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Lenos Verlag
Douna Loup
Die Schwesterfrau
Roman
Aus dem Fransischen
von Peter Burri
Titel der französischen Originalausgabe:
L’e m bra sur e
Copyright © 2010 by Mercure de France, Paris
Erste Auflage 2012
Copyright © der deutschen Übersetzung
2012 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Umschlagbild: Keystone / Jürg Ramseier
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 425 3
Der Übersetzer
Peter Burri, geboren 1950 in Basel. Der Journalist und Publizist war
während vieler Jahre Kulturredaktor bei Schweizer Radio DRS. Er
übersetzte die Texte des italienischen Cantautore Lucio Dalla, die ge-
sammelten Gedichte von Blaise Cendrars und war als Herausgeber an
mehreren Cendrars-Ausgaben beteiligt. Er lebt in Basel.
Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von der Schweizer Kul-
turstiftung Pro Helvetia unterstützt.
Die Schwesterfrau
Für den Mann der Wüste
Für Jean Léonard
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Der Wald ist gross, tief, er bebt, lebt und belebt. Er ist so
etwas wie eine Frau, die den Mann möchte, ohne es ihm zu
sagen. Etwas, das ja sagt unterm Kleid, doch verlorenging
im Mund, das im Humus zart wird und dir Brombeeren ins
Gesicht schlägt. So ist er hier, der Wald. Die Natur kommt
bestens zurecht. Seine Lust, sich erforschen zu lassen, ver-
wahrt dieser Wald in seinem Innern, einen Saft voller Kraft,
der im Erdreich fliesst, dessen Duft sich verbreitet und dich
sogleich betört. Sogar den Himmel droben lässt das nicht
gleichltig. Ob vom Regen zerknittert wie Frauen, die auf
der Dusche davor bestehen, ob von der Sonne erhitzt wie
Frauen, die schon gleich, wenn die Tür zufällt, Feuer und
Flamme sind dieser Wald sst niemanden ungeschoren
davonkommen. In seinem tiefen Fluss tet er etwas von
unserem Wesen. Und lehrt uns die Leidenschaft.
Hier liebe ich es, auf die Jagd zu gehen. Es riecht besser
als irgendwo sonst. Ich liebe es, im Laub auf der Lauer zu
liegen, mich durchs Unterholz zu schlagen und das Wild
aufzustöbern. Das ist besser als in der Bar. Besser als jeder
Flirt. Besser, als über einer Frau in Schweiss zu baden. Ich
verausgabe meine positive Energie. Bringe auf mir Blut und
etliche Kilos frisch gestorbene Freiheit nach Hause. Das ist
besser, als man sichs vorstellt. Wenn ich schiesse, ahnt das
Reh nicht, dass sein Ende kommt. Ganz anders als das Vieh,
das nur ausharrt und dann im Schlachthof stirbt. Ganz an-
ders als diese dummen Hühner in der Bar, die noch im-
mer auf ihren Märchenprinzen warten, wo doch jeder weiss,
dass sie nichts zu bieten haben. Warten wie die Tiere, wie
versammelte Zuchttiere, die man füttert, um sie zu ten;
Tiere, in deren Adern kein richtiges Blut mehr fliesst, da sie
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nur produziert werden, um auf dem Fliessband unter einem
Stromschlag zu enden; Tiere, die auf dem Kunststroh des
chters wie Endivien spriessen. Ich habe nichts dagegen,
es braucht Schnitzel für die Familien, in denen der Mann
nicht mehr auf die Jagd geht. Ich unterscheide nur. Es gibt
Tiere und Tiere. Es gibt das erjagte, unterm feinen Fell in
die Enge getriebene Blut, das leise Geräusch, wenn das Reis
unter dem Gewicht bricht – und es gibt den intravenös ver-
abreichten Vitamincocktail und das Futtermehl, das man
dem Vieh in die Schnauze stopft. Das Reh, das ich schiesse,
hat seine Lust am Dasein und seinen Hunger unter freiem
Himmel gelebt, nicht wie diese Tiere, die beim Bauern nur
auf ihr Ende warten.
Darum jage ich am Samstag im Wald. Darum fühle ich
mich am Abend gut. Und auf der Heimfahrt, wenn unsere
Männerkörper in den Sitzen des Autos versinken, in dem
es nach Tier riecht, albern wir herum und singen aus voller
Kehle.
Nachher wollen die Jungs mich jeweils dabeihaben.
Einen trinken gehen am Samstagabend ist eine liebe Ge-
wohnheit, eine Zerstreuung, auf die man in dieser Clique
Wert legt. Oft funktioniere ich, wie mans von mir erwartet,
und mache mit, obwohl ich nicht immer das Gefühl habe
dazuzugehören.
Nicht dass ich mich etwa nicht gern mal vergnügen
würde; es gibt immer was zu unternehmen, zu plaudern und
zu trinken, hin und wieder schaut dabei auch was raus. Nur
überkommt mich manchmal, schon bevor ich die Wohnung
