LENOS
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LP 177
www.lenos.ch
Ein Paradies aus Nichts
Geschichten vom Leben in der Wüste
Aus dem Arabischen
von Edward Badeen, Petra Becker, Hartmut Fähndrich,
Regina Karachouli, Doris Kilias und Kristina Stock
Lenos Verlag
LP 177
Erste Auflage 2015
Copyright © 2015 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag
Umschlag: Neeser & Müller, Basel
Umschlagfoto: Noel McLaughlin / Keystone
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 777 3
Inhalt
Ibrahim al-Koni: Der gescheckte Mehri 7
Dschabra Ibrahim Dschabra: Aufstieg zum Paradies 13
Baha Taher: Pater Bischai 23
Ibrahim al-Koni:
Als die Dschinnen die Grossmutter entführten 37
Edwar al-Charrat: Der alte Beduine 59
Alaa al-Aswani: Durst nach Rache 73
Tajjib Salich: Der Ursprung des Feuers 95
Hassan Nasr: Fern vom Lärm der Welt 107
Sabri Mussa: Der weisse Berg 113
Muhammad Mustagab: Blutbrennen 135
Asmi Bischara: Im Checkpointland 161
Ghassan Kanafani: Unterwegs 173
Abdalrachman Munif:
»Bringt uns Assâf, tot oder lebendig!« 191
Ibrahim al-Koni: Nahe beim Tor des Himmels 219
Die Autoren 239
Zum Weiterlesen 245
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Ibrahim al-Koni
Der gescheckte Mehri
Es war nicht das erste Mal. Zuvor schon hatte er ihn ein-
mal in eine noch peinlichere, noch skandalösere Situation
gebracht.
Immer wieder zog Uchaijid auf seinem Schecken zu
nächtlichen Romanzen in die benachbarten Lager hinaus.
Nach Sonnenuntergang sattelte er ihn und ritt zu den Be-
hausungen seiner Auserwählten, wo er nach Mitternacht
eintraf. Er band den Hengst im chstgelegenen Wadi fest
und schlich sich in der Finsternis zu den Zelten der Schönen.
Dort tändelte und plauderte er und stibitzte sich Küsse, bis
am Horizont das erste Licht durchbrach. Dann schlich er
ins Wadi, schwang sich in den Sattel und kehrte zurück.
Diese Ausritte wiederholten sich, bis er entdeckte, dass
sein schmucker Schecke sich in eine scne Kamelstute
verliebt hatte, die einem Stamm gehörte, der den Frühling
allemal im Wadi M’gharghir verbrachte, während er einer
reizenden Tochter dieses noblen Stammes seine Aufwartung
machte. Er liess ihn, zusammen mit den anderen Kame-
len, auf dem Grund des Wadis grasen und begab sich zu
seinem Mädchen. Er war genau im Bild über die Gefühle
seines Mehri, hatte schon bei seinem ersten Besuch dessen
Leidenschaft für die weisse Kamelstute bemerkt und wurde
dessen noch sicherer, als er sah, wie der Schecke ins Wadi
M’gharghir flog und sich in Sehnsucht nach der nächtlichen
Reise verzehrte.
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»Warum machst du ein Geheimnis daraus?« meinte er
da boshaft. »Gib doch zu, dass du so dahinfliegst, weil es zu
deiner, nicht weil es zu meiner Geliebten geht. Gib doch zu,
dass dein rascher Schritt nicht dein Verdienst ist! Das Weib
ist die Ursache! Immer ist das Weib die Ursache.«
»U-a-a-a!« erwiderte er und wiegte sich hin und her,
und Schaum verspritzend und am Halfter kauend trabte er
glücklich dahin. Uchaijid lachte und hänselte ihn weiter.
Doch dann kam der Tag, an dem die wehmutweckenden
Ginsterblüten aufbrachen. Er band ihn im Wadi fest, liess
ihn neben dem duftenden Ginster weiden und hatte ganz
vergessen, dass sich mit den Ginsterbten der Frühling auf
den weiten Ebenen der Wüste niederlässt. Wenn aber der
Fhling als Gast einkehrt, kommt für die Kamele die Zeit
der Fruchtbarkeit und der Zeugung, und der Wahnsinn
packt sie.
So auch an jenem Tag.
Schon einige Zeit hatte er dem Mädchen ins Ohr ge-
üstert, als er das Gebll des erregten Tieres rte. Zu-
nächst glaubte er, es sei fernes Donnergrollen, und liess
sich bei seinen Liebkosungen und Tändeleien nicht stören.
Doch das Gebrüll kam wieder, lauter, brutal, wahnsinnig.
Er lief aus dem Zelt und rannte zum Wadi. Dort war der
Schecke mit einem hässlich aschgrauen Kamelhengst in
den erbarmungslosesten und zugleich edelsten Kampf ver-
wickelt sie kämpften um die Kamelstute. Am Horizont
brach gerade das erste Morgenlicht durch. Im Dämmer
wurde die Verletzung des Mehri sichtbar. Sein Rivale hatte
ihm sowohl am Hals und am Kiefer als auch an der linken
Flanke mit den Zähnen tiefe Wunden gerissen. Doch auch
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sein abscheulicher Gegner war nicht unversehrt geblieben.
Er wies zahlreiche Schrammen auf, und sein ganzer Körper
war blutverschmiert. Der Lärm hatte die Leute geweckt.
Die Hirten rannten, mit Stöcken bewaffnet, ins Wadi, und
nach langem Kampf gelang es ihnen, die beiden Streitenden
zu trennen.
