LENOS
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Lenos Verlag
Jadd Hilal
Flügel in der Ferne
Roman
Aus dem Französischen
von Barbara Sauser
Die Übersetzerin
Barbara Sauser, geboren 1974 in Bern, studierte Slawistik und Mu-
sikwissenschaft. Nach mehreren Jahren im Zürcher Rotpunktverlag
arbeitet sie seit 2009 als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italieni-
schen, Französischen, Russischen und Polnischen. Sie lebt in Bellin-
zona. www.barbarasauser.ch.
Diese Übersetzung wurde unterstützt durch das Übersetzerhaus
Looren.
Die Übersetzerin und der Verlag danken der Schweizer Kulturstif-
tung Pro Helvetia für die Unterstützung.
Titel der französischen Originalausgabe:
Des ailes au loin
Copyright © 2018 by Elyzad, Tunis
Published by arrangement with Agence littéraire Astier-Pécher
All rights reserved
Erste Auflage 2021
Copyright © der deutschen Übersetzung
2021 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: Yongkiet Jitwattanatam / shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 014 1
Flügel in der Ferne
Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen
und ihren Fiktionen ist rein reaktiv.
Für meine Grossmutter.
Für meine Mutter.
Mir scheint, für den, der zurückbleibt,
ist es immer viel trauriger als für den,
der weggeht.
Marivaux,
Das Leben der Marianne
Em
a Hala Jamha Sehuan Raschad Dunja Lasima Sahi
Saïda
Abel Naïma Asma Dschahid
Nedschla Hasam
1930
1948
Dara Madschid Lot
Lila Riad
1974
1998
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Naïma
Das Meer. Meine Beine hoben ab. Gleich würde ich
wegiegen in den orangen, wolkenlosen Himmel.
»Nach rechts!«
Ich zuckte zusammen. Wie hatte Ahava mich einho-
len können? Ich gehorchte und versteckte mich an der
Strassenecke hinter einem Mülleimer. Bemüht, mein
Schnaufen zu unterdrücken, wartete ich. Eine Hand
legte sich auf meine Schulter.
»Ich hab nichts getan, ich hab nichts getan!«
Der Polizist zog mich hoch. Sah mich an. Sah mich
lange an.
»Was schmunzelst du, Kleine?«
Haifa: die Hauptstadt von Palästina. Haifa, ein Fjord
am Mittelmeer. Eine elfenbeinfarbene Stadt, die auf ih-
ren vierhundert Metern Höhe wie ein Leuchtturm über
der See thront. Ich verbrachte ganze Tage am Hafen,
bewunderte die grossen Schie, das Meer und in der
Ferne die Küste jenes Landes, in dem ich später einen
Teil meines Lebens verbrachte: des Libanons.
In Haifa lebten wir Tür an Tür mit der Familie meiner
Freundin Ahava. Sie waren Juden. Blieben immer in un-
serer Nähe. Wir assen, sangen, tanzten zusammen. Wie
sie lebten auch wir in einer kleinen Wohnung. Meine
Eltern, meine grosse Schwester Saïda, mein grosser Bru-
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der Abel und ich schliefen auf dem Fussboden unter ein
und derselben Decke. Ich hatte den Ehrenplatz neben
meiner Mutter. Eines Abends bat mich Saïda, mit ihr zu
tauschen. Sie streckte mir einen Ring hin.
»Echtes Gold.«
Ich kriegte mich kaum ein vor Lachen.
Das Viertel, die Läden, die Lebensmittelverkäufer.
Vom Zimmer aus konnte ich die Moschee, die Kirche,
die Synagoge und in der Ferne Olivenbäume sehen. Ich
erinnere mich an einen Traum, an eine Reihe Engel, die
sich über den Bäumen in den Himmel zog. Meine Au-
gen waren wohl oen. Vielleicht handelte es sich ein-
fach um Menschen. Der Himmel war in Haifa nah, die
Sterne deutlich, fast greifbar. Ich ng an, sie zu zählen.
»Für jeden Stern wird dir eine Warze wachsen.«
Meine Mutter. Ich zählte weiter, weil ich wissen
wollte, ob sie log oder nicht.
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Im Zentrum von Haifa wucherte ein riesiger Markt.
Mein Vater trug mir oft auf, dort Brot zu holen. Das
machte ich nicht gern. Lieber setzte ich mich mit Ahava
in ein Café gleich daneben. Beobachtete die Menschen.
Der Besitzer war ein Freund meiner Familie, ich durfte
dort sitzen, ohne etwas zu bestellen. Er mochte mich
ganz gern, glaube ich. Oft sagte er, ich sei hübsch und
später würden sich die Verehrer um mich reissen.
»Deine schönen grünen Augen werden über dein Le-
ben entscheiden, Naïma.«
Das Leben hat ihm recht gegeben.
»Heute liegt es in deinem Interesse, ein Brot nach Hause
zu bringen.«
Die Stirn meines Vaters war gerunzelt. Er hatte Aha-
