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Lenos Verlag
Michelle Steinbeck
Mein Vater war ein Mann an Land
und im Wasser ein Walfisch
Roman
Erste Auflage 2016
Copyright © 2016 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag und -illustration: Nonda Coutsicos, Zürich
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 469 7
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Der Verlag dankt der Fachstelle Kultur Kanton Zürich
r die Unterstützung.
Für Sandra und Sophie
Das Kind 11
Die Alte 23
Der helle Mann 37
Die rote Stadt 47
Fridolin Seifert 63
Das Haus im Meer 75
Die neue Familie 95
Der Vater 113
Das Fest 125
Das Ende 137
Ich will alles wissen,
alles von mir, von euch, von allen Menschen, die noch leben
werden, von begrabenen Musikanten,
ich will alle Sprachen können und mit jedem Menschen jede
Nacht sprechen.
Katja Plut, Mensch werden
Aus dem Slowenischen von Darja C
ˇ
rv-Štepec und Uroš Prah
11
Das Kind
Auf dem Hof geht ein Kind, seine Schuhe blinken bei
jedem Schritt.
Bedächtig setzt es einen Fuss vor den anderen, bis
es vor mir stehen bleibt. Es sieht mich an, der Saft
läuft ihm aus der Nase, und es sagt: Gestern habe ich
geträumt, ich hätte alle beleidigt.
Ich biege in den Kiesweg, ohne mich umzudrehen,
das Kind kräht mir einen Schwall Beschimpfungen
hinterher.
Ein Vogel sitzt auf der Wäscheleine, tschilpt und
rollt in seinem Schnabel ein Hanfkorn. Die Fhlings-
sonne scheint mir direkt ins Gesicht.
Die Hausr steht offen.
Mein Zimmer ist noch so, wie ich es damals zurück-
gelassen habe. Zerwühltes Bettzeug auf der Matratze,
schiefe Bücherstapel, leere Kleiderbügel im offenen
Schrank. Irgendwie riecht es seltsam, ich öffne das
Fenster. Ein Luftzug wirbelt Federchen aus dem Vo-
gelkäfig auf den Tisch, über die gusseiserne Teekanne
12
und die Schreibmaschine meines Vaters. Ich fahre mit
dem Finger über den Staub auf den Tasten, drücke, das
Füsschen springt aufs Farbband und zurück. Ich ziehe
die Schreibmaschine an den Tischrand, meine Finger-
spitzen liegen gespannt auf den Tasten; ich habe auf
dem Weg schon alles überlegt.
Mir wird heiss, ungeduldig schüttle ich meinen
Mantel von den Schultern, stehe auf und hänge ihn an
den Haken. Was wollte ich? Unruhig wandere ich im
Zimmer auf und ab, gehe vom Fenster zur Tür, von
der Tür zum Bett, vom Bett zum Tisch. Ich nehme
Dinge in die Hand: einen zerkauten Bleistift, einen
angelaufenen Silberlöffel, eine zerknautschte Packung
Zigaretten, eine Zündholzschachtel mit dem Bild ei-
ner halbnackten, Rollschuh laufenden Matrosin. Ich
schiebe den Tisch ans Fenster, knibble eine Zigarette
aus der Schachtel, biege sie gerade und zünde sie an; sie
raucht mir direkt in die Augen. Unten auf der Strasse
sehe ich das Kind mit den Blinkschuhen. Es zerrt ver-
bissen am blühenden Ginsterbusch. Ein Zweig reisst
ab, das Kind schlägt ihn sich probeweise aufs Bein,
dann peitscht es auf den Busch ein, dass die Blüten
stieben, und kreischt irrsinnig.
Die Sonne ist hinter den Schornstein gekrochen, dar-
auf sitzt eine Krähe und knackt eine Nuss. Ich drehe
ein neues Blatt Papier in die Schreibmaschine ein und
13
hacke in die Tasten: Mein Vater war ein Mann an Land
und im Wasser ein Walfisch.
Ich bleibe sitzen, bis ich Hunger bekomme. Dann
stehe ich auf und gehe in die Küche. Der Kühlschrank
ist leer, nur im Eisfach liegt eine Packung tiefgehl-
ter Spinat. Ich schlage den Kühlschrank zu und schreie
auf. Im Türrahmen steht das Kind mit den Blinkschu-
hen.
Was hast du in meiner Wohnung zu suchen?, rufe
ich.
Das Kind stiert mich mit grossen Augen an. Dann
macht es auf dem Absatz kehrt und läuft durch den
Korridor ins Wohnzimmer; ich sehe noch, wie es die
Tür hinter sich zuschlägt.
Na warte!, sage ich. Wenn ich etwas verabscheue,
dann unerzogene Kinder.
Ich stehe vor der geschlossenen Tür, überlege, was
ich Vernichtendes sagen werde, dann drücke ich die
Klinke.
Das Zimmer ist voller Rauch. Wie aufgespannte -
cher wehen die Schwaden, oben heraus ragen ein Dut-
zend Kindspfe. Sie sitzen um den Wohnzimmertisch
und brüten vor sich hin. Ein süsslicher Geruch nach
ungewaschenem Haar und vergorener Milch hängt
im Raum. Ich reisse das Fenster auf. Die Rauchwolke
löst sich sanft von den Kindern und schiebt sich übers
14
Fensterbrett hinaus. Jetzt kann ich sie erst richtig se-
hen, die ungesunden Gestältchen: abgebrannte Brauen,
Ascheschmieren auf den Wangen, vernestelte Locken,
fleckiger Oberlippenflaum, krumme Rücken und hän-
gende Hälse. Fischaugen in bleichen Gesichtern kul-
lern fahrig über den Tisch, über blinde Schminkspie-
gelchen, Kippen in erstarrtem Kerzenwachs, überfüllte
Aschenbecher, Brandlöcher; sie verharren bei einem
Rauchfaden, der aus der Pfeife des einzigen aufrecht
sitzenden Jungen aufsteigt. Er thront im grossen Le-
dersessel und raucht mit der Miene eines Königs. Er
reisst die Augen auf, schürzt die Lippen und schmatzt.
Die schwefelgelben Wölkchen, die aus seinem Rachen
steigen, formen sich zu Kringeln. Er sieht ihnen nach,
wie sie sich ausdehnen und vergehen, legt die Pfeife
beiseite und schaut mir ins Gesicht.
Hast du Hunger?
In einer Hand balanciert er meine gepunktete Fh-
stücksschale, am Rand ist die Farbe schon abgeplatzt.
Mit einem Suppenlöffel schaufelt er sich Müsli in den
Mund. Er mampft und lacht, weisse Milch rinnt ihm
übers dumme Kinn. Seine runden Henkelohren lau-
schen, und die drei blonden Haare, die an seiner Gur-
gel spriessen, gucken mich herausfordernd an. Er hat
ein hübsches Gesicht, wie ich.
Du hast bestimmt Hunger, sagt mein Bruder mit
vollem Mund, oder hast du keine Würmer mehr?
15
Meine Kopfhaut kribbelt, und ich kratze mich
schnell.
Läuse auch noch?, höhnt er. Diesem Alter solltest
du doch langsam entwachsen sein.
Ein paar Kinder lachen. Mein Herz klopft im
Hals.
Er streckt mir das Müsli entgegen, fährt sich mit
der freien Hand durch die Haare, zuckt dann die Schul-
tern und stellt die Schale auf den Tisch. Er schnipst,
und rundherum schnellen Finger hoch, huschen über
den Tisch, tupfen Tabakkrümel und Pulverreste auf
und drehen sie flink in Papierchen. Ein kleiner Junge
bastelt hochkonzentriert, die Zunge zwischen den Lip-
pen; mein Bruder nimmt ihm das Ding aus der Hand
und lt es mir unter die Nase. Mit verstellter Kin-
derstimme säuselt er: Schau, was ich Schönes gemacht
habe! Ein Flugzeug.
Tatsächlich, ziemlich raffiniert: ein Zigaretten-
rumpf mit Flügeln, die auch Zigaretten sind. Mein
Bruder grinst mir ins Gesicht. In meinem Kopf hasten
und fallen Verwünschungen übereinander, ich atme
tief ein und aus.
Bravo, sage ich trocken und klatsche in die Hände,
grandios. Du hast es ja weit gebracht. Aber jetzt ist die
Party zu Ende, ich bin wieder da, hier regiere ich!
Ich verstumme, re meine Stimme nachhallen
wie lächerlich das klingt.