verlasse, eine gewisse Lustlosigkeit. Ich möchte was ande-
res hören als ihre Stimmen, ich erinnere mich an den Wald
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und schiebe es so lange wie möglich hinaus, seinen Geruch
von mir abzuwaschen. Das braucht seine Zeit, und die muss
man sich dafür auch nehmen.
Manchmal behalte ich die Weste an und setze mich in die
che. Meine Hände sind llig zerkratzt, ich atme durch
die Handflächen. Da ist die Erinnerung ans Gewehr und an
die Erde, in der meine Finger gewühlt haben; da ist das ein-
getrocknete Blut, da haftet der Duft der zerriebenen wilden
Minze. Ich trinke kalten Tee. Zwei ganze Gläser. Erst wenn
ich dann ins Bad gehe und meine Kleider auf einen Haufen
werfe, verlasse ich wirklich den Wald und spült das Was-
ser seinen Duft von mir ab. Ich überlasse meinen Körper
dem Strahl aus der Dusche, seife mich tüchtig ein. Rech-
net heute Abend nicht mit mir, habe ich ihnen gesagt, aber
ich re sie bereits kommen. Für sie muss das einfach sein,
sie schauen vorbei und wollen mich unbedingt loseisen. Ich
re ihre kräftigen Fäuste an meiner Tür; ich will nicht,
dass sie die Nachbarn sren, und mache ihnen auf. Da sind
sie nun, die drei, die Stützen der Clique, und schauen sich
um, was ich ihnen anzubieten habe, wenn sie schon warten
müssen, bis ich mich in Schale geworfen habe. Ich bleibe
dabei, dass ich heute Abend nicht mitgehen will, dass ich
mich so matt fühle wie unter einer Wölfin, gegen die ich
nichts ausrichten kann. Mein Sofa ist nicht sehr gross, sie
drücken sich drin aneinander mit einem Pflaumenschnaps
von Grossvater. Ich versuche, meine abweisende Miene zu
bewahren, meine hohlen Wangen, behalte den Blick ge-
senkt. Schliesslich begreifen die Jungs, dass sie mich nicht
zwingen nnen, drehen noch eine Runde im Wohnzimmer
und ziehen los. Ich höre, wie sie die Treppe hinabsteigen,
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lautstark reden in ihrer Samstagabendlaune, voller Lust,
sich zu verausgaben, voller Lust auf Schummerlicht, Bars
und Girls zum Abschleppen. Ich bin nicht unglücklich, für
mich zu bleiben. Die Jagd hat nichts gebracht, sechs Stun-
den waren wir auf den Beinen, ohne jeden aufregenden Mo-
ment; doch der Wald hat mich mit allem belohnt, was er an
Kälte und Gerüchen aus dem Unterholz zu bieten hat. Mein
rper ist ziemlich mitgenommen, erhitzt von der vielen
Anstrengung. Morgen gehe ich im Schiessstand trainieren,
wie sichs gert.
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Um neun Uhr ist der Schiessstand leer. Die junge Frau hat
bläuliche Schatten unter den Augen, von zu viel schlech-
tem Schlaf. Ihr Kleid ist zu kurz, wie immer, und rosa. Das
mag ich nicht, ich finde das peinlich. Das passt nicht zu ihr.
Aber ich bin ja nicht ihretwegen gekommen; so gewähre
ich ihr ein Lächeln, bevor ich meine Kugeln verballere.
Die Schiessscheiben sind zerfetzt, die Mauer dahinter ist
voller Risse; ich knie nieder und streichle den Kolben. Ich
geniesse die Stille um mich herum. Stelle mir Blätter vor,
die sich bewegen, einen Hasen, der einen Haken schlägt, ein
Rebhuhn, das aufflattert, und drücke ab. Es ist ein ziemlich
gutes Gefühl, wenn man spürt, dass man ins Ziel getroffen
hat. Die Kugel ist schneller als ein Gedanke. Die Zeit, bis
der Finger abgedrückt hat, verstreicht langsam; die Zeit da-
nach besteht aus dem Knall des Einschlags. Ich zittere ein
bisschen. Brauche noch einen Kaffee. Zum Gck weiss das
die junge Frau; sie sieht mich hier oft und weiss aus Erfah-
rung, dass ich ihr den Kaffee aus ihrer Thermosflasche mit
ein paar Franken vergüte. Ich trinke ihn schnell, ohne Zu-
cker. Sie gibt mir neue Kugeln, dabei gleitet der Träger ih-
res Kleids an ihrer bleichen Schulter hinunter. Als ich mich
entferne, zieht sie ihn wieder hoch. Ich habe keine Lust,
mehr von ihrer Haut zu sehen, sie zeigt schon genug davon.
Mein Ziel ist die Scheibe da vorne, die Ellbogen abgestützt
auf dem Holzbord, den Blick geschärft. Beim Training re-
agiert sich mein Blut etwas ab, vor allem am Morgen, wenn
es hier ausser mir niemanden gibt. Ich höre nur den Schall
meiner Kugeln, keinerlei Nebengeräusch, das mich ablen-
ken nnte, nur den nackten Knall des Einschlags, meines
Einschlags. Im Wald ist das natürlich schöner, da stürzt das

