LENOS
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Lenos Verlag
Jean-François Haas
Dunkler Weg zum Teich
Roman
Aus dem Fransischen
von Hilde Fieguth
Titel der französischen Originalausgabe:
Le chemin sauvage
Copyright © 2012 by Editions du Seuil
Erste Auflage 2015
Copyright © der deutschen Übersetzung
2015 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Neeser & Müller, Basel
Umschlagfoto: studio mm, Paris
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 462 8
Die Übersetzerin
Hilde Fieguth, geboren 1944 in Schwabach (Mittelfranken), lebt seit
1983 in Freiburg i. Langjährige Beschäftigung mit meist literatur-
bezogener Malerei, daneben 1991–1998 Leitung einer Kunstgalerie.
Seit 2000 freie Literaturübersetzerin; sie übertrug vor allem Werke von
S. Corinna Bille und, zusammen mit Rolf Fieguth, von Maurice Chap-
paz ins Deutsche.
Die Übersetzerin und der Verlag danken der Schweizer Kulturstiftung
Pro Helvetia und dem Amt für Kultur des Kantons Freiburg für die
Unterstützung.
Für Dominique,
Christine, Jean-Baptiste und Mathieu
Für Patrick Cardinaux
Für Christiane und Yves Breton
Ai fratelli Germano, Italo e Paolo Secchini
A Carmela e Vincenzo Paolillo
– I loro nomi ne rievocano
tanti altri …
»Entrai per lo cammino alto e silvestro.«
Dante. Inferno, II
»In diesem Land kennt man den Krieg nicht. [] Ich dachte: ein fried-
liches, sauberes Land, mithlende Menschen, hochherzig, stets bereit,
den anderen zu helfen.«
Yvette Z’Graggen. Matthias Berg.
Aus dem Französischen von Markus Hediger
»Der Schrei eines Hasen und aus und vorbei
Das ist kein Hase, da schlachten sie im Wald ein Kind.
Und das Herz geöffnet von dem Schrei
Krampft sich vor Mitleid zusammen.«
Gennadij Gor. Blockade.
Aus dem Russischen von Peter Urban
»Einmal habe ich ganz aus der Nähe einen dieser dicken Maikäfer be-
trachtet, die das Menschengeschlecht so unerbittlich zum Tod verur-
teilt. Ich habe ihn sogar in die Hand genommen. Seine gezähnten Beine
kratzten mir die Haut, als er zappelnd zu fliehen versuchte. Ich gab ihm
die Freiheit und schaute zu, wie er schwerfällig davonflog. Jetzt, da ich
seine Bekanntschaft gemacht hatte, rchtete ich, seine Jäger würden
ihn erwischen, er würde umkommen unter schrecklichen Qualen, mit
Benzin übergossen und lebendigen Leibes gebraten, zusammen mit sei-
nen ungcklichen Artgenossen.
Es ist schrecklich, als Maikäfer auf einer von Menschen bewohnten Erde
geboren zu werden.«
Alice Rivaz. LAlphabet du matin
»[] das schwarze Wasser des Schweigens schliesst sich, wird glatt, das
Zittern sst nach, und wir beginnen wieder, in unserem Traum zu le-
ben, an der furchtbaren Schwelle zum Wachsein.«
Héctor Bianciotti. La busca del jardín
Erster Teil
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Mein Urgrossvater, an jenem 1. Februar 1871 ein blutjun-
ger Schweizer Soldat, eingesetzt bei Les Verrières an der
Grenze zu Frankreich, hatte einen sterbenden jungen fran-
zösischen Soldaten in die Arme genommen (»man kann ihn
ja nicht im Schnee krepieren lassen wie ein Tier«), einen
von den 87 847 gewissenhaft gezählten Männern, die seit
nf Uhr morgens ihre Waffen, Trommeln, roten Käppis
in verschlammten Löchern und Schneewehen am Wegrand
niederlegten, zu Füssen von warm angezogenen, gutgenähr-
ten Kriegern, die vom Schrecken des Krieges nicht berührt
waren, und das sollte nun drei Tage lang so weitergehen für
diese Soldaten in Lumpen, eine schlafwandelnde Truppe,
sprachlos, benommen, ausgehungert, frierend, erstarrt, hier
und da von krapproten Flecken gezeichnet in der fahlen
Kälte, eine Truppe, die einmal die Ostarmee gewesen war,
hastig zusammengestellt während der lligen Auflösung,
um noch einmal zu kämpfen, und die jetzt zerrann in einem
langen chaotischen Strom, durcheinandergewürfelt, mutlos,
verzweifelt (und manche liessen sich sogar ich meine sie
