LENOS
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Lenos Verlag
Andrea Gerster
Ganz oben
Roman
Erste Auflage 2013
Copyright © 2013 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto: Keystone / Sandro di Carlo Darsa
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 435 2
Die Autorin dankt dem Kanton Thurgau r den Förderbeitrag Literatur
und der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia für den Werkbeitrag.
Der Verlag dankt der Kulturförderung Kanton St. Gallen und dem Lot-
teriefonds des Kantons Thurgau für die Unterstützung.
Für Markus
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Herr Vorsitzender, Hohes Gericht, sehr geehrte Damen und Her-
ren, dass ich hier als Angeklagter vor Ihnen stehe, ist das Resultat
einer langen Reihe von Missverständnissen. Darf ich Ihnen die
Geschichte kurz ausführen? Ich verspreche, mich kurzzufassen. Ich
bitte Sie: Schenken Sie mir für einige Minuten Ihr Gehör!
Gehör schenken. Schwachsinn! So wirst du das Spiel nie und
nimmer gewinnen, Kamm. Schenken Sie mir Ihr Ohr, das
linke oder das rechte, oder Ihr Herz, lieben Sie mich doch
einfach, so wie Sie den Teddybären Ihrer Kindheit liebten.
Ich versuche, in den Rissen und Flecken an den Wänden
Formen zu erkennen, Menschen, Tiere oder Monster. Wie
damals als Kind, wenn ich krank war und im Bett bleiben
musste. Doch die Tapeten meiner Kindheit hatten einen
seidenen Glanz und phantastische Muster, Flecken waren
da nie.
Irgendwann wird der Tag kommen, Kamm, dein grosser
Tag, und darauf musst du vorbereitet sein. Du musst dir
eine Vorstellung davon machen, musst wissen, wie du dich
dann präsentieren willst. Vielleicht Jeans, ein helles Hemd
und eine dezent gemusterte Krawatte? Schwieriger ist die
Wahl der Schuhe. Ob sie eher zu Hemd und Krawatte oder
zu den Hosen passen müssen? Nicht in Frage kommen
Sneakers. Lederschuhe, Halbschuhe müssen es sein. Eventu-
ell dunkelbraune Mokassins, nein, keine Mokassins, blank-
geputzte Sonntagsschuhe mit Schnürsenkeln, ordentlich
gebunden. Und die Haare müssen bis dann nachgewachsen
sein, was r ein Eindruck das machen würde, dieser kahl-
geschorene Schädel.
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Geben Sie mir fünf Minuten, nur fünf Minuten, und Sie erfahren,
wie es wirklich war!
So geht das nicht. Ich bin doch kein Marktschreier, ich will
keine fünf Minuten, ich will einen Einstieg. Darauf muss
ich mich konzentrieren. Es geht um mein Leben, und das
ist, zumindest für mich, nicht wenig.
So fühlt es sich an, wenn man am Ende ist.
Kamm, du bist am Ende, aber da willst du nicht sein,
da will keiner sein, obwohl es immer und bei allem darauf
hinausläuft.
Ich kann Ihnen nichts versprechen, sagte ich, vielleicht wird
es ein zusammenhängender Bericht, vielleicht aber auch
nicht. Frau Kesselring übergab mir lächelnd eines dieser ed-
len schwarzen Notizbücher mit Gummiband und meinte:
Sie schreiben das nicht für mich, Ihnen soll es helfen.
Ja, so ist es, Olivier Kamm hat Sitzungen bei einer Psy-
chotherapeutin. Und weil er derzeit, oder vielleicht war das
schon immer so, nicht gern über sich selbst redet, schreibt
er. Doch wie gesagt, versprechen kann er nichts.
Was Kamm, kahlgeschoren, umgeben von Wänden mit
Rissen und Flecken, fehlte, war jemand, mit dem er hätte
reden können. Zum Beispiel darüber, wie es ist, wenn es von
ganz oben nach ganz unten geht. Und oben, wohlverstan-
den nicht ganz oben, war er schon immer. Unten war er nie.
Nicht einmal in der Mitte. Immer oben, und von da auf dem
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Weg nach ganz oben. Als dann alles zusammen mit ihm den
Bach runterging, war er bereits ganz oben angekommen.
Doch geschenkt wurde ihm nie etwas, nur das Leben
und das Glück, in eine Familie hineingeboren worden zu
sein, die ihm den Weg nach ganz oben ebnete, aber auch
erwartete, dass er sich auf diesen Weg machte. Ein Wun-
derkind war er nie. Kein Fünfjähriger mit Violine. Kein
Klassenüberspringer. Da waren keine Abklärungen wegen