vas Familie zum Essen eingeladen. Diesmal keine Aus-
üchte.
Im Zickzack itzte ich über den Markt, an Beinen
vorbei, die mir, klein wie ich war, vorkamen wie Stelzen.
Ich hatte das Brot schon unter dem Arm, als ich eine
Explosion hörte.
Eine Druckwelle.
Ich wurde zurückgeschleudert. Meine Ohren rausch-
ten. Ich schmunzelte. Warum, weiss ich selber nicht.
Ich versuchte aufzustehen. Verlor das Gleichgewicht
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und plumpste wieder zu Boden. Oben an der Stirn
fühlte ich ein Brennen. Dass mich ein Bombensplitter
gestreift hatte, wurde mir erst nach einer Weile klar. In
diesem Moment verstand ich nichts. Rein gar nichts.
Benommen, belustigt, vom Schock aufgewühlt, kehrte
ich nach Hause zurück, als ob nichts gewesen wäre.
»Ich habe es ihm immer gesagt! Ich habe immer ge-
sagt, dass sie zu klein ist, um alleine auf den Markt zu
gehen! Er hat meine Tochter getötet! Hasam hat meine
Tochter getötet! Mein Mann hat meine Tochter getö-
tet!«
Meine Mutter wehklagte nach Art der arabischen
Mütter. Zog die Vokale in die Länge. Meine Tooochter,
er hat meine Tooochter getööötet. Als sie mich erblickte,
stürzte sie zu mir. Ich streckte ihr das Brot hin. Dann
das Wechselgeld. Es war blutverschmiert.
»Das waren Juden«, sagte sie ein paar Stunden später
zu mir.
Ich hielt es für einen Scherz zur Aufheiterung.
»Sie sind anders als wir. Das sind Juden von der Ha-
ganah
*
* Dieser und andere Begrie siehe Glossar des Autors ab Seite 199.
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Nach dem Attentat von 1938 verliessen meine Mutter,
mein älterer Bruder, meine Schwester und ich Haifa.
Mein Vater lehnte es ab mitzukommen. Er hatte eine
neue, besser bezahlte Stelle, in einem Bergwerk unweit
der Küste.
»Mein Arbeitsweg ist ohnehin schon lang, Nedschla«,
sagte er.
Er behielt die Wohnung in Haifa, um dort unter der
Woche zu schlafen, und kaufte ein Haus in Schafa Amr,
wo er uns an den Wochenenden besuchte. Der reinste
Luxus, das neue Haus: mit Balkon, grossem Wohnzim-
mer und sogar einem Backofen. Mehrere Jahre später
baute mein Vater einen zweiten Stock darauf, für die
Schlafzimmer. Er verdiente gut.
In Schafa Amr hatte es ein Ende mit kurzen Röcken
und T-Shirts. Wenn wir mit unserer Mutter spazierten,
zogen meine Schwester und ich immer wieder lüsterne
Blicke an. So beschloss sie eines schönen Tages, uns
beiden Hosen zu nähen. Ich sah zu, wie sie die Nadel
führte. Meine Mutter war schön. Schön und sehr zart.
Die helle Haut, die geradlinige Silhouette und die ge-
mächlichen Bewegungen verliehen ihr etwas Sittsames.
Wenn sie ernst mit mir sprach, zielte ihr grünäugiger
Blick nie direkt in meine Augen, sondern ein klein we-
nig darunter.
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»Die Haganah ist eine zionistische Untergrundorga-
nisation.«
Ich verstand kein Wort.
»Sie beschützt die Juden, weil die Araber sie bedro-
hen.«
»Was, wir bedrohen die Juden?«
In ihrem Gesicht erschien ein aufrichtiges Lächeln.
»Hier hast du deine Hose.«
Paumenzeit. Meine Schwester Saïda und ich pück-
ten die Früchte immer von einem grossen Baum in der
Nähe unseres Hauses. Saïda, die Sadistin. Einmal el
ich vom Baum und hatte daraufhin eine Woche lang
Nackenschmerzen. Beim nächsten Mal hatte ich natür-
lich Bedenken hochzuklettern. Aber das interessierte
mein Schwesterherz nicht. Sie schrie mich an und
schlug mich, bis ich nachgab. Einmal oben, drohte ich,
alles unserer Mutter zu erzählen.
»Das kauft sie dir ohnehin nicht ab, man sieht ja
nichts.«
Ich riss Paumen von einem nahen Zweig und zer-
drückte sie zwischen den Fingern. Dann rieb ich sie
mir auf die Augen und schrie: »Schon haben wir zwei
schöne Veilchen!«
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Mit mir war meine Mutter enger verbunden als mit ihren
anderen Kindern. Zumindest bildete ich mir das ein. Es
war auch logisch, schliesslich hatte sie mir einiges zu ver-
danken. Ich hatte ihr schon das Leben gerettet. Mit ge-
rade mal neun Jahren! Sie war einmal vor mir hergegan-
gen, auf dem Kopf einen riesigen Krug Mais – geerntet,
um ihn an Händler zu verkaufen –, als daraus plötzlich
der Kopf einer Schlange hervorlugte. Das Tier wand sich