Die Sonne brach hervor, und plötzlich wurde Uchaijid
sich bewusst, dass man ihn nackt überrascht hatte. Als die
jungen Männer des Stammes kamen, sah er Missbilligung in
ihren Blicken. Ihre Augen verrieten, dass sie alles wussten.
Sie hrten ihn zum Stammesscheich, einem grossgewach-
senen, hageren alten Mann, der einen eleganten, mit fein-
ziselierten Lederringen geschmückten Stock aus dem Holz
des Lotosstrauchs in der Hand hielt. Über seine Stirn zogen
sich tiefe Falten, aber in seinem Blick lagen Spontaneität,
Vitalität und eine seltsame Heiterkeit. Er liess Tee bringen
und lud ihn ein, es sich auf dem Kelim im Zelt bequem zu
machen.
»Es entehrt keinen edlen Mann«, erklärte er würdevoll
und drehte den Stock in den Händen, »sich zu verlieben
oder zu einem Stelldichein auszureiten. Aber was schadet
es uns, wenn wir gemäss dem Gesetz der Muslime handeln
und durch die Tür eintreten?« Dann lächelte er und fuhr
fort: »Es freut uns, den Sohn des Scheichs der Amnaghasten
bei uns zu empfangen, des Mannes, dem die Ehre gebührt,
die fremden Angreifer abgewiesen und ihr Eindringen in
die Wüste verhindert zu haben.«
Uchaijid begriff, dass der weise Scheich nur die jungen
Männer besänftigen und beruhigen wollte und deshalb
über amouröse Abenteuer sprach und auf die Rolle seines
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Vaters beim Widerstand gegen die Eindringlinge in die
Wüste hinwies.
Stammesscheichs sagen kein Wort unüberlegt, und sie
sprechen gern in Andeutungen.
Einer der Männer führte den mit tiefen Wunden gezeich-
neten Schecken heran. Er war llig verschmiert mit Blut,
Schaum, Schweiss und Staub.
»Mein Gott, was ist denn das?« rief der weise Scheich sei-
nen Männern zu. »Warum habt ihr mir denn nicht gesagt,
dass unser Gast ein solches Prunkstück von einem Mehri
sein eigen nennt? Einen gescheckten Mehri, grazil wie eine
Gazelle. Das ist eine Rasse, die in der Wüste vor hundert
Jahren ausgestorben ist. Bei Gott, woher hast du ihn?«
»Vom Oberhaupt der Ahaggâr-Stämme«, erwiderte
Uchai jid und versuchte, seine Nacktheit zu verbergen. »Ein
Geschenk, als ich volljährig wurde.«
»So, vom Oberhaupt der Ahaggâr-Stämme, Ibrahîm
Bakda. Eine Art, die zu Helden seinesgleichen passt. Nie-
mand sonst nnte ein Geschenk wie dieses machen. Die
altehrrdigen Stämme sind immer gut r Überraschun-
gen und verfügen noch immer über Geheimnisse. Bei uns«,
fuhr er dann fort, als Uchaijid schwieg, »sagt man, der Mehri
sei der Spiegel des Reiters. Wenn du die Geheimnisse eines
Reiters erfahren möchtest, nimm sein Pferd, sein Kamel in
Augenschein. Ja, ans Kamel musst du dich halten, wenn du
den Reiter kennenlernen willst. Jetzt kann ich guten Gewis-
sens erklären, dass du ein junger Mann bist, dem es nicht
an Vollkommenheit mangelt. Wer einen Mehri wie diesen
Schecken da sein eigen nennt, dem gebricht es nicht an ed-
len Werten. Deine Anwesenheit ehrt unsere Wohnstätten,
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edler junger Mann, Spross der Edlen. Doch bedauerlicher-
weise sind deine Chancen, nach deinem Vater die Führung
des Stammes zu übernehmen, gering, hat doch der Scheich
meines Wissens drei Neffen, drei Schwestersöhne mit be-
rechtigtem Anspruch. Aber wer weiss, vielleicht geschieht ja
noch ein Wunder. Das Tor der Wunder steht immer offen.«
Ein hünenhafter junger Mann mit strenger Miene und
groben Händen erhob sich, um die erste Runde Tee zu ser-
vieren. Der Scheich schlürfte die Schaumkappe und stellte
dann das Glas auf die Erde. »Unser Gast ge uns erlau-
ben«, sagte er, »auch seinen Mehri zu ehren. Denn auch
wenn der Reiter es verschmäht, bei uns durch die Tür ein-
zutreten, so spricht doch nichts dagegen, dass sein Mehri es
tut.« Er lächelte, und die meisten Anwesenden taten es ihm
nach. Uchaijid verstand die Anspielung nicht und begriff
nicht, was der Scheich meinte.
»Wenn der Reiter«, erklärte der alte Mann, »den Schönen
des Stammes entschlüpft, muss der seltene Mehri nicht not-
wendig den Kamelstuten des Stammes entkommen. Diese
interessieren sich offenbar durchaus für ihn. Wir wünschen
Nachkommenschaft von dieser ausgestorbenen Rasse. Um
Schecken unter unseren Kamelen würden uns alle Stämme
beneiden. Die Rasse neu zu beleben und vor dem Ausster-
ben zu bewahren ist unsere Pflicht. Was meint unser Gast
dazu?« Er wartete dessen Meinung nicht ab, sondern befahl,
dem Mehri eine Kamelstute zu besorgen, und so wurde
Uchaijid an jenem Tag zum ersten Mal Zeuge der Kopula-
tion von Kamelen.
Sie brachten die schlohweisse Kamelstute heran und ban-
den ihr die Vorder- und Hinterbeine fest. Dann führten sie

