LENOS
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Lenos Verlag
Lorena Müllerin
In der stärksten Mittagssonne friere ich
Wahre Geschichten
und ein Essay über sexualisierte Gewalt
Die Basis dieses Buches entstand im Rahmen des Kulturpublizistik-
Studiums der Autorin an der Zürcher Hochschule der Künste.
Sie dankt der Burgergemeinde Bern für die Unterstützung.
Erste Auflage 2026
Copyright © 2026 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Leila Šurković
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 057 8
Inhalt
Prolog 11
Luzie 16
Cami 30
Ayana 44
Lovis 56
Madita 72
Ludo 86
Juna 96
Rosa 108
Leonor 132
Eine Bestandsaufnahme 148
Epilog 187
Dank 191
Lokale Unterstützungsstrukturen 193
Literatur 195
Für Mama ♥
»Ich stelle mir vor, wie im Prozess des Schreibens und
Lesens meine Gedanken und Gefühle immer grössere
Kreise ziehen und dabei allmählich die Grenzen
zwischen mir und anderen überwinden.«
Emilia Roig in Lieben
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Prolog
Liebe Leser*innen. Vor euch liegt kein einfacher Lese-
sto – weder für Betroene noch für Nichtbetroene.
Ich musste ihn schreibend festhalten, weil die Erfahrun-
gen von sexualisierter Gewalt, die mich und viele andere
prägen, nach einer Sprache verlangen. Weil unser Füh-
len geprägt ist von Erinnerungen, die kaum in Worte zu
fassen sind, aber gravierende Spuren hinterlassen haben.
Weil viele unserer Leben in ein Davor und ein Danach
geteilt sind und wir die Last, die uns aufgebürdet wurde,
alleine tragen. Weil wir im Stillen nach einer Sprache su-
chen, die wuchtig und präzise genug ist, um dieses Da-
vor, dieses Danach und das Dazwischen zu beschreiben.
Ich erinnere mich an die Idee, ein Buch über sexualisierte
Gewalt zu schreiben. Sie keimte aus einer intensiven li-
terarischen wie auch aktivistischen Auseinandersetzung
mit sexualisierter Gewalt und dem Wunsch, die Realität
dieser Gewalt sichtbar zu machen. Die Idee wuchs aus
der Dringlichkeit, eine Sprache zu nden, die das System
hinter der sexualisierten Gewalt nicht nur erklärt, son-
dern mit Nachdruck erfahrbar macht.
Ich versuche mit diesem Buch das Gewicht der sexua-
lisierten Gewalt – das die betroenen Personen oft al-
leine tragen – aufzuteilen. Ich möchte die entlasten, die
jeden Tag in einem Danach leben, und jene einbeziehen,
die bislang unbehelligt leben, vielleicht gar ohne sich je
über die Omnipräsenz sexualisierter Gewalt Gedanken
gemacht zu haben. Dabei suche ich nach einer Sprache,
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die die Wucht und die Auswirkungen sexualisierter Ge-
walt in ihrer Vielschichtigkeit beschreibt. Einer Sprache,
die körperliche Empndungen so präzise einfängt, dass
sie nicht nur verstanden, sondern auch nachempfunden
werden können. Auch von Menschen, die nie sexuali-
sierte Gewalt erfahren haben.
Kübra Gümüşay betont in ihrem Buch Sprache und Sein,
dass Sprache die Macht habe, Realitäten zu schaen und
Unsichtbares sichtbar zu machen. Sie sieht in der Sprache
ein Werkzeug, das gleichzeitig unterdrücken und befreien
kann, je nachdem, wie es genutzt wird.
Ich nutze die Sprache befreiend für von sexualisierter
Gewalt Betroene. Ich suche Worte für das, was über-
hört, übergangen oder verdrängt wird. Mit meiner Spra-
che verschiebe ich die Scham, die mit sexualisierter Ge-
walt verbunden ist, dorthin, wo sie hingehört – weg von
den Betroenen. Gleichzeitig will ich den Betroenen
ein Stück Deutungshoheit über ihre Geschichte zurück-
geben. Ich schae Räume, in denen Erfahrungswissen
zählt und Betroene als Expert*innen ihrer Geschichte
verstanden werden. Ich sehe die Sprache in diesem Buch
als eine Möglichkeit, einzelne persönliche Erfahrungen
zu einem Netz zu verweben, fragil und zugleich wider-
standsfähig, das sie in einen strukturellen Zusammen-
hang stellt. Mein Anliegen ist es, eine intersektionale
Perspektive einzunehmen und auf das Zusammenspiel
sexualisierter und psychischer Gewalt aufmerksam zu
machen.
Neun wahre Geschichten spinnen den Anfang dieses
Netzes. Unterschiedlicher könnten sie nicht sein, und
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doch zeigen sich in ihnen übergreifende Strukturen und
Mechanismen. Das Sprechen über sexualisierte Gewalt
beinhaltet weit mehr als persönliche Befreiung – es ist
ein mutiger gesellschaftlicher Akt, der Scham, Verant-
wortung und Macht neu verhandelt. Dieses Buch ist ein
Versuch, zu zeigen, wie viel Kraft im Sprechen über se-
xualisierte Gewalt liegt. Eine Kraft, die Solidarität wach-
sen lässt, die sensibilisiert und den Weg für kollektive
Heilung ebnet.
In den Gesprächen mit den betroenen Personen
durfte ich die feinen Nuancen ihrer Geschichten und
Persönlichkeiten erspüren. Dass sie mir mit grossem Mut
ihr Vertrauen gegeben und so oen gesprochen haben,
empnde ich als Verantwortung, ihren Worten mit Sorg-
falt zu begegnen. Nahe an ihren Worten habe ich ver-
sucht, ihre Geschichten so wiederzugeben, wie sie erlebt
wurden. Ohne Abschwächung und ohne sie zu relati-
vieren, aber auch ohne sie zu interpretieren und ihnen
Worte in den Mund zu legen. Die literarische Form war
für mich dabei ein Raum, in dem sich die individuellen
Stimmen entfalten können. Nicht als Fallbeispiele, son-
dern als Menschen mit Geschichten in unterschiedlichen
Formen. Sie erlaubt, Zwischentöne zu zeigen, das Davor
und das Danach sichtbar zu machen, Erfahrungen ein-