in Richtung ihres Nackens. Ich stürzte zu ihr und schlug
den Krug herunter. Er ging zu Bruch. Die Schlange kam
in ihrer ganzen Länge zum Vorschein. Sie war unglaub-
lich lang, nahm aber Reissaus. Und ich schmunzelte wie
damals bei der Explosion auf dem Markt.
»Ich war ungefähr gleich alt wie du, als ich den
Schreck meines Lebens bekam. Ebenfalls eine Schlan-
gengeschichte.«
Wir machten kehrt, um zu Hause einen anderen
Krug zu holen.
»Dein Onkel Reda spielte draussen. Da hörte ich
ihn rufen: ›Komm, mein kleines Kätzchen, es gibt zu
fressen.‹ Wir hatten kein Kätzchen. Ich stürmte zu ihm
und erblickte in seinen Händen eine riesige Schlange.
Er wollte sie füttern.«
Ein paar Jahre später erzählte mir meine Mutter
die Geschichte noch einmal. Es geschah auf derselben
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Strasse. Als ich vor unserem Haus vom Pferd stieg, biss
mich eine Spinne in den Fuss. Mein Vater schnitt mir
mit einem Teppichmesser ein Stück von der Zehe ab.
Blut strömte. Während meine Mutter von der Naivität
meines Onkels plauderte, brach mein Vater eine Knob-
lauchzehe entzwei und band sie mit einem Taschentuch
an die Wunde.
Es ging mir auf die Nerven, zwischen Haifa und Schafa
Amr hin- und herzureisen. Das wussten alle in der Fa-
milie und niemand besser als Saïda, die Sadistin.
»Es ist eine Schande, dass Naïma ihren Vater nicht
öfter sieht. Bestimmt ist er traurig«, sagte sie.
Und damit war die Maschinerie in Gang gesetzt. Die
schuldige Gattin stürzte sich in die Organisation der
heilbringenden Reise. Weckte uns um sieben Uhr früh
und zerrte uns in die Küche. Dort klatschte sie für uns
verschlafene Kinder zwei khabez, libanesische Fladen-
brote, auf den Tisch, schnitt sie auf, bestrich eine Seite
mit labneh, fermentiertem Frischkäse, goss einen dün-
nen Strahl Öl darüber und legte ein paar Oliven darauf.
»Dieses hier könnt ihr jetzt essen. Das zweite ist für
unterwegs.«
Immerhin ein Trost. Diese Sandwiches waren un-
glaublich lecker. Und vor allem: Man musste einen Halt
einlegen und vom Pferd steigen, um sie zu essen. Das
verkürzte die Reise. Mitunter. Manchmal war es gerade
umgekehrt. Sekunden konnten einen grossen Unter-
schied machen. Saïda war begabt, das musste man ihr
lassen. Eines Morgens waren wir unterwegs zum Oli-
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venernten, da blieb sie auf einmal abrupt stehen. Zog
mich am Arm.
»Komm, wir laufen zusammen zu Papa.«
Das Miststück. Sie sah mich wohlwollend, geradezu
von Zuneigung erfüllt an. Versuchte mich zu überreden.
»Glaubst du etwa, ich kenne den Weg nicht?«
Ihre Brauen wanderten nach unten, das Lächeln
verschwand. Ihr üblicher Blick gewann wieder die
Oberhand: fordernd, an das Verantwortungsgefühl ap-
pellierend. Saïda gehörte zu den Menschen, bei denen
Aussehen und Charakter zusammenpassten. Sie war
eine harte Person, in beiderlei Hinsicht. In ihrem Ge-
sicht gab es kein sanftes Auf und Ab, alles wirkte wie
mit dem Lineal gezeichnet. Dasselbe galt auch für ihren
Körper. Sie war nicht so gertenschlank wie meine Mut-
ter, aber den wahren Unterschied machte das Ungleich-
gewicht. Von kurvenreicher Figur konnte nicht die
Rede sein. Saïda war ein Stier. Ihre Beine waren dünn,
aber stämmig, weil sie seit Jahren dieses gewaltige, ge-
drungene V von Oberkörper tragen mussten. Und dann
die Augen. Sie wirkten auf mich immer subtil undurch-
dringlich, auch jetzt.
»Los, wir brechen auf
Jetzt klang es harscher. Ich wich ein paar Schritte zu-
rück.
»Komm schon.«
Ich konnte mich nicht widersetzen. Tröstete mich
mit dem Gedanken, wertvoller zu sein als sie. Dass nie
recht hat, wer sich nie irrt, und mit ähnlichen Leitsät-
zen für den Notfall.
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Fünf Stunden. Fünf Stunden Fussmarsch. Kein Ge-
spräch, kein Wort. Als mein Vater uns aufmachte, war
ich drauf und dran zusammenzuklappen. Er trug eine
graue Arbeiterkluft, was seinem mediterranen Gesicht
etwas Elendes verlieh. Aber sein Stolz liess mich im Nu
die ganze Mühsal vergessen. Er legte eine Hand auf sein
kurzgeschorenes Haar, die andere an den buschigen
Schnurrbart und sah uns an. Der gleiche Gesichtsaus-
