LENOS
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LP 255
Die Reise der Genfer Studentin Marie nach Berlin im Juni 1994 ist
eine Reise in die Vergangenheit: Die junge Frau will ihren deutschen
Grossvater Matthias Berg treen, den sie nie gesehen hat, dessen
Kriegsschicksal aber das Leben ihrer Mutter und ihrer Grossmutter
zerstörte. Endlich am Ziel, fehlt ihr der Mut, den alten Mann anzu-
sprechen.
Stattdessen beobachtet sie ihn in einem Park unweit seiner Wohnung
und versucht, aus den Erzählungen der Eltern die tragische Familien-
geschichte zusammenzusetzen. Welche Rolle hat der Grossvater, der
den Russlandfeldzug überlebte, im Krieg gespielt? Was geschah mit
ihrer Grossmutter Beate, einer Widerstandskämpferin, die den Ver-
dacht, ihr Mann sei ein Kriegsverbrecher, nicht loswurde? Weshalb
konnte sich ihre Mutter Eva, die von zu Hause üchtete und durch
Heirat Schweizerin wurde, nie von der Vergangenheit lösen?
Yvette Z’Graggen
Matthias Berg
Roman
Aus dem Französischen
von Markus Hediger
Lenos Verlag
Die Autorin
Yvette Z’Graggen (1920–2012) wuchs in Genf auf. Nach langjähriger Tätig-
keit beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz war sie als Übersetzerin
und als Mitarbeiterin von Radio Suisse Romande tätig. Mit vierundzwanzig
Jahren veröentlichte sie ihren ersten Roman. In der Folge publizierte sie
zahlreiche Werke – Romane, Erzählungen und Hörspiele –, von denen etliche
ins Deutsche übersetzt wurden. Für ihr Werk wurde Yvette Z’Graggen mehr-
fach ausgezeichnet, u. a. erhielt sie 1951 für ihren Roman L’Herbe d’octobre
(Oktobergras) und 1996 für ihr Gesamtwerk den Preis der Schweizerischen
Schillerstiftung sowie für die Erzählung Les Années silencieuses (Die Jahre
des Schweigens) 1982 den Preis der Genfer Schriftstellergesellschaft. Ihr
Roman La Punta wurde 1992 mit dem Prix des Auditeurs de la Radio Suisse
Romande gewürdigt.
Titel der französischen Originalausgabe:
Matthias Berg
Copyright © 1995 by Editions de l’Aire, Vevey
LP 255
Vierte Auflage 2026
Copyright © der deutschen Übersetzung
1997 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: PHOTOCREO Michal Bednarek / Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 855 8
www.lenos.ch
Hier streunen die Worte des Glücks
Im Netz gefangen über Abgründen.
Jean-Georges Lossier, Lieu d’exil
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»Dort Herr Berg kommt«, sagt der türkische Lebens-
mittelhändler.
Er zeigt mit dem Finger auf einen alten Mann, der
eben aus dem Nachbarhaus gekommen ist und jetzt,
auf einen Stock gestützt, langsam auf dem Trottoir
geht, eine Papiertüte in der anderen Hand.
»Er geht in Platz«, setzt der Lebensmittelhändler
noch hinzu.
»Danke«, sagt Marie.
Der Lebensmittelhändler blickt ihr nach, während
sie sich in die gleiche Richtung entfernt wie der alte
Mann. Sie scheint den Schritt beschleunigen zu wol
-
len, dreht sich dann aber um. Zum Glück ist eine
Kundin gekommen, so dass sich der Lebensmittel
-
händler mit ihr über die Auslage beugt, in der Obst
und Gemüse in Hülle und Fülle angeboten werden,
wie in südlichen Ländern. Er kann also nicht sehen,
dass Marie den Alten gar nicht anspricht, sondern le
-
diglich ein paar Schritte hinter ihm hergeht. In dem
Augenblick, erst in dem Augenblick merkt sie, dass
sie den Satz, den sie vorbereitet hat, »Guten Tag,
ich bins, Marie«, eigentlich unmöglich aussprechen
kann. Ihre Freunde hatten sie gewarnt, doch sie war
immer starrköpger geworden: »Ich werde ihn n
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den, ich muss ihn einfach nden.« »Und was sagst
