LENOS
×
Die Geschichte eines Mordes. Der junge Polizist Pampa Asiain und
sein Kollege Andrés Parra gehören zu der einsamen Polizeiwache in
Monge, in der unendlichen Weite der argentinischen Steppe, wo
anscheinend nichts passiert. Bis Pampa eines Tages per Telefon alar-
miert wird, um nach Fischwilderern zu suchen und den Körper
einer jungen Frau ndet, der an einem Baum in der Nähe des Sees
aufgehängt ist. Pampa beschließt, zunächst niemandem davon zu
erzählen, und harrt zwei Nächte in eisiger Kälte bei der Leiche aus.
Er wartet, beobachtet. Der Mörder kehrt tatsächlich zurück, um die
Leiche wegzubringen.
Was ist wirklich mit Gretel passiert? Welche Rolle spielen Esteban,
ihr Jugendfreund, und dessen Großmutter, die alte Schuldirektorin?
Wie ist Pampa selbst, mit seinen Erinnerungen an die von Gewalt
geprägte Kindheit, in das Geschehen verwickelt?
Erzählt aus der Perspektive aller Beteiligten, entwickelt sich eine
schillernde, zutiefst menschliche Geschichte, in der die Grenzen
zwischen Gut und Böse, Wahnsinn und Realität, Tod und Leben
verwischen und die kalte, geheimnisvolle Landschaft eine Haupt-
rolle spielt.
Lenos Verlag
Ricardo Romero
Ich bin der Winter
Roman
Aus dem Spanischen
von Stephanie von Harrach
Die Übersetzerin
Stephanie von Harrach, geboren 1967 in Köln, studierte Literatur-
und Medienwissenschaften in Frankfurt am Main. Sie war viele
Jahre als Lektorin für deutschsprachige und internationale Literatur
bei verschiedenen Verlagen tätig. Heute lebt und arbeitet sie in
Zürich. Zu ihren Übersetzungen aus dem Spanischen gehören Leere
Häuser von Brenda Navarro, einige Bücher des Argentiniers Jorge
Bucay sowie Die Kinder der Massai von Javier Salinas. Aus dem
Englischen übersetzte sie u. a. Im Schatten des Banyanbaums von
Vaddey Ratner und Young Blood von Siso Mzobe.
Mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia
und der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich
Titel der spanischen Originalausgabe:
Yo soy el invierno
Copyright © 2017 by Ricardo Romero
Erschienen 2023 bei Alfaguara, Buenos Aires
Erste Auflage 2026
Copyright © der deutschen Übersetzung
2026 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: igordabari/Alamy
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 051 6
www.lenos.ch
Für Victoria und für Fermín,
ich bin nur, weil sie sind.
Für meine Eltern und für meinen Bruder, immer.
All work and no play makes Jack a dull boy.
Jack Torrance in e Shining
1
Pampa
11
Obwohl er weiß, dass sie kommen werden, obwohl er
sogar nach ihnen sucht die Tränen sind immer un-
erwartet. Adjutant Unterozier Pampa Asiain ist über-
rascht, als wären die Tränen für seinen Körper etwas
Fremdes, und dann spürt er ein Erschauern und singt
weiter. Er zupft etwas unbeholfen auf der Gitarre und
singt weiter.
Der Ort seiner Wahl ist eins der riesigen verlassenen
Silos der alten Sáez-Mühle. Ein geheimer Asteroid aus
Metall mit geheimer Atmosphäre, aufgerichtet und zu-
sammengehalten von Rost inmitten der Ebene, neben
zwei weiteren. Hier drinnen bewegt sich der junge Ad-
jutant Unterozier so umsichtig, als hätte er Angst zu
schweben. In der Mitte hat er einen Sitz aus Sperrmüll
und einen Ständer für das Notenheft improvisiert. Im
Innern des röhrenförmigen Silobaus ist das Licht immer
blau, sogar nachts.
Pampa Asiain spielt Gitarre und singt im Inneren des
Silos. Er weiß nicht, wann er beschlossen hat, Gitarre
spielen zu lernen. Aber er weiß, wann er damit begon-
nen hat. Es war nach seinem Abgang von der Polizei-
schule, vor etwa zwei Jahren, aber das kann fast nicht
stimmen. Etwas an diesem Gitarrespielen reicht für ihn
weit zurück, und das verwirrt ihn, er lässt sich verwir-
ren. Seiner Meinung nach hat er damit begonnen, als er
Lust darauf bekam, und das ist schon lange her. Er weiß
nicht, wie lange. Und niemand kann seinem Gedächt-
nis auf die Sprünge helfen, weil niemand weiß, dass er
12
spielt. Nicht einmal Parra, sein Kollege auf der Wache.
Nach dem Abgang von der Vucetich-Polizeischule in
Olavarría, wieder zurück im Dorf und noch bevor er
dem Landposten in Monge zugeteilt wurde, hat er ein
Heft mit Anleitungen zum Gitarrespielen gekauft und
es gelesen, ohne zu verstehen, in der Einsamkeit des
Wollens, bis die Zeichen allmählich Sinn ergaben. Als