zuordnen und Wege nachzuzeichnen, ohne das Erlebte
auf eine lineare Chronologie zu verengen. Sie bot mir die
Freiheit, zu verdichten, zusammenzuführen sowie Schutz
und Anonymität herzustellen. Der Kern der sexualisier-
ten Gewalt bleibt unangetastet: das, was geschehen ist
und wie es sich angefühlt hat. Jede Geschichte ist ein-
zigartig in ihrem Rhythmus, mit der erfahrenen Gewalt
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umzugehen, und jede verdient es, gehört zu werden. Ich
positioniere mich bewusst an der Seite der Betroenen
und schreibe aus einer Haltung der Solidarität und der
Verantwortung heraus. Jedes Kapitel gehört einer Person,
ist ein Ausschnitt aus ihrem Leben. Die Fragilität dieser
Geschichten verlangt Sorgfalt, Rücksicht und Aufmerk-
samkeit – nicht nur im Schreiben, auch im Lesen.
Während ich dies schreibe, versuche ich mir ständig vor-
zustellen, wer dieses Buch lesen wird. Wer bist du, wäh-
rend du dir vorzustellen versuchst, wer die Betroenen
sind? Vielleicht denkst du an betroene Freund*innen,
vielleicht denkst du, keine betroene Person zu kennen,
vielleicht bist du selbst betroen, vielleicht hast du noch
nie von sexualisierter Gewalt gehört. Ich verstehe, wenn
sich in dir etwas dagegen sträubt, dich dieser explizit ge-
schilderten sexualisierten Gewalt (erneut) auszusetzen.
Ich ermutige dich, dieses Buch als Einladung zu sehen,
deinen Blick auf die Welt zu erweitern und andere Reali-
täten anzuerkennen, in die Erfahrungen von Betroenen
einzutauchen, nicht abstrakt, nicht aus der Ferne, son-
dern hautnah, spürbar. Diese Geschichten können auf
alle Leser*innen unterschiedlich wirken. Wenn du selbst
von sexualisierter Gewalt betroen bist, können sie dich
triggern, sie können dich wütend machen, sie können
dich aber auch darin bestärken, deine Geschichte zu er-
zählen. Wenn du nicht betroen bist, können sie dich
wütend machen, sie können dich ohnmächtig stimmen,
sie können dich aber auch auffordern, mehr zu lesen,
mehr darüber zu sprechen, mehr dagegen zu tun.
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Neun Betroene haben mir einen Einblick in ihr Inners-
tes gegeben, und ich habe versucht, das nach aussen zu
spiegeln. In diesem Buch entsteht ein Raum, in dem das
Unsagbare sagbar wird. Ich versuche, Betroenen meine
Stimme zu leihen. Aber jede Stimme bleibt stumm, wenn
niemand bereit ist, hinzuhören. Und genau zuhören be-
deutet, auszuhalten, nicht zu relativieren, nicht wegzuse-
hen – auch dann nicht, wenn das Gehörte unbequem ist.
Liebe Leser*innen, achtet beim Lesen auf eure Gefühle,
baut Pausen ein, sprecht mit Freund*innen darüber,
nehmt euch Zeit, das Gelesene zu sortieren. ♥
TW: In diesem Buch kommt explizite und implizite se-
xualisierte Gewalt vor.
LUZIE
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Das Abendessen
Ich sitze am Tisch von seinen Eltern und schäle die frisch
geduschten Süsskartoeln. Dann schneide ich sie und
lasse sie einzeln in den Topf mit Wasser plumpsen, als
seine Mutter fragt: »Wieso bist du nicht öfter bei uns?«
Die Frage fühlt sich an wie eine Ohrfeige. Obwohl sie
von aussen vielleicht liebevoll-fürsorglich klingen mag.
Ich bin ja nur drei- bis fünfmal die Woche bei ihm und
seinen Eltern, da darf man schon mal fragen, weshalb ich
mit siebzehn Jahren nicht gleich einziehe.
Euer Sohn sorgt dafür, dass niemand zu lange bleiben
will, denke ich.
»Entschuldige …«, drücke ich schnell hervor, bevor sie
meine Gedanken hört. »Ich bin doch oft hier. Meine El-
tern vermissen mich schon.«
Stechender Blick. Das war wohl auch nicht richtig. Ich
lache nervös.
»Also nicht dass ich es nicht geniesse bei euch. Mit
ierry.«
Der sieht nicht mal vom
TV auf, äzt wie ein Sack
Süsskartoeln auf der schwarzen Ledercouch. Das macht
er immer, wenn es ums Kochen geht. Aber dafür hat er ja
mich. Und seine Mutter.
Wir führen seit einem halben Jahr eine Beziehung.
ierry und ich. Das Verliebt-High war krass, wir waren
mindestens auf Wolke zehn. So eine weiche, uge Ku-
muluswolke mit einer 2000er-Playlist auf Repeat. Forever
together. Je höher der Flug, desto tiefer bekanntlich der
Fall. Seine Psyche spielt ihm zunehmend Streiche, Im-
pulskontrolle futsch, Aggressionsproblem hallo. Schnell
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wird der weiche und behütende Kumulus zu einem gros-
sen grauen Kumulonimbus – aufgetürmt, eine bedrohli-
che Gewitterwolke. Ich kann an seinem Blick erkennen,
wenn das Wetter wechselt. Oft sind es nur Kleinigkeiten,
die den Regen herbeiführen. Oft nichts, was mit mir zu
tun hat, aber egal ob ich Regenjacke, Regenhose und Re-
genschirm dabeihabe, ich werde diejenige sein, die nass
wird. Ich werde mich dem Sturm stellen müssen, ihn wü-
ten lassen, bis er weiterzieht.
Seine Mutter nimmt den gefüllten Topf und trägt ihn
zum Herd. Es ist unangenehm genug, dass mein Freund
auf der Couch sitzt, während wir sein Abendessen zu-
bereiten. Noch unangenehmer ist es aber, wenn seine
Mutter am Tisch sitzt und so tut, als wäre ich zu wenig
hier. Obwohl ich oft da bin. Zu oft, glaube ich manch-
mal.
Aus der Distanz schaltet sich ierry ein: »Ja, warum
kommst du eigentlich nicht öfter?«
Ich fühle mich fast unwohler, als wenn ierry in den
vier Wänden seines Zimmers wütet. Dort kenne ich die
Spielregeln.
Im Zimmer
Er ist psychisch krank.
Es geht ihm scheisse.
Ich muss für ihn da sein.
Sex ist die einzige Lösung.
Er akzeptiert keine Neins.