du dann zu ihm?« – »Nur keine Bange, ich habe ihm
viel zu erzählen.« Einige hatten noch hinzugefügt:
»Und was hast du davon? Was vorbei ist, ist vorbei,
man sollte die Vergangenheit besser seinlassen.« Sie
hatte ihre Lauheit gehasst, ihren grobschlächtigen
Verstand, wo sie doch diesen Elan in sich spürte, eine
Art zwingende Notwendigkeit.
Der alte Mann ist mit Mühe die kleine Treppe zur
Grünanlage hinaufgestiegen und dabei nach jeder
Stufe stehen geblieben. Er ist auf eine der Bänke zu
-
gegangen, die im Halbkreis angeordnet sind. Er hat
lange gebraucht, um sich zu setzen, als hätte jede
Bewegung ihn einige Anstrengung gekostet. Jetzt
scheint er wieder zu Atem zu kommen, seine Hände
liegen verkrampft auf der Papiertüte. Marie zögert
einen Augenblick, ihre Kehle ist wie zugeschnürt bei
der Vorstellung, schnurstracks zu ihm hinzugehen,
dann nimmt sie auf einer Bank auf der anderen Seite
des Halbkreises Platz, fast ihm gegenüber, doch zu
weit weg, um sein Gesicht noch erkennen zu können.
Dieses ist unter dem Schirm einer Mütze verborgen,
ähnlich wie sie vor ein paar Jahren ein Kanzler die
-
ses Landes trug, Marie weiss nicht mehr, wie er hiess,
damals war sie noch viel zu jung, um sich darüber
Gedanken zu machen, und Eva hasste es, wenn von
Deutschland gesprochen wurde.
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Sie merkt, dass sie kaum schlucken kann, wie im
Konzert, wenn die Emotion zu stark und die Stille
im Saal zu gross ist. Auf gut Glück zieht sie aus ihrer
grossen Makramee-Tasche das Buch hervor, das sie
schon im Flugzeug vergeblich zu lesen versucht hatte,
die Zeilen hatten vor ihren Augen getanzt, die Wörter
hatten keinen Sinn gehabt, und die Furcht war im
-
mer grösser geworden, während jene Stadt, die bald
wieder die Hauptstadt eines der mächtigsten Län
-
der Europas werden würde, immer näher kam. »Du
musst Deutschland vergessen«, hatte Eva gesagt, »du
gehörst hierher und nirgendwohin sonst.«
Was würde Eva denken, wenn sie sie in dieser
Grünanlage sitzen sähe, ein paar Schritte von Mat
-
thias Berg entfernt? Wäre sie empört, bekümmert?
Und wieder, wie fast jedes Mal, wenn sie an ihre
Mutter denkt, beginnen Maries Augen zu brennen.
Rund um die stille, fast ländliche Anlage herrscht
nur wenig Verkehr. Es duftet überraschend nach Gras
und Erde. Ein dumpfes, fernes Dröhnen kommt von
der Strasse her, wo es vom Turm der beschädigten
Kirche zu schlagen begonnen hat.
Es ist zehn Uhr, und ich bin in Berlin, denkt Ma
-
rie, zehn Uhr vormittags in Berlin, Dienstag, den
7. Juni 1994.
Der alte Mann önet die Papiertüte. Sofort ist er
von Spatzen umgeben, wahrscheinlich ist das deren
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Revier hier. Langsam und sorgfältig wirft er ihnen
Brotkrumen zu, hält inne, um den Stock aufzuhe
-
ben, der zu Boden geglitten ist und den er jetzt an die
Bank lehnt.
Marie wartet. Sie weiss nicht, worauf. Vielleicht,
bis ihr wieder Erinnerungen zuiessen, Erinnerungen
an eine Zeit, die sie nicht erlebt hat, von der aber un
-
ermüdlich erzählt worden ist, als hätte Eva versucht,
sie sich auszutreiben, sie zu tilgen. Marie hörte nicht
immer hin, zu sehr liebte sie die Stimme ihrer Mut
-
ter, ihren warmen Arm um sie, während die Mutter
weitererzählte, bruchstückhaft, ohne Reihenfolge.
Er sperrte mich nicht ein, nein, Marie, er sperrte mich
nicht wirklich ein. Doch jahrelang habe ich zwischen
dem Haus und der Schule gelebt, dann zwischen
dem Haus und dem Büro seiner Fabrik, wo er mich
als Sekretärin, als Buchhalterin, als Mädchen für alles
arbeiten liess. Ich hatte fast nichts gelernt, und doch
