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Lenos Verlag
Fritz H. Dinkelmann
Die Kanzlerin
Roman
Copyright © 2009 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlag: Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich
Printed in Germany
ISBN 978 3 85787 401 7
Autor und Verlag danken dem Migros-Kulturprozent und dem Kantonalen
Kuratorium für Kulturförderung des Kantons Solothurn für die Unterstüt-
zung bei der Entstehung dieses Buches.
Für Zora
Vorbemerkung
Die Geschichte dieses Romans ist frei erfunden, und auch die
Romanfiguren sind Fiktion. Für ihr Denken und Handeln kann
der Autor also nur eine literarische Verantwortung übernehmen.
Ähnlichkeiten oder gar Übereinstimmungen mit der Realität sind
rein zufällig oder waren nicht zu verhindern.
Auf diese Vorbemerkung kann aus juristischen Gründen nicht
verzichtet werden, obwohl es in der Realität zumindest nicht die
Regel ist, dass Politiker sagen, was sie wirklich meinen, oder tun,
was sie versprochen haben. Das allein würde dem Persönlichkeits-
schutz wohl schon Genüge tun. Die Unantastbarkeit der mensch-
lichen Würde ist aber ein so hohes Gut, dass sie speziell betont
werden soll.
Der Autor respektiert die Würde seiner Romanfiguren ebenso
wie jene von real existierenden Personen. Er legt überdies Wert
auf die Feststellung, dass ihn das menschliche Geschehen in der
erlebten Wirklichkeit mehr beunruhigt als glicherweise er-
schreckende Phantasien.
F. H. D.
»Spannung ist alles und Entladung. Und höchste Lebensweisheit,
seine Spannung immer richtig zu entladen.«
»Es gibt für Unzählige nur ein Heilmittel – die Katastrophe.«
Christian Morgenstern
Die Versuchung ist gross, zu lügen und nicht zu sagen, wie es ist.
Und wie gross ist der Aufwand der Verstellung. Nichts hat eine
Gerade, nichts geht nach innen, nichts bleibt. Die Menschen ha-
ben Angst. Sie überleben, weil sie Angst haben. Und sie sterben,
weil sie Angst haben.
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De la Mare trieb sie zum Wahnsinn. Er hatte mit seiner neuen
Linken das ganze Parteiengefüge in die Luft gesprengt und damit
r unberechenbare Verhältnisse gesorgt. Er hatte sie vor einem
Millionenpublikum attackiert und als Person beschrieben, die als
Paradebeispiel dienen könne r eine gelungene Integration. Sie
sei eine überzeugte Kommunistin gewesen, zuständig r DDR-
Propaganda, eine Kaderfrau des kommunistischen Systems also,
aber dann habe sie sich geläutert und sei nun Chefin der grössten
gesamtdeutschen Volkspartei und Kanzlerin überdies, Chapeau.
Tage zuvor hatte die Kanzlerin bei einer Ansprache gesagt: »Als
jemand mit ostdeutscher Prägung fällt es mir natürlich leichter,
die Probleme der Menschen in den neuen Bundesländern von ih-
rem Ursprung her abzuleiten und also auch dann zu verstehen,
wenn sich die Realität bekanntermassen täglich ändert.« Janz
hatte ihr diesen unsäglichen Satz untergejubelt, der alte Trottel.
Keine Rede für die Kanzlerin, die von ihm nicht abgesegnet wer-
den musste.
Aber darum ging es jetzt nicht. Filip Loderer schaute auf die
Uhr. 16 Uhr. Das Redemanuskript r die Familienministerin
erledigt. Er mochte sie nicht, und sie kannte ihn nicht. Vielleicht
hatte sie einmal seinen Namen gert, aber Redenschreiber gab es
viele im Bundespresseamt. »Die Mutter« nannten sie intern alle,
weil sie bemerkenswert viele Kinder hatte.
Einmal hatte er von der »Mutter« geträumt: Er lag im Kran-
kenhaus, und sie war seine behandelnde Ärztin. Sie beugte sich
über ihn und sagte: »Machen Sie sich keine Sorgen, das kriegen
wir schon in den Griff.« Er sagte etwas und spürte, dass er zwar zu
ren, aber nicht zu verstehen war. Und die »Mutter« sagte: »In
vielen Fällen bleibt ein Gehirnschlag mittelfristig fast folgenlos.«
Es fröstelte ihn, er setzte sich wieder an den Computer. Er wollte
eine ganz andere Rede schreiben. Eine Ansprache, genauer gesagt,
eine kurzfristig angesagte Fernsehansprache des deutschen Innen-
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ministers an das deutsche Volk. Und danach wäre alles anders. Ein
