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Lenos Verlag
Yvette Z’Graggen
Lebenssplitter
Aus dem Französischen
von Markus Hediger
Mit einem Vorwort
von Françoise Fornerod
Die Übersetzung aus dem Französischen wurde unterstützt durch
die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.
Der Übersetzer
Geboren 1959. Studium der Romanistik und Literaturkritik.
Längere Aufenthalte in Paris, Bordeaux, Berlin, Buenos Aires. Autor
der Gedichtbände Ne retournez pas la pierre (1996) und Là pour me sou-
venir (2005). Lebt in Zürich. Übersetzte zahlreiche Werke, u.a. von
Elisabeth Horem, Jacques Mercanton, Alice Rivaz, Jean-Bernard
Vuillème und Nicolas Bouvier, zuletzt: Yvette Z’Graggen, Weiher
unter Eis (2006). Herausgeber der Anthologie Passagen. Erzählungen
aus der französischen Schweiz 1970–1990 (1991). Sein literarisches und
übersetzerisches Werk wurde mit zahlreichen Anerkennungspreisen
und Werkaufträgen ausgezeichnet.
Titel des französischen Originals:
Éclats de vie
Copyright © 2007 by Editions de l’Aire, Vevey
Copyright © der deutschen Übersetzung
2008 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Foto: Keystone / Sandro Campardo
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 400 0
Inhalt
Vorwort 9
Die Vorgeschichte 15
Der Garten 19
Das Alter der Vernunft 23
Der Lippenstift 29
Die Mauer 33
Ein wenig Rauch 37
Winter 41
Mademoiselle 45
Jene Morgen 49
Ruinen 55
Die Kindersoldaten 61
Brief an eine ergebene Sekretärin 63
Venedig 69
Ach, die schönen Ferien 73
Tod einer Fliege 77
Requiem für eine blaue Zypresse 81
Schlafen, träumen vielleicht … 85
Ein afrikanisches Herz 91
Von anderswo 95
Fern von Turin 99
Sei stille, Schmerz 103
Der Bruch 107
Die Schutzengel 113
Die letzten Worte 117
Robin 123
9
Vorwort
Fünfundzwanzig Perlen auf der Kette eines Le-
bens fünfundzwanzig kleine Berichte am
Faden der Zeit, von der Erinnerung zu neuem
Leben erweckte Fragmente, die Licht auf die ferne
und nahe Vergangenheit werfen und wie ein Echo
durch das ganze Werk von Yvette Z’Graggen hal-
len. Letztes Buch, sagt sie, doch es hat nichts Te-
stamentarisches noch Nostalgisches an sich, denn
es verweist auf die anderen und auf die Zukunft.
Bevor sie auf das ferne, schüchterne Mädchen
zu sprechen kommt, das angesichts der zerstöre-
rischen Macht der Wörter »schreiben statt reden«
will, erinnert die Romanautorin in loser Folge
an ein paar Ereignisse, die sich in dieser »Vor-
geschichte« aus der Zwischenkriegszeit abgespielt
haben: unter anderem Lindberghs Flug über den
Atlantik, den Schusswechsel von 1932 in Genf,
Hitlers Machtergreifung und den italienischen
Einfall in Abessinien. Erinnerungen aus dem Pri-
vatleben werden für ihre Zeitgenossen vergessene
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Bilder wiederaufleben lassen wie etwa die »ris-
sigen weissen Hände« der Wäscherin, »die so
wirken, als wären sie mitgekocht worden«, oder
das »in Seidenpapier gewickelte Zwanzigrappen-
stück«, das sie »dem Akkordeonspieler, der am
Sonntag morgen im Hof spielt«, zuwirft. Ganz
im Gegensatz zur Suche nach einem pittoresken
Effekt oder zum Versuch einer soziologischen
Perspektive zeugt diese Aufzählung ganz einfach
von der unruhigen Welt, in die ihre Jugend ge-
taucht war.
Jeder »Splitter« ist eine kleine Geschichte an
sich, in einer Chronologie, die es dem Leser er-
laubt, der Erzählerin von der Kindheit bis ins hohe
Alter zu folgen bei der Entdeckung der Welt und
mit der für Yvette Z’Graggen charakteristischen
Fähigkeit zur Empathie als rotem Faden. Dieser
Streifzug durch ein Leben ist gleichzeitig wie
eine Synthese der grossen Themen ihres Werks:
Trennung, Unverständnis, Einsamkeit, doch zu-
gleich Teilnahme, Einssein, Austausch, Gemein-
samkeit. Ein paar glückliche, viele schmerzliche
Erinnerungen. Die Erinnerung beschönigt nicht,
die Fragen bleiben bestehen: »Warum war es so
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schwierig, die richtigen Worte zu finden?« fragt
sie sich in bezug auf ihren Vater, noch immer
als Echo zu ihrem Buch Heimkehr ins Vergessene.
Die Bilder vom versteten Europa, das sie im
Dienst des Roten Kreuzes durchquert und in Zeit
der Liebe, Zeit des Zorns beschrieben hat, werden
durch die im Fernsehen wieder wachgerufen. Ve-
nedig, Spanien, das Tessin, Italien: Diesen Orten,
schon gegenwärtig in den autobiographischen
Werken oder in den Romanen, begegnet man in
der flüchtig skizzierten Szenerie einer Erinnerung
wieder, die noch in keinem anderen Buch auf-
getaucht ist. Der Gebrauch der Vergangenheits-
form in der Erzählung bedeutet keine zeitliche
Distanznahme auf Kosten der affektiven Nähe,
auch wenn diese in Geschichten in der Gegen-
wartsform intensiver ist. Der Gebrauch der drit-
ten Person Einzahl verstärkt zwar den Eindruck
eines fernen Bildes, dämpft jedoch das Empfin-
dungsvermögen in keiner Weise. Die Texte in der
ersten Person Einzahl allerdings, insbesondere
die letzten Zeugnisse von den Mühen des Alters,
berühren einen wegen der leuchtenden Klarheit
des Schreibstils zutiefst.
12