er sich bereit fühlte, stahl er aus dem Haus der Mutter
die alte Gitarre, die seinem Vater gehört hatte und die,
seit er denken konnte, in eine Decke gehüllt in der Ecke
stand. Wüsste jemand davon, könnte er meinen, es han-
delte sich um einen vergeblichen Versuch, Kindheits-
erinnerungen heraufzubeschwören, etwas von diesem
verlorenen Vater wiederzuerlangen. Aber für Pampa
Asiain ist klar, dass ihn das nicht interessiert. Sein Va-
ter ist gut da aufgehoben, wo er ist, tot und vergessen.
So vergessen, wie ein Toter nur sein kann. Lange Zeit
war sein Vater nur eine Form der Angst gewesen, kaum
wahrnehmbar in den Augen seiner Mutter, in ihrem
verlorenen Blick. Und jetzt ist auch sie tot. So tot, wie
jemand sein kann, der niemals vergessen sein wird.
Pampa spielt und spürt, wie seine Kehle vibriert,
während die Stimme sich mit der Melodie hebt und
senkt. Als er zu spielen begann, merkte er, dass er auch
singen wollte, und das verstörte ihn. Er fand es über-
trieben. Er fand es unglaublich. Seine Stimme war da,
sie kam hervor, als wäre sie noch nie benutzt worden.
Pampa ist ein mittelmäßiger Gitarrist, aber gar kein so
schlechter Sänger. Das vermutet er, obwohl er sich nicht
sicher sein kann, denn es ist sehr schwierig, sich selbst
13
zu hören. Oder im Gegenteil, er hört sich zu gut, wenn
seine Stimme von den gewölbten hohen Wänden wider-
hallt. Mehr als einmal ist er versucht gewesen, sich selbst
aufzunehmen, aber er hat es immer noch nicht gewagt,
und würde er es wagen, wüsste er nicht mal, wie. Und
so begnügt er sich damit, zu tun, was er tut. Die fünf
Lieder zu spielen, die er gelernt hat. Sie zu spielen und
heimlich dazu zu singen.
Pampa Asiain spielt Gitarre und singt in einem der
Silos der alten Sáez-Mühle. Wenn man von der Straße
von Trenque Lauquen her kommt, sieht man, Richtung
Norden, drei metallene Wächter stehen, die den ganzen
Tag über am Horizont lodern und die auch nachts lo-
dern, aber anders. Pampa Asiain spielt Gitarre und singt
im linken der Silos, von der Straße aus gesehen. Dort
erklingt seine Stimme auf übernatürliche Weise, und
Pampa Asiain, verängstigt und bewegt, vergießt unter-
dessen ein paar Tränen.
14
Die senkrechte Mittagssonne ist gekommen und weiter-
gezogen und hat den Frost auf den Ziegeln des Sattel-
dachs der Landpolizeiwache in Monge gebrochen. Das
allmähliche Knacken dieses harten Frostes, der nicht
schmilzt, sondern bricht, war das einzige Geräusch, das
die zwei jungen Männer, die sich in den leeren Büro-
räumen langweilen, an diesem Tag für eine Sekunde
hat aufhorchen lassen. Sie laufen umher, schauen aus
dem Fenster, trinken Mate. Sie treten an den Ofen,
um sich die Hände zu wärmen. Sie setzen sich an den
Schreibtisch, den sie sich teilen, verharren still, statisch.
Und dann bricht der Frost, und die beiden schauen zur
Decke und bewegen sich wieder, sie rutschen auf dem
Stuhl hin und her, kreuzen oder entkreuzen die Beine.
Und so langweilen sie sich, bis das Telefon klingelt.
Beim ersten Klingeln schaut keiner der beiden Männer
zum Telefon. Sie schauen einander an, jeder auf seiner
Seite des Schreibtischs. Beim zweiten Klingeln schauen
sie das Telefon an. Beim dritten hebt einer der beiden
ab. Er ist aufgestanden, nickt und antwortet einsilbig.
Er ist schlank, groß, hat eingefallene Wangen und eine
lange, schmale Nase. Am anderen Ende, das erschließt
sich aus seiner steifen Haltung, erteilt jemand Befehle.
»Das war Trenque Lauquen, Pampa«, sagt er, nach-
dem er aufgelegt hat, und kratzt sich im Nacken. »Wir
müssen beim See nach dem Rechten schauen. Anschei-
nend schen sie wieder ohne Genehmigung. Der alte
Gatti hat wieder mal Anzeige erstattet. Er sagt, er hätte
15
sie am Morgen beim Vorbeifahren von der Straße aus
gesehen.«
Pampa nickt. Der mit ihm spricht, ist Adjutant Un-
terozier Andrés Parra, der zwar denselben Dienstgrad
hat wie er und fast genauso alt ist, in den täglichen Ab-
läufen aber die Führung übernommen hat. Sie haben
sich vor ein paar Jahren auf der Vucetich-Polizeischule
in Olavarría kennengelernt, aber kaum ein Wort mit-
einander gewechselt. Pampa hat mit fast niemandem
ein Wort gewechselt. Als sie auf demselben Landposten
gelandet sind, hat Parra reagiert, als würde er nach ewi-
ger Zeit einen guten Freund wiedersehen, und Pampa