Hochbegabung nötig. Guter Durchschnitt in allem, im
Ehrgeiz überdurchschnittlich, und gerade das hielt ihm für
den Weg nach ganz oben die Türen offen. Später hätte er
in die Politik gehen können, Bundesrat, warum nicht. Eine
neue Spielwiese hätte sich da aufgetan. Er mochte Spiele,
vor allem Rollenspiele. Nicht um zu gewinnen, sondern um
weiterzukommen. Immer das Ziel vor Augen: nach ganz
oben. Da ist die Aussicht am schönsten.
Nach dem Medizinstudium hängte er den Facharzt in
Rechtsmedizin an, denn ihn interessierte, was in den Men-
schen drin war, und ihm war lieber, wenn sie dabei stillhiel-
ten. Das mit dem Stillhalten kam jeweils in einer Runde
von medizinischen Laien ausserordentlich gut an. Über-
haupt fanden es die Leute meistens sehr interessant, wenn er
von seinem Beruf erzählte, damit fand er sofort Zugang zu
den Menschen, vor ihrem Tod und auch danach.
Mein Kopf ist rasiert, ist bequemer so, die Stoppeln spüre
ich wie die Borsten einer Nagelbürste, wenn ich aus Ge-
wohnheit über meinen Schädel fahre und dabei erwarte, in
volles Haar zu greifen.
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Ganz oben: das hiess, Leiter des Instituts für Rechtsmedi-
zin, da war Kamm gerade mal Mitte dreissig. Leider war es
nur ein kleines Haus, die interessanten Fälle fehlten, und
kurz bevor es ihm langweilig wurde, kam eine Anfrage des
Bundesamtes r Polizei, an einer grossangelegten Unter-
suchung mitzuarbeiten, einem Projekt in Zusammenarbeit
mit Europol. Dano, sein Freund aus Kindertagen, hatte ihn
empfohlen. Fher hatte Dano seiner Familie nicht gepasst,
da seine Mutter und er zur Miete wohnten und sie selber
putzten und es keinen sichtbaren Vater gab.
Heute ist Dano stellvertretender Bundesanwalt, heute
passt er.
Ziel der grossangelegten Untersuchung war es, die Kin-
derpornographie im Internet zu bekämpfen. Das wiederum
passte Kamm: die Suche im Inneren der Cyberwelt, des Un-
sichtbaren, des Göttlichen. Ein befristetes Projekt, er sagte
zu.
Feuer im Hals, Magensäure, meine Speiseröhre verätzt. Es
hilft nicht, das Gesicht ins harte Kissen zu drücken und
an nichts zu denken, also denke ich mich in den Obdukti-
onssaal zurück, versuche den Geruch zu erinnern, den ich
noch nie beschreiben konnte, den ich aber von Anfang an
mochte. Stelle mir vor, dass ein Mensch vor mir liegt, wie
ein offenes Buch, sichtbar die Magengeschre und die
vernarbte Speiseröhre. Zu viel Stress, Adalbert, flüstere ich,
wahrscheinlich von allem zu viel.
Ich will, dass man mich versteht, dass man weiss, wo-
von ich rede, da bin ich wohl etwas eigen. Ich sage nicht
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etwa Gastrektomie, sondern Magenentfernung, und erkläre
immer wieder den Unterschied zwischen einem Rechtsme-
diziner und einem Pathologen. Doch hier interessiert das
keinen.
Wenn etwas nicht gut ist, reagiert der Magen zuerst.
Oder sollte ich besser Psyche sagen? Einige medizinische
Termini sind mittlerweile im Sprachumgang vertrauter als
die deutschen: Hypochonder, Depression, Infarkt. Frauen-
arzt hat bereits einen trivialen Touch, Gynäkologe klingt
seriöser.
Ich muss mein Gehirn trainieren, in Schuss halten,
würde Mutter sagen. Also: Das Bundesamt für Polizei
heisst Fedpol. Die Operation gegen Kinderpornographie
im Internet wird in Österreich Typhon genannt, in der
Schweiz Falcon, in Deutschland der Name ist weg. Er-
schrocken richte ich mich auf, und sofort ist wieder Feuer
in meinem Hals.
Laufend verliere ich Wörter, manche kommen zurück,
aber nur kurz, und verschwinden dann gleich wieder. Ich
rchte, dass sie endgültig weg sind. Wie hiess der Inter-
netprovider in Norwegen, den wir als Ersten überführten?
Auch der ist weg. Wie nennt man Blutarmut? Anämie. We-
nigstens das.
Es gab den Internetfreak, der ohne Pause am Bildschirm
klebte und lautstark Rotz die Nase hochzog, bis das an ei-
ner Sitzung thematisiert wurde und er sich verwundert am
Kopf kratzte und fragte: Ihr wollt mich doch nicht etwa
verarschen? Ausserdem gab es den Psychologen, der derart