warmes Gefühl erfüllte ihn. Es gab nicht viele Reden, die etwas
bewirkt hatten in der Geschichte. Weil nichts zu sagen ist, in aller
Regel. Weil nichts passiert ist, meistens. Und weil eine gute Rede
gut vorbereitet sein muss. Und vorbereitet war er. Und wenn In-
nenminister Eisele diese Rede halten würde, dann hätte er etwas
zu sagen. Weil vorher etwas passiert wäre. Etwas Unvorstellbares.
Und alles würde anders sein in Deutschland nach dieser Rede,
nach seiner Rede: »Die Kanzlerin, unsere Kanzlerin, die Kanzle-
rin der Bundesrepublik Deutschland, ist seit einer Woche spur-
los verschwunden. Wir wissen nicht, was passiert ist. Wir wissen
nicht, wo sie ist, es gibt kein Lebenszeichen von ihr. Wir haben
keinerlei Anhaltspunkte für das, was geschehen ist …«
Er rde noch viel arbeiten müssen an dieser Rede. Und weil
seine Konzentration spürbar nachliess, loggte er sich ins Netz ein
und surfte. Dabei kam es vor, dass er auf exotische Blogs stiess
und sich dort anmeldete und dann mit Leuten stritt wie jetzt mit
diesem Hartz4, der bei uni-protokolle.com gefragt hatte: »Hi, Leute,
hat jemand von euch Ahnung, was ein Fetisch ist und wie ich
so etwas vielleicht selber herstellen nnte?« Blogger Audio Slave
hatte geantwortet: »Tut mir leid. Kenn nur den einen Begriff über
Fetisch, und der hat nix mit Mobiliar zu tun.« Im Übrigen wandle
er »auf den Schallwellen der wummernden Metallbässe«, und wer
etwas wissen wolle, schlage nach bei Wikipedia. Seniorblogger
Macabre gab sich patziger: »Sag mal, Hartz4, du hast nicht zu-
fällig Secret of Mana gespielt und da den Fetischring gefunden?«
Member Lisbeth wusste zwar gar nichts, wollte aber versöhnend
einwirken: »Vielleicht hat Fetisch aber auch mehr Bedeutungen,
es gibt ja auch mehrere Bedeutungen für Puff.« Unterschrieben
hatte sie mit dem Gruss »Lisbeth lässt dich ruhig schlafen«.
Neugierig geworden, schlug Loderer nach. Fetischismus sei die
Überzeugung oder die Erfahrung, dass von bestimmten unbeleb-
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ten Objekten eine Kraft oder Macht ausgehe mit Verweis auf
religiösen und sexuellen Fetischismus, wobei es auch »die Verkeh-
rung eines gesellschaftlichen Verhältnisses von Menschen in ein
Verhältnis von Dingen« gebe.
Das reichte ihm, und er schrieb in den Blog: »Lieber Hartz4,
du bist ein Vollidiot. Weil du nicht Französisch kannst. Weil du
sonst wüsstest, dass sich der Begriff Fetisch von tiche ableitet
und damit das Künstliche und Unechte gemeint ist, das Nachge-
machte. Steht auch in Wikipedia. Ich aber frage dich: Was willst
du denn nachmachen? Und stört es dich überhaupt nicht, dass du
dafür Vormacher brauchst? Die Politiker, lieber Hartz4, reden von
der Realität wie von einem Fetisch. Wie von einer xen Grösse,
nach der sich alles bemessen sst. Aber die Realität, auch deine
beschissene Arbeitslosenrealität, ist immer nur eine momentane
Grösse. Allerdings, so verschwindend klein die Realität auch sein
mag, in der wir sind, und so vergänglich sie auch ist – diese Rea-
lität ist trotzdem unser grösster Moment. Diesen Moment aber
festnageln zu wollen ist lebensgefährlich. Die Realität als Fetisch
ist gemeingefährlich. Doch ebendas braucht die Politik. Weil sie
Angst machen will. Andererseits erweckt die Politik den Ein-
druck, dass diese Realität zu fassen ist, dass sie korrigierbar und
venderbar ist. Das Einzige aber, was in der Realität von Bedeu-
tung ist, das ist der Faktor Zeit. Die Realität hat also nur eine
unsichtbare Qualität. Alles andere, all das, woran wir die Rea-
lität festmachen möchten – um uns so orten zu können –, ist aber
darum völlig bedeutungslos, weil es den Augenblick nicht über-
lebt. Lieber Vollidiot Hartz4, streich doch mal aus deiner Realität
Aldi und Kaisers, streich Lagerfeld in deinen dummen Träumen,
streich die Billigairlines, mit denen Studenten, die zu faul sind,
r ihr Studium zu jobben, gern verreisen, streich dein Monats-