hat sich umarmen und auf den Rücken klopfen lassen.
»Was für ein Zufall, Pampa, schau mal, wo wir gelan-
det sind. Mach uns einen Mate und lass uns das feiern«,
hatte Parra gesagt und unaufhörlich weiter auf ihn ein-
geklopft.
Pampa hatte den Mate aufgesetzt, und so hat alles
angefangen. Jetzt, wo sie allein sind, und das sind sie
die meiste Zeit, ist der eine ein bisschen mehr als der
andere. Das stört Pampa nicht. Es stört ihn auch nicht,
dass er beim See nach dem Rechten schauen muss.
»Junge, das Wasser ist schon wieder kalt. Das geht
wie der Blitz. Diese verdammte Kälte Setzt du noch
einen Kessel auf, bevor du gehst?«
Pampa steuert die kleine Küche im Hinterzimmer an,
füllt den Kessel mit Wasser und stellt ihn auf den Herd.
Dann geht er ins winzige Bad nebenan und wäscht sich
das Gesicht mit dem eisigen Wasser aus dem Hahn,
kämmt sich das kurze, widerspenstige schwarze Stachel-
16
haar, schüttelt sich, um wach zu werden, und betrach-
tet sich im Spiegel. Ist er glücklich, traurig, aufgeregt,
wütend? Er betrachtet sich und ist unschlüssig, er kann
es nicht sagen. Nicht einmal seine Mutter konnte sa-
gen, ob er traurig, wütend, fröhlich oder aufgeregt
war. Und Pampa wurde wütend, wenn sie ihn fragte,
ja, dann wurde er wütend. Weil er es nicht wusste,
und er weiß es immer noch nicht. Wenn Pampa mit
gewissenhafter Objektivität das Durcheinander seiner
Empndungen anschaut, beurteilt er sie als konfus und
verworren. Ginge es nach ihm, würde er sagen, dass er
immer glücklich, traurig, aufgeregt und wütend ist. Ist
das nicht jeder immerzu? Deshalb prüft er seine Mimik.
Aber in seinem Gesicht beschränkt sich alles auf ein He-
ben der schwarzen, dichten Augenbrauen, die oberhalb
der Nasenwurzel fast zusammenlaufen. Seine Mutter
hatte also doch recht. Vor dem Spiegel im winzigen Bad
mit dem Wellblechdach, während er darauf wartet, dass
das Wasser im kleinen Raum nebenan heiß wird, fragt
sich Pampa, ob sein Gesicht bloß sein Gesicht ist oder
noch etwas anderes. Pampa stellt sich oftmals solche
Fragen. Und oftmals benötigt er auch keine Antworten.
Nachdem er sich das Gesicht abgetrocknet hat, geht er
zurück in die Küche. Er bereitet sich ein Lunchpaket
vor und füllt eine Feldasche.
Als das Wasser für den Mate bereit ist, fasst er den
Kessel mit einem Lappen und trägt ihn zum Schreib-
tisch, wo Parra auf das Radio klopft und am Suchknopf
dreht, um den Sender zu nden, den er mag. Pampa
weiß, dass Parra nicht allein sein kann und dass er des-
17
halb Radio hört und über die schlechten Witze der Mo-
deratoren lacht. Aber in letzter Zeit ist der Empfang
schwach geworden, unbeständig, und es ist unmöglich,
zuzuhören, ohne dass im Hintergrund knisternde Stör-
geräusche auftauchen.
»Scheißradio«, sagt Adjutant Unterozier Parra, dreht
jetzt die Antenne in alle Richtungen und schüttelt den
Apparat. »Halt da ist er Nein, verdammter Mist …«
»Ich gehe«, sagt Pampa, und ohne auf eine Antwort
zu warten, nimmt er die Schlüssel des Pick-ups vom
Brett und verlässt den Raum. An der Tür bleibt er ste-
hen und atmet tief die kalte Nachmittagsluft ein. Der
Ford der Wache parkt in der Sonne. Pampa steuert
darauf zu, önet die Tür und steigt ein, als würde ihn
jemand beobachten. Es ist eine unvermeidliche Glei-
chung: Weil er immerzu beobachtet, denkt er immerzu,
dass er beobachtet wird.
»Falls du jemanden schnappst und er einen Ähren-
sch dabeihat, bring ihn mit, ich hab Kohldampf. Wir
machen heute Abend ein Feuerchen«, sagt Parra, aus
dem Fenster gelehnt.
Pampa, der schon im Wagen sitzt, nickt, ohne zuge-
hört zu haben. Die Fahrerkabine des Pick-ups ist warm,
der zerschlissene Ledersitz wärmt seine Nieren. Es ist
ein angenehmes Gefühl. Pampa zündet den Motor und
lässt ihn ein paar Minuten lang warm laufen. Der Wa-
gen zittert, und draußen ist alles Stille, Licht und Kälte.
Dann zieht er los. Bei der Fahrt durch den Weiler denkt
er an den See und lächelt. Das glaubt er zumindest.
18
Pampa Asiain heißt so, Pampa Asiain. Den Vornamen hat
ihm der Vater gegeben, der Dichter war. »Krüppel und
Dichter«, pegte seine Mutter zu sagen und war über-
zeugt, ihn damit treend zu beschreiben. Denn Dichter
wurde er erst, als er Krüppel wurde, als er das linke Bein
unter dem Gewicht eines reifenlosen Dodge verlor, den
er in der Autowerkstatt in Pehuajó reparierte, wo er ar-
beitete. Nachdem er das Bein verloren hatte, abgefunden
worden war und gar nicht so verzweifelt, wie man hätte
meinen können, sogar behaglich eingerichtet innerhalb
der engen Umlaufbahn seines Stumpfes, wurde er immer
mehr zum Dichter. Es begann mit Reden. Reden und viel
Wein trinken. Doch zu dem Zeitpunkt war seine Mutter
schwanger, und sie war nichts als Schwere und Stille. Sie
konnte ihm nicht zuhören. Und auch Pampa war Stille,
eine gleichgültige Fleischkugel, die vor den Augen der
beiden heranwuchs. Da begann der Vater, überwältigt
von dieser Stille, zu schreiben. Zuerst schrieb er über sein
verlorenes Bein: »Am meisten vermisse ich das Knie«,
schrieb er. Er betrachtete den Stumpf und bewegte das
Phantom, dessen Präsenz ihm die Ärzte angekündigt
hatten. Er bewegte den Fuß, die Zehen, beugte das Knie.
»Am meisten vermisse ich das Beugen des Knies«, korri-
gierte er sich später. Schließlich, als er begann, dieses Bild
zu sein, an das sich das Kind Pampa erinnern konnte,
eine bärtige, dunkle Gestalt, die am Küchentisch saß
und aus dem Fenster in den umzäunten Hof des Hauses
starrte, war das verlorene Bein bereits in Vergessenheit
19
geraten, und nun schrieb er endlos lange bukolische Ge-
dichte, die verzweifelt jeden eintönigen Abschnitt der
Ebene benennen zu wollen schienen. Der Wein hatte
den Ehrgeiz seines Vaters angestachelt, und als er einmal
damit begonnen hatte, Dinge zu benennen, wollte er sie
alle benennen. Je mehr er trank, desto mehr wollte er be-
nennen, und je mehr er sich der Unmöglichkeit dieses
Vorhabens bewusst wurde, desto gewalttätiger wurde er.
Als Pampa zehn Jahre alt war, betrank sich sein Vater
jeden Tag. Manchmal tat er sogar, als wäre er betrun-
ken. Das sind die Erinnerungen, die Pampa an seinen
Vater hat, alle sind sie mit diesen stillen Stunden des
Schreibens verbunden und mit dem Einprügeln auf
seine Mutter oder ihn. Manchmal war er eine über den
Küchentisch gebeugte Aschestatue, dann wieder eine
ungelenke, gewalttätige Gestalt, die ihnen auf Krücken
nachhumpelte und sie einholte. Aber im Gegensatz zur
Mutter hatte Pampa nie Angst vor diesen Erinnerun-
gen. Weil er ihnen nicht glaubte. Auf diuse Art weiß
Pampa, dass dieser verkrüppelte, prügelnde Dichter
vor allem so tat als ob. Er tat als ob, wenn er in seine
schmuddeligen Hefte schrieb, ab und zu aufblickte, um
mit gekräuselten Augen irgendwo in der Ferne nach
einem Wort zu suchen; er tat als ob, wenn er nachts
über Gegenstände und Menschen stolperte, als wäre das
Stolpern die einzige Art und Weise, sich angesichts der
Unermesslichkeit der Landschaft auf den Beinen zu hal-
ten. Pampa hatte noch nie jemanden gesehen, der so
viel und immer wieder dasselbe schrieb, niemanden, der
sich so leicht und so schnell betrank wie sein Vater.
20
Das ist also sein Name, Pampa, als hätte sein Vater
durch ihn alles benennen wollen. War es eine Geste
der Liebe? Pampa weiß es nicht. Was er weiß, ist, dass
sein Name immer das Misstrauen der Leute erregt hat.
»Das ist kein Name, sondern ein Spitzname«, bekam er
zu hören, bekam er wieder und wieder zu hören. Und
dann ist da noch die Sache mit dem Nachnamen. Denn
Pampa Asiain hat nichts von einem Gringo an sich. Er
ist schwarzhaarig, hat kräftiges, glattes Haar, dunkle
Haut. Er ist schlank, recht klein, knapp über eins sech-
zig. Bartlos. Er ist zweiundzwanzig Jahre alt, sieht aber
immer noch wie ein Teenager aus mit seinen dichten,
tragischen Brauen und den durchdringenden schwarzen
Augen. Mit seinen schwarzen Augen, die ebenfalls alles
benennen zu wollen scheinen, was es in der Ebene gibt.
Sollte es je einen Gringo in seiner Familie gegeben ha-
ben, dann ist das lange her, und er hat nichts anderes
hinterlassen als seinen Namen.
Vor- und Nachname, die ihm in den Augen der an-
deren immer einen falschen Platz zuweisen, sind also
die einzige Hinterlassenschaft des Vaters. Weil die
Hefte, die der Vater vergaß, nachdem sie vollgeschrie-
ben und zereddert waren, schließlich im Grab der
Mutter landeten, damit sie weiter heimlich darin lesen
konnte, dabei kaum die Lippen bewegend, als könnte
sie mit dieser Lektüre die Angst beschwören. Und weil
die Gitarre, das weiß Pampa ganz genau, etwas ist, das
er gestohlen hat.

1. Preis argentinischer Nationalfonds der Künste

Ricardo Romero
Ich bin der Winter

Roman

Aus dem Spanischen von Stephanie von Harrach


E-Book
ISBN 978-3-03925-733-1
Seiten ca. 287
Erschienen 4. Mai 2026
€ 18.99

Ein geheimnisvoller Roman noir zwischen »Fargo« und »Twin Peaks«

Die Geschichte eines Mordes. Der junge Polizist Pampa Asiain und sein Kollege Andrés Parra gehören zu der einsamen Polizeiwache in Monge, in der unendlichen Weite der argentinischen Steppe, wo anscheinend nichts passiert. Bis Pampa eines Tages per Telefon alarmiert wird, um nach Fischwilderern zu suchen – und den Körper einer jungen Frau findet, der an einem Baum in der Nähe des Sees aufgehängt ist. Pampa beschliesst, zunächst niemandem davon zu erzählen, und harrt zwei Nächte in eisiger Kälte bei der Leiche aus. Er wartet, beobachtet. Der Mörder kehrt tatsächlich zurück, um die Leiche wegzubringen.
Was ist wirklich mit Gretel passiert? Welche Rolle spielen Esteban, ihr Jugendfreund, und dessen Grossmutter, die alte Schuldirektorin? Wie ist Pampa selbst, mit seinen Erinnerungen an die von Gewalt geprägte Kindheit, in das Geschehen verwickelt?

Erzählt aus der Perspektive aller Beteiligten, entwickelt sich eine schillernde, zutiefst menschliche Geschichte, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse, Wahnsinn und Realität, Tod und Leben verwischen und die kalte, geheimnisvolle Landschaft eine Hauptrolle spielt.


Pressestimmen

Krimis und Schnee passen seit je gut zusammen. Das gilt auch für diesen argentinischen Roman, der so nachdenklich und poetisch ist wie der Schnee, der die Zeit verlangsamt, Spuren verwischt und Schreie dämpft.
— L’Obs