Prix Senghor

Douna Loup
Die Schwesterfrau

Roman

Aus dem Französischen von Peter Burri


Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-425-3
Seiten 158
Erschienen März 2012
€ 19.90 / Fr. 27.80

Seinen Alltag verbringt er am Fliessband einer Fabrik. Seine ganze Passion gehört der Jagd. Da wähnt sich der junge Erzähler frei, eingebunden nur in die Gesetze der Natur. Unverbindlichen Bettgeschichten nicht abgeneigt, will er auf keinen Fall, dass eine Frau konkret in sein Leben tritt. Als Waise bei seinen Grosseltern aufgewachsen, hat er einzig zum Grossvater, der ihm das Jagen beibrachte, eine Beziehung. Bis ein unerwarteter Vorfall auf der Pirsch und die Begegnung mit einer geheimnisvollen jungen Frau alles verändern. Sie stammt aus einer anderen Welt, trägt einen Revolver bei sich und lockt den Einzelgänger aus der Reserve.

Die Geschichte von zwei verlorenen Menschen, die im Leben neu Fuss fassen: für sich selbst – und miteinander. Erstaunlich versiert versetzt sich Douna Loup in die Haut ihres männlichen Ich-Erzählers, dessen enges Weltbild zunehmend ins Wanken gerät.

Die Schwesterfrau ist Douna Loups erster Roman und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Förderpreis der Schweizerischen Schillerstiftung, dem Prix Michel Dentan und dem Prix Senghor du premier roman francophone.

Pressestimmen

Selten sind solche Erstlinge, die gleich durch ihre Stilsicherheit auffallen, durch ihre Atmosphäre, durch ihre besondere Anmut und Poesie, kurz: eine eigene Stimme.
— Le Monde
Ein erstaunlich reifes Début, zeitgenössisch und doch irgendwie zeitlos.
— Neue Zürcher Zeitung
Mit ihrem Erstling hat Douna Loup einen sinnlichen Roman geschaffen. Wald und Weiblichkeit, Natur und Sexualität verschmelzen zu einer Einheit. … Ein starkes Debüt.
— kulturtipp