abo, streich die Tauben, die deinen Balkon vollscheissen, kurz ge-
sagt: Hartz4, streich dich. Du bist ein Plastikmensch. Ich möchte
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dir nie begegnen. Weil auch das Unechte einen Geruch hat. Und
Plastikmenschen stinken.«
Es ist Juli, und der Eisklotz schwitzt, klotzig, hart und kalt tropft
er ab, bald gibt es mich nicht mehr, dachte Loderer und fühlte
nichts dabei. Er spürte sich schon lange nicht mehr. Aber seine Ge-
danken waren glasklar. Die Hitze trieb die Leute ins Freie. Männer,
Frauen, Kinder. Vor einem Jahr noch hätte er nur Frauen gesehen.
Titten, Ärsche, Haut und Haar. Vor ihm ging eine selbstbewusste
Schöne mit sehr beweglichen Hüften. Routiniert, raffiniert und
billig. Für ihn kein Problem mehr. Er war ein Eisklotz und tropfte
seine letzte Zeit ab. Obwohl er gelegentlich noch aktiv war. Wenn
er etwas brauchte, dann nahm er sich das. Aber meistens nahm er
sich etwas, obwohl er gar nichts brauchte. »Ich wünsche dir, dass
du immer einen Wunsch hast«, hatte ihm seine Ex einmal gesagt.
Loderer wechselte auf die Busspur. Er fuhr langsam. Er liess sich
nicht weghupen. Vor ein paar Wochen erst war ihm bewusst gewor-
den, dass er keine Angst mehr hatte. Ptzlich hatte er keine Angst
mehr und fühlte sich frei. Doch ungefährlich war das nicht.
Die Autohäuser stellten ihre Glaspaläste mitten in die City.
Mercedes, Ferrari, Maybach. Es war ihm egal, vor welcher Schau-
fensterscheibe er stehen bleiben würde. Er suchte einen Spiegel.
Er wollte sich ins Gesicht schauen. Reglos blickte er sich an und
drückte sich auf der linken Wangenseite mit zwei Fingern die Fal-
ten weg. Er schaute in glasklare blaue Augen und empfand gar
nichts dabei. Kein Wiedererkennungswert, dachte er und wandte
sich ab. Er war fertig mit sich, aber ein paar Dinge waren noch zu
erledigen.
»Guten Morgen, Herr Loderer, ich habe neue Feuerzeuge be-
kommen.« Der ansonsten notorisch übelgelaunte kurdische Kiosk-
besitzer strahlte ihn an.
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»Prima«, sagte Loderer und steckte das Billigfeuerzeug in sei-
nen dunkelgrauen Kittel. »Man kann damit allerdings höchstens
nf, sechs Zigaretten anzünden.«
»Die sind nicht gut?«, fragte die kurdische Sonne.
»Nein. Die taugen nichts«, sagte er, »aber danke.«
Loderer schnürte sich den Nierenrtel um, zog den Reissver-
schluss seines Harley-Sweatshirts hoch, setzte sich die fast luftdichte
Sonnenbrille auf, dann den Helm und drückte auf den Starterknopf.
Seine Stirn war eiskalt vor Hitze, als er sich mit seiner giftgnen
Vespa auf den Weg machte, wie jeden Tag. Wenn er auf dem Roller
sass, fühlte er sich mittendrin, dann war er in der Stadt, dann war
er in Berlin, dann fühlte er sich frei und konzentrierte sich nur auf
die Strasse, auf diese miserablen Berliner Strassen mit ihren Loch-
Ness-grossen Schlaglöchern, unvermutet auftauchenden Höckern,
herausragenden Pflastersteinen, falsch eingesetzten Gully deckeln
und Spuren, bei denen so dick aufgetragen worden war, dass man-
che Fahrbahnen wie Sandverwehungen zu befahren waren. Un-
terwegs auf dem Fleckenteppich einer Stadt, die mit ihrer Armut
kokettierte und doch nur armselig war. Zusammengeschweisste
Dörfer, eine riesige Provinz, das war Berlin, und wohl darum zog es
so viele Schweizer in diese Grossstadt, die allerlei Illusionen nährte,
und die grösste davon war, unsichtbar zu sein. Loderer beobachtete
ihr Verhalten mit Verachtung, diese zittrigen ersten Schritte aus
dem Gesichtsfeld ihrer alten Umgebung, das falsche Lächeln, als ob
sie schon entkommen wären, als ob sie sich nun gehenlassen könn-
ten, bloss weil es hier keine winkenden Verwandten gab.
Eine Fiatfahrerin verpasste die Grünphase, weil sie telefonierte,
aber er schimpfte nicht, sondern wartete, bis sie endlich losfuhr.
Dann wechselte er auf die zweite Fahrspur, und als er auf gleicher
he war, fixierte er die Tante. Vermutlich hiess sie Silke.
»Du blöde Kuh, du«, schrie er. »Du Currywurst. Verform dich!
Verzieh dich! Verfahr dich! Bieg ab!«