musste ich alles können. Er schrie mich nie an, wenn
ich einen Fehler machte, er wurde nicht wütend, er
schwieg, und das war noch viel schlimmer, kann ich
dir sagen.
Ich hatte keine Freunde, fast keine. Ich lebte ein
-
fach so für mich, zurückgezogen. Die schönsten Au-
genblicke verbrachte ich in meinem Zimmer. Ich
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machte die Tür zu, hörte mir Musik an, manchmal
konnte ich alles vergessen.
Ihn. Das Haus. Und was geschehen war.
Ich schwebte, ich fühlte mich wie in einer Blase.
Doch die Mahlzeiten nahmen wir nun einmal zusam
-
men ein. Er war nicht der gleiche Mann wie während
der Arbeit, ich glaube, mir war der Chef sogar noch
lieber. Bei Tisch war da immer dieser leere Platz mir
gegenüber, zu seiner Rechten. Ich dachte die ganze
Zeit daran. Auch die alte Emma dachte beim Auf
-
tragen daran. Es gab Augenblicke, Marie, da nahm
dieser leere Platz das ganze Esszimmer ein. Natürlich
dachte auch er daran. Doch er sagte nichts. Auch
dazu schwieg er.
In dem Haus herrschte das Schweigen.
Ich hasste dieses Haus. Ich hatte es schon als Kind
gehasst, als Beate noch da war. Beate fühlte sich darin
ebenfalls nicht wohl. In einem anderen Haus hätte
sie vielleicht wieder gesund werden können. Er wollte
das nicht begreifen. Er begri gar nichts. Allein das
Geschäft zählte für ihn, diese Werkzeugmaschinen
-
fabrik, die er aufgebaut hatte und die fast sofort gut
gegangen war.
Warum wir das Haus hassten? Es war ja nicht häss
-
licher als irgendein anderes. Es war zu Beginn des
Jahrhunderts gebaut worden, war eng, hoch, ein we
-
nig prätentiös, mit einem Ecktürmchen. Es war als
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einziges stehen geblieben. Allein, mitten auf einem
Trümmerfeld. So habe ich es zum ersten Mal gese
-
hen, als wir dort einzogen. Ich war noch klein, und
ich begann zu weinen, daran erinnere ich mich, ich
sagte, ich will hier nicht wohnen, ich mag unsere alte
Wohnung viel lieber. Ihm aber war es völlig egal, was
ich dachte.
Man hatte mir ein Zimmer im Türmchen einge
-
richtet, ein Spielzimmer, doch es gab noch nicht viele
Spielsachen in meiner Kindheit. Im Übrigen war mir
auch gar nicht nach Spielen zumute. Ich ging fast nie
hinauf, ich blieb lieber bei Beate, nur bei ihr fühlte
ich mich in Sicherheit, wie während der Bomben
-
angrie im Keller. Nach dem, was dann geschehen
war, ging ich manchmal hinauf. Ich wagte nicht,
mich dem Fenster zu nähern, setzte mich auf den Bo
-
den, blieb einfach so sitzen, ohne etwas zu tun, gegen
die Wand gelehnt. Eines Tages hat mein Vater mich
dort gefunden. Er sagte, ich solle aufstehen, doch ich
rührte mich nicht vom Fleck. Da hat er mich weg
-
getragen. Das ist das einzige Mal, dass er mich in die
Arme genommen hat, das einzige Mal in meinem Le
-
ben, doch es war schon zu spät. Danach hat er einen
Maurer kommen und die Tür zumauern lassen. Nie
-
mand hat jemals mehr das Zimmer im Türmchen be-
treten, niemand hat mehr das Fenster geönet. Was
bildete sich mein Vater eigentlich ein? Dass man das
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Unglück beseitigen kann, indem man es hinter Ze-
ment versteckt?
Aber ich habe andere Winkel entdeckt, um allein
zu sein, weit weg von den anderen, an Orten fehlte es
ja nicht. Im Grunde genommen hätten wir ausziehen
müssen, doch er dachte nicht einmal daran, im Übri
-
gen hätte das nichts wiedergutmachen können, auch
das nicht.
Zuvor hatten wir in halbzerbombten Häusern ge
-
wohnt. So sah Frankfurt aus in der Nachkriegszeit,
doch du kannst dir das gar nicht vorstellen, Ma
-
rie. Für dich sind Häuser etwas solid Gebautes, mit