Diverse
Ein Paradies aus Nichts

Geschichten vom Leben in der Wüste

Aus dem Arabischen von Edward Badeen, Petra Becker, Hartmut Fähndrich, Regina Karachouli, Doris Kilias und Kristina Stock


E-Book
ISBN 978-3-85787-934-0
Seiten ca. 256
Erschienen 31. August 2015
€ 12.99

Nur ein schmaler Grat liegt zwischen der ursprünglichen Lebensweise der Wüstenbewohner und ihrer Vereinnahmung durch die Zivilisation. Verwöhnt durch die Schönheit der Wüste, sind ihre Menschen auch ziellose Wanderer auf der Suche nach dem Unerreichbaren, nach Gott und einer Poesie, die das Geheimnis der öden Wildnis jenseits ihrer Illusionen erfassen könnte. Einsiedler, Abenteurer und Schatzgräber sind ihr verfallen, aber auch Gotteskrieger, die sich in ihrem Schutz zum Kampf gegen die Moderne rüsten. Wo der Tod in den Gerippen verendeter Tiere und im Durst der Ausgelieferten allgegenwärtig durch die Einöde streift, ist die Hoffnung auf das Paradies am nächsten. Die Wüste ist seit je ein Ort der Grenzerfahrungen zwischen Faszination und Bedrohung. Die Anthologie vereint ausgewählte Texte namhafter arabischer Autoren, die die Wüste als Lebensraum in den Blick rücken. Jenseits der Perspektive des fremden Bewunderers entdecken sie die stille Weite als Schauplatz unterschiedlichster Ereignisse und bieten einen wunderbaren Einstieg in Perlen arabischer Literatur.