druck wie bei Saïda. Die gleiche Undurchdringlichkeit.
Aber damit hatte es sich in seinem Fall. Davon abgese-
hen war mein Vater das pure Gegenteil meiner Schwes-
ter. Zwischen seinem Verhalten und seinem Erschei-
nungsbild bestand eine verblüende Diskrepanz. Mein
Vater war scheinruhig. Und wie die meisten scheinru-
higen Menschen verbarg er hinter seinem Phlegma eine
unablässig brodelnde Nervosität. Auch seine Grösse und
sein Verhalten waren zwei klar getrennte Dinge. Mein
Vater war klein, vermochte aber trotzdem zu erdrücken.
Die Perspektive spielte keine Rolle. Er beherrschte die
Leute auch von unten.
»Wie seid ihr hergekommen?«
Er liess uns auf dem Sofa Platz nehmen und bot uns
eines der berühmten labneh-Sandwiches an, das ich,
weil es nicht ein Etappenziel markierte, etwas weniger
schmackhaft fand. Kaum hatte ich den Imbiss ver-
schlungen, streckte ich mich aus und schlief ein.
»Steh auf, ihr müsst jetzt los.«
Abruptes Aufwachen.
»Dürfen wir nicht bleiben, Papa?«, murmelte ich.
»Nein, sonst macht sich eure Mutter Sorgen.«
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Saïda trat auf den Plan.
»Komm schon, Naïma, hör auf zu jammern.«
»Du könntest uns begleiten, Papa …«
»Ich muss zur Arbeit.«
Kein Mitleid im Blick. Nichts. Meine Schwester war-
tete vor der Tür. Sie wurde ungeduldig. Tränen in den
Augen, fügte ich mich, wieder einmal.
22
Mein Vater war ein harter Mensch. Hart allen gegen-
über. Das rettete uns in Schafa Amr eines Nachts das
Leben. Meine Eltern und ich schliefen in benachbar-
ten Zimmern. Eine Albtraumserie führte dazu, dass ich
mich über Vaters Strenge hinwegsetzte und ins Ehebett
legte. Nach einigen schlaflosen Minuten sah ich eine
Gestalt, die ins Zimmer trat und sich in einer Ecke
bückte. Ich empfand die Silhouette als unproportio-
niert, dann fremd. Aber besorgt war ich nicht. Warum
sollte jemand lieber zu uns wollen als zu jemand ande-
rem? Und warum ausgerechnet in dieses Zimmer? Zum
Stehlen? Da gab es schon im Wohnzimmer genug zu
tun, wo man zudem ungestört war. Merkwürdig unstra-
tegisch.
Dann endlich ging mir ein Licht auf. In diesem Win-
kel stand der Karabiner meines Vaters, eine bemerkens-
werte Wae, von deren Präzision er – allzu laut – in der
ganzen Stadt schwärmte. Ich begri, was der Mann vor-
hatte, und reagierte.
»Papa! Ein Dieb!«
Das Spektakel begann. Mein Vater sprang aus dem
Bett, als hätte er wach gelegen, und versetzte dem Un-
bekannten einen Stoss. Die Wae el zu Boden. Im
Halbdunkel schien das Gesicht des Mannes auf. Er
wirkte überrascht. Vor Schreck über die ungeheure
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Kraft, die in diesem kleinen Körper steckte, blieb er wie
angewurzelt stehen. Einen Moment später oh er aus
dem Zimmer. Mein Vater schnappte sich den Karabiner
und stürzte ihm hinterher. Seine kurzen Beine zappel-
ten vorwärts wie die eines Tausendfüsslers. Ich folgte
den beiden. Und schmunzelte. Wieder einmal.
Am nächsten Tag kochte meine Mutter einen grossen
Topf Kohl, mit vielen Gewürzen und Chili. Ich sass auf
einem wackeligen Hocker und sah ihr zu, als ich die
Haustür aufgehen und wieder zukrachen hörte. Mein
Vater war von der Arbeit zurück. Schmiss im Wohnzim-
mer seine Schuhe zu Boden. Meine Mutter sah mich
an. Diesmal direkt in die Augen. Bis heute erinnere ich
mich an diesen Blick. Angestrengt mutig und dazu eine
Angst, die diesen Mut zu ersticken drohte. Es war, als
wollte sie mich schon im Voraus beruhigen. Die unsi-
chere Prophetin vermittelte mir eine Botschaft, ein Ge-
fühl des Trostes. Erst vor kurzem habe ich die Absicht
dahinter verstanden. Sie füllte mich auf. Sie füllte mich
mit Honung, die sie bei sich selber abzog. Über ih-
ren Blick tränkte sie mich damit. Sie sah mich an die-
sem Tag lange an und zog ihren Optimismus bis zum
letzten Tropfen ab. Warum? Für mein Überleben. Sie
wusste, dass das Kommende mich verändern, einen Teil
von mir abtöten würde. Die Zukunft würde diese ganze
Honung wieder aus mir heraussaugen und verschleu-
dern.
Mein Vater kam in die Küche, schrie: »Kohl?«, hob
unter meinem belämmerten Blick den kochend heissen
24
Topf hoch und kippte den Inhalt über meiner Mutter
aus.
Mein Vater war ein harter Mensch. Hart allen gegen-
über.

