LENOS
×
Bis heute ist das Rätsel um den Öltanker Salem und dessen Ladung
ungeklärt. 1980 geriet das Schi vor der Küste des Senegal auf hoher
See in Brand. Die Besatzung konnte gerettet werden, der Tanker ver-
sank im Meer, doch eine Ölkatastrophe blieb aus.
Dieser spektakuläre Betrugsfall ist Anlass für eine literarische Spu-
rensuche des Autors. Phantasievoll und spannend kombiniert er Un-
bekanntes mit Möglichem, Fiktives mit Realem. Im Tagebuch eines
Matrosen erzählt er in eindrücklichen Bildern von der unheilvollen
Fahrt der Salem und vom schwierigen Leben an Bord, während im
Hintergrund ranierte Betrüger in grossem Stil ihren Prot sichern.
Parallel dazu verläuft die Geschichte des Einhandseglers Donald
Crowhurst, der 1968/69 am ersten Golden Globe Race teilnahm.
Auch er gri zu den Mitteln der Täuschung und verlor sich zwischen
Wahn und Wirklichkeit in der unendlichen Weite des Ozeans.
Pascal Janovjak hat ein faszinierendes Spiegelkabinett geschaen, in
dem sich Sehnsucht, Honung, Wahrheit und Lüge zu einem über-
zeugenden, atmosphärisch dichten Roman verbinden.
Lenos Verlag
Pascal Janovjak
Die Fahrt der Salem
Roman
Aus dem Französischen
von Barbara Sauser
Mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.
Titel der französischen Originalausgabe:
Le Voyage du Salem
Copyright © 2024 by Actes Sud
Erste Auflage 2026
Copyright © der deutschen Übersetzung
2026 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Lenos Verlag, Basel
Umschlagfoto: Anatoly Menzhiliy / Shutterstock
Printed in Germany
ISBN 978 3 03925 049 3
www.lenos.ch
Die Fahrt der Salem
7
Ich entdeckte die Geschichte der Salem in der Verkaufs-
bude eines Strassenbuchhändlers in Dhaka, unter einem
Stapel englischer Klassiker. Es war ein Taschenbuch vol-
ler Eselsohren, eine Sammlung nie gelöster Kriminal-
fälle, die sich aber laut Klappentext alle im echten Leben
zugetragen hatten. »Das Geheimnis der Salem« stand
neben Kapiteln wie »Die absonderliche Autobahn«,
»Lizzie und das Beil« oder »Der Kaplan und die Ge-
sangslehrerin« trotz der verlockenden Titel kann ich
mich nicht erinnern, diese Geschichten jemals gelesen
zu haben, oder vermutlich habe ich sie so schnell gele-
sen wie wieder vergessen. Von dieser Flut an kuriosen
Fällen blieb mir einzig das Abenteuer der Salem in Erin-
nerung. Es spukte durch meine Phantasie.
Die Salem ist ein Öltanker, der 1980 vor der Küste
des Senegal sank. Bevor sie unterging, hatte sie andere
Namen getragen, klingende, leuchtende Namen, die zu
ihrem früheren Prestige passten: Als sie 1969 vom Sta-
pel lief, taufte man sie Sea Sovereign, sie war eines der
weltweit grössten Schie und das Aushängeschild der
schwedischen Handelsotte; dann kam sie langsam in
die Jahre und zog in den Süden, fuhr neu unter liberia-
nischer Flagge und bekam den Namen South Sun. Ihre
Tanks fassten mehr als 200 000 Tonnen Rohöl. Ein Vo-
lumen, das man sich nur schwer vorstellen kann der
8
Tanker Erika, der 1999 vierhundert Kilometer französi-
sche Küste verschmutzte, transportierte fünfmal weni-
ger Öl. Im Dezember 1979 tauft ein weiterer Käufer den
Tanker Salem, bevor er ihn im Hafen von al-Ahmadi in
Kuwait mit Rohöl befüllt. Die Salem ist zu schwer für
den Sueskanal und setzt zu einer Afrikaumrundung an,
die Fracht soll nach Europa geliefert werden. Sie wird
ihr Ziel nie erreichen. Vor der Küste des Senegal dringt
Wasser in den Maschinenraum ein, Kurzschlüsse lösen
einen Brand aus. Die Besatzung muss das Schi ver-
lassen, es steht in Flammen und droht jeden Moment
zu explodieren. Als der riesige Tanker gerade endgültig
in den Fluten verschwindet, werden die Überlebenden
von einem britischen Schi aufgenommen. Die erwar-
tete Katastrophe bleibt aus, und das Fehlen eines Öl-