in mir zu spüren in den Schnee fallen, um zu sterben),
nachdem sie auf Befehl von General Bourbaki vergeblich
in einem vollkommen zerrütteten, zerstörten, besiegten
Land gekämpft hatten, erfolgreich zwar durch den Sieg bei
Villersexel, aber wozu?, einen Sieg r einen einzigen Tag
(wie die Remission in einem Körper, in dem der Tod überall
voranschreitet), ehe sie geschlagen wurden und schliesslich
bei der jungen Schweizerischen Eidgenossenschaft um Asyl
bitten mussten, woraufhin diese, indem sie ihre Spitäler,
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Kirchen und Scheunen für die im Schnee zerfallende, zer-
sprengte, gescheiterte Armee öffnete, ihr Bild von einer hu-
manitären Insel im Herzen Europas feierlich erschuf. Und
wenn wir uns im Familienkreis an diese Geschichte erin-
nerten, sagte meine Mutter zum Abschluss jeweils: »Und
er hat ihm die Augen geschlossen«, was mich dann immer
wunderte: Hat man wirklich die Augen offen, wenn man
tot ist? Es stimmte jedoch, denn als ich einmal gleich nach
dem Aufstehen unsere alte Katze tot in ihrem Schlafkar-
ton fand, da waren ihre Augen weit offen, die schwarzen
Pupillen, die mich nicht mehr sahen, erweitert, erstarrt in
einer unseren armseligen Augen unzugänglichen Ferne (ich
mochte noch so weinen ), einer unendlichen Abwesenheit,
einem Anderswo, in dem ich sie nie mehr antreffen würde.
Bei allen Toten jedoch, die ich gesehen habe (und auch
bei meinem grossen Bruder, gestorben mit elf Jahren, als
ich gerade neun werden sollte, zweieinhalb Jahre sind wir
ausein ander), waren die Augen geschlossen, wenn wir zum
Beten zu ihnen in die Häuser gingen, wo ihre Familien sie
zwei, manchmal auch drei Tage bei sich in der guten Stube
beliessen, wie um sie noch eine Weile in ihrem plötzlich l-
lig durcheinandergebrachten Alltagsleben bei sich zu halten,
r die Zeit der fassungslosen Tränen, für die Zeit, in der
man mit der Hand über die wächserne, kalte Stirn streicht,
die Zeit für einen Kuss auf die Wange oder auf den von nun
an geschlossenen Mund, gefangen in der eisigen Stille eines
unüberwindlichen Winters, ehe man sie dann der Zeit der
anderen übergab, mit dem Schliessen des Sarges, dem Ge-
rüttel des vom weissen Pferd gezogenen Leichenwagens, den
Gesängen und dem Weihrauch in der Kirche, dem Kollern
der Erde, die von den Schaufeln auf den Holzdeckel fiel und
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unten im Grab widerhallte. Die armen Toten, die uns so
arm hinterliessen, hatten die Augen geschlossen, wenn man
sie sah, und ich glaubte, dass so der Tod war: die Augen ge-
schlossen haben und die Nacht sehen, für immer die Nacht,
und jetzt, da meine Augen geschlossen waren, versank ich
in einer Nacht, in der ich steckenzubleiben, unterzugehen
glaubte, dann wieder wie mit Flügeln in die Höhe stieg,
während die Nacht sich immer weiter ausbreitete, immer
tiefer wurde.
Tot? Aber das Licht berührte mit einem Hauch sanft
meine Augen, einem blendend mohnroten Flimmern. Ver-
suchte, mir die Lider ein wenig zu öffnen. Wie es meine
Mutter eines Morgens gemacht hatte (das kam mir jetzt
wieder in den Sinn): Am Abend davor war ich eingeschlafen
mit dem Gefühl, Sand in den Augen zu haben. Und die
Nacht und der Schlaf hatten mir, ohne dass ich es merkte,
die Lider zugenäht (Augen müssen sich jedoch öffnen, die
Flügel bewegen, bis ganz hinauf, bis ganz in die Breite, bis
in die fernste Ferne von allem, was Licht und Nacht herge-
ben): Meine Augen sind geschlossen, ganz fest geschlossen,
sie stossen an die Dunkelheit, ihre Flügel hemmt die ersti-
ckende Hand der Dunkelheit, es ist jedoch schon Morgen.
Ein Morgen in panischer Angst, in einer Falle. »Mama, ich
bin blind, ich bin blind«, ausserstande, meine Lider zu öff-
nen, eins ans andere geklebt mit einer Art eitriger Kruste.
Meine Mutter strich mir mit Kamillenabsud über die Au-
