LENOS
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LP 214
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Hilde Ziegler
Guten Morgen, Goethe Nacht
Beobachtungen aus der Dreiländerecke
Lenos Verlag
Die in diesem Band versammelten Texte waren als Kolumnen in der
Basler Zeitung erschienen; sie wurden von der Autorin vor der Druck-
legung der Erstausgabe 1999 überarbeitet.
LP 214
Zweite Auflage 2020
Copyright © 1999 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: Paul Stalder-Kim
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 814 5
MIX
Papier
FSC
®
C083411
®
Die Autorin
Hilde Ziegler (1939–1999) wuchs in Weil am Rhein auf. Sie war
Schauspielerin, u. a. am Theater Basel, in Zürich und in mehreren deut-
schen Städten. Als Filmdarstellerin wurde sie etwa durch ihre Rolle in
Rolf Lyssys Die Schweizermacher bekannt. Sie veröffentlichte Hörbücher
und drei Prosawerke.
Der Lenos Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Struktur
-
beitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Guten Morgen, Goethe Nacht
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Kleine Reise
Fahre ich im Zug von Basel nach Norden, setze ich
mich immer auf die rechte Seite, zwinkere bei Weil
dem Tüllinger Berg zu, dort habe ich als Kind viel
Rebholz aufgelesen oder stand in Obertüllingen und
schaute nach Basel, dem unerreichbaren Paradies, der
Stacheldraht trennte uns, Riehen, ganz nah, lag still
und menschenleer, und doch erfuhr ich später, das
Boot sei voll gewesen. Ich habe nichts von einem vol
-
len Boot gesehen. Und Frau Glück sagte: »Je nach-
dem, wie der Wind weht, hört man die Glocken von
Basel oder die Schüsse im Elsass.«
Während der Zug weiterfährt, sehe ich die Namen
der Dörfer an den kleinen Bahnhöfen: Haltingen, dort
wohnte einmal eine badische Weinkönigin; Eimel
-
dingen, dort drehte der polnische Regisseur Andrzej
Wajda vor ein paar Jahren Hochhuths Geschichte von
der deutschen Frau, die während des Krieges einen
polnischen Kriegsgefangenen liebte, der dafür zum
Schutz von Volk und Reich in einem Steinbruch bei
Brombach gehängt wurde.
Efringen-Kirchen, dort gab es einmal eine jüdische
Gemeinde. Nicht ihrem Andenken, sondern Hermann
Burte, dem Poeten und wild gewordenen Nazi, wurde
nach dem Kriege in diesem Dorf eine Strasse gewid
-
met. In den Tunnels des Isteiner Klotzes denke ich an
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Adolf Hitler, der verflucht sei in alle Ewigkeit, hier
hatte er seine Waffenkammern für den »südlichen
Abschnitt Westmark«. Nach Kems, vor Rheinweiler,
hoffe ich, dass der Zug langsam fährt, einmal fuhr er zu
schnell und entgleiste, es gab viele Tote und Verletzte.
In Bellingen denke ich an Klärli Menzel, die im Bel
-
linger Schloss bei den Grafen von Andlau kochen lernte
und die Gräfin kämmen musste, obwohl der Kamm
wegen Haarausfall ins Freie stach. Ich denke auch an
Tante Frieda, die immer sagte: »Z’Bellige sinn alli ka
-
tholisch, weiss dr Gugger worum.«
1
Und ich war froh,
dass ich evangelisch war. Weiss dr Gugger worum.
Und ich denke da auch noch an einen Gemeinderat,
der vor vier oder fünf Jahren meinte, der Anblick ei
-
nes »Negers«, der dort hinziehen wollte, sei den Kur-
gästen von Bad Bellingen nicht zuzumuten.
In Schliengen denke ich an den Schliengener Berg
und den Holzvergaser, der die Steigung nur schaffte,
wenn wir nebenherrannten. Nur der Chauffeur, der
Heizer also, konnte am Steuer sitzen bleiben. Das
dürfte um 1946 herum gewesen sein. In Auggen
denke ich an Augen mit zwei g, ans Lipple hinter dem
Blauen, an Maulburg, Aftersteg und Löchle. »Das sinn
alles Körperteilnäme«, sagte Herr Loos immer, »fehlt
numme no s Pfiffle, no were mer komplett.«
2
Die
1 In Bellingen sind alle katholisch, weiss der Kuckuck warum.
2 Das sind alles Körperteilnamen, fehlt nur noch das Pfeifchen, dann
wären wir komplett.
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kleine Reise mit dem Zug endet in Müllheim, von wo
aus der Weg weitergeht auf den Lipburger Friedhof.
Dort ist meine Mutter begraben. Und René Schickele.
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Karfreitag