teppichs weckt erste Zweifel. Man fragt sich, ob die
200 000 Tonnen Rohöl, die sich angeblich in seinen
Tanks benden, noch an Bord sind. Oder ob sie wie
durch ein Wunder verdampft sind. Eine derart grosse
Menge zähe schwarze Flüssigkeit kann selbst dann
schwer zum Verschwinden gebracht werden, wenn
sie in kleine Scheine verwandelt wurde: Ihr damaliger
Wert beläuft sich auf 50 Millionen Dollar, genug, um
einen Lastwagen zu füllen und mehrere Generationen
lang im Überuss zu leben. Die Angelegenheit sorgte in
Finanzkreisen für grosse Unruhe diese sind zwar von
Natur aus unruhig, aber als die Nachricht die Runde
machte, schmeckte doch so manche Zigarre bitter:
Was war mit der Welt los, wenn sich Millionen Barrel
so einfach wie eine Spielkarte in Luft auflösen konn-
9
ten? Das Schicksal der Fracht wurde zum Gegenstand
von dreizehn parallelen Untersuchungen, von London
über Houston bis Monrovia. Die Zeitungen tauften den
Skandal Jahrhundertbetrug. Diese prominente Bezeich-
nung war sicher etwas übertrieben: Der aufkommende
Kapitalismus und der rasant wachsende Handelsverkehr
machten das 20. Jahrhundert speziell anfällig für Betrü-
gereien, und der Salem-Skandal war vielleicht nicht der
erstaunlichste Fall. Aber er war bereits repräsentativ für
eine Zeit, in der die Honung auf Prot die Grenzen
der Wirklichkeit zu verschieben vermochte.
Ich bin seit Dhaka oft umgezogen, doch der schmale
Band mit den Kriminalfällen kam immer mit, das Ge-
spenst der Salem blieb bei mir. Ich erinnere mich, dass
ich sie einmal abends im Dunst des Bosporus und Jahre
später bei Sonnenaufgang im Roten Meer sah. Vor zwei
Jahren habe ich ihre unwirklichen Umrisse erneut er-
blickt.
Wir hatten uns ein Zimmer in einem Hotel in Porto
Santo Stefano auf der Halbinsel Monte Argentario ge-
nommen, zwei Stunden von Rom entfernt. Das war im
September 2020, der erste Lockdown war seit einigen
Monaten vorbei, wir wollten Chloés Geburtstag fei-
ern und uns noch einmal eine kleine Flucht gönnen,
schliesslich war schon klar, dass die Bewegungsfreiheit
nicht von Dauer sein würde. Das Hotel war in die
Felsen eingebettet, die Zimmer gingen auf das oene
Meer, es war noch warm … Wir sassen auf der Terrasse
beim Abendessen, Chloé trank ihr erstes Glas Chianti,
10
Sarah noch eines oder zwei dazu, und ihre Augen lach-
ten, wenn sie ihre Tochter ansah. Ich stand auf, um eine
Zigarette zu rauchen. Ihre fröhlichen Stimmen gingen
im ruhigen Rauschen der Wellen unter, die am Fuss der
Terrasse sanft gegen die Felsen brandeten. Und da sah
ich es auf einmal, auf der violetten Linie am Horizont:
In der Ferne immerte ein liegendes L. Kein anderes
Schi war zu sehen, und der Öltanker schien sich ei-
gens für mich in Stellung gebracht zu haben, im letz-
ten Lichtschein eines Sonnenuntergangs: Es war die
Salem. Ihr Laderaum barg verschüttete Erinnerungen,
im Schi am Horizont steckten die schwüle Hitze ei-
nes Aufenthalts in Bangladesch, der Geruch modrigen
Papiers bei einem Strassenbuchhändler – und ein Buch-
projekt. Ich verweilte lange dort, lauschte dem Atem des
Meeres. Dann verschmolz das Schi mit der Finsternis,
und kein Licht zeugte mehr von seiner Anwesenheit.
11
Die Erscheinung verfolgte mich am nächsten Tag, als
wir über die Küstenstrasse fuhren, die uns zurück in die
Hauptstadt bringen würde. Sarah war wieder in ihre Ar-
beit vertieft, starrte auf das Handy, und im Rückspie-
gel kreuzte ich manchmal den abwesenden Blick von
Chloé, die sich in der Bubble ihrer Kopfhörer verschanzt
hatte. Das Radio spuckte schlechte Nachrichten aus, die
Epidemie nahm uns mit dem nahenden Sommerende
wieder gnadenloser in die Zange, würde uns bald er-
neut in der von Woche zu Woche engeren Wohnung
einsperren. Aber ich hatte für mich einen Fluchtweg ge-
