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Lenos Verlag
Sandrine Fabbri
Dieses endlose Schweigen
Roman
Aus dem Fransischen
von Yla M. von Dach
Titel der französischen Originalausgabe:
La Béance
Copyright © 2009 by Éditions d’en bas, Lausanne
Erste Auflage 2011
Copyright © der deutschen Übersetzung
2011 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagfoto: Daniele Villa, »La possibilità di un’isola«
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 416 1
Die Übersetzerin
Yla Margrit von Dach, geboren 1946, lebt seit 1977 als freischaffende
Übersetzerin und Schriftstellerin in Paris und Biel. Sie hat unter ande-
rem Nathacha Appanah, Marie-Claire Dewarrat, Henri Roorda, Cathe-
rine Colomb, Sylviane Chatelain (Prosa), Isabelle Daccord und Michel
Beretti (dramatische Texte) übersetzt und wurde 2000 mit dem Prix
Lémanique de la Traduction ausgezeichnet.
Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von der Schweizer Kul-
turstiftung Pro Helvetia unterstützt.
Dieses endlose Schweigen
Es steht uns einfach nicht frei, wir können nicht vergessen,
wir sind so geschaffen, wir leben, um zu wissen
und um uns zu erinnern.
Imre Kertész,
Kaddisch für ein nicht geborenes Kind
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Kusch dich! Aber Schweig! Es gab keinen Widerspruch.
Vorher hast du mich mitgenommen. Morgen ist Sonntag.
Morgen fahren wir weg. In die Ferien. Jetzt sind wir verab-
redet. Wir müssen uns beeilen. Um sie zu besuchen. Alle.
Deine Mutter. Deine Schwester. Deine Freundin. Deinen
Psychiater sogar. Warum. Ich habe auf dich gewartet. Im
Wartezimmer. Ich weiss nicht, was du ihm gesagt hast, dei-
nem Psychiater. Ich weiss bloss, dass ich Angst hatte. Du
hast mich nicht zweimal bitten müssen, dich zu begleiten.
Überallhin. Seit dem Morgen bleibe ich dir auf den Fersen,
eine instinktive Angst im Bauch, ich habe dich beobachtet,
auf dich aufgepasst. Frucht deines Leibes, quält den meinen
die Furcht. Wir haben sonst nichts gemacht. Nur Leute be-
sucht. Wir haben keine Koffer gepackt. Du hast jemanden
angerufen. Ich stand neben dir. Am Telefon. Kümmere dich
um meine Tochter. Wenn mir etwas passiert. Das hast du
gesagt. Ganz ruhig. Und mich dabei angeschaut. Du hattest
mich um nichts gebeten. Ich hatte dich um nichts gebeten.
Nichts dergleichen. Du schautest mich an. Ohne mich zu
sehen. Schautest durch mich hindurch. Wo warst du, weit
weg von mir, sicher, aber wo. Ich will nicht, dass man sich
um mich mmert. Warum sollte man sich um mich küm-
mern. Wenn mir etwas passiert. Ich werde mich um mich
kümmern. Was soll dir passieren?
Es wird etwas passieren. Ich weiss es. Darum bleibe ich
dir seit dem Morgen auf den Fersen. Ohne zu verstehen. Zu
verstehen, was du tust. Ohne diese Angst zu verstehen in
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meinem Bauch, schwarzer Klumpen, den ich nicht hinun-
terschlucken kann, böser Traum, der mir überallhin folgt,
mich verfolgt, übles Omen in diesem Julimonat, Hitze-
monat, morgen ist Sonntag. Morgen fahren wir weg. In die
Ferien. Auch wir. Auch wir? Verängstigtes Hündchen, bin
ich dir auf den Fersen geblieben, ich habe nicht gekläfft,
um meine Angst nicht zu zeigen, aber ich dachte so laut,
dass deine Trommelfelle hätten platzen müssen, behalte
mich, behalt mich bei dir, jag mich nicht weg, lass mich
nicht im Stich.
Wir sind auf den Balkon gegangen. Sie, meine Freunde,
waren unten, sassen auf dem grünen Gras. Sie schwatzten,
genossen die Zeit, den schulfreien Tag, sie haben mich
gesehen, wollten mit mir reden, ich konnte nichts sagen,
unter mir schwankte die Erde, der Boden gab nach, meine
Freunde unten auf dem grünen Gras merkten nichts, kamen
nicht ins Rutschen, wie war das glich, ich schlitterte,
weggerissen hinuntergeschleudert vom Balkon, du schau-
test mich an, wieder, immer noch, unbeweglich, ungerührt,
hast nichts gesagt vor mir im magnetischen Sog der Leere,
hattest keine Liebkosung, um das Hündchen zu beruhigen,
dem es gelang zu fliehen, sich im Salon zu verstecken, lin-
derndes Halbdunkel. Für kurze Zeit. Zu kurze Zeit.
Es war Zeit zu essen. Du hast das Nachtessen zubereitet.
Das Poulet war roh.
Und hast mich in die Hundette geschickt. Lass mich
in Ruhe, hör auf, mir nachzulaufen. Kusch dich!
Das Hündchen ist ins Bett gegangen. Jetzt bin ich in ei-
nem Halbdunkel, das nichts Linderndes mehr hat, vor mir
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die Aussicht auf eine schwarze, angsterfüllte Nacht, weiss
die Angst, die man nicht versteht, wo, wo ist die Gefahr,
ich kann nur in diesem Wachsein bleiben, alle Sinne auf