Longlist Deutscher Buchpreis (2016), Shortlist Schweizer Buchpreis (2016)

Michelle Steinbeck
Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch

Roman

Lenos Pocket 199
Paperback
ISBN 978-3-85787-799-5
Seiten 153
Erschienen 3. August 2018
€ 13.50 / Fr. 18.00

Luzide Absurdheitsprosa zwischen Panik und Komik, vom Feinsten.
— Sabine Vogel, Berliner Zeitung

Loribeth ist auf der Flucht, in ihrem Koffer ein erschlagenes Kind. Eine Wahrsagerin hilft ihr weiter: Sie muss den Koffer samt Kind ihrem verschollenen Vater bringen, um erwachsen zu werden. Auf ihrer phantastischen Reise durchquert sie Städte, Wüsten und Meere und verliebt sich in alle Wesen, die ihr etwas Essbares anbieten. Doch unerwartete Begegnungen, Katastrophen und eine erschreckend lebendige Kofferleiche zwingen sie stets weiterzuziehen – bis der Koffer seinen Bestimmungsort findet und Loribeths Blick sich verändert: Das Magische geht ins Reale über. Das langersehnte Leben im Kreis der auserwählten Freunde ist öd; nichts passiert. Um ein wenig Magie zurückzuholen, wird wild gefeiert, doch Loribeth kann nicht aufhören zu fragen: Soll das nun alles sein?

