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Lenos Verlag
Gerold Späth
Drei Vögel im Rosenbusch
Eine Erzählung
Copyright © 2013 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
unter Verwendung eines Ausschnitts
von Martin Schongauers Madonna im Rosenhag (1473)
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 438 3
Der Verlag dankt der Kulturförderung Kanton St. Gallen und der Stadt
Rapperswil-Jona für die Unterstützung.
FÜR
IDA, EMILIE, SALOME, STINEUND ANITA
Inhalt
Der erste Nachmittag 11
Der zweite Nachmittag 25
Der dritte Nachmittag 43
Der vierte Nachmittag 61
Der fünfte Nachmittag 73
Der sechste Nachmittag 99
Epiphania, Dreikönigstag 133
In einem bei Jena liegenden Dorf,
erzählte mir, auf einer Reise nach Frankfurt,
der Gastwirt, dass … …
Heinrich von Kleist
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Der erste Nachmittag
Unsere stadtbekannte Madame Hoggh wallt an diesem
heissen Sommertag in luftig flirrendem Vielfarbentuch als
Paradiesvogel daher ich will mich grad vom Sternen-
platz ins schmale Spiegeleiergässlein retten, da zwitschert
sie mich schon von weitem an:
Vivat qui venit, Mössiööö! Bekommen wir Sie endlich wie-
der mal zu sehen.
Ah. Frau Hoggh. Schöner Tag heut.
Fräulein Hoggh! Bitte sehr, mein Herr! Oder Mademoi-
selle, wenns beliebt, nicht wahr. Und pflanzt in voller
Pracht sich vor mich hin und flötet: Das sollten Sie doch
wissen, mio caro Signor …
Blitzaugen, Schwarzkirschenlippen, Damenmoustache,
brandroter Seidenrosenkranz auf Florentiner Strohhut; die
glanzschwarze Mähne eventuell eine Kunstfaserpek-
ke enormes Goldgengsel blinkt daraus hervor, zieht
der Mamsell die Ohrenläppchen lang – und mich umbran-
den Parfumschwälle: Moschus auf Ambra auf Muskat auf
prallgebräuntem Décolleté nicht die simpelste Ausre-
de will mir einfallen diesmal; ich muss mich von ihr begur-
ren lassen; aus nächster Nähe feuchtwarm mir ins Ohr: sie
habe eine authentisch megaheisse Story fast so gut wie auf-
geschrieben haargenau im Kopf parat – Exklusiv für Sie,
cher Monsieur!
Oh, Fräulein Hoggh! Wie oft ich angehauen werde in
der Stadt! Absolut einmalige Geschichten! Finsterste Ma-
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chenschaften und Geheimgerüchte! Unsäglich perfide Hin-
terzimmerschwindel! Neustens auch an jeder zweiten Ecke
Himmel, lle, Seelenheil! Das habe ich ihr aber nicht
gesagt.
Höchstens auf ein kleines Viertelstündlein, Fräulein
Hoggh. – Das habe ich zu ihr gesagt.
Papperlapapp, mein lieber Sir! Ihr flaxigen jungen Her-
ren immer im Stress! Courage! Nur keine Klemmungen!
Avanti, Monsieur! Kommen Sie!
Und hat mich einfach abgeschleppt …
Im Hoggh’schen Altstadthaus Allhier Zum Blühenden Ro-
senbusch sandsteingraue schattige Kühle. Das Fräulein H
vermutlich üppig gestopfte Erbtante von abwegig fernen
Verwandten – steigt auf breiter, flich knarzender Eichen-
holzstiege hurtig hinauf in die Beletage: lange Galerie, ge-
drechselte Geländersäulen, dunkel glänzender Handlauf …
Dann ein grosser Salon: die Sonnenfenster weit offen,
Stuckdecke, holzgefelte Wände, Bilder – (knallfarbige
Barbarswiler Seelandschaften) Kommoden, eine hohe Vi-
trine, Tische, Stühle, Sessel, Sofa, viel Leder …
Mein luftiger Living, sagt sie. Und wie Sie hier sehen,
schwinge ich hie und da den stillen Pinsel. – Hingegen das
früher obligate Höhere-Töchter-Klavier schlummere seit
Jahrzehnten unbetastet in der sogenannten Weihnachtsstu-
be; sie sei nie gross in Versuchung geraten, dem Klimper-
kasten an die Klaviatur zu gehen, spiele seit je lieber Gram-
mophon und so weiter …
Alsbald kommt für mich kühlgrün ein Fläschlein
Räuschling daher. Das Fräulein Hoggh zieht unserem
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Fischwein Eistee vor, stark verdünnt mit weissem Rum; ih-
re Finger sind breit beringt, die Nägel punkpink lackiert;
Mademoiselle hantiert flink mit Flasche und Glas. Auf
Ihr Wohl, Monsieur!
Worauf sie Snacks hereinbalanciert Petits Fours, Frian-
dises und mir von einem älteren Herrn erzählt, dem eines
Morgens früh ein ash aufblitzt: Er gibt im Traum Feuer
