LENOS
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Haiti in den 1950er Jahren. Jean-Raoul ist sechs Jahre alt – dann zer-
bricht jäh seine unbeschwerte Kindheit. Bei einem brutalen Überfall
der paramilitärischen Garden des Diktators François Duvalier wer-
den seine Eltern getötet. Ein Freund der Familie rettet den Jungen in
die Schweiz, wo ein ihm völlig unbekanntes, erschreckendes Leben
beginnt.
Er vermisst seine geliebte Mutter und fühlt sich fremd in einer Welt,
die nicht seine eigene ist. Das Aufwachsen im Milieu des begüterten
Basler Bürgertums ist von Angst und Einsamkeit geprägt. Eisiges
Schweigen herrscht über die Ereignisse in Haiti. Im Haus Schöneck
in der Basler Altstadt ist Jean-Raoul der grenzenlosen, verwöhnen-
den Liebe seines Beschützers ausgeliefert. Er wird als dem Judentum
zugehörig erzogen, mit humanistischen Bildungsinhalten überschüt-
tet und zu sportlichen Aktivitäten genötigt.
Sein seelisches Trauma, das tiefempfundene Dilemma in der ver-
zweifelten Suche nach der eigenen Identität und einer kulturellen
Heimat, prägt seine Entwicklung. Allmählich gelingt es ihm, dem
alltäglichen Rassismus mit bissigem Humor zu begegnen und der
übergrigen Beziehung standzuhalten, um unabhängig eigene Ziele
zu verfolgen.
Lenos Verlag
Jean-Raoul Austin de Drouillard
Im falschen Leben. Eine Jugend
Roman
Aus dem Französischen
von Steven Wyss
Der Übersetzer
Steven Wyss, geboren 1992 in un, übersetzt Literatur aus dem
Französischen, u. a. Douna Loup, Jérémie Gindre und C. F. Ramuz.
Für seine Übertragungen von Ramuz’ Romanen erhielt er 2023
eine literarische Auszeichnung der Stadt Zürich, 2024 einen
Werkbeitrag des Kantons Zürich. 2023 wurde er mit dem uner
Kulturförderpreis ausgezeichnet. Er ist auch als Literaturvermittler
und Moderator tätig und lebt in Zürich.
Der Übersetzer dankt der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia
und dem Collège International des Traducteurs Littéraires (CITL)
in Arles für die Unterstützung.
Der Verlag dankt der Kulturabteilung der Stadt Zürich für die
Unterstützung.
Titel der französischen Originalausgabe:
Le Masque
Copyright © 2007 by Jean-Raoul Austin de Drouillard
Vom Autor für die Übersetzung grundlegend überarbeitet
Erste Auflage 2026
Copyright © der deutschen Übersetzung
2026 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfotos: vorn: Zanele Zee Moyo;
hinten: Peter B. Burckhardt
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 052 3
www.lenos.ch
Im falschen Leben. Eine Jugend
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In der Avenue Henri-Pétion war es an jenem Morgen
noch totenstill. Die Ruhe wurde einzig vom müden
Gurren einer Taube aus der Ferne gestört. Obwohl Wol-
ken die Sonne ab und an verdeckten, strahlte diese so
stark, dass sie den Asphalt zum Schmelzen brachte, der
dabei einen unangenehmen Teergestank verströmte.
Wind aus Südsüdost. Dem Wetterbericht zufolge würde
es noch heißer werden als gestern. Später könnten gar
Sturmböen und starke Regenfälle nicht ausgeschlossen
werden. Mama war schlecht gelaunt. Nichts lief, wie
es sollte: Meine Geschwister und ich hatten, sicher-
lich vor lauter Vorfreude, wieder aufs Land zu fahren,
ihre Anweisungen vergessen, »legt eure Sachen bereit,
und denkt an die Lektüre, eure Hefte und Schulbü-
cher«. Der Hund, dessen weiße Haare grau und dessen
schwarze Haare weiß geworden waren, hatte es sich aus-
gerechnet heute einfallen lassen, auswärts zu schlafen;
der Ford Tudor Sedan stand mit oener Seitenhaube
da, der Chaueur überprüfte eifrig Kurbel, Kabel und
Zündkerzen, doch der Wagen wollte nicht anspringen.