Andrea Gerster
Ganz oben

Roman

Lenos Pocket 181
Paperback
ISBN 978-3-85787-781-0
Seiten 163
Erschienen 15. Januar 2016
€ 12.90 / Fr. 16.00

Olivier Kamm ist Anfang vierzig, Rechtsmediziner und beruflich ganz oben angekommen. Eines Tages findet er sich in einem geschlossenen Raum wieder, kann sich aber nicht erklären, wo und warum. Er glaubt, in einer Gefängniszelle einzusitzen, und vermutet, dass es bald zu einer Gerichtsverhandlung kommen wird. Mit Rollenspielen, die ihn schon als Kind oft aus misslichen Situationen retteten, bereitet Kamm sich darauf vor. Dabei kommen bruchstückhafte Erinnerungen wieder, Fragmente dreier Geschichten. Da ist die Episode in Lappland, als er aus Angst, selbst in Schwierigkeiten zu geraten, einen anderen ins Gefängnis gehen liess; da ist sein Vater, der sich nach Thailand absetzte; und da ist die Freundin, die im gemeinsamen Urlaub ertrank. Kamm erliegt einer Täuschung nach der anderen, und am Ende kommt es nicht nur für ihn zu einem überraschenden Ausgang.

Psychologisch geschickt spinnt Andrea Gerster in ihrem neuen Roman die Fäden und schafft es zugleich, den Leser immer wieder auf eine falsche Fährte zu locken.

Pressestimmen

Dieser Roman erbringt eine genuine Leistung der Literatur: Auf beklemmende Weise untergräbt er jegliche Sicherheiten – auch die des Ich.
— Neue Zürcher Zeitung
Meisterlich spielt Andrea Gerster mit Andeutungen, Finten, Mehrdeutigkeiten. … Nichts scheint sicher, alles bleibt in der Schwebe, und das macht die Lektüre reich an Spannung und Abwechslung.
— Thurgauer Zeitung
Andrea Gerster legt mit Ganz oben ein starkes Stück Literatur vor, das tief ins Innere eines physisch und psychisch Ausgebrannten blicken lässt.
— kulturtipp