Michelle Steinbeck ist mit ihrem Debütroman eine virtuose Entwicklungsgeschichte gelungen. In einer entfesselten Sprache erzählt sie die Abenteuer einer jungen Frau, deren Ängste vor dem Erwachsenwerden buchstäblich lebendig geworden sind. Die märchenhaften Bilder überraschen durch skurrile Wendungen und offenbaren einen wachen Blick auf die zeitlosen Themen der Jugend.

Pressestimmen

Mehr als ein Hipsterroman. Es ist ein schräges Märchen mit Tiefgang, wild und phantastisch.
— Brigit Weibel, Schweizer Fernsehen
Die aufgekratzte Sprache, die überraschungsreich ist und sich aus dem Märchen speist, der Bibel und dem Surrealismus, erschöpft sich nie. Ein vielversprechendes literarisches Kunststück.
— Die Zeit
Ein beeindruckendes Romandebüt … dieser atemlose, sich überschlagende Prosastil, diese spektakuläre Dichte an Einfällen; dieses Vergnügen an klanglicher Assoziation.
— Sebastian Fanzun, Neue Zürcher Zeitung
Luzide Absurdheitsprosa zwischen Panik und Komik, vom Feinsten.
— Berliner Zeitung
Die immense Flut an abstrusen Bildern sowie die einfache, klare Sprache machen ihr Debüt einzigartig.
— Simone Keller, Basler Zeitung
Steinbecks Romandebüt ist bemerkenswert: Sie knüpft mit ihrem eigenwilligen, manchmal atemlosen, manchmal atemraubenden Ton an die phantastisch-surrealistische Erzähltradition an, findet aber doch ganz eigene Bilder und erweist sich als humorvolle Querdenkerin.
— Schweizer Radio SRF
Steinbeck gelingt mit dieser phantastischen, aber auch grausamen Reise Loribeths ein ebenso skurriles wie poetisches Debüt.
— Martina Keller, Viceversa Literatur
Steinbecks Roman liest sich ab der ersten Seite wie ein Stück ungezogene Flegelprosa. … Entgegen der Tendenz, dem Realismus neue Denkmäler zu bauen, bedient sich Steinbeck einer entfesselten Phantasie, die in der zeitgenössischen schweizerischen Literaturlandschaft ihresgleichen sucht.
— Daniel Faulhaber, TagesWoche
Der Roman wird getragen von der Lust an einer Absurdität, die sich um keine Logik schert und phantastische Blüten treibt. Die Reise der jungen Frau zu sich selbst ist gepflastert mit brachialer Gewalt, die im Text wie selbstverständlich hereinbricht und ohne Konsequenzen bleibt – wie ein actiongeladener Comic.
— Julia Stephan, Zentralschweiz am Sonntag
Michelle Steinbeck gelingen mit ihrer symbolträchtigen Sprache immer wieder starke Bilder. Kein Zweifel: Die Themen darunter sind so universell wie zeitlos.
— Isabel Hemmel, Züritipp
Michelle Steinbeck hat mit ihrem Debutroman ein phantastisches Märchen geschaffen, das in seiner Zeitlosigkeit seltsam den Zeitgeist trifft.
— Claudio Vogt, barfi.ch
Grandios überdreht!
— Frankfurter Rundschau
Wenn das die neue Generation ist, dann Gnade uns Gott!
— Elke Heidenreich, Literaturclub Schweizer Fernsehen
Wie ein pillengeschwängerter Höllenritt durch Szenerien, die einem Gemälde von Hieronymus Bosch entnommen sein könnten.
— Berner Zeitung
Unkonventionell, verblüffend, irritierend und spleenig …
— Ostthüringer Zeitung
Furios!
— Perlentaucher
Eine gelungene Gratwanderung zwischen Surrealem und der kritisch beäugten Realität. Und dabei trifft sie die Mentalität der heutigen Gesellschaft genau auf den Punkt. Nichts ist gut genug und auf besseres wird nur gehofft.
— St. Galler Tagblatt