Grand prix du roman métis

Jadd Hilal
Flügel in der Ferne

Roman

Aus dem Französischen von Barbara Sauser


E-Book
ISBN 978-3-85787-993-7
Seiten ca. 202
Erscheint 30. September 2021
€ 16.99

Vier Frauen erzählen ihre bewegte Familiengeschichte über vier Generationen, vom sich stets wiederholenden Aufbruch und Exil zwischen dem Nahen Osten und Europa: Die Palästinenserin Naïma, die mit zwölf verheiratet wird und 1947 in den Libanon flieht. Ihre eigenwillige Tochter Ema, die sich gegen den gewalttätigen Vater zur Wehr setzt und während des libanesischen Bürgerkriegs nach Europa aufbricht. Und schliesslich Dara, die aus Sehnsucht in den Libanon zurückkehrt und mit ihrer Tochter Lila erneut aufbrechen muss, als der Krieg in ihr Dorf kommt.

In kurzen, poetischen Abschnitten zaubert Jadd Hilal ein Mosaik über das Leben dieser Frauen, die allen Desastern trotzen und sich stets ihren störrischen Humor bewahren. Sie alle suchen ihren Weg zwischen Patriarchat und Selbstbestimmung, zwischen zwei Kulturen, zwischen der Sehnsucht nach dem Land der Kindheit und dem Wunsch nach Freiheit und Frieden.

Pressestimmen

In seinem dramatischen Erstlingsroman regt Hilal zum Nachdenken über das Exil, seine Schatten und sein Licht an.
— RCF