gen, und nach und nach lösten sich meine Lider wieder
voneinander, hin zu einem trüben Tageslicht, wie durch
schmutzige, schmierige Fensterscheiben. Genau das lebte
jetzt wieder in mir auf, wie ich ausgestreckt dalag, wäh-
rend das Licht, das über meine Augen wehte, die sich im-
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mer noch nicht öffnen konnten, die blinzelten, um sich zu
öffnen, aber der Tod in ihnen ist noch schwer, während das
Licht sie nach und nach löste. Ein Licht wie ein plätschern-
der Fluss, gurrend, gluckernd, üsternd, murmelnd, als er-
wachten die Vögel inmitten der Kiesel, die er mit seidenem
Gelächter vor sich herrollte, als erhöben sie sich flatternd
und singend zum Flug, ein Licht, das Hauch und Murmeln
des Windes war, und in diesem Hauch und in diesem Mur-
meln war bereits Milde, Versprechen, Fhling, aber auch
noch Kälte.
Meine Augen konnten sich nun wieder öffnen; langsam
stand ich auf; eine Kruste aus Erde, Schlamm, Kies und
Wurzeln riss, brach auf, fiel von mir ab, und ich sah ihr zu,
wie sie sich von mir löste, und mein Körper rührte sich,
belebte sich wieder; nur die Explosion der Granate, die mich
neben dem in einer Flussbiegung entstandenen Teich ver-
schüttet hatte, klang in der Nacht und lte meiner Kno-
chen noch nach. Langsam stand ich auf, packte, umklam-
merte den Stamm eines jungen, krummen Kirschbaums,
seine rissige, wie gegeisselte und zerritzte Rinde schnitt mir
in die Handflächen, und ich erhob die Augen, nun ganz
befreit, zu den noch schwarzen, nackten Zweigen, an eini-
gen waren schon Blüten aufgegangen, die das tiefe Blau des
Himmels mit Sternen übersäten, und der Himmel drehte
sich über mir, als ob ich, während ich mich hochzog, nie
mehr aufren sollte, mich hochzuziehen und hochzustei-
gen, hochzusteigen …
Da schoss spritzend eine Salve ganz nah in den Teich und
warf mich auf den Bauch; ich wusste nicht, wie mir geschah,
und doch sah ich, ganz unwirklich über mich gebeugt und
meine Wange streichelnd, ein Büschel welker, fahler, umge-
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knickter Gser, aus dem frische grüne Triebe sprossen, und
ich sah die sandige schwarze Erde, an die mein Herz schlug.
Am liebsten hätte ich mich in sie hineingegraben, in ihr
Schutz gesucht. Sollte ich bis zum Teich kriechen? Mich in
sein Wasser gleiten lassen, ein grünliches, undurchsichtiges
Wasser von trüber Schlammfarbe, in dem hier und da Bla-
sen zerplatzten, ein träumendes, melancholisches, schlaf-
wandlerisches Wasser, eingeschlafen über seinen Albträu-
men, als wenn lebendige »Sachen«, irgendwelche haarigen
Algen, auf einmal unter ihm atmeten, aufgingen wie Mün-
der oder wie Blumen, zuschnappten, ansaugten, schluckten,
verdauten? Und meine Augen suchten und entdeckten unter
dem Widerschein von Wolken und Himmel gleichsam ein
Jüngstes Gericht von Schatten, dunklen Anwesenheiten, die
dahintreibend warteten, die gleichzeitig hochstiegen und
niedersanken, sich mischten, miteinander verknüpften und
kämpften und sich auffrassen. Da hielt mich eine Angst zu-
rück, und ich blieb in meinem Erdversteck neben diesem
welken Gras, in dem der Fhling wiedererstand, drückte
mich an diese Erde, die sich, was bereits zu spüren war, nun
von Tag zu Tag erwärmte und auf einmal brachen einen
Moment lang die Wolken auf, oben und auf der Wasserflä-
che des Teiches. Schwarz geworden wie eine Blendung un-
ter dem Licht. Mich ihm nähern, es trotzdem wagen. Mich
seinen Lichtflügelschlägen nähern, die mir jetzt lachend
entgegenkamen, getragen vom Flimmern des Windes.
Lichtflügelschläge, denen mein Herz entgegenschlug, F-
gelschläge, die Wind und Licht waren, hinuntergestiegen in
die Tiefen und die Trübnis des Wassers, in seine Undurch-
sichtigkeit, seine dunklen Träume wie Leben und Tod
Noch undurchdringlicher als die Nacht Dieses Lachen