an die Zündschnur eines handlichen Dynamitpakets und
schmeisst die funkenfauchende Lieferung mit wütigem
Schwung in ein hohes Fenster und schreckt atemlos
hoch! Seine explosive Post hat soeben den Palast der Lan-
desregierung mit unglaublichem Donnerschlag in die Luft
gejagt: Am Himmel ein riesiges Staubwolkengebrodel.
Massenhaft trudeln Tmmer herab …
Das ist es! denkt der aus Schlaf und Traum gesprengte
ältere Herr: GENAU! DAS! IST! ES!
Und jetzt, sagt das Fräulein Hoggh nach einem Schlück-
lein am Glasrand rubinrot ihr Lippenstift wenn Sie
noch ein wenig Zeit haben, sofort kurz und bündig Kapi-
tel zwei.
Aschermittwoch vorbei. Kalter Fegewind stösst Wellen den
See herauf. Am andern Ufer die graue March in dunkeldun-
stiger Ferne; vor den Hügelhängen ostwärts davonschleifen-
de Nebelbänke und seit Tagen unaufrlich RegenRegen-
Regen. Sie kennen das …
Jetzt dunkler Morgen und eine menschenleere Gasse.
Der ältere Herr duckt sich aus seinem Haus in die Nass kälte
hinaus und unter einem schwarzen Schirm den Hauswän-
den entlang. Am Ende der Gasse sehen wir ihn im trüben
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Licht der Ecklaterne hinter dem herabflirrenden Regenvor-
hang verschwinden. – Soweit alles klar? Gut.
Wenige Minuten später sitzt er in einem hell beleuch-
teten, stark überheizten Frühzug nach Zürich. Er ist un-
auffällig gekleidet, tipptopp, ganz Durchschnitt. Setzt ei-
ne billige Lesebrille auf seine Nase. Vertieft sich in eine
von unsern Hochkaratgazetten voll Gratisklatsch: überall
in aller Morgenfrühe auf den Bahnhöfen abzuholen, allge-
mein beliebt wie Kiffershit. Die Leute wollen Dreck, nicht
wahr …
Das Fräulein Hoggh nimmt wieder ein Schlücklein und
lässt den unauffälligen alten Knaben im Zürcher Haupt-
bahnhof mitten im Morgengewühl zu einem Zeitungskiosk
spazieren, dann zum bereitstehenden Schnellzug nach Bern,
Freiburg, Lausanne, Genf.
Er steigt ein, macht es sich bequem, blättert in einer Il-
lustrierten. Der Zug hrt ab. Manchmal ein kurzer Blick
ins vorbeisausende Land hinaus; am Fenster schräglaufende
Wassersträhnen.
Mit dem älteren Herrn reist eine Nachricht. Er hat die
Buchstaben, manchmal ganze Wörter, mit spitzer Schere
aus alten Zeitungen geschnipselt, mit einer Pinzette aufge-
klaubt, dann auf Recyclingpapier geklebt. Und seine Post,
ordentlich frankiert, wie es sich gehört, unmissverständlich
adressiert:
AN DIE SCHWINDEL-DEPARTEMENTE
DER DIEBE-CRIMINELS-BANDITI
DER SCHWEIZ-SUISSE-SVIZZERA
3000 BERN-BERNE-BERNA
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In Genève schiebt er sein Brieflein knappe drei Stunden
später in der Bahnhofhalle in die erstbeste postgelbe Boîte
aux Lettres der Entreprises des PTT Suisses.
Worauf er Genf wenig später Genève sein lässt und die
Bahnhöfe der Städte Lausanne, Fribourg, Bern, Zürich aber-
mals flüchtig beehrt. In Zürich steigt er in den nach Bar-
barswil abgehenden Regionalzug und ist nach einer guten
halben Stunde um Mitte Nachmittag wieder in der klei-
nen grauen Stadt am See; kurz drauf steht er vor seinem
Haus, schüttelt die Regennässe aus dem Schirm, tritt ein
und schliesst die Türe hinter sich.
Und ich, sagt das Fräulein Hoggh, sehe mit Vergnügen,
lieber Herr, dass Ihnen mein süffiger Räuschling zügig zu-
sagt. Hab ich recht?
Der in Genève eingeworfene Brief kommt am nächsten Vor-
mittag in Bern mit mehreren anderen ungefähr um neun
auf den Schreibtisch einer stressunempfindlichen Spezia-
listin für Postalisches mit auffälliger Adresse. Ungerührt
liest sie von einer mit Sprengstoff gefüllten Wundertüte, die
an einem bestimmten Ort im Untergrund eines gewissen
Militärgebäudes getlich tickt. Und werde die Tüte die
staatliche Immobilie unfehlbar pulverisieren, da es – ich zi-
tiere, sagt das Fräulein Hoggh:
Den dauerpfupfertierenden Milchbuben vom ewig
leerlaufenden Landesverteidigungs-Circus
kaum gelingen wird das scharfe Dingsbums
in nützlicher Frist am Hochgehen zu hindern.
Und seien die besagten mehrfach überbesoldeten Mili-
tär-Kinds-Köpfe gut beraten, ab Punkt zwölf Uhr Mittag