der Hut, spüren, um zu verhindern, aufspringen, bevor. Die
Augen offen behalten, um nicht vernichtet zu werden durch
das Entsetzen, lauern, weiterlauern, dir auf den Fersen blei-
ben in Gedanken, übers Ohr, ich bin ja in der Hundehütte
auf meinem Lager, und der Gefahr, die ihren Namen nicht
genannt, sich aber angekündigt hat, einen Hinterhalt be-
reiten. Morgen ist Sonntag. Morgen fahren wir weg. In die
Ferien. Die Gefahr ist da, geduckt im Dunkel der Nacht,
um nicht zu jaulen, konzentriere ich mich, ich höre Was-
ser, das Wasser der Badewanne, du nimmst ein Bad, das
ist es, ich weiss, wo du bist, du nimmst ein Bad, bist in der
Badewanne, das Wasser vertreibt meine Angst, das Wasser,
wohltuende Woge, rieselt über meinen Schmerz, aber das
Wasser fliesst zu heftig, zu lange
Der Krach erschlägt mich
Sylvia, was hast du getan
Jemand hat geschrien
Mein Vater
Die Stille ist ohrenbetäubend geworden. Alles ist zum Still-
stand gekommen.
Ich habe nicht aufspringen, der Gefahr einen Hinterhalt
legen, dich zurückhalten nnen, ich bin dir nicht weiter
auf den Fersen geblieben, das Hündchen hat dich nicht in
die Waden beissen, dir die Kleider zerreissen, sich auf dich
legen, dableiben nnen, auf dir auf den Boden gepresst,
um dich zu hindern zu. Das Entsetzen hat die Angst abge-
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löst, das Entsetzen hat seinen Namen gesagt, nachdem es
sich angekündigt hatte. Erstarrt in meinem Bett ins Leere
starrend, warte ich, warte, dass mein Vater kommt, er ist da,
draussen, ganz nah, bei dir, unten, ich habe ihn schreien hö-
ren, er wird kommen, gezwungenermassen, wird mich aus
meinen feuchten Laken herausholen, dem kalten Schweiss,
mich der aschfahlen Stille entreissen, er wird mir sagen, sie,
ja, sie hat, sie ist, aber es ist nicht schlimm, sie
Er kommt nicht.
Ich stehe auf. Gehe zum Fenster. Ich mache das Fenster
auf. Und sehe dich. Unten. Auf dem Asphalt.
Du warst nicht im Bad. Du bist nie im Bad gewesen.
Das Wasser, das oss, war bloss eine Finte, ich habe dir ge-
horcht, du hast mich getäuscht. Das Hündchen ist ins Bett
gegangen. Nie hätte ich ins Bett gehen sollen. Jetzt bist du
unten, liegst auf dem Asphalt, und ich bin oben, allein, das
ist es, was du wolltest, du unten und ich oben, du liegend,
ich stehend.
Er kommt noch immer nicht, mein Vater, er wird nicht
kommen jetzt weiss ich es. Ich schlüpfe in meinen Bade-
mantel, ich nehme die Schlüssel, gehe hinaus. Ich drücke
auf den Liftknopf. Ich fahre hinunter. Vier Etagen. Ich bin
auch unten. Ich stosse die Tür auf, bleibe wie gehmt im
Türrahmen des Aufzugs stehen, unter dem schmierig gel-
ben Licht der Deckenleuchte. Vor mir eine Nachbarin und
die Hausmeisterin, zu mir herüberschauend. Stumm. Vor
mir mein Vater, gehend, die Hände auf dem Rücken. Ich
warte. Er schaut auf. Er sieht mich.
Sein Blick jagt mich weg. Er hat geschrien. Gegen
mich.
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Ich bin kein Hund mehr. Ich werde nicht mehr gehor-
chen. Nein, ich gehe nicht wieder nach oben. Da oben ist
niemand. Es ist niemand mehr da. Ich will zu ihr. Zu dir.
Ein Zittern hat meinen ganzen rper erfasst, überfallen,
ich kann es nicht unter Kontrolle bringen, es verstärkt sich,
das Klappern meiner Zähne, das Klirren der Schlüssel, was
tun, um das zu vertuschen, zu verstecken? Ich reisse mich
vom Aufzug los, gehe durch die Leere der Eingangshalle,
setze mich neben die Nachbarin und die Hausmeisterin
auf den eisernen Radiator, dessen Zickzack sich ins Fleisch
der Oberschenkel, der Hinterbacken gräbt, ich zittere im-
mer stärker, presse aus aller Kraft meine Hinterbacken ge-
gen den eisernen Zickzackradiator, damit das Zittern dem
Schmerz weicht. Dem Schmerz des Fleisches. Mein Vater
geht auf und ab, die Hände auf dem Rücken. Die Nachba-
rin und die Hausmeisterin bleiben stumm. Du liegst da.
Ganz nah. Draussen. Auf dem Asphalt. Zwischen uns die
Glaswand der Eingangshalle. Ich sehe dich nicht. Du bist
von Autos verdeckt. Ich schaffe es nicht aufzustehen, mein
Vater stellt sich zwischen dich und mich. Hier duldet er
mich widerwillig. Er liesse mich nicht zu dir heran.
Dein Bruder kommt. Wir fahren durch die dunkle Stadt.
Ich rede nicht. Ich träume. Nichts wird wieder sein wie vor-
her. Jetzt weiss ich, ich kenne deinen Schmerz, nun Fleisch
geworden in meinem Fleisch. Ich habe deine Angst mit-
erlebt, dann hat sich das Entsetzen in mich eingeätzt. Von
nun an wird alles anders sein. Ich werde bei dir sein. Deine
Komplizin. Ich werde dich beschützen.
Im Spital, morgen, werde ich dir sagen, dass ich verstan-
den habe, dass ich dich verstanden habe, ja, ich bin erst elf,