Man muss diese Geschichten in einem Zug le-
sen: Sie zeichnen weniger den Lebensweg als viel-
mehr das Porträt einer edelmütigen, herzlichen,
hellsichtigen Frau nach, die ohne Bitterkeit und
Selbstgefälligkeit unablässig in Schattenzonen zu
leuchten versucht. Diese ckschau auf ein lan-
ges Leben öffnet sich dankbar den anderen, deren
Hilfe unentbehrlich geworden ist. Die Hand des
schüchternen kleinen Mädchens hält sich nun am
Arm des Enkels, dessen Leben seinerseits die Ge-
schichte schreiben wird.
Danke, Yvette Z’Graggen, für dieses »afrikani-
sche Herz«.
Françoise Fornerod
15
Die Vorgeschichte
Wir um 1920 herum Geborenen bekommen
manchmal einen Schock, wenn wir bemerken,
dass die Generation nach uns schon ins Renten-
alter kommt. Ja, unsere Kinder sind oder wer-
den bald das sein, was man jetzt Senioren nennt,
sie haben schon ein paar graue Haare und oft
Rheuma.
Beim Älterwerden drängen sie die Jahre vor ihrer
Geburt sehr weit in die Vergangenheit, die Jahre
1920 bis 1940, an die sich nicht mehr sehr vie-
le erinnern nnen und die in uns bisweilen den
Eindruck erwecken, wir hätten sie gar nicht wirk-
lich erlebt.
Und trotzdem …
Das kleine Mädchen, das beim Fräulein auf
der Telefonzentrale eine dreistellige Nummer ver-
langt, bin ich.
16
Die zum erstenmal eine Stimme aus einem
merkwürdigen, von einem Cousin gebastelten Ap-
parat hört, den man drahtlosen Telegrafen nennt,
die bin ich.
Die mit ihren Eltern einer Flugschau beiwohnt
und erschrocken diese merkwürdigen Flugrper
betrachtet, die knapp über unseren Köpfen am
Himmel kreisen, die bin ich.
Die den Zeppelin langsam über die Dächer von
Genf fliegen sieht, die bin ich.
Die darüber staunt, dass es einem Amerikaner
namens Lindbergh gelungen ist, den Atlantischen
Ozean allein an Bord eines kleinen Flugzeugs zu
überqueren, die bin ich.
Die das Wort »Krise« hasst, weil es für die -
nanziellen Sorgen meines Vaters und die Tränen
meiner Mutter verantwortlich ist, die bin ich.
Die begeistert Lucienne Boyer Parlez-moi d’amour
singen hört, die bin ich.
Die am Abend unten im Haus in ein Kästchen
ein blaues Büchlein legt, das »Milchbüchlein«,
zusammen mit dem Milchkesselchen, das der
Milchmann auf seinem täglichen Rundgang im
Morgengrauen füllt, die bin ich.
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Die dem Akkordeonspieler, der am Sonntag
morgen im Hof spielt, ein in Seidenpapier gewik-
keltes Zwanzigrappenstück zuwirft, die bin ich.
Die die Arbeit des Polsterers bewundert, der
sich in regelmässigen Zeitabständen vor dem Haus
im Quartier des Falaises niederlässt, die bin ich.
Die manchmal von den Glocken einer Kuh-
herde, die am Stadtrand die Strasse überquert, ge-
weckt wird, die bin ich.
Die die Hände der Wäscherin betrachtet, ris-
sige weisse Hände, die so wirken, als wären sie
mitgekocht worden, die bin ich.
Die den ersten Ton- und Gesangsfilm sieht, die
bin ich.
Die sich darüber empört, dass Schweizer Solda-
ten an einem Novemberabend 1932 in Genf auf
die Menschenmenge schossen und dabei Leute tö-
teten, die bin ich.
Die heimlich ihre erste Zigarette raucht, eine
rosarote Xanthia Mireille, die bin ich.
Die rt, dass ein gewisser Adolf Hitler deut-
scher Kanzler geworden ist, die bin ich.
Die Mussolini bewundert und während des
Abessinienkrieges Faccetta nera singt, die bin ich.
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Die hört, dass in Frankreich ein Sozialist zum
Regierungschef gewählt worden ist und es von
jetzt an bezahlte Urlaubstage für alle Arbeitneh-
mer gibt, die bin ich.
Die man sonntags im Auto spazierenfährt, wo-
bei fast jedesmal ein Reifen platzt, die bin ich.
Die tanzen möchte, wenn sie Charles Trenet Y’a
d’la joie und Quand notre cœur fait boum hört, die
bin ich.
Die sicher ist, dass der Krieg nicht ausbrechen
wird, die bin ich.
Eine brave kleine Schülerin mit einer Basken-
mütze auf dem Kopf.
Eine Jugendliche, die mit Tränen in den Augen
Alfred de Musset liest.
Ein Mädchen, das Küsse auf den Mund etwas
wirklich Ekelhaftes findet.
Ja, die war ich, die war wirklich ich in jener
Zeit, die, je näher der Tod kommt, immer ver-
schwommener wird, ein wenig verwackelt wie die
Schwarzweissfilme in den Anfängen des Kinos.
19
Der Garten
Da ist ein ganz kleines Mädchen. Drei Jahre, vier
Jahre alt. Sie ist allein in einem Garten am späten
Nachmittag. Sie ist nicht im Stich gelassen wor-
den, natürlich nicht, da ist jemand in der Villa.
Jemand, der ab und zu ans Fenster geht, um sich
davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung ist.
Wer? Nicht die über alles geliebte junge Mama,
die in die Stadt gegangen ist, sondern eine Ver-
trauensperson, vielleicht Violette, das ergebene
Dienstmädchen, das sozusagen zur Familie ge-
hört.
Das kleine Mädchen spielt ganz brav, wie es
von ihm verlangt worden ist.
Sie hat ein Spiel erfunden, das niemand ihr bei-
gebracht hat. Sie hat mit ihrer Schaufel ein Loch
in den Boden gegraben, sie geht zum Wasserhahn
ganz in der Nähe und llt ihren Eimer. Dann
dreht sie den Wasserhahn sorgfältig zu und kehrt
zum Loch zurück, das sie in den weichen Boden