Prix Lettres Frontière

Jean-François Haas
Dunkler Weg zum Teich

Roman

Aus dem Französischen von Hilde Fieguth


Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-462-8
Seiten 376
Erschienen 11. September 2015
€ 24.80 / Fr. 32.00

Ein Dorf in der französischen Schweiz der frühen sechziger Jahre. In den Felsen und am Teich im Wald spielen Jungs Abenteuer- und Soldatenspiele. Die Kriegserzählungen ihrer Väter und Grossväter beflügeln ihre Phantasie und erfüllen die erinnerungsschweren Orte mit Faszination und Schauer. Ihre Entdeckerlust führt sie auch zu den geheimnisvollen »Tschinggen«, den italienischen Saisonarbeitern in der Barackensiedlung unweit des Dorfes, über die in der Molkerei Schauergeschichten erzählt werden. Doch fast ebenso suspekt ist der Dorfgemeinschaft die junge Myriam, deren Mutter sich in der Stadt prostituiert. Das Waisenhaus platziert das zwölfjährige Mädchen bei den meistbietenden Bauern, wo es schamlos ausgenutzt und sexuell belästigt wird. Als ein mysteriöser Mord das Dorf erschüttert, geraten auch die Jugendlichen in den Sog von Fremdenhass und moralischem Dünkel, dem die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit zum Opfer zu fallen droht.

Der Roman verführt in eine poetische Welt voller Spannung und kindlicher Phantasie, er erzählt von der Adoleszenz in einer von Ausgrenzung und Angst geprägten Dorfgemeinschaft und entwirft ein authentisches Bild der ländlichen Schweiz in der Nachkriegszeit.

Ausgezeichnet mit dem Prix Lettres frontière 2013

Pressestimmen

Ein schöner, packender Roman – gleichermassen Krimi wie Chronik einer ländlichen Welt, die ins Wanken gerät.
— Le Temps
Vor der historischen Kulisse einer teils idyllischen, teils grausamen, im Untergang begriffenen ländlichen Welt erzählt Haas auf schlichte und sensible, manchmal humoristische Weise vom Übergang von der Kindheit zur Adoleszenz.
— Maguelone Wullschleger, Neue Zürcher Zeitung