Prix Pittard

Sandrine Fabbri
Dieses endlose Schweigen

Roman

Aus dem Französischen von Yla M. von Dach


Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-416-1
Seiten 176
Erschienen Juli 2011
€ 22.00 / Fr. 29.80

Eines Tages endet plötzlich die Kindheit. Vor einem Körper, der aus dem vierten Stock gefallen ist. Direkt auf den Asphalt.Nach dem Unaussprechlichen wird die Mutter, die gestorben ist, totgeschwiegen. Die Hinterbliebenen, Vater und Tochter, sind fortan auf sich selbst zurückgeworfen. Doch wie leben mit der Lücke, die die Mutter hinterlassen hat? Wie überleben inmitten der Stille, der Lügen, die um die Fortgegangene gesponnen werden

Jahre später, als auch der Vater nicht mehr lebt, sucht die inzwischen erwachsene Tochter nach der Wahrheit über den Selbstmord, der als Unfall ausgegeben wurde. Wer war ihre Mutter, sie, die Genferin aus der Bohème, die einen jugoslawischen Einwanderer geheiratet hatte? Die Tochter beginnt nachzuforschen, taucht in die Tristesse einer Genfer Satellitenstadt ein, streift die Welt der Psychiatrie und stösst dabei auf weitere Tragödien in ihrer Familie.

Sandrine Fabbris Debütroman über ein Kind, das auf brutalste Weise von seiner Mutter verlassen wurde, ist schrecklich und prächtig zugleich. Ob Autofiktion oder Autobiographie, die Autorin überzeugt durch die Kraft ihres atemlosen und poetischen Stils.

Ausgezeichnet mit dem Prix Pittard 2010

Pressestimmen

Brutal und grossartig.
— L’Hebdo
Sandrine Fabbris erstes Buch ist von einer Wucht, die einem die Luft nimmt. Persönlich, traurig und sehr lesenswert.
— Basler Zeitung