Mauern, die nicht einzustürzen drohen. Mein Va
-
ter hatte vielleicht gedacht, dieses Haus werde ihm
helfen, einen Neuanfang zu machen, die unschönen
Erinnerungen weit hinter sich zu lassen. Er begann
wie ein Wahnsinniger zu arbeiten, nachdem er aus
der Gefangenschaft zurückgekehrt war und sein
Gesundheitszustand es ihm erlaubte, und er musste
stolz sein, schon genug Geld verdient zu haben, um
sich ein Haus leisten zu können. Ob er Beate gefragt
hatte, was sie davon halte? Ich weiss es nicht. Über
-
haupt redete sie zu dem Zeitpunkt fast nicht mehr,
sie war schon krank, doch das begri ich noch nicht.
Erst als sie mich wegbrachte, wurde es mir all
-
mählich klar. Ich war wohl zwölf oder dreizehn, es
war kurz nach dem Umzug. Beate kam mitten in der
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Nacht zu mir, sie war schon fertig angezogen. Komm,
wir gehen, beeil dich. Wo willst du hin, Mama? Mit
einem geheimnisvollen Ausdruck legte sie den Finger
auf die Lippen. Ich habe ihr gehorcht wie immer und
mich angezogen. Wir haben uns aus dem Haus ge
-
schlichen, Beate hatte nur eine kleine Tasche bei sich.
Wir haben eine sehr lange Reise gemacht, damals
war Reisen noch etwas Schwieriges, die Züge waren
überfüllt, man musste fast die ganze Zeit stehen. Wir
gelangten auf eine Insel, nachdem wir mit einem al
-
ten Schi gefahren waren. Ich erinnere mich, Beate
drückte meine Hand ganz fest, sie tat mir weh, doch
ich wagte nichts zu sagen. Ich dachte, das ist gar nicht
mehr meine Mama, was hat sie nur, was ist los mit
ihr? Ihr Blick war mir fremd geworden, du kannst dir
das gar nicht vorstellen, Marie, aber ich hatte den Ein
-
druck, als ob alles um mich herum einstürzen würde,
es war noch schlimmer als während der Bombenan
-
grie, dort hatte ich wenigstens Beate, die mich beru-
higte. Und jetzt war sie es, vor der ich mich fürchtete.
Die Insel war topfeben und grau, mit grossen Ho
-
tels. Es war Herbst und kalt, die Nordsee war stür-
misch, der Wind wehte in Böen. Weder weiss ich,
wie lange wir dort blieben, noch womit wir uns den
ganzen Tag beschäftigten. Ich fragte Beate, was wir
tun und wovon wir leben würden, doch sie antwor
-
tete nicht. Auf dem Zimmer im Hotel sass sie stun-
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denlang vor dem Fenster, die Stirn an die Scheibe ge-
drückt. Wartest du auf etwas, Mama? Sie legte wieder
den Finger auf die Lippen, mit dem gleichen geheim
-
nisvollen Ausdruck.
Sie war im Krieg ja so mutig gewesen, meine
Beate, im Keller tröstete sie alle, und später habe ich
erfahren, dass sie einer Untergrundorganisation an
-
gehört hatte, die bedrohten oder verfolgten Leuten
zur Flucht verhalf, Juden, Kommunisten und ande
-
ren Leuten. Sie hatte einen jüngeren Bruder, meinen
Onkel Friedrich, der ebenfalls dazugehörte. Ich habe
fast keine Erinnerung an ihn. Er war verhaftet und
hingerichtet worden. Beate sprach nie von ihm, sie
konnte es einfach nicht, es schmerzte sie zu sehr. Aber
das kannst du gar nicht verstehen, Marie, ich frage
mich, warum ich dir das alles überhaupt erzähle, die
-
ses Land ist so ruhig, so gleichgültig, und der Krieg
scheint dir weit weg, nicht wahr? Und trotzdem muss
ich dir sagen: Sie war eine Heldin, deine Grossmut
-
ter, du hättest sie geliebt, abgöttisch, wenn du sie ge-
kannt hättest, ich kann ihr das Wasser nicht reichen
und bin doch am Leben, die Füsse im Warmen und
sorgenfrei. Es ist doch wirklich ungerecht.
Da sass sie also in dem Hotelzimmer, das Gesicht
an die Scheibe gepresst, stumm und abwesend. Sie
sah mich kaum mehr an, sie schien mich nicht mehr
zu lieben.