Es war wie ein Ritual, das sich immer im Morgengrauen
des letzten Junitages abspielte: Mama packte Koer, sta-
pelte Kinder, Bedienstete und Hunde, um der Gluthitze
von Port-au-Prince in Richtung des Drouillardschen
Landsitzes zu entkommen, der in der Plaine du Cul-de-
Sac, kaum zehn Kilometer von der Hauptstadt entfernt,
lag.
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Dieses Jahr machten sich die Bediensteten sofort
nach der Ankunft ans Auspacken und Zubereiten
des Mittagessens. Getöse, Tellerklappern. Wie üblich
durchschritt ich als Erstes das Grundstück und be-
grüßte meine Freunde: »Hallo Mangobaum, hallo Jas-
min, hallo Ylang-Ylang, hallo Libellen, hallo Fluss.«
Der Fluss, der direkt hinter dem Haus verlief, trug
keinen Namen. Was eigenartig war! Alle Flüsse haben
einen Namen: Grande-Anse, Trois-Rivières oder Gua-
yamouco zum Beispiel. Aber dieser nicht. Man sagte
einfach »der Fluss«, ich sagte »mein Fluss«. Er wurde
einzig durch der deniert. Mein verlieh ihm zumin-
dest Zugehörigkeit, Bestimmtheit, Intimität. Der Fluss
schien sich nicht sonderlich um diese Mutmaßungen zu
kümmern. Stolz oss er durch sein Bett, das er über Ge-
nerationen gegraben hatte. Ohne sich zu beklagen oder
überzulaufen. Sein Strom war pure Faszination. Über
seine ganze Länge schlängelte er sich rastlos hin und her,
wurde an den Ufern begrenzt von allen möglichen un-
benennbaren Wasserpanzen. Das Röhricht zu beiden
Seiten neigte sich an manchen Stellen so stark, dass es
sich berührte und an ein Ehrenspalier erinnerte. In der
Nähe unseres Hauses verlief der Fluss allerdings plötz-
lich in einer geraden Linie. Hier waren die Ufer weniger
stark bewachsen. Am rechten stand einzig ein riesiger,
steriler Mangobaum, dessen kräftige, in einem geome-
trischen Geecht verschränkte Wurzeln entschlossen
ins klare Wasser eindrangen. Ein Mango-Schirmbaum?
Niemand vermochte mir dieses Kunststück wirklich
zu erklären. »Wie raniert! Wie raniert!«, rief mein
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Bruder, wobei er, ohne dass er dadurch meine Ungläu-
bigkeit auszuräumen vermochte, die Worte übertrieben
betonte.
Ich musste wohl sechs, vielleicht sieben Jahre alt ge-
wesen sein. Wann genau sich dieser Vorfall zugetragen
hatte, kann ich nicht sagen. Wie dem auch sei, meine
Mutter wich zum ersten Mal von einer Regel ab, deren
Auswirkungen ich erst heute vollständig begreife. Sie
erlaubte mir, im Fluss hinter dem Haus zu baden, und
hieß einen Gärtner, mich zu begleiten.
»Er kann nicht schwimmen. Passen Sie gut auf ihn
auf !«
Ich zog mich nackt aus. Ti-Corde behielt seine kurzen
Lumpenhosen an, oben trug er nichts. Er nahm mich
auf den Rücken, vergewisserte sich, dass ich meine klei-
nen Arme fest um seinen Hals geschlungen hatte, und
tauchte dann mit mir ins Wasser. Da ich nicht schwim-
men konnte, war mir mulmig zumute. Trotzdem schrie
ich: »Noch mal! Noch mal! Noch mal!« Eigenartiger-
weise führten die Tauchbewegungen in meinem Unter-
bauch und an der Wirbelsäule zu einem intensiven und
unaussprechlichen Wohlgefühl, das mit dem Drang zu
pinkeln einherging. »Noch mal! Noch mal! Noch mal!«,
rief ich.
