde in Terni geboren. Elf Kilometer weiter
liegt Narni, Geburtsort des Condottiere Erasmo, genannt
Gattamelata, gefleckte Katze, Sohn eines Bäckers, Söldner-
hrer, siegreich für die Serenissima, die Republik Venedig,
im Kampf gegen Mailand.
Gattamelata starb 1443. Anno 1453 wurde ihm zu Padua
ein Denkmal gesetzt. Gattamelata hoch zu Ross, Feldherr
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in voller Rüstung, doch ohne Helm. Man sieht seinen Kopf,
sein Gesicht. Ein lebensvolles Gesicht.
Donatello, einer der wahren Meister, hat dies grosse Rei-
terdenkmal, das erste bronzene seit der Antike, geschaffen.
Renaissance.
Hinter Narni liegt Spoleto. Über dem Ort eine mächtige
Burg, die Rocca.
Ein Protzklotz der Macht. Im vierzehnten Jahrhundert
erbaut, einst Residenz päpstlicher Gouverneure, jetzt Ge-
fängnis, Zuchthaus. – Was hat sich gndert?
Immer wieder hört man in Italien angesichts alter, hoch
auf Hügeln über Städten und Dörfern hingebauter Kastelle
und Festungen die Bemerkung: wird gegenwärtig als Ge-
fängnis gebraucht.
Unten in Spoleto enge Gassen, ein alter Dom; der Maler
Filippo Lippi liegt hier begraben.
Der Dom ist innen »barockisiert«, leider. Hierzu eine
Zwischenbemerkung: Hin und wieder in Italien, ganz be-
sonders etwa vor der Fassade der Kathedrale des weit im
den gelegenen Lecce, auf der sich von Fhbarock bis Ro-
koko alles balgt und beisst, spriesst die Einsicht, dass ganz
und gar nicht alles, was in Italien aus der Renaissance sich
entwickelte, wirklich sehenswert ist. Um es provokativ zu
sagen: Wo in Italien der Barock wild ausbrach, ist la bella
Italia ziemlich grauslich.
Zurück nach Spoleto, ins Teatro Melisso, wo während
des alljährlichen Festivals Kammerkonzerte und Dichter-
lesungen stattfinden. Der Geiger Zukerman wurde hier
»entdeckt«. Und der alte Ezra Pound las hier, unter der
Rocca, aus seinen Cantos; er war ein Mann, der sich aus-

Gerold Späth
Mich lockte die Welt


Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-403-1
Seiten 311
Erschienen März 2009
€ 19.90 / Fr. 34.80

Nicht jeder, der eine Reise tut, weiss davon so unmittelbar und informativ zu erzählen wie Gerold Späth. Der Autor von Unschlecht betrat als Erzähler wie als Reisender Neuland. Seine hier versammelten Texte schrieb er abseits der üblichen Touristenpfade: In wenig bekannten Regionen Italiens, wie Apulien oder den Maremmen, in Alaska, Frankreich und dem Ostdeutschland der frühen achtziger Jahre spürte er mit der ihm eigenen Neugier und Offenheit Land und Leuten nach und verortete seine Erlebnisse und Begegnungen im historischen Hintergrund des jeweiligen Reisegebietes. Gerold Späth lässt sich von dieser Welt locken – die Leserin, der Leser wird sich einbezogen wissen und kann seine Ausflüge in die Kulturgeschichte anhand der Fülle an Informationen allezeit nachvollziehen.

»Reisen setzt eine gewisse Munterkeit voraus und macht munter, hält wach. Ich reise gern, ich bewege mich reisend gern durch eine immerfort sich bewegende Welt. Wenn es geht, auf eigene Faust; das ist mir die liebste Art. Nicht ziellos, aber ohne allzu fixe Punkte. Reisen mit Raum zum Herumschweifen und mit Zwischenraum zum Abschweifen. Reisend sich mit der Welt, mit Menschen und Menschenwerk auseinandersetzen. Und dabei nicht zuletzt auch mit sich selbst.« (Gerold Späth)

Pressestimmen

In seinem neuen Buch versammelt Gerold Späth Reiseberichte, die Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre in der NZZ erschienen sind. Es sind dies keine üppig-barocken Eskapaden, wie man sie etwa aus seinem Sindbadland kennt, sondern sorgfältig beobachtende und beschreibende Reportagen.
— St. Galler Tagblatt