Prix Rambert 2000

Yvette Z’Graggen
Matthias Berg

Roman

Aus dem Französischen von Markus Hediger


LP 255
Paperback
ISBN 978-3-85787-855-8
Seiten 113
Erschienen 12. Mai 2026
€ 16.00 / Fr. 18.00

Ausgaben
Paperback (2026)
Eine erschütternde Aufarbeitung der seelischen Spätfolgen von Krieg und Totalitarismus.
— Michael Wirth, Neue Zürcher Zeitung

Die Reise der Genfer Studentin Marie nach Berlin im Juni 1994 ist eine Reise in die Vergangenheit: Die junge Frau will ihren deutschen Grossvater – Matthias Berg – treffen, den sie nie gesehen hat, dessen Kriegsschicksal aber das Leben ihrer Mutter und ihrer Grossmutter zerstörte. Endlich am Ziel, fehlt ihr der Mut, den alten Mann anzusprechen.

Stattdessen beobachtet sie ihn in einem Park unweit seiner Wohnung und versucht, aus den Erzählungen der Eltern die tragische Familiengeschichte zusammenzusetzen. Welche Rolle hat der Grossvater, der den Russlandfeldzug überlebte, im Krieg gespielt? Was geschah mit ihrer Grossmutter Beate, einer Widerstandskämpferin, die den Verdacht, ihr Mann sei ein Kriegsverbrecher, nicht loswurde? Weshalb konnte sich ihre Mutter Eva, die von zu Hause flüchtete und durch Heirat Schweizerin wurde, nie von der Vergangenheit lösen?


Pressestimmen

Z’Graggens Roman ist von brennender Aktualität. In den Debatten mit der letzten Generation, die den Krieg im Erwachsenenalter miterlebt hat – in Deutschland um die Verbrechen der Wehrmacht, in der Schweiz um die Holocaust-Gelder –, geht es um Fragen, an denen im Roman zwei Frauengenerationen scheitern und erst die dritte eine Möglichkeit findet weiterzugehen: durch die Bereitschaft zur Rückkehr.
— Tages-Anzeiger
Ein feinfühliges Porträt von drei Frauen aus drei Generationen. Und was diesen Roman besonders auszeichnet: Z’Graggen berichtet, ohne zu richten.
— SonntagsZeitung
Als Enkelin eines Urners lebte die 2012 verstorbene Genferin Yvette Z’Graggen in der Spannung zwischen Deutsch und Welsch und hatte 1995 in »Matthias Berg« auch den Mut, die Frage der deutschen Kollektivschuld differenziert und auf bewegende Weise anzugehen.
— Charles Linsmayer, Tagblatt der Stadt Zürich

Ausserdem lieferbar