Mit äußerster Anstrengung versuchte, ich zu ver-
hindern, dass ich auf Ti-Cordes Rücken pinkelte. Wie
peinlich! Aber schon verließ mich die Kraft, die mir jed-
wede Beherrschung erlaubt hätte. Ein von den Zehen
ausgehender Krampf überwältigte mich, und ich wurde
beinahe ohnmächtig. In den kurzen Augenblicken der
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Klarheit versuchte ich zu verstehen, was ich gerade er-
lebte, aber selbst die Worte ließen mich im Stich, ei-
nes nach dem anderen. Es war wie vor einem großen
Sturm. Vielleicht fühlte sich so das Ende der Welt an,
ihm gingen jubelschreiende, euphorisierende Momente
des Schreckens voraus.
Ah, Oshun! Afrikanische Göttin der Liebe, Hüterin
des Flusses und des Süßwassers! Oshun! Das muss es
sein! Ah, Sünde! Bestrafung! Das ist es!
Wie die meisten jauchzte mein Bruder vor Freude
laut auf, wenn er einen Stein auf die Wasseroberäche
schleuderte und die Sprünge zählen konnte, bis dieser
das andere Flussufer erreichte. Ich hingegen berauschte
mich am Auslösen und Beobachten eines anderen Phä-
nomens: einen Kiesel ins Wasser zu werfen und zuzu-
sehen, wie vom Eintrittspunkt ausgehend Wellen auf-
spritzen, die sich in immer größer werdenden Kreisen
ausbreiten, bis sie auf das Ufer treen. Ich fragte mich
also, ob durch einen außergewöhnlichen und beunruhi-
genden Zauber, mit dem die Flussgöttin mich bestrafte,
dieses besondere, gar verbotene Phänomen sich in mei-
nen Unterbauch verlagert hatte, denn eine Entladung
wurde permanent angestoßen, aber dann doch gezügelt,
aufgeschoben. Tante Néila hatte mich gewarnt: »Du
darfst niemals den Geist des Süßwassers beschmutzen.
Seine Göttin Oshun kann gnadenlos sein … Pass auf,
Jean-Raoul … Pass bloß auf !« Ich hätte es wissen müs-
sen. Tante Néila verstand es, den Glauben der Vorfah-
ren, kabbalistische Zeichen und göttliche Erscheinun-
gen zu entschlüsseln und zu deuten.
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Inzwischen verspürte ich nicht mehr den Drang zu
pinkeln, sondern zu sterben. Ich würde sterben! Ich
schwitzte, und zugleich zitterte ich vor Kälte. Ich wollte
schreien. Ich glaubte sogar, dass ich Mama um Hilfe rief.
Ich wusste nicht, ob sie Zeit hatte. Dieses Martyrium
trat sekundenweise auf, hatte kaum die Dauer eines
Seufzers. Vor Freude und Angst musste ich wohl kurz
das Bewusstsein verloren haben, denn ich fand mich in
Mamas Armen wieder, die mir einen Absud nach Tante
Néilas Geheimrezeptur verabreichte.
Dieser oenbar lächerliche Vorfall legte einen
Schleier von Geheimnissen über die nächsten Tage. Die
Blicke auf mich hatten sich verändert. In meiner Ge-
genwart üsterte man, schlug die Augen nieder oder
richtete sie hoch zum Himmel. Die Männer setzten
ein verschworenes Lächeln auf und klatschten in die
Hände. Hatten mich unvorhergesehene Umstände auf
einen Schlag in eine geschlossene, nur meinesgleichen
zugängliche Kapelle geführt? Man hörte »oh!«, »nein!«,
»wirklich!«, »jetzt schon!«, »das ist ja mal ein echter
Austin!«. Die Frauen setzten ein betrübtes, fast schon
mitleidiges Gesicht auf. Für sie war ich viel zu früh
in eine Welt von Rüpeln, von Schande und Schmutz
gestürzt, und man konnte die verlorene Unschuld nur
bedauern. Dieses widersprüchliche Verhalten war mir
ein Rätsel. Die Erwachsenen waren wirklich oft uner-
gründlich. Ich malte mir sogar aus, dass der »Vorfall«
in mir ein Miasma hinterlassen hatte und ich unver-
mittelt von einer unheilbaren Krankheit befallen sein
könnte. Man überhäufte mich mit Aufmerksamkeit.