Gerold Späth
Drei Vögel im Rosenbusch

Eine Erzählung

E-Book
ISBN 978-3-85787-571-7
Seiten ca. 136
Erschienen 1. März 2014
€ 8.99

An einem heissen Sommertag in Barbarswila begegnet ein Schriftsteller der stadtbekannten Mademoiselle Hoggh, die ihn nötigt, sie nach Hause zu begleiten, denn sie habe ihm eine exklusive Story zu erzählen. Im Salon des herrschaftlichen Altstadthauses »Allhier Zum Blühenden Rosenbusch« beginnt MarieRose, ein Puzzle verschiedenster Episoden aus einer sehr eigenwilligen, weitverzweigten Familiengeschichte vor ihm auszubreiten. Fasziniert folgt der Autor ihren Ausführungen und wird zusehends selbst in das Geschehen einbezogen. So besucht er an sechs Nachmittagen die gastfreundliche Mademoiselle und notiert die höchst unterhaltsame und spannende Saga der Handwerkerfamilie Hoggh, die sich über vier Generationen erstreckt.

Im Zentrum der Geschehnisse steht Ernst, der Bruder der Mademoiselle. Der ehemalige Lehrling von Sprengmeister Steinfels hegt wegen verschiedener bitterer Erfahrungen grossen Groll gegen politische Gremien, Behörden und Beamte seines Landes. Er träumt den »verrückten Traum mit der Riesenexplosion« und möchte auf seine Weise wieder allgemein Respekt herstellen.

Gerold Späth hat eine facettenreiche, unterhaltsame und phantasievolle Geschichte voller Überraschungen und eigenwilliger Figuren komponiert. In seiner unverwechselbaren reichen Sprache entsteht in knapper, kunstvoller Form eine sehr anregende, vergnügliche und spannende Story.

Pressestimmen

So erzählt nur einer: Gerold Späth. … Ein Figurenreigen tritt auf, sich wiegend und hoffend oder unsicher und verschroben. In wenigen Strichen ist solch eine Figur skizziert und zum Leben erweckt. Die Lakonie der Menschenzeichnung macht diesem Autor keiner nach.
— Beatrice von Matt, Neue Zürcher Zeitung
Es bleibt ein aussergewöhnliches Vergnügen, sich dem ›Fiktionenfabulierer‹ Gerold Späth anzuvertrauen und seinen zeitkritischen Phantasien nachzusinnen.
— Klaus Hübner, Literarischer Monat
Gerold Späth erzählt, in barocker Manier, aberwitzige Anekdoten aus dem Kleinstadtkosmos, einem Universum an skurrilen Gestalten und Geschichten. Er schweift ab und schmückt wortgewaltig aus.
— Tatjana Stocker, Saiten