Fritz H. Dinkelmann
Die Kanzlerin

Roman

Lenos Pocket 134
Paperback
ISBN 978-3-85787-734-6
Seiten 624
Erschienen Juni 2010
€ 14.50 / Fr. 21.80

Sommerzeit. Doch der politische Alltag im Berliner Kanzleramt ist kalt und herzlos. Ein gelangweilter Redenschreiber surft im Internet und lernt dort Frau Male kennen. Die Affäre ist anonym und hemmungslos. Die Hitze treibt aber auch andere seltsame Blüten: Die Gruppe Cookie & Co vertreibt sich die Zeit mit virtuellen Spielen, die zunehmend konkreter und gefährlicher wirken. Auch die Kanzlerin langweilt sich – obwohl Wahlen bevorstehen und es von den Geheimdiensten ernstzunehmende Hinweise auf mögliche terroristische Anschläge auf hochrangige deutsche Politiker gibt. Trotzdem planen einige Kabinettsmitglieder kurzfristig einen Ausflug in die Schweiz. Um etwas Luft zu holen, schliesst sich die Kanzlerin dieser Reisegruppe an, die mit der berühmten Seilbahn auf den Säntis fahren will, um dort bei einem freundschaftlichen Treffen mit Mitgliedern der Schweizer Regierung das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Ländern etwas zu lockern.

Doch die virtuellen Spiele im Internet realisieren sich: Spannung und Entladung – ein Geschehen, das die Welt erschreckt.

Pressestimmen

Rasant erzählt, brillant pointiert und in den Details genau beobachtet: Der Schweizer Journalist Fritz H. Dinkelmann hat eine böse Berlin-Satire geschrieben.
— Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ein Buch über die Strukturen, Süchte und Verführbarkeiten, aber vor allem auch die Schwächen der Macht. Literarisch ein Hochgenuss.
— arte
Politische Sommerpause. Runter in die Toskana. Oder rauf nach Sylt. Alles ganz ohne Politik? Die Kanzlerin könnte leicht im Gepäck dabei sein, in Romanform. Wer sie gelesen hat, kehrt aus einer fiktiven Welt kenntnisreicher zurück in die real existierende Welt der Politik. Eine Lektüre von Format.
— stern.de
Der Schriftsteller und Journalist Fritz H. Dinkelmann legt mit Die Kanzlerin einen Politthriller vor, der tief ins Machtzentrum der Berliner Republik leuchtet. … Vor allem brilliert er in der Darstellung seiner Kanzlerin. Die schlagfertige Frau ist hochgebildet, blitzgescheit und hat einen eigenen Witz, der auch durchaus etwas Bösartiges haben kann. Sie ist aber auch einsam, gefangen im Netz der Intrigen, doch sie zeigt bei aller Souveränität viel menschliches Gespür. … Dinkelmann erfindet Angela Merkel und die derzeitige Berliner Republik nahezu perfekt. Sein Buch geht in einzelnen Passagen an die Nieren, mit der Figur der Kanzlerin aber auch geradezu ans Herz.
— Der Bund
Fritz H. Dinkelmann erweckt in seinem Roman geschickt den Schein der Echtheit – ohne je den Namen Merkel zu nennen. Zahlreiche Prominente erinnern an reale Vorbilder, im Hintergrund laufen Vorgänge ab wie der Sturz Kurt Becks oder Horst Seehofers Wechsel nach Bayern. … Prinzipiell geht es um das gestörte Verhältnis von Politikern zur Wirklichkeit, zu ›den Menschen draussen‹. Politiker und Bürger sind einander fremd. Davon erzählt Dinkelmann in seinem spannenden Krimi.
— Hannoversche Allgemeine Zeitung
Fritz H. Dinkelmann ist weit mehr als ein spannender und hochaktueller Politthriller gelungen. Er zeichnet vielmehr das Bild einer zunehmend frustrierten wie ohnmächtigen Gesellschaft, die sich auf verschiedene Weise auflädt und weiter auflädt, bis es zum Knall kommen muss.
— Schaffhauser Nachrichten
Ein spannendes Buch.
— Thomas Koschwitz, Berliner Rundfunk 91!4