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Nach Tante Néilas Anweisungen bereitete mir Mama
ausgefallene Gerichte zu. Bestimmte Früchte, die zu
sauer waren, und alles, was aus dem Meer kam, waren
verboten. Die sind schon komisch, diese Erwachsenen:
so viel Aufregung wegen der fehlerhaften Übertragung
eines Wasserphänomens!
Glücklicherweise kehrte das Haus in der Mattheit
und Langsamkeit der sonnigen Tage in seine gewohnten
Bahnen zurück. Das Haus mit seinem sonnenirrenden
Dach war das Reich meiner Mutter und bildete den
Tempel der ganzen Familie. Sein Kolonialstil glich dem
der anderen Kolonialhäuser, die in allen Départements
der Insel anzutreen waren. Das Haus verfügte über
eine Terrasse, deren Balustrade mit kleinen Mahagoni-
säulen gesäumt war. Trotzdem unterschied es sich in ei-
nigen Aspekten von den anderen. Es war in absoluten
Frieden getaucht. Alles schien zu seinem Schutz ange-
legt. Eine erste Reihe kräftiger Bäume, riesiger Palmen,
Kokospalmen und Mangobäume, schirmte es von den
Ostwinden ab. Ein paar Meter davor beweihräucherte
eine zweite Reihe aus Jasmin und Ylang-Ylang das Haus
mit seinen Düften. Auf dem Dach direkt über der gro-
ßen Haupttür thronte eine von Zeit und Witterung
etwas angefressene Maske. Sie war aus Holz geschnitzt
und hatte eine längliche Form. Ein mit langen Zähnen
bewehrtes Krokodil. Das Maul, dessen Ränder mit ro-
ten Dreiecken auf weißem Grund bemalt waren, reckte
sich majestätisch und unverfroren, die ganze Ebene
überragend, gegen den Himmel. Obwohl die Maske
oben auf dem Dach prangte, schien sie für die Stabilität
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des Hauses zu sorgen. Von ihr ging eine totemistische
und geistige Kraft aus. Daher rührte zweifelsohne die
vertraute Ehrfurcht, die die Erwachsenen ihr so gut wie
immer entgegenbrachten, wenn sie an ihr vorbeigingen.
Gegen Norden schien die Maske auf den Dachstuhl
eines nahe gelegenen Häuschens zu schielen, wo »der
Mann« wohnte. Es lag in einem Magnolienhain verbor-
gen, und man nannte es auch »das Heiligtum« oder »die
Werkstatt«. Wegen seiner geheimnisvollen Aura wurde
es gefürchtet und verehrt.
»Während im siebzehnten Jahrhundert die Krise des
europäischen Geistes den Kontinent erschütterte, nutz-
ten französische Aristokraten die Gunst der Stunde,
um weit entfernte Gegenden zu erkunden. Saint-
Domingue, sinnlich in der Karibik gelegen, mit seinem
Kaee, seinem Zucker, seinem Indigo, seinem Gold
weckte viele Begehrlichkeiten. Die Vorfahren deines Va-
ters gehörten zu dieser ersten Welle französischer Entde-
cker und Kolonisatoren.«
»Tante Néila, warum nennt man den Sitz meines Va-
ters ›das Heiligtum‹ oder ›die Werkstatt‹?«
»Dort nahm er sich die Frauen der Zuckerrohrpü-
cker
»Entschuldige, aber wozu denn?«
»Weil diese jungen Mädchen arm und naiv waren
und es für einen Mann wie deinen Vater ein Leichtes
war, sie zu missbrauchen. Sie zu vernaschen, wie man
erzählt. Ganz bestimmt war er ein Oger. Die Männer
seiner Abkunft bilden sich zu viel auf ihre Abstammung
ein, sie sind so besessen von ihrer männlichen Über-
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legenheit, so süchtig nach junger Haut, dass sie einen
Teil ihrer Menschlichkeit ablegen.«
»Und meine Mutter?«
»Eine Quarteronne. Prinzessin, die auf den Hofstaat
des Kaisers Jean-Jacques Dessalines zurückgeht. Weißer
Vater, dessen Vorfahren Sklavenhalter waren. Die Mut-
ter stammt von den Dogon ab, einem Stamm aus Mali
in Afrika, aber auch von den Arawak, den Ureinwoh-
nern der Insel. Schon auf den ersten Blick hatte es dein
Vater auf sie abgesehen, doch dein Großvater erteilte
ihm eine Abfuhr. Als sie gerade dabei war, sich für die
Aufnahmeprüfungen der medizinischen Fakultät vorzu-
bereiten, konnte dein Vater ihn schließlich überzeugen.