funden. Jenseits des Lenkrads und des geteerten Stroms,
am Horizont der Zeiten, weit entfernt vom besonne-
nen Mittelmeer, sah ich eine Geschichte immern. Eine
Geschichte von Menschen, die sich mit dem Ozean ab-
plagen, eine düstere Geschichte über Wegbegleiter von
schwarzem Gold.
Der Verkehr wurde dichter, je näher die Stadt kam –
und als die Autobahn ins Landesinnere abzweigte, stand
mein Entschluss fest, in See zu stechen.
12
Ich betrieb Nachforschungen, wie man das zu tun pegt,
wenn man einen Roman schreibt: querbeet, ohne nach
dem Schuldigen zu suchen und ohne überhaupt sicher
zu sein, dass ein Verbrechen begangen worden war. Ich
begann mir im Netz aufs Geratewohl Pläne von Öltan-
kern anzusehen, anierte auf ihren Gängen, erklomm
Leitern und lief Rohrleitungen entlang, von der mass-
losen Grösse dieser Schie fasziniert, die die Versorgung
unserer Fabriken, unserer Städte sichern. Ihre stolzen
Ausmasse entsprachen dem Wert ihrer Ladung, dieser
schmierigen, dunklen Kraft, die unsere Träume vom
Fortschritt in Gang hielt ein essentielles Öl aus den
Tiefen der Vergangenheit, das unsere Maschinen in Be-
trieb setzte und unsere Strassen überzog, das den Strom
unserer Kabel erzeugte und lenkte und sogar in Lippen-
stiften und den Fasern unserer Kleider anzutreen war.
Erdöl war nicht nur ein Rohsto, es war der Lebenssaft
einer Zivilisation. Es konnte sich nicht in Luft auflösen.
Der Untergang der Salem führte auch zu seriöseren
Berichten als dem Kapitel in meiner Sammlung unge-
löster Verbrechen. Der erste umfassende Artikel, den
ich fand, stammte von einem ehemaligen Fregatten-
kapitän, Luis Jar Torre, und war im Juni 2005 in einer
spanischen Zeitschrift erschienen, der Revista general
de marina. Der Artikel konzentriert sich auf die tech-
13
nischen Aspekte des Unglücks, und ich verlor mich in
Beschreibungen von Wechselstromgeneratoren und
Verladebojen, aber da der Text grosszügig bebildert war,
stiess ich darin auf das erste Bild der Salem, aus ihrer
Zeit als Sea Sovereign.
Ein Öltanker: eine lange Konservendose, eine Kon-
struktion, die ganz auf die zu transportierende Res-
source zugeschnitten ist. Alles für die Fortbewegung
wurde ins Heck verbannt dort ndet man Propeller,
Turbinen, Schornsteine und, in einer mit Fenstern ge-
spickten weissen Schachtel, ein paar Menschen.
15
10. Dezember 1979
Um uns drehten sich Kräne auf dem Terminal. Ihre metalle-
nen Köpfe winkten zum Abschied. Sie glitten Richtung Son-
nenuntergang, schrumpften immer mehr. Das Meer wurde
unter unseren Füssen weggezogen wie ein Teppich.
Wir klopfen jetzt wieder Rost. Zentimeter um Zentimeter.
Manchmal bildet er grosse Blumen. Manchmal erinnert er
an einen trockenen Pilz, löst sich auf einen Schlag und zer-
fällt zu Staub. Das Metall darunter ist ganz zerfressen. Man
darf nur dorthin schauen, wo die Stahlborsten scheuern. Das
Metall muss zum Glänzen gebracht werden. Man muss Ab-
schnitt um Abschnitt bearbeiten, darf nie aufblicken, sonst
verliert man den Mut.
Bilal spottet, wenn er hinter mir vorbeiradelt. Er fährt auf
und ab, um Werkzeug zu holen. Tut so als ob, um sich vor der
Arbeit zu drücken. Er fährt gegen den Wind an.
Das Deck ist so lang wie die Strasse in unserem Dorf. Wenn
jemand ganz hinten steht, sieht man nicht, wer es ist. Es ist
dann einfach eine in der Hitze flimmernde Gestalt. Wie in
unserer Kindheit, wenn jemand am Dorfeingang auftauchte.
Wir gingen hinaus, um zu sehen, wer da ankam. Hofften auf
einen Fremden, einen fliegenden Händler. Die Gestalt wurde
16
grösser, man erkannte ihren Gang, die Kleidung. Es war bloss
wieder ein Vater oder ein Onkel, der von der Weide zurück-
kehrte. Jemand, der nichts zu erzählen hatte.
Deshalb sind wir gegangen. In unserem Dorf gab es keine
Geschichten mehr zu erzählen.