ZHdK Förderpreis

Lorena Müllerin
In der stärksten Mittagssonne friere ich

Wahre Geschichten und ein Essay über sexualisierte Gewalt

Klappenbroschur
ISBN 978-3-03925-057-8
Seiten 197
Erschienen 11. August 2026
€ 24.00 / Fr. 24.00

Es ist ein wichtiges Buch. Es ist wichtig, dass diese Geschichten erzählt werden, aufgeschrieben, dastehen, schwarz auf weiss.
— Julia Weber

Von sexualisierter Gewalt erzählen.
Betroffenen eine Stimme geben.
Strukturen dahinter benennen.

In neun literarisch verdichteten Texten erzählt Lorena Müllerin die Erfahrungen von Betroffenen von sexualisierter Gewalt. Wahre Geschichten, anonymisiert und fiktionalisiert. Jede Stimme steht für sich, jede Geschichte ist ein eigener Mikrokosmos, doch gemeinsam verweisen sie auf eine Realität, die omnipräsent ist: Rape Culture.
Mit ihrem literarischen Essay stellt die Autorin die individuellen Erlebnisse der Betroffenen in einen gesellschaftlichen Kontext. Dadurch werden sie nicht als isolierte individuelle Erfahrungen, sondern als strukturelles Problem sichtbar.
In eindringlicher Gegenwartsform entstehen Texte von unmittelbarer Nähe. Sprache wird dabei als Werkzeug verstanden: um sichtbar zu machen, was tabuisiert wird, Schweigen zu brechen und Widerstand zu formulieren.

Die Basis dieses Buches entstand im Rahmen des Kulturpublizistik-Studiums der Autorin an der ZHdK.


Pressestimmen

Neun Geschichten über sexualisierte Gewalt, eine Bestandsaufnahme und die Frage, wie Sprache unsere Wahrnehmung prägt: In »In der stärksten Mittagssonne friere ich« setzt sich die Berner Autorin Lorena Müllerin mit einem Thema auseinander, über das noch immer zu oft geschwiegen und zu wenig gesprochen wird. … Eine wertvolle und ganzheitliche Lektüre.
— Lea Schlenker, akut
Wo Statistiken und Fachbegriffe abstrakt bleiben, macht Müllerin über die neun Geschichten ein Gefühl greifbar. Originell ist dabei, dass Müllerin einen literarischen Raum schafft und den Stimmen darin trotzdem ihre Eigenständigkeit lässt.
— Elisa Faes, Journal B

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