Nie würde sie ihrem Vater vergeben, dass er nicht stand-
haft genug gewesen war und ihre Karriere als Neurolo-
gin gegen das Leben einer ausgehaltenen Frau und ein
paar Hektar Land eingetauscht hatte.«
Von dieser Enttäuschung ließ meine Mutter sich aller-
dings nichts anmerken. Mit der eleganten Strenge einer
Königin herrschte sie über das weite Anwesen. Sie hatte
die glatten schwarzen Haare der Arawak, war schlank,
hatte eine stolze Körperhaltung und die großen Brüste
und den Hintern der Dogon, während der kupferrote
Schimmer ihrer Haut erahnen ließ, dass der weiße Ko-
lonist seine Finger im Spiel gehabt hatte.
Nie erhob sie die Stimme. Mit einem Blick, einem
Wimpernschlag oder einer subtilen Handbewegung
befahl, bestimmte oder missbilligte sie. Ich beobach-
tete oft, wie sie ihren Tätigkeiten nachging. Durch ihr
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selbstsicheres, wiegendes und absichtlich lässiges Auf-
treten gingen von ihr eine Sinnlichkeit und Stärke aus,
denen der Mann mit seiner Selbstgefälligkeit nicht ge-
wachsen war. Trotzdem ließ sie ihm gern die Illusion
der Dominanz, zumindest wünschte ich mir das. Das
Gegenteil wäre mir unerträglich gewesen. Ich hätte es
als Verrat angesehen, eine so große Liebe teilt man nicht
mit einem Hochstapler.
Etwas weiter vom Haus entfernt hatte der Fluss sein
Bett in einem seltenen Durcheinander aus Lianen, See-
gras, Schlamm und Baumfarnen angelegt, Pteridophy-
ten, wie der Mann zu sagen pegte. Wasserjungfern mit
buntscheckigen Flügeln, allein, sich paarend oder in
Trauben, übertrugen horizontale, träge oder zuckende
Arabesken auf die durchsichtige Oberäche. Ich folgte
ihnen mit dem Blick und wäre beinahe einem unbe-
schreiblichen und unscharfen Geheimnis auf die Schli-
che gekommen. In diesem Land, wo der Aberglaube
alles durchdrang, wurde dieser Libellenart die Gabe
zugeschrieben, bei jungen Mädchen durch einen Stich
das zum Wachsen zu bringen, was bei den Männern die
vorzüglichsten erotischen Vorstellungen hervorrief: die
Brüste einer Frau.
Unter einer Palme gleich neben dem Haus hatte ich,
um mir die schützenden Kräfte der Maske zunutze zu
machen, mit Kokosblättern und Binsen eine kleine
Hütte gebaut. Dort hatte ich ein Tischchen aufgestellt,
darauf eine ziemlich mitgenommene Ausgabe von In
achtzig Tagen um die Welt, Der kleine Däumling, Die drei
kleinen Schweinchen, Robinson Crusoe, mein Plattenspie-
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ler und das Szigeti-Concerto, das mir der Mann von einer
seiner Reisen in die Schweiz mitgebracht hatte. Mein ei-
genes Universum. Hier verbrachte ich den Großteil mei-
ner Tage. Manchmal, wenn mir seine Zombiegeschich-
ten fehlten, lud ich meinen Bruder in die Hütte ein.
Auch wenn sie mich nachts heimsuchten, bereiteten mir
diese Geschichten doch ein geheimes Entzücken.