Pascal Janovjak
Die Fahrt der Salem

Roman

Aus dem Französischen von Barbara Sauser


Hardcover
ISBN 978-3-03925-049-3
Seiten 221
Erschienen 4. November 2025
€ 26.00 / Fr. 28.00

Pascal Janovjak zeichnet die Irrfahrt eines Tankers nach, um über die ungewissen Grenzen zwischen Fiktion und Realität, Betrug und Wahrheit zu reflektieren.
— Libération

»Indem sie von Ambition und Bruchlandung berichten, geben die Erzählungen über die grossen Lügen die Wahrheit vielleicht besser wieder als jede andere Geschichte.«

Bis heute ist das Rätsel um den Öltanker Salem und dessen Ladung ungeklärt. 1980 geriet das Schiff vor der Küste des Senegal auf hoher See in Brand. Die Besatzung konnte gerettet werden, der Tanker versank im Meer, doch eine Ölkatastrophe blieb aus.
Dieser spektakuläre Betrugsfall ist Anlass für eine literarische Spurensuche des Autors. Phantasievoll und spannend kombiniert er Unbekanntes mit Möglichem, Fiktives mit Realem. Im Tagebuch eines Matrosen erzählt er in eindrücklichen Bildern von der unheilvollen Fahrt der Salem und vom schwierigen Leben an Bord, während im Hintergrund raffinierte Betrüger in grossem Stil ihren Profit sichern. Parallel dazu verläuft die Geschichte des Einhandseglers Donald Crowhurst, der 1968/69 am ersten Golden Globe Race teilnahm. Auch er griff zu den Mitteln der Täuschung und verlor sich zwischen Wahn und Wirklichkeit in der unendlichen Weite des Ozeans.

Pascal Janovjak hat ein faszinierendes Spiegelkabinett geschaffen, in dem sich Sehnsucht, Hoffnung, Wahrheit und Lüge zu einem überzeugenden, atmosphärisch dichten Roman verbinden.


Pressestimmen

Pascal Janovjak erzählt von der letzten Fahrt des Öltankers »Salem« und von einer der grössten Betrügereien in der Geschichte der Seefahrt. Durch die geschickte Vermischung von Fiktion und Recherche komponiert er eine grossartige Fabel.
— Le Temps
Janovjaks Spurensuche fasziniert, sie führt immer wieder unerwartet nahe vor unsere Haustüre: zum Finanz- und Rohstoffhandelsplatz Schweiz.
— Ramon Juchli, Keystone-SDA
Bis hin zur letzten rostigen Niete grossartig. Alltagsphilosophisches mischt sich gekonnt mit Verbrecherischem, Sehnsucht mit Fernweh, Fakten mit Fiktion.
— Petras Bücher-Apotheke

Ausserdem lieferbar