Badischer Bahnhof Basel, ich stehe auf dem Bahnsteig
und erwarte einen Freund, der Zug hat Verspätung,
ich streiche noch ein wenig um die Fahrpläne herum,
auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig kommt ein
Zug an, die Angekommenen steigen aus, begeben
sich Richtung Unterführung, der Bahnsteig leert sich,
vom Ende des Zuges, weit hinten, sehe ich drei Män
-
ner auf mich zukommen, zwei Männer in Uniform,
in ihrer Mitte ein junger Mann, der nicht rechts und
links schaut, sein Blick geht über alle und alles hin
-
weg, ich sehe ein verschlossenes Gesicht von grossem
Ernst und grosser Schönheit. Ich sehe, dass seine
rechte Hand an die linke Hand des Polizisten gefes
-
selt ist.
Was hat der junge Mann verbrochen?
Ich weiss es nicht. Vielleicht hatte er von dem Land,
in dem tatsächlich Milch und Honig fliessen, gehört
und wollte auch ein wenig Honig, hat aber keinen
gültigen Stempel, ich weiss es nicht. Vielleicht ist er
ein Schmuggler, ein Drogenhändler, ein Mörder, ich
weiss es nicht. Ich weiss nur eines: An mir ging kein
Verbrecher vorüber. Ich sah in ein Gesicht von Trauer
und Würde, ein Gesicht, wie man es hier, wo die vom
Wohlstand gezeichneten toten Gesichter die Mehrheit
sind, nur selten sieht.
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Ich höre eine Frau sagen: »Lueg, jetz hänn sie wi-
der so aine!«
1
Ich drehe mich um, der Mann neben ihr
sagt: »Und mir zahle Kost und Logis für das Pagg.«
2
Eine hochdeutsche Dame nickt: »Bei uns ist diese
Plage ja noch viel schlimmer. Die Schweiz greift we
-
nigstens durch, da könnten unsere in Bonn was lernen,
das war doch eben wieder so ein dunkelhäutiger Kerl,
nee, nee, die muss man aus dem Verkehr ziehen.«
»Und zwar ändgültig, damit sie wüsse,
3
wo Gott
hockt«, sagt der Schweizer zu der Deutschen. Frau
Schweizer nickt.
Ich entferne mich langsam von diesen drei Euro
-
päern, die alle gültige Stempel haben und wissen, wo
Gott hockt. Sie haben ihr Urteil gesprochen.
Es lautet: Kreuzige ihn.
1 Schau, jetzt haben sie wieder so einen!
2 Und wir bezahlen Kost und Logis für das Pack.
3 Und zwar endgültig, damit sie wissen …
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Beruf: Spitzel
»Was müssen das für Schweine sein, die andere Men-
schen bespitzeln!« So schrie ein Freund bei mir im Hof
herum, nachdem er erfahren hatte, dass Max Frisch
jahrzehntelang bespitzelt worden war. Ich muss die
Bezeichnung Schweine ablehnen, denn das Schwein ist
eines der gutartigsten Tiere, die es gibt. Vom Men
-
schen eingepfercht, gemästet, gefressen.
Denunziant passt besser. Das heisst auf deutsch:
Verräter, Anzeiger, Ehrabschneider, Spitzel, Spionierer.
Oder Naderer, wie der Österreicher sagt.
Das sind ungefähr die übelsten Bezeichnungen, die
es für einen Menschen gibt. Das Dumme ist nur, dass
die, welche sich zu solchen Berufen berufen fühlen,
glauben, sie seien anständige Leute, die ihrem Land
Gutes tun. Es sind die unanständigsten. Sie sind es, die
für ein Land die grösste Schande sind.
Das muss man sich einmal vorstellen: Morgens steht
der Spitzel auf, rasiert sich, frühstückt, nimmt seinen
Aktenkoffer, die Frau gibt ihm ein Abschiedsküsschen
und weiss wahrscheinlich gar nicht, was sie da geheira
-
tet hat; er steigt in sein Auto, die Frau winkt, er winkt
auch, fährt ab, und jetzt geht’s los: schnüffeln, kontrol
-
lieren, beschatten, belauern, nachspionieren, abhören,
anzeigen, überwachen, aushorchen, anschwärzen, mel
-
den. Und abends fragt die Frau: »Hesch’s sträng gha
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hüt?«
1
Er nickt, spielt noch ein wenig mit den Kin-
dern, bevor sie dann zusammen s Nachtgebättli bätte
2
.
Die Denunzianten haben viel zu tun. Der Sumpf des
Misstrauens von Nation zu Nation ist tief, von
KGB
über
CIA zu XYpsilon. Aber wenn Schweizer auch
noch Schweizer bespitzeln, Deutsche Deutsche, Fran
-
zosen Franzosen, Bürger Mitbürger, Nachbarn Nach-
barn, dann wird dieser Sumpf immer tiefer.
Und nie wird Friede sein.
Künstler zu bespitzeln ist das grösste Armutszeug
-
nis, das einer Regierung ausgestellt werden kann. In