Yvette Z’Graggen
Lebenssplitter

Aus dem Französischen von Hediger, Markus


Lenos Pocket 182
Paperback
ISBN 978-3-85787-782-7
Seiten 124
Erschienen 15. Januar 2016
€ 12.90 / Fr. 16.00

Fünfundzwanzig Perlen auf der Kette eines Lebens, fünfundzwanzig kleine Berichte am Faden der Zeit, von der Erinnerung zu neuem Leben erweckte Fragmente, die Licht auf die ferne und nahe Vergangenheit werfen und wie ein Echo durch das ganze Werk von Yvette Z’Graggen hallen. Letztes Buch, sagt sie, doch es hat nichts Testamentarisches noch Nostalgisches an sich, denn es verweist auf die anderen und auf die Zukunft.

Jeder »Splitter« ist eine kleine Geschichte, die es dem Leser erlaubt, der Erzählerin von der Kindheit bis ins hohe Alter zu folgen, bei der Entdeckung der Welt und mit dem für Yvette Z’Graggen charakteristischen Einfühlungsvermögen als rotem Faden. Dieser Streifzug durch ein Leben ist gleichzeitig wie eine Synthese der grossen Themen ihres Werks: Trennung, Unverständnis, Einsamkeit, doch zugleich Teilnahme, Einssein, Austausch, Gemeinsamkeit. Ein paar glückliche, viele schmerzliche Erinnerungen. Insbesondere die letzten Zeugnisse von den Mühen des Alters berühren zutiefst.

Man muss diese Geschichten in einem Zuge lesen: Sie zeichnen weniger den Lebensweg als vielmehr das Porträt einer edelmütigen, herzlichen, hellsichtigen Frau nach, die ohne Bitterkeit und Selbstgefälligkeit unablässig in Schattenzonen zu leuchten versucht. Diese Rückschau auf ein langes Leben öffnet sich dankbar den anderen, deren Hilfe unentbehrlich geworden ist. Die Hand des schüchternen kleinen Mädchens hält sich nun am Arm des Enkels, dessen Leben seinerseits die Geschichte schreiben wird. – Françoise Fornerod

Pressestimmen

Es sind keine Sensationen, die Yvette Z’Graggen festzuhalten hat, keine schweren Katastrophen, höchstens eine Verdüsterung hin und wieder und dann Beschwingtheiten auf einmal. Weil diese persönlich erlebten Verletzungen und Beglückungen vor dem Hintergrund von Z’Graggens literarischem Werk (das man Jahrzehnte hindurch mit Bewunderung und Anteilnahme gelesen hat) ins Gedächtnis zurückgerufen und jetzt mit der entsprechenden Sensibilität und Ausdruckskraft festgehalten werden, gibt man sich der Lektüre mit voller Aufmerksamkeit hin.
— Der Bund