»Jede Nacht, wenn es zwölf Uhr schlägt«, erzählte er,
»verlassen die Zombies ihre Gräber, um Kinder zu ho-
len und mit ihnen um die Welt zu reisen.«
»Wie bei Jules Verne?«
»Nein. Es ist viel poetischer. Die Zombies machen
die Reise schneller, sehr viel schneller. In achtzig Minu-
ten. Die Mütter, die die Kinder morgens mit einer Um-
armung aus dem Bett holen, dürfen ihre Abwesenheit
unter keinen Umständen bemerken.«
»Aber nachts ist es dunkel! Da sieht man ja gar
nichts!«
»Die Zombies sind richtig gewieft. Sie führen die
Hemisphäre, wo der Mond leuchtet, mit der zusam-
men, wo die Sonne herrscht. So kann man das Funkeln
der Staubkörner und das Spiegeln der Schneeocken
sehen.«
»Wie wählen sie die Kinder aus? Nehmen sie diejeni-
gen, die anständig sind, gehorchen, brav ihre Hausauf-
gaben machen und niemals uchen?«
»Nein, nein, die Zombies lieben
ALLE Kinder! ALLE
Kinder der Welt!«
»Wie schaen sie es, in achtzig Minuten um die Welt
zu reisen?«

Jean-Raoul Austin de Drouillard
Im falschen Leben. Eine Jugend

Roman

Aus dem Französischen von Steven Wyss


Hardcover
ISBN 978-3-03925-052-3
Seiten 229
Erschienen 4. Mai 2026
€ 26.00 / Fr. 28.00

Haiti in den 1950er Jahren. Jean-Raoul ist sechs Jahre alt – dann zerbricht jäh seine unbeschwerte Kindheit. Bei einem brutalen Überfall der paramilitärischen Garden des Diktators François Duvalier werden seine Eltern getötet. Ein Freund der Familie rettet den Jungen in die Schweiz, wo ein ihm völlig unbekanntes, erschreckendes Leben beginnt.
Er vermisst seine geliebte Mutter und fühlt sich fremd in einer Welt, die nicht seine eigene ist. Das Aufwachsen im Milieu des begüterten Basler Bürgertums ist von Angst und Einsamkeit geprägt. Eisiges Schweigen herrscht über die Ereignisse in Haiti. Im Haus Schöneck in der Basler Altstadt ist Jean-Raoul der grenzenlosen, verwöhnenden Liebe seines Beschützers ausgeliefert. Er wird als dem Judentum zugehörig erzogen, mit humanistischen Bildungsinhalten überschüttet und zu sportlichen Aktivitäten genötigt.
Sein seelisches Trauma, das tiefempfundene Dilemma in der verzweifelten Suche nach der eigenen Identität und einer kulturellen Heimat, prägt seine Entwicklung. Allmählich gelingt es ihm, dem alltäglichen Rassismus mit bissigem Humor zu begegnen und der übergriffigen Beziehung standzuhalten, um unabhängig eigene Ziele zu verfolgen.


Pressestimmen

Der autofiktionale Text ist happige Kost. Der moderne Entwicklungsroman spielt über weite Strecken in Basel. … Im Kern geht es dem pensonierten Universitätsgelehrten um die literarische Verarbeitung der verheerenden Auswirkungen auf die zarte Seele eines Kindes.
— Anna Wegelin, PROZ
Ein sehr persönlicher Coming-of-Age-Roman über ein Basel aus einer anderen Zeit und Welt. … Mit »Im falschen Leben« schreibt sich Austin seine zerrüttete Jugend vom Leib.
— Anna Wegelin, bz Basel
Dieser Roman ist das nostalgische Vermächtnis eines Menschen mit besonderer Biographie. … Streckenweise erinnert Austin de Drouillards Stil an den Magischen Realismus des Kolumbianers Gabriel García Márquez, wenn auch mit homoerotischer Färbung. Gleichzeitig spielt von seiner europäischen Prägung her die Kunst der Andeutung mit hinein, wie man sie im Nouveau Roman des Franzosen Patrick Modiano findet.
— Tina Uhlmann, Keystone-SDA