Deutschland nannte ein Regierungschef die Dichter
Pinscher, in der Schweiz ist man nicht so direkt, man
wühlt hintenherum. Allein in Frankreich bewies ein
Präsident Grösse und Kultur. Als Debré Sartre ver
-
haften lassen wollte, sagte de Gaulle: »On n’arrète pas
Voltaire.« Die Würdigungen für Max Frisch von offi
-
zieller Schweizer Seite sind also ein Hohn. Man kann –
um mit dem Maler Max Liebermann beim Anblick ei
-
ner Naziparade zu sprechen – gar nicht so viel fressen,
wie man kotzen möchte. Und so schliesse ich mit dem
Spruch: »Der grösste Lump im ganzen Land ist und
bleibt der Denunziant.«
1 Hattest du einen anstrengenden Tag heute?
2 das Nachtgebet beten
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»Es gruuset aim«
1
Kürzlich träumte ich ganz deutlich: Johann Peter
Hebel sass bei mir am Tisch, wir assen jeder ein Stück
Wurst, danach bot ich ihm eine Gauloise an, aber er
winkte ab und schaute zum Fenster hinaus. Als wolle
er sagen: Jetzt raucht die au no! Ich wollte ihm erzäh
-
len, was alles geschehen ist seit seinem Tod im Jahre
1826. So, wie er es in der Erzählung vom Unverhofften
Wiedersehen getan hatte.
Ich fing hinten an, deutete auf ein Bild in der Zei
-
tung, das kahlköpfige Kinder in Tschernobyl zeigt, da-
neben ein Bild mit Saddam Hussein und ein anderes,
auf dem Schweizer Polizisten Kurdenkinder in einen
Gefängniswagen stossen. Hebel schaute kurz auf die
Bilder, wandte sich ab und ging zur Tür. Ich fragte:
Wo weit’r ane,
2
Herr Hebel? Da war er weg, und ich
wachte auf. Lag da und dachte: Jetzt habe ich den
Hebel vergelstert
3
. Hätte ich ihm lieber – ja was? Was
hätte ich ihm lieber zeigen sollen? Ich weiss es nicht.
Er wird geahnt haben, was ich ihm erzählen wollte,
sonst wäre er nicht so schnell verschwunden.
Er wusste schon um 1800 herum, wohin die
Menschheit rennt, als er Die Vergänglichkeit schrieb:
1 Es graust einem
2 Wo wollen Sie hin?
3 erschreckt
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»… un wemme nootno gar zweitusig zehlt, isch alles
zemmekeit goht Basel au ins Grab und streckt no
do und dört e Glied zuem Boden us un mit der Zit
verbrennt die ganzi Welt – un niemes löscht der Bel
-
che stoht verchohlt, der Blauen au un d’Wiese hett ke
Wasser meh.«
4
Das schrieb er 1800 und wusste doch
nichts von Tschernobyl, nichts von Hiroshima, wusste
nichts von den tödlichen Fortschritten, die die Wis
-
senschaft machen würde, von den Herren Forscher-
professoren, was die erfinden würden, Giftgas und
Entlaubungspulver, Napalm und Raketen, er wusste
auch nicht, dass jedes Jahr irgendwo auf der Welt eine
Waffenmesse stattfinden würde, wo sich die Herren
Hersteller und Vernichter ein Stelldichein geben, er
wusste nichts von der vernichtenden Gewalt des Fort
-
schritts und dass im Golf das Meer brennen würde
und schrieb doch 1800: »Un mit der Zit verbrennt die
ganzi Welt. Un niemes löscht.« Und niemand wird
löschen.
4 … und wenn man gar 2000 zählt, ist alles zusammengekracht – geht
Basel auch ins Grab und streckt noch da und dort ein Glied aus dem
Boden und mit der Zeit verbrennt die ganze Welt und niemand
löscht – der Belchen steht verkohlt, der Blauen auch, und die Wiese hat
kein Wasser mehr.

Hilde Ziegler
Guten Morgen, Goethe Nacht

Beobachtungen aus der Dreiländerecke

LP 214
Paperback
ISBN 978-3-85787-814-5
Seiten 111
Erscheint 15. Februar 2020
€ 12.00 / Fr. 16.00

Ein Lüftchen vom grossen Weltgeschehen.
— Basellandschaftliche Zeitung

Aus einer Kolumne für die Basler Zeitung stammen Hilde Zieglers pointierte »Beobachtungen aus der Dreiländerecke«, in denen die »Wanderin zwischen den Grenzen« (Frankfurter Allgemeine Zeitung) von kleinen Reisen erzählt.
Knapp, präzis und entlarvend nimmt sie die Spuren der Nazizeit, Vorurteile, Fremdenhass, Wohlstandssymptome und Fortschrittsgläubigkeit unter die Lupe – und immer wieder auch: die Sprache und die Poesie des Alltags.

Pressestimmen

Bei aller Leidenschaftlichkeit offenbaren Zieglers Texte eine Belesenheit und eine Stilsicherheit, die sie zu Bijoux des Genres machen. Davon hätte man gern noch mehr gelesen